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PULS - Ein "Rhea M." fürs Handy-Zeitalter

2 Kommentare:

Fakten:
Puls - Wenn alle vernetzt sind ist keiner sicher (Cell)
USA. 2015. Regie: Tod Williams. Buch: Adam Allecca, Stephen King (Vorlage). Mit: John Cusack, Samuel L. Jackson, Isabelle Fuhrman, Clark Sarullo, Ethan Andrew Casto, Owen Teague, Stacy Keach, Joshua Mikel, Anthony Reynolds, Erin Elizabeth Burns, Jeffrey Hallman, Mark Ashworth, Wilbur Fitzgerald, Catherine Dyer, E. Roger Mitchell, Alex ter Avest u.a. Länge: ca. 98 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Eines Tages wird plötzlich ein starkes Signal an alle Smartphones gesendet, welches plötzlich alle Menschen in blutrünstige Irre verwandelt. Comic-Autor Clay Riddell hingegen hat Tag X überlebt und schließlich sich einer Gruppe überlebenden an, die gerade auf dem Weg nach Norden sind, um dort seine Frau und seinen Sohn zu retten. Doch die Phoners warten schon.





Kritik:
Immer wieder formte Stephen King in Romanen und Kurzgeschichten die Kritik an der technologischen Abhängigkeit des Menschen in Horror um. In seinem Roman Puls von 2006 war der moderne Mobilfunk in Kings Fokus geraten und schnell meldete sich Hollywood und kündigte ein Interesse an dem Stoff an. Namen wie Eli Roth fielen, doch dann wurde es still um das Projekt, bis es fast schon überraschend 2015 umgesetzt wurde. Unter der Regie von Paranormal Activity 2-Regisseur Tod Williams, dessen Karriere mit The Door in the Floor 2004 so verheißungsvoll begann, versammeln sich John Cusack und Samuel L. Jackson in der Verfilmung und schüren damit Hoffnungen, dass Puls eine der wenigen gelungenen King-Verfilmungen ist. Immerhin spielte beide in dem sehenswerten Zimmer 1403, basierend auf einer Kurzgeschichte des Kultautors, mit.


Bedauerlicherweise erweist Puls sich als King-Verfilmung der verzichtbaren Sorte. Zwar beginnt mit der Film mit einer drastischen wie verstörenden Szene an einem Flughafen, danach versandet die unheilvolle Stimmung aber im Nichts. Schuld darran ist zum einen die weitere Inszenierung, die wirklich nicht kaschieren kann, dass das Budget des Films nicht sonderlich hoch war. Visuell sieht die Produktion aus wie ein mittelklassiger Fernsehfilm und auf einem ähnlichen Niveau befinden sich auch die Dialoge des Scripts, an dem Stephen King höchst selbst mitgearbeitet hat. Dass das nichts Gutes heißen will, wissen wir seit seinem phantastisch misslungen Rhea M. – Es begann ohne Vorwarnung – übrigens auch ein Film mit anti-technologischen Einschlag. Der größte Makel des Films ist aber gewiss, dass er versucht mit einem penetrant wehmütigen Tonus ein Mysterium zu erschaffen. Doch dafür hängt der Spannungsbogen zu oft durch und die Botschaft des Films wirkt darüber hinaus unangenehm antiquiert und vor allem hochgradig überkonstruiert. Das Unheilvolle des Unbekannten, es wird in Puls zerfräst vom Glauben, dass hier eine Aussage das wichtigste ist. Die bessere Alternative ist da der zehn Jahre alte The Signal von David Bruckner.


Puls reiht sich leider in die Reihe verkorkster King-Verfilmungen ein und unter diesen wirkt er auch noch ziemlich unmotiviert. Der Grund: Irgendwie hatten die beteiligten Darsteller wirklich keine all zu große Lust am Projekt. Anders ist ihrer schlechte bis maximal durchwachsene Leistung nicht zu erklären. Während Samuel L. Jackson noch irgendwie ohne all zu große Ausfälle durch den Streifen stolzt, wirkt John Cusack so lustlos und abwesend, dass es teils schon an Arbeitsverweigerung erinnert. Bedauerlicherweise verfügt das aber nicht einmal über eine unfreiwillige Komik.


3 von 10 eiskalten Handys

Review: FLUCHT AUS L.A. - Blindschleiche statt Klapperschlange

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Fakten:
Flucht aus L.A. (Escape from L.A.)
USA, 1996. Regie: John Carpenter. Buch: John Carpenter, Debra Hill, Kurt Russell. Mit: Kurt Russell, Stacy Keach, Steve Buscemi, George Corraface, Cliff Robertson, A.J. Langer, Peter Fonda, Pam Grier, Valeria Golino, Michelle Forbes, Bruce Campbell u.a. Länge: 97 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Nach einem verheerenden Erdbeben im Jahr 2000 wurde Los Angeles vom Festland abgeschnitten und dient nun als Hochsicherheitsgefängnis für das totalitäre Regime der USA. Nun, 2013, steht die Welt am Rande eines Krieges. Ausgerechnet jetzt hat sich die Tochter des US-Präsident auf die Seite der Rebellen geschlagen und mit einer Satellitensteuerung in L.A. untergetaucht, mit der sich die Welt in Sekundenbruchteilen kontrollieren ließe. Die Zeit drängt und mal wieder bleibt der Regierung keine Wahl: Erneut zwingen sie Outlaw Snake Plissken zu einem Himmelfahrtskommando in den Moloch. Mit einem tödlichen Virus infiziert hat er nur 10 Stunden Zeit die Steuerungseinheit wiederzubeschaffen, damit er das rettende Gegengift bekommt.






Meinung:
Snake Plissken ist wieder da, gerechnet hatten damit wohl nur die Wenigsten. 15 Jahre nachdem ihn John Carpenter in „Die Klapperschlange“ durch das Sodom und Gomorra des ehemaligen New York City jagte und damit nicht nur einen Klassiker des Science-Fiction-Kinos schuf, sondern gleichzeitig diesen Charakter zur Kultfigur stilisierte. Nebenbei auch der große Durchbruch seines Darstellers Kurt Russell. In „Flucht aus L.A.“ kehrt der wortkarge Augenklappenträger aus dem Vorruhestand zurück, um erneut unfreiwilligen seiner verhassten Regierung „dienen zu dürfen“.


Neue Stadt, alte Probleme, dumm gelaufen.
Eine gewisse Skepsis gegenüber diesem verspäteten, unerwarteten Sequel lässt sich kaum vermeiden und vermutlich hatte seine Realisierung auch was mit den einknickenden Karrieren seiner Stars zu tun. John Carpenter hatte zwar zwei Jahre zuvor mit „Die Mächte des Wahnsinns“ den bis heute stärksten Film nach dem Ende seiner absoluten Höchstphase (Ende der 70er/Anfang der 80er) inszeniert, der Film wurde jedoch seinerzeit mit gemischten Gefühlen aufgenommen und war kein großer, finanzieller Erfolg. Wie schon seit Jahren. Es musste also dringend wieder die Kasse klingeln. Kurt Russell, der diesmal auch am Skript mitschrieb, steckte Mitte der 90er ebenfalls in einem kleinen Tief, zählte nicht mehr zu der Elite im Actiongenre und sah wohl in der Reanimation seiner prägnantesten Filmfigur die Chance auf ein Comeback. Das mag spekulativ sein, doch nicht nur deshalb erscheint „Flucht aus L.A.“ wie eine Notgeburt, die gezwungen eine Geschichte wieder aufbrüht, die kaum sinnvoll fortzusetzen ist. Wohlwollend ließe sich argumentieren, es würde sich um eine Hommage an das eigene Original oder eine Semi-Remake wie z.B. „Tanz der Teufel 2“ handeln, nüchtern betrachtet wird sich einfach wiederholt und dann sogar mehr schlecht als recht.


Bruce Campbell als Mickey Rourke.
Statt New York dient nun eben Los Angeles als Freilaufgehege für das kriminelle Gesindel, welches in seiner anarchischen Gesellschaft eigentlich mehr Freiheiten genießt als das Volk abseits der Mauern in der strengen, nach selbstgerecht-faschistoider Moral gesäuberten Militärdiktatur. Wieder gilt es zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt ein dringend benötigtes Gut zurück zu beschaffen und natürlich kommt dafür nur der dauernd totgesagte Staatsfeind Nr.1 in Frage. Obwohl „Flucht aus L.A.“ klar ein Sequel ist, erinnert es in der Tat mehr an eine Neuauflage mit abgeändertem Setting. Neues fällt Carpenter, Russell und der ebenfalls am Skript tätigen Debra Hill dabei kaum ein, wenn nur in Details, die mit dem Standortwechsel zu tun haben, im Prinzip so aber auch schon im Erstling zu sehen waren. Jetzt wie damals werden einst schillernde Stadtteile zur abscheulichsten Brutstätte des Wahnsinns. In New York war der Broadway geschmückt von aufgespießten Köpfen, die Kanalisation bevölkert von Kannibalen, in Beverly Hills jagen nun von plastischer Chirurgie grotesk Entstellte nach frischen Körperteilen. Mit Sicherheit noch die beste Idee des gesamten Films, inklusive eines Auftritts vom fast bis zur Unkenntlichkeit „verschönten“ Bruce Campbell als Ober-Schnippler. Dieser bizarre Moment sowie einige ironische Anspielungen und sarkastische Spitzen können leider weder über die vorherrschende Einfallslosigkeit, dem allgemein stimmungsraubenden Stilbruch und die stellenweise fast albern wirkende Inszenierung hinwegtäuschen.


Aus Snake ist ein schöner Schmetterling geworden.
Carpenter kopiert sich inhaltlich zwar ohne falsche Scham selbst bis sich die Balken biegen, verwirft gleichzeitig jedoch die brillante Atmosphäre seines Originals, die es bis heute zu einem Meisterwerk seines Genres macht. Trotz roher Gewalt und verlotterter Freaks in den Straßen von L.A., trotz Gewitter, Erbeben und Tsunamis, die unheilvolle Finsternis, den apokalyptischen Hölle-auf-Erden-Charakter kann und will die Fortsetzung gar nicht aufrechterhalten. Bunter, flippiger, mit nicht zu übersehendem Comic-Flair versucht der Regisseur seinen Film vielleicht zeitgerechter zu gestalten, seinen Anti-Helden mehr amüsante One-Liner raunen zu lassen und jede Figur mehr schrill als bedrohlich zu präsentieren. Von den Sidekicks wie Steve Buscemi und Peter Fonda bis hin zum Oberschurken George Corraface, sie alle sind viel zu gut gelaunte Hampelmänner. Der Duke von New York hätte sich Cuervo Jones in seinen Taco gestopft. Damit lädt  Carpenter eine seine stärksten Waffen (die er zumindest mal hatte) mit Platzpatronen. „Flucht aus L.A.“ erinnert mehr an einen zwar zynischen, dennoch nicht wirklich schrecklichen Vergnügungspark, in dem letztlich alles gar nicht so ernst gemeint ist. Wahrscheinlich ernst gemeint, dadurch nur noch katastrophaler sind die Effekte, wenn es über das handgemachte hinausgeht. Selbst für 1996 ist das CGI erbärmlich und wäre eigentlich in der Form nicht mal nötig, beachte man was Carpenter früher mit kleinem Geld durch geschickte Regie darstellen konnte.


Selbst am Ende wird sich so haarklein am Original orientiert, dass es ungefähr den Effekt hat wie die Gags von Otto Waalkes: Früher war das geil, aber immer die gleiche Pointe ist witzlos. „Flucht aus L.A.“ ist bezeichnend für den Abstieg des einstiegen Genies John Carpenter. Er war mal der Zeit voraus und als er nur noch mit ihr gehen wollte, kam nicht mehr viel bei rum. An einigen Stellen ist das gerade noch leidlich unterhaltsam, im Gesamten und besonders im Vergleich mit dem sensationellen Original eigentlich nah an einer Frechheit. Über solche Filme freuen sich die Fans nicht, sie fühlen sie veräppelt. Das wollte Carpenter sicher nicht, aber er wollte die letzten zwanzig Jahre bestimmt auch nur gute Filme machen, das Ergebnis ist traurige Realität.

4 von 10 (nicht!) perfekten (CGI)Wellen

Review: LONG RIDERS - Bescheidene Legenden

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Fakten:
Long Riders (The Long Riders)
USA. 1980. Regie: Walter Hill. Buch: Bill Bryden, Stacy Keach, James Keach, Steven Smith. Mit: David Carradine, Keith Carradine, Robert Carradine, James Keach, Stacy Keach, Dennis Quaid, Randy Quaid, James Remar, Pamela Reed, Christopher Guest, Harry Carey Jr., Kevin Brophy, Shelby Leverington u.a. Länge: 99 Minuten, FSK: freigegeben ab 16 Jahren.
Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
“Long Riders” erzählt die legendäre Geschichte von Jesse James. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg fühlen sich die Brüderpaare James und Younger heimatlos. Zusammen mit den Millers bilden sie die James/Younger Bande. Als dreiste Bank- und Zugräuber sind sie schon bald die bevorzugten Jagdopfer der Pinkerton Detektive. Aber die Gesetzlosen sind nicht einfach nur die Bösen und die Guten nicht nur gut.





Meinung:
Eine doch recht romantisierte Variante der Jesse-James-Geschichte, aber wenigstens eine, die mit Herz vorgetragen wird. Die Brüder James & Stacey Keach konnten da nicht anders, schrieben das Script und produzierten mit, gaben es dem fähigen Männer-Regisseur Walter Hill in die Hand und voilà: ein wahrlich schickes, nicht groß pathetisches, aber ehrenhaftes Denkmal für jene Outlaws, die nach dem Bürgerkrieg im Volk zu regelrechten Robin Hoods erbaut wurden, aber eigentlich nur für sich selbst arbeiteten, woraus der Film auch keinen Hehl macht. Auch nicht daraus, dass es sich hier um echte Südstaatler-Burschen handelt, die im Gegensatz zu manchen, selbstgefälligen Herren im Narrativ zumindest behaupten können, das sie im Krieg mitgekämpft haben. Damals war das wohl noch etwas wert, auch wenn das ganze militärische Prozedere keine hübsche Angelegenheit war, wie Komplize Cole Younger (David Carradine) zugibt.

 
Die langen Reiter sind gar nicht mal so lang
Es hat jedenfalls so wenig gebracht, dass die Gebrüder James, Younger und Miller (allesamt von jeweiligen Real-Life-Brüdern der Familien Keach, Carradine und Quaid gespielt) verschiedene Banken im eigenen Staat Missouri um ordentlich Kohle erleichtern, sicherlich für einen besseren Lebensstandard, aber einen echten Grund will der Film nicht rausrücken - egal, man kann es sich ja denken, bei den eigentlich bescheidenen Kerlen aus dem Mittelstand. Sie sind ja auch keine Arschlöcher, die für die Beute Unschuldige killen - Angst machen gehört natürlich dazu, aber man bleibt nur beim Nötigsten. Wer da übertreibt - in diesem Fall der stürmische Miller-Bruder Ed (Dennis Quaid) - wird fristlos mit seinem letzten Anteil entlassen, soviel konsequente Ehre haben unsere räuberischen Anti-Helden ja. Denn im Innern, direkt aus dem einfachen Herz des alten Americanas, wollen die Boys auch nur ein geregeltes Leben, mit einer Liebsten an ihrer Seite - das Glück ruft nun mal jeden, auch wenn man u.a. Hemmungen hat, weil die Begehrte als Hure arbeitet. So ergeht es nämlich Cole mit seiner Belle (Pamela Reed), die aus dem Grund als starke Frau nicht lange warten will und sich stattdessen einen fescheren Burschen schnappt. Was übrigens ein affengeiles Cameo von James Remar als Halbblut Sam Starr auf den Plan ruft, der in Quasi-WARRIORS-Kluft Cole zum Messer-Duell herausfordert. Er schlägt sich dabei gut, kriegt zwar eine fette Klinge im Bein ab, aber zerdeppert darauf mit der bloßen Faust eine Whiskey-Flasche. Der behält sein Image bei, doch Cole ist dahingehend ja auch kein mörderischer Assi, belässt es dabei und verschwindet, ganz der Ehrenmann.


Auch im wilden Westen gab es Stil und Eleganz
Aber die Jungs können auch anders, erst recht, als ihnen die Pinkerton-Agenten auf den Fersen sind und im Namen des Gesetzes schlicht unfähig sind, die richtigen Schuldigen zu fassen, stattdessen aus Versehen andere Familien-Mitglieder und Freunde des Clans auslöschen. Das gibt einen schlechten Ruf in der Bevölkerung und bei den trauernden Angehörigen vorallem den Drang nach schneller Rache, die sodann unbarmherzig durchgeführt wird und noch weiter läuft, indem man sich entschließt, nun weitere Banken auszurauben, um es dem Staat heimzuzahlen. Daraufhin versucht man es von legislativer Seite aus mit Einschüchterung und Überredung zum Verrat, aber da knickt ebenso keiner ein, weder die treuen Ehefrauen noch der verstoßene Ed Miller. So regelte man das eben zu jener Zeit, Auge um Auge - doch Hill macht kein Politikum draus und auch keinen Eskapismus, da bleibt er objektiv und vergibt weder Heiligenscheine noch Teufelshörner. Richtig gut abgeglichen. Schlimm wird's für jeden halt erst dann, wenn Gewalt ins Spiel kommt und da behandelt er alle mit der gleichen stilistischen Aufbereitung von explosiven Zeitlupen, zwischen aufwirbelndem Staub & Dreck sowie zerspringenden Glas und Holz (inkl. ekstatisch-realistischem Top-Stuntwork von Craig R. Baxley). Wo zudem jeder Einschuss mit inszenatorischer Ankündigung abläuft - schließlich wird hier Historisches behandelt -, aber nichtsdestotrotz schmerzhaft Körper zersiebt, bei der erzwungenen Langsamkeit eben noch härter als normal. Das ist spannend anzusehen, aber für die Figuren hier kein Zuckerschlecken, wie der zuvor erfahrene Krieg eben keine schöne Angelegenheit - klare Ansage und auch ausnahmslos ohne heroische Musikuntermalung oder visuelle Verwässerung ausgestattet: einfach wahrlich grausame Massaker à la 'WILD BUNCH'.


Aber deshalb bleibt man mit der Sympathie letztendlich doch bei den Räuber-Jungs, denn wer will schon komplett nach den Regeln leben, wenn diese so hart zurückschlagen wollen, sobald man sich von ihnen entfernt? All dies spricht das Freimütige und Eigensinnige in uns an, aber auch die ureigene Romantik von Brüderlichkeit und Seelenverwandschaft. Ein archaischer und doch herzlicher Ausdruck des American Dreams und der mit ihm verbundenen Freiheit des Einzelnen, die jedem zusteht, selbst wenn er für die Südstaaten im Krieg um die Sklaverei etc. gekämpft hat. In den USA ist man nun mal vor dem Gesetz und wohl auch vor der Waffe gleich - in diesem Film lebt jeder damit und so akzeptiert auch Jesse James (James Keach) sein jähes Ende, mit der Gewissheit, dass seine (Waffen-)Brüder wahrhaftig-menschlich bleiben. Riders forever!


7,5 von 10 schiefen Bilderrahmen


vom Witte

Review: AMERICAN HISTORY X - Läuterung im Sauseschritt

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Fakten:
American History X
USA. 1998. Regie: Tony Kaye. Buch: David McKenna.
Mit: Edward Norto, Edward Furlong, Beverly D’Angelo, Avery Brooks, Ethan Suplee, Stacy Keach, Fairuza Balk, William Russ, Elliot Gould, Jennifer Lien u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Derek Vinyard kommt nach drei Jahren Haft wieder frei. Einst war er der Kopf einer Bande von Neonazis und musste wegen Totschlags einsitzen. Im Gefängnis hat er aber eine Wandlung durchgemacht. Hass und Gewalt hat er abgeschworen. Er will nun ein ehrliches und besseres Leben führen, doch sein junger Bruder Danny, der über die Jahre durch Dereks Einfluss der Nazi-Ideologie verfallen ist, kann diesen Sinneswandel nicht verstehen.





Meinung:
Trompeten werden durch laue Stöße angekurbelt, die repetitiven Trommelschläge wirken wie Gewehrschüsse, bis die sakrale Chormusik ertönt und die in traurigem Schwarz-Weiß gehaltene Aufnahme der Strandpromenade von Venice Beach in ihrer bleiernen Schwere abrundet. Später hören wir das lustvolle Stöhnen einer junge Frau, sehen sie beim Geschlechtsverkehr, bis kurz darauf wirklich Schüsse aufschreien und die Leichen dreier Afroamerikaner die Auffahrt der Familie Vinyard zieren: Ein Verbrechen aus ideologischer Überzeugung, keine Notwehr, kein Akt der Verzweiflung. Die ersten Minuten von „American History X“ fordern den Zuschauer bereits einiges ab und führen ihm seine Stärken konkret vor Augen. Die Bildsprache nämlich ist derart suggestiv, das sie es schafft, den Zuschauer einem Sog ganz nah vor die Mattscheibe zu locken. Filmisch ist „American History X“ zweifelsohne etwas ganz Besonderes, die visuelle Ebene wird vitalisiert von ausdrucksstarken Impressionen, die sich geradewegs ins Gedächtnis brennen.



Das von Tony Kaye („Detachment“) realisierte und von David McKenna („Blow“) geschriebene Milieu-Drama hat sich seinen sicheren Platz in der Filmgeschichte ja bekanntlich schon längst gesichert. Nur wie viel 'Meisterwerk', von dem der allgemeine Tenor nur zu gerne in diesem Fall spricht, steckt wirklich in „American History X“? Man würde dem Projekt Unrecht tun, würde man sich dazu gezwungen sehen, es von aufgrund zu verdammen. Genauso wie man eine Rezension Lügen strafen müsste, die es sich nicht hat nehmen lassen, „American History X“ über den grünen Klee zu heben. Ein guter Film ist Tony Kaye hier mindestens gelungen, doch inhaltlich besteht eine Diskrepanz, die sich zwischen dem inhärenten Anspruch des Drehbuches und der Realität, der Wahrhaftigkeit des Ganzen spannt. Dabei muss man die Inszenierung von „American History X“ zuerst einmal dahingehend loben, dass es ihr gelingt, eine wirklich authentische Illustration der amerikanischen Unterschicht in Venice Beach anzufertigen, die eben nicht von bloßen White Trash-Karikaturen zehrt.



Edward Norton („Fight Club“) zeigt in der Rolle des Derek Vinyard, dass er zu jener Zeit nicht umsonst zum heißesten Eisen der Branche gezählt hat und macht als mit breiter Brust und Glatze auftretender Neo-Nazi-Anführer eine genauso gute Figur, wie auch als geläuterter Ex-Knacki. Ihm gebühren die schauspielerische Sternstunden des Films, sieht er doch in der Lage dazu, inbrünstige Reden mit reichlich Feuer abzulassen und seine schiere Physis einzubringen, hat aber gleichzeitig auch das Zeug dazu, seinen emotionalen, seinen menschlichen Kern an das Tageslicht zu kehren und Tränen über sein Gesicht laufen zu lassen. Nicht minder hervorragend ist Edward Furlong, den wir als Dreikäsehoch John Connor im Klassiker „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ ins Herz geschlossen haben, um einige Jahre später davon zu erfahren, dass auch er im Drogensumpf allmählich versackt. Als Danny Vinyard verleiht er „American History X“ Fallhöhe, in dem er sich die Sympathien für seinen Charakter erhascht, in dem wir mit ihm leiden, obwohl wir wissen, dass sein Weg der offensichtlich falsche ist. Und das ist eigentlich auch die Crux an der gesamten Konzeption.



Eigentlich möchte „American History X“ nur das richtige Verlauten lassen, er möchte als Plädoyer gegen Rassendiskriminierung verstanden werden und lugt weiterbestehend auch in die angemessene Richtung, in dem er das Milieu der Neo-Nazi aufbaut, salbungsvolle Parolen durch die Szenerie mäandern lässt, um all die verbalen wie tätlichen Vorfälle im letzten Drittel zu dekonstruieren und folgerichtig als falsch zu manifestieren. Dass das Porträt des Rassismus sich erst einmal als reines White Trash-Diorama zur Kenntnis gibt, lässt sich anhand seines Milieu-Anspruchs noch irgendwo legitimieren, allerdings geht ihm dadurch die konkrete, die meditative Handhabung mit dem Wesen des Rassismus verloren, in dem er sich gänzlich auf einen klaren Raum forciert. Noch defizitärer ist nicht nur sein tendenziöser Habitus, mit dem er den Rassenhass von der afroamerikanischen Seite aus undifferenziert verenden lässt und bei der psychologische Entwicklung – seiner Katharsis, seiner Besinnung - des engagierten Nazi-Leaders in vehemente Erklärungsnot gerät. Warum? Weshalb? Wieso? Hier bleiben einzig Behauptungen stehen, die Resozialisierung letztlich noch als 'Zufall' abstempelt.


Das Ende, welches an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden soll, könnte daher auch als Sahnehäubchen auf dem unreflektierten Gestus des Films gelten und damit diametral zur eigentlichen Botschaft stehen. Andererseits macht „American History X“ dadurch auch wieder deutlich, dass Hass auf allen ethnischen Seite pulsiert und zu jeder Zeit seine Früchte des Zorns tragen kann. „American History X“ ist nicht fehlerfrei, doch ein so sensibles Thema richtig anzugehen ist schon eine Kunst für sich. Schlussendlich scheitert „American History X“ ein Stück weit an seinen eigenen Ansprüchen, möchte im Kern aber doch nur das Beste. Dabei spielen ihm nicht nur die rein handwerklichen Aspekte in die Karten, sondern vor allem die famosen Schauspielleistungen.


6 von 10 Fressen auf dem Bordstein


von souli

Review: NEBRASKA - Via Roadtrip zu Reichtum gelangen

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Fakten:
Nebraska
USA. 2013. Regie: Alexander Payne. Buch: Bob Nelson. Mit. Bruce Dern, Will Forte, June Squibb, Bob Odenkirk, Stacy Keach, Mary Louise Wilson, Rance Howard u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: ab 6 Jahren freigegeben. Im Kino.


Story:
Woody Grant (Bruce Dern) ist Millionär. Zumindest glaubt er, dass er mit einem an ihn adressierten Werbebrief das große Los gezogen hat und nur im 900 Meilen von seinem Wohnort entfernten Lincoln in Nebraska abholen will. Er lässt sich auch nicht von seiner Familie von diesem hirnrissigen Plan abbringen, sodass sein jüngerer Sohn David (Will Forte) sich schließlich dazu entschließt, den alten Mann nach Lincoln zu fahren. Dieser Roadtrip soll für Vater und Sohn eine Reise in die Vergangenheit Woodys und in ihr Inneres werden.





Meinung:
Ein alter Mann, Bart, zerzauste Haare, leicht verwirrter Blick, läuft alleine einen verschneiten Seitenstreifen entlang. Es wird nicht gesprochen, man sieht ihn einfach nur in schwarz-weißen Bildern angestrengt humpeln. Wenig später sieht man denselben Mann auf dem Highway laufen. Ein Polizist sieht das, hält an und fragt den alten Mann, woher er denn komme. „Von da“, meint der Mann nach hinten zeigend. Dann deutet er nach vorne: „Und ich will nach da.“ Und das war der Moment, an dem mich Alexander Paynes „Nebraska“ für sich gewonnen hatte. Gleich zu Beginn


Alles Reden hilft nicht: Woody will nach Nebraska
Wo er hinwollte? Nach Lincoln in Nebraska, gute 900 Meilen von zu Hause entfernt. Er ist im Glauben, er habe 1 Million Dollar gewonnen und die will er nun abholen. Dass dies nur ein Werbegag ist, daran will er nicht glauben und erst recht lässt er sich sein Vorhaben nicht ausreden. Drum dauert es auch nicht lange, bis sein jüngerer Sohn David den Vater in sein Auto setzt und mit ihm nach Lincoln fährt. Und hier beginnt dann eine wundervolle, einfache, ehrliche Vater-Sohn-Geschichte. Sie wirkt nicht irgendwie aufgesetzt und gekünstelt, sondern so, als ob es beinahe jeden Tag irgendwo auf der Welt genau so passieren könnte.


Für David, der nie eine besonders gute Beziehung zu seinem recht starrköpfigen und alkoholkranken Vater hatte, entsteht die Chance, ihn besser kennen zu lernen. Und ihm zu beweisen, dass er mehr kann und mehr ist, als sein Vater von ihm hält. Das ist nicht einfach, doch nach und nach nähern sich die Männer an. Für Woody ist der Trip eine Reise in die Vergangenheit, da sie ihn auch an seinem Heimatort vorbeiführt. Dabei bekommt er nicht nur mit, wie es ist, von allen bewundert zu werden, weil er es (angeblich) zum Millionär geschafft hat. Aber er erfährt auch die Schattenseiten, wie es ist, wenn man von heute auf morgen all das wieder verliert, weil der Neid der anderen zu groß wird. Und beide erfahren neues Glück, neue Hoffnung nach vielen Enttäuschungen.

Für Familie Grant ist es auch eine Reise in die Vergangenheit
Natürlich ist hier auch die Leistung des oscarnominierten Bruce Dern zu erwähnen. Wie er den mürrischen und starrsinnigen, bereits mit leichten Spuren von Alzheimer gezeichneten Woody Grant spielt, das zeugt schon von großer Klasse. Sein gebrechlicher, humpelnder Gang. Sein Blick, der einerseits oft verwirrt oder einfach nur leer erscheint, in dem aber auch immer wieder Melancholie aufgrund verschiedener Erinnerung und hin und wieder auch echte Hoffnung durchschimmert. Auch Will Forte als sein Sohn David zeigt eine herzliche Vorstellung und bietet viel Platz, sich mit ihm zu identifizieren. Abgerundet wird der Cast unter anderem von June Squibb als rüstige Mama Grant, Bob Odenkirk als Woodys älterer Sohn und Stacy Keach, bekannt unter anderem als Obernazi in „American History X“.

Die ehrliche Stimmung wird durch die Schwarz-Weiß-Bilder und mit melancholischen Klängen von Gitarre, Harmonika und ein paar Bläsern unterstrichen. Auch die unverfälschten, niemals glamourösen Bilder Nebraskas und die dort lebenden, durchschnittlichen (und alle etwas schrulligen) Menschen tragen zu diesem authentischen Gesamtbild bei. Sie sind echt und wahrscheinlich kennt jeder von uns solche Typen. Dazu kommt viel Witz, wobei vielleicht zweimal zu oft mit der „Alte Menschen sind schon irgendwie zum Lachen“-Keule geschwungen wurde. Aber das ändert nichts daran, dass „Nebraska“ ein langsam erzählter, zauberhafter und vor allem ehrlicher Film über Familie und Freunde ist, der zeigt, welcher Reichtum wirklich wichtig ist. Ein Film über Leben. Ein Film aus dem Leben.



8 von 10 verlorene Gebisse