Würde man wirklich einen Schritt zu weit in die
falsche Richtung wagen, wenn man Christian Slater – natürlich rein auf seine
Selbstpräsentation als mediale Persönlichkeit - als 'durchschnittlichen Typen von Nebenan' tituliert? Beobachtet man primär sein Antlitz etwas ausgiebiger,
seine Augenbrauen, die sich immer wieder zu einem frechen V formieren und der
daraus resultierende Blick, der eine leise, auch wenn es paradox klingen mag,
kindliche Diabolik ausstrahlt, dann stellt man eigentlich relativ schnell fest,
dass dieser Christian Slater irgendetwas Besonderes, etwas Einprägsames in
seiner Ausstrahlung beherbergt. In seinem Konterfei nämlich tragen ein
unschuldiges und ein durchtriebenes Ich einen Kampf auf die Ewigkeit aus.
Schade, dass Slater als Schauspieler nie mit einer derartig plastischen
Dualität auffahren respektive sich diese Eigenschaft wirklich zu Gebrauch
machen konnte, um diese seine Rollen, waren sie denn dann einmal von
psychologischer Relevanz gestrickt, förderlich zuzuordnen.
Der junge Slater als Novize in "Der Name der Rose"
Nein, als Schauspieler, als Künstler, wenn man so möchte, ist das Wort
'Durchschnitt' in Bezug auf Slaters Œuvre oftmals noch äußerst milde
formuliert. Gleichwohl ist es wirklich nicht angebracht, die Qualität seiner
Karriere mit einer solch schmälernden Begrifflichkeit über seinen Kamm zu
scheren, denn auch ein Christian Slater durfte filmische Erfolge feiern,
wenngleich er nicht unbedingt Grund für diese war, hat sein Name doch immer
wieder in Relation mit seinen äußerst limitierten schauspielerischen Mitteln
die Runde gemacht. Aber gehen wir doch einmal zurück auf Anfang und nähern uns
Christian Slater und seiner Filmografie gleich mal mit einem echten Knüller: In
Jean-Jacques Annauds atmosphärischer Literaturverfilmung „Der Name der Rose“
machte Slater als Novize Adson von Melk an der Seite vom großen Sean Connery
zum ersten Mal auf sich aufmerksam, in dem er durch eine angenehm zurückhaltende,
aber zu keiner Zeit schläfrige Performance dem unerfahrenen Lehrling ein
passendes Gesicht verlieh und neben seinem gestandenen Kollegen keinesfalls
durchfiel.
Zwei Frauenschwärme vereint, zu einer besseren Zeit
Danach folgten die von der Kritik ebenfalls überwiegend positiv aufgenommenen
„Lethal Attraction“ (a.k.a. „Heathers“), der Kassenknüller „Robin Hood – König
der Diebe“, „Star Trek VI: Das unentdeckte Land“, „True Romance“, Interview mit
einem Vampir“ und das Gefängnis-Drama „Murder in the First“. Dass Slater im
Großteil dieser Filme eine nicht unbedingt tragende Rolle übernommen hat,
erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass es ihm eben nicht vergönnt war, einen
Film durch eigene Kraft zu tragen und er so dazu prädestiniert war, die Fäden
aus der zweiten Reihe zu ziehen, ob als integrer Anwalt oder als aufmüpfiger
Jüngling. Die 1990er Jahre waren natürlich zweifelsohne die Sternstunden
Slaters, hatte er mit diesen sechs Werken doch einen ansprechenden Grundstein
gelegt, den er mit „Operation: Broken Arrow“, „Hard Rain“ und dem zynischen
Ulk „Very Bad Things“, in dem er extrovertiert wie nie ausspielen durfte,
weiter betonierte. Im neuen Millenium aber wollte es, wie bei so vielen
Darstellern, nicht mehr so recht klappen. Ob „Crime is King“, „Windtalkers“,
„Masked and Anonymous“ oder „Mindhunters“: Slater war durch, seine Filmwahl,
obgleich es zusprechende Stimmen gab, ebenfalls.
Inzwischen wurde auch Christian Slater vom DTV-Markt verspeist und zu einer
leblosen Marionette der billigen Fließbandarbeit degradiert. Er wirkte in
„Hollow Man 2“ mit, partizipierte mit Uwe Boll bei „Alone in the Dark“ und
durfte sich noch so richtig in „Dolan's Cadillac“ zum Affen machen. Gute
Auftritte, wie zum Beispiel in „Amok – He Was a Quiet Man“ sind Mangelware,
Slater geht es nur noch um das schnelle Geld. Wenn dann schon mal wieder gute
Angebote auf seinem Schreibtisch landen, ob in Serien oder auch von Lars von
Trier, der ihm eine Rolle in „Nymph()maniac“ gegeben hat (ausgerechnet die
schwächste, weil plakativste Episode), dann weiß er dem nichts wirklich
entgegenzusetzen. Er bleibt der Durchschnittstyp. Und doch ist der Schwerenöter und Draufgänger (seine privaten Eskapaden sind weitreichend bekannt) irgendwie
sympathisch, denn seine Augen verraten uns nach wie vor etwas Schelmisches,
etwas Spitzbübisches, etwas Ehrliches. Doch auch das wird seine Karriere nicht
mehr retten.
Fakten: Nymph()maniac: Volume I & II
Dänemark, BRD, Belgien, UK, Frankreich. 2013. Regie und Buch:Lars von Trier.
Mit: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Stacy Martin, Uma Thurman, Jaime
Bell, Connie Nielsen, Christian Slater, Daniele Lebang, Mia Goth, Willem Dafoe,
Shia LaBeouf, Sophie Kennedy Clark, Maja Arsovic, Michael Pas, Caroline
Goodall, Udo Kier, Jean-Marc Barr u.a. Länge Teil 1: 145 Minuten
(Uncut-Fassung), 117 Minuten (Cut-Fassung). Länge Teil 2: 124 Minuten. FSK:
freigegeben ab 16 Jahren. Ab 20. November 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Der ältere Junggeselle Seligmann rettet Joe in einer Gasse vor einer
Schlägerei. Daraufhin nimmt er die 50-jährige Frau mit zu sich nach Hause, um sie
zu pflegen. Dabei erzählt Joe ihre Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte einer
Nymphomanin.
Meinung: Nach
seinem irritierenden „Okay, ich bin ein Nazi“-Statement in Cannes, das die
Filmwelt 2011 postwendend zu einem echauffierten Tal keifender Furore
konvertierte, erteilte sich Lars von Trier selbständig Redeverbot und lud sich
gleichwohl aus allen folgenden Pressekonferenzen aus: Das dänische Enfant
terrible wurde seinem Ruf als kontroverser Filmemacher wieder einmal gerecht,
auch wenn er diese Äußerung hinter der Kamera gewiss mit einem leichtfertigen
Augenzwinkern traf. Mit der losen Ankündigung zuvor, einen „echten Porno“
drehen zu wollen, entlockte er nicht nur seiner Fangemeinde erwartungsvolles
Frohlocken, sondern zog mit einem gar brillanten Marketingfeldzug nach und lenkte den
Fokus der gesamten Branche auf sein neustes Werk: Clips als Appetizer,
Orgasmus-Poster und eine Laufzeit von angeblich über fünf Stunden, ließen die
virtuelle Gerüchteküche Tag und und Nacht brodeln. Wie weit wird der
Kopenhagener dieses Mal nun wirklich gehen, wie viel Porno steckt wirklich in
„Nymphomaniac“, im Abschluss seiner Depressions-Trilogie? Expliziter
Geschlechtsverkehr sollte nach seinem Opus Magnum „Antichrist“ keine Neuheit in
seinem Œuvre darstellen.
Ob die Kollegen der CineCouch so ihre Podcasts aufnehmen?
Um die Lage zu
Anfang schon gleich zu entschärfen: Nein, „Nymphomaniac“ ist kein
handelsüblicher Pornofilm geworden, der seinen Sex willkürlich in das Geschehen
integriert und diesen dann nur zur reinen Wichsvorlage für das Publikum
degradiert. „Nymphomaniac“ ist hingegen ein echter Von Trier, durch
und durch provokativ in seinen Anlagen, umso menschlicher im Umgang mit seiner
Protagonistin Joe in der Gesamtansicht. Begrüßt werden wir mit einer Schwarzblende,
die eine gefühlte Ewigkeit visuell die Leinwand für sich bestimmt, während sich
die Regentropfen im Hintergrund leise einen Weg durch die Düsternis bahnen, um
dann mit einer elegische Kamerafahrt durch die kalte Hinterhoftristesse fortzusetzen.
Eine ästhetische Sequenz, die schließlich durch Rammsteins lospolterndes „Führe
Mich“ vollkommen konterkariert wird. Irgendwann erreichen wir dann auch Joe,
unseren Leitfaden, dessen geschundener, mit sanft auf sie herabfallenden
Schneekristallen bedeckter Körper, der dann von Seligman aufgelesen wird. Er will
ihr helfen und nimmt sie mit in seine Wohnung; sie jedoch macht ihm
unmissverständlich klar, dass sie diese Hilfe nicht verdient hat.
Das werden die Klitschkos ganz wuschig: ein lebende Milchschnitte
Joe bietet Seligman
an, ihm von ihrem Leben als Nymphomanin zu erzählen und nimmt ihn zusammen mit
den Zuschauer mit auf eine episodische Reise durch einzelne, prägenden
Stationen ihrer Vergangenheit. Von der frühen Kindheit, das Erwachen sexueller
Bedürfnisse, ihrer Entjungferung, die Gründung eines Clubs für Nymphomaninnen,
die das katholische Schuldbekenntnis „Mea culpa“ mal schnell zu „Mea vulva“
formen, bis hin zu ihrer ersten und letzten festen Beziehung mit Jerome.
„Nymphomaniac“ zeigt sich im ersten Teil noch als vitales Erlebnis, das nicht
nur jeden Rahmen seiner Erzählstruktur negiert, er funktioniert einfach auf
derart vielen Ebenen, dass sich Lars von Trier für sein künstlerische
Verständnis erneut breit grinsend auf die Schulter klopfen darf. Während Joe
ihren Leidensweg Schritt für Schritt offeriert und sich permanent als
schlechter Mensch versteht, versucht sie Seligman, die Enzyklopädie auf zwei
Beinen, durch allerhand Exkurse und Analogien wieder in das richtige Licht zu
rücken und ihre erdrückenden Schuldgefühle durch Gegenargumentationen zu entkräften.
Zwischen Joe und Seligman entsteht ein zuweilen unbekümmerte Wärme, die in Joes
dargebotener Tour de Force spätestens im zweiten Teil vollständig verschwindet.
Joe und Jerome sind voll in ihrem Element
Seligman fungiert
als moralische Stütze, während Lars von Trier einen Teufel tut, das Verhalten
seiner Joe in irgendeiner Weise zu moralisieren. Er intellektualisiert und
psychologisiert es, und das durch verschiedenste Mittel, doch er verurteilt
nicht, dafür liebt er seine Nymphomanin viel zu sehr. Wenn Seligman auf die
Fibonacci-Folge zurückgreift oder die Beutejagd Joes, die bis zu 10 Männer pro
Nacht zur Lustbefriedigung benötigt, durch das Fliegenfischen versinnbildlicht, dann ist die Spielfreude Von Triers
geweckt und „Nymphomaniac“ entpuppt sich zur humorvollen Groteske, die jener
depressiven Disposition entgeht, die noch „Antichrist“ und „Melancholia“
regierte. Über die gallige Note in „Nymphomaniac“ darf gelacht werden, nur man
sollte sich darauf gefasst machen, dass von Trier mit den letzten drei der
insgesamt acht Episoden die Tonalität wechseln wird. Von der jungen Frau, die
sich zusammen mit ihrer Freundin von Zugabteil zu Zugabteil schlägt und mit ihr
um die Wette mit Männern schläft, nur um eine Tüte Schokopralinen zu gewinnen;
die junge Frau, die noch unverständlich dreinblickt, als ein Passagier ihr
erklärt, dass er sein Sperma eigentlich für seine Frau aufbewahren wollte, um ihr 2 Minuten später schon in den Mund zu spritzen, wird
im zweiten Teil eine Frau, deren Vagina sich empfindungslos zeigt, die sich auf
neue, sado-masochistische Bahnen schlägt, um endlich wieder etwas zu fühlen.
Joe und K haben eine ganz besondere Beziehung
Joe ist unfähig zu
lieben, sie kann sich nicht um das gemeinsame Kind mit Jerome kümmern, dem sie
ihre Taubheit genau dann gesteht, als eigentlich alles perfekt schien; in dem
Moment, in dem Von Trier Joes Nymphomanie durch Bachs Polyphonie in grandiosen
Split-Screens deutet. Danach geht es – bis auf die amüsante Szene mit zwei
Schwarzen, die sich darum streiten, wer Joe denn nun anal und wer sie vaginal
penetrieren darf - düster und pessimistisch einher. Ihre vordergründige Liebe
zu erweist sich als unerreichbar, Jerome lässt sie gehen, damit sie ihre Vagina
reaktivieren kann und trifft auf K, der ihr mit 40 Peitschenhieben auf den
nackten Hintern, endlich wieder ein Gefühl schenkt, ohne das sie nicht mehr
existieren kann: Ihre wütend-frigile Obsession zerfrisst sie langsam von innen
heraus. Dass Lars von Trier hier natürlich auch die Hintergründe der
Pornomaschinerie, wie auch die prüden Konventionen unserer Gesellschaft
dekonstruiert, versteht sich angesichts des Themenspektrums natürlich von
selbst. Wie offen und ehrlich er Joe, ihrer Sucht und ihrer Emanzipation, aber
durchweg entgegentritt, das hat schon etwas ungemein Berührendes.
„Nymphomaniac“ ist ein Psychogramm, das sich nicht für äußerliche Normen
interessiert, sondern für den fatalen Werdegang seiner Akteurin – Und dabei
darf sich der gute Lars inzwischen natürlich so manche Selbstreferenz leisten.
Schwach sind im ungemein philosophischen und feministischen „Nymphomaniac“
nicht die Opfer ihrer Gelüste, es sind die Personen, die sich und anderen
zwanghaft emotionale Selbstverständlichkeit einreden möchten. In der Selbsthilfegruppe wird
das illustrativ auf die Spitze getrieben: Joe besteht auf ihre Anrede als
Nymphomanin, sie ist nicht sexsüchtig, sondern eine Nymphomanin. In Teil 2 hat
sich die Narrative von „Nymphomaniac“ auch gänzlich vom zerstückelten
Episodenhaften verabschiedet und lässt seine Maschen näher, bitterer
zusammenwachsen. Wo Joe landen wird, macht uns Lars von Trier schon zu Anfang
deutlich, wie sie das Leben aber in diese Situation manövrieren wird, das
schmerzt und setzt einen Stich in das Herz, wie ihn nur Lars von Trier setzen
kann, um dann, wenn sich die Wogen angeblich geglättet haben, wenn alle
Entscheidungen getroffen sind, noch einmal zum letzten Schlag auszuholen.
Mensch heißt Mensch heißt Widersprüche, das hat Lars von Trier erkannt, genau
wie er richtig erkannt hat, dass manche Menschen sich nun mal mehr vom
Sonnenuntergang, als von ihrem Aufgang erhoffen.