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Review: DAS LEBEN DES DAVID GALE - Die gute Sache zählt

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Fakten:
Das Leben des David Gale (The Life of David Gale)
USA, GB, BRD, 2003. Regie: Alan Parker. Buch: Charles Randolph. Mit: Kevin Spacey, Kate Winslet, Laura Linney, Gabriel Mann, Matt Craven, Jim Beaver, Leon Rippy, Rhona Mitra, Michael Crabtree u.a. Länge: 125 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Journalistin Bitsey Bloom bekommt die Chance zu einem Interview mit dem zum Tode verurteilten David Gale, drei Tage vor seiner Hinrichtung. Er soll seine Kollegin vergewaltigt und grausam ermordet haben. Das Ungewöhnliche bei dem Fall: David Gale ist nicht irgendwer. Er ist ein hochintelligenter Philosophie-Professor, einst einer der angesehensten Köpfe an der Universität von Austin und ein vehementer Kämpfer gegen die Todesstrafe. Nun soll ausgerechnet er durch sie gerichtet werden. Zunächst hegt Bitsey aufgrund der erdrückenden Beweislast keinerlei Zweifel an der Schuld von Gale. Doch je mehr er ihr von seinem Leben erzählt, desto größer werden sie. Wurde Gale Opfer einer Intrige?

                                                        


Meinung:
- "Man weiß, dass man in der Bibel-Gegend ist, wenn dort mehr Kirchen sind als Starbucks."
- "Wenn da mehr Gefängnisse sind als Starbucks."


 
Kaum zu glauben, dass Alan Parker seit "Das Leben des David Gale" - inzwischen schon zehn Jahre alt - bei keinem Film mehr Regie geführt hat. Der Rastloseste war Parker eh nie, seine Vita weißt einige Pausen auf, dafür enorme Qualität, speziell in der Phase zwischen 1978 und 1988 (u.a. "Midnight Express", "Birdy", "Angel Heart", "Mississippi Burning"). Es ist zu hoffen, dass dies nicht sein letztes Werk bleiben wird, aber zumindest wäre es ein würdiger Abschluss. An die Qualität seiner besten Arbeiten kommt sein Thriller-Drama nicht ganz heran, was keine Schande darstellt und ihn dennoch zu einem starken, äußerst sehenswerten Film macht.

Star-Reporterin und Helferlein bei der Arbeit.
Parkers Film ist sowohl ein typisches Thriller-Puzzle, das durch Rückblenden seine Vorgeschichte erzählt (bzw. durch den angeblichen Täter erzählen lässt), ein menschliches Drama und gleichzeitig ein Statement gegen die Todesstrafe und speziell der Politik dessen Hochburg in der freien Welt: Texas. Kevin Spacey schlüpft - wie bei seiner Oscar-prämierten Rolle in "Die üblichen Verdächtigen" - wieder in die Rolle des Geschichtenerzählers, auf dessen Worte für seinen Gegenüber wie den Zuschauer ein Bild der Geschehnisse entsteht, ohne die Gewissheit, wie viel Glauben dem geschenkt werden kann. Sein Gegenpart, die straighte Karriere-Reporterin Bitsey Bloom (Kate Winslet), will sich zunächst nicht auf die Frage nach Schuld oder Unschuld einlassen, schließlich geht es hier um eine Story, nichts weiter. Die Geschichte des gefallenen Genies und die merkwürdigen Begleitumstände sorgen jedoch bald für ein Interesse ihrerseits, das weit über berufliche Neutralität hinausgeht. Das klug erzählte Skript legt nicht zu früh die Karten auf den Tisch und zwingt den Zuschauer nicht manipulativ in eine Ecke. Ist der brillante Geist Gale auch ein brillanter Lügner, der sich mit dem Interview in letzter Sekunde der "gerechten" Strafe entziehen will oder ein lästiger Freidenker, der durch die Maschinerie zum Schweigen gebracht werden soll, die er Zeit seines Lebens bekämpfte? Beides erscheint bis zum Schluß möglich, wodurch "Das Leben des David Gale" als Thriller eindeutig funktioniert.

 
Der Weg zur Wahrheit ist nicht immer schön.
Zeitgleich lässt der Film vor unseren Augen das erfolgreiche Leben eines augenscheinlich so guten, wenn auch zu Beginn sicherlich leicht selbstverliebten Mannes, zerbröckeln oder eher urplötzlich in tausend Teile zerspringen. Spacey verkörpert seinen Part gewohnt nuanciert und enorm abgeklärt, ohne seine Figur zu klar durchschaubar erscheinen zu lassen. Sämtliche Facetten - die positiven wie negativen - kommen zur Geltung, erlauben aber noch kein eindeutiges Urteil, was sich letztendlich als Wahrheit herausstellen wird. Dezente Hinweise auf die finale Lösung werden zwar eingestreut, doch wie schon bei Parkers Meisterwerk "Angel Heart", sind dies Momente, die sich unmöglich beim ersten Ansehen als zu offensichtliche Spoiler identifizieren lassen. Verdachtsmomente, sicher, nur mehr ist das (erst mal) nicht. Der überlegte Zuschauer stellt sich sicher schon gewisse Fragen, etwa nach diversen Details, doch das sollte ein überdurchschnittlicher Thriller mit diesem Anspruch auch bieten, ohne ihn zu früh zu enttarnen und dem Finale durch eindeutige Vorhersehbarkeit den Wind aus den Segeln zu nehmen.

 
Genialer Mörder oder armes Opfer?
Was besonders auffällt und "Das Leben des David Gale" zu mehr als der üblichen Suche nach der Wahrheit macht, ist seine Thematik und der offensichtliche Fingerzeig auf das Justizsystem der USA, ins besonders das der christlich-republikanisch geprägten Staaten, die die biblisch Auge-um-Auge-Rechtsprechung noch als zeitgemäß und gerechtfertigt betrachten. Als Brite kann Parker sich relativ unbefangen einen Blick auf dieses System erlauben, sein Standpunkt scheint ersichtlich, obwohl der Film keine ganz klare Position bezieht, im Sinne von überdeutlich und mit dem erhobenen Zeigefinger zu fuchteln. Das schaffte eine Film wie "Dead Man Walking" deutlicher und bewusster, oberste Priorität hat das hier nicht, ist jedoch keine bloße Randnotiz. Die Darstellung des Denkens und Handelns im Cowboy-Staat enthält genug Einzelheiten, die Standpunkt genug sind (No Hostages Will Exit). Darunter fällt dann schließlich auch das Ende des Films, welches im ersten Moment unglaubwürdig und zu extrem erscheint, bei genauerer Betrachtung einfach eine sehr konsequente Maßnahme ist, die aus der vorher erzählten und charakterisierten Handlung und Figurenzeichnung sogar als befremdlich-schlüssig erscheint. Gerade weil die Figuren und das Gesamte so genau skizziert wurden, hält es jeder Kritik stand. Ob man selbst so handeln würde, das steht nicht zur Debatte. Ob es für diese Figuren Sinn macht schon eher. Und das tut es. Und macht die Thematik sehr eindringlich. Was muss man tun, wie weit muss man gehen, was ist ein Leben wert und vor allem, wofür kann es gut sein? Selbst wenn...


Ein interessanter Film, hervorragend gespielt und inszeniert, dessen Geschichte auf dem Papier und grob überflogen sehr konstruiert und lebensfremd wirken mag, aufgrund der detaillierten, durchdachten und feinen Inszenierung genau diese Hürde erstaunlich abgeklärt überspringt. Mit einem weniger schlüssigen Skript aufgrund seiner nahgebrachten Figuren und einem nicht so fähigen Regisseur sicher ein schwieriges Unterfangen, so ganz genau richtig. Alan Parker soll bitte wieder mal einen Film drehen. Das er es so lange nicht getan hat, spricht vielleicht auch für ihn. Francis Ford Coppola macht aus Langeweile oder knapper Kasse so was wie "Twixt". Wenn das der Grund ist, dann viel Spaß bei der Gartenarbeit Mr. Parker und vielen Dank für alles.

 



7,5 von 10 Schlüsseln zur Freiheit

Review: ENDSTATION SCHAFOTT - Einmal schuldig, immer schuldig

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Fakten:
Endstation Schafott (Deux hommes dans la ville)
FR, IT, 1973. Regie & Buch: José Giovanni. Mit: Jean Gabin, Alain Delon, Mimsy Farmer, Victor Lanoux, Cécile Vassort, Ilaria Occhini, Guido Alberti, Malka Ribowska, Christine Fabréga, Gérard Depardieu u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Der erfahrene Sozialarbeiter Germain gelingt es, trotz Bedenken der Behörden, den Ex-Bankräuber Gino nach zehnjähriger Haftstrafe auf Bewährung aus dem Gefägnis zu holen. Germain ist überzeugt von Ginos Läuterung und dessen Willen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Zurecht, Gino, will mit seiner kriminellen Vergangenheit endgültig abschließen. Er widersteht den Avancen seiner ehemaligen Kollegen und sogar ein tragischer Schicksalsschlag kann ihn nicht aus der Bahn werfen. Gino arbeitet hart, findet eine neue Liebe, Germain und dessen Familie werden zu engen Freunden. Doch einer traut dem Frieden nicht: Oberkommissar Giotreau, der vor 10 Jahren an Ginos Verhaftung beteiligt war, ist fest davon überzeugt, dass der Ex-Gauner etwas im Schilde führt. Er beschattet Gino rund um die Uhr, lässt ihn und sein Umfeld nicht in Ruhe, was zu einer Katastrophe führt.


 
                                                                  

Meinung:

"Ich werde unsere Rechtsprechung nie mehr so sehen können, wie bisher. Ich habe entdeckt, dass das Recht zwei Gesichter hat..."

 
Regisseur und Autor José Giovannis "Endstation Schafott" ist nicht nur ein flammendes Plädoyer gegen die Todesstrafe, gegen die Unmenschlichkeit in der französischen Justiz, gegen die Zustände in den Gefägnissen, es ist ein unglaublich bewegendes, sehr menschliches Drama um Schuld, Sühne und das Abstrampeln eines geläuterten Mannes, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Gino (Alain Delon) tut alles dafür, seine Vergangenheit für immer zu begraben, erlebt Rückschläge, die ihn nicht von seinem Weg abbringen können und läuft letztendlich doch nur in einem Hamsterrad aus Vorurteilen, sozialer Ausgrenzung und Ungerechtigkeit, die ihm, trotz seiner guten Vorsätze, nie auch nur den Hauch einer Chance gewähren.



Gino (r.) arbeitet hart für ein ehrliches Leben
In kompakten, intensiven 90 Minuten lässt Giovanni keine Gelegenheit ungenutzt, seine politisch-sozial-kritischen Statements zu unterstreichen, was bei vielen ähnlich angelegten Produktionen oft wie ein erhobener Zeigefinger wirkt, der den Zuschauer unermüdlichen in der Nase bohrt. Sicherlich ist der Zeigefinger erhoben, doch er nervt und bohrt nicht, er steht für die grausame Realität seiner Zeit. Es ist bedrückend mitanzusehen, wie Resozialisierung nur ein Begriff auf dem Papier ist, wie sie aber tatsächlich nicht praktiziert wird. Im Gegenteil, sie wird demontiert. Es gibt keine Hilfestellung für Menschen, die durch ihre Vergangenheit gebrandmarkt sind und dafür bezahlt haben, ihnen werden so lange Knüppel zwischen die Beine geworfen, bis sie erneut zu Fall kommen. Das erscheint extrem dargestellt, wirkt jedoch jederzeit authentisch, auf traurige Art nachvollziehbar und gibt wichtige Denkanstöße, wie wir vielleicht selbst zu Schubladendenken neigen und Menschen abstempeln. Das Schicksal von Gino berührt, schmerzt und wirkt trotz seiner hohen Emotionalität, gerade in den unglaublich erschütternden Schlussminuten, nie zu dick aufgetragen, nie wie eine Pathosbombe, deren Explosion den Zuschauer vollgeklebt zurücklässt. Das sind Emotionen, die sich von selbst entwickeln, auf der grausamen Ungerechtigkeit der Geschichte basieren und nicht durch inszenatorische Manipulationen entstehen.


Die Hauptdarsteller spielen schlicht umwerfend. Delon als wehrloses Bauernopfern der Justiz und vor allem Jean Gabin als herzensguter Sozialarbeiter, der durch die drastischen Entwicklungen endgültig den Glauben an diese verliert. Ein heftiges, sehr wichtiges Stück Kino der Extraklasse.

"...und dahinter verbirgt sich das Grausamste, was ich jemals gesehen habe. Eine Maschine, die tötet."

9 von 10 Guillotinen