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Review: NYMPH()MANIAC: VOLUME I & II – Vergiss die Liebe

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Fakten:
Nymph()maniac: Volume I & II
Dänemark, BRD, Belgien, UK, Frankreich. 2013. Regie und Buch:Lars von Trier. Mit: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgard, Stacy Martin, Uma Thurman, Jaime Bell, Connie Nielsen, Christian Slater, Daniele Lebang, Mia Goth, Willem Dafoe, Shia LaBeouf, Sophie Kennedy Clark, Maja Arsovic, Michael Pas, Caroline Goodall, Udo Kier, Jean-Marc Barr u.a. Länge Teil 1: 145 Minuten (Uncut-Fassung), 117 Minuten (Cut-Fassung). Länge Teil 2: 124 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren.
Ab 20. November 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der ältere Junggeselle Seligmann rettet Joe in einer Gasse vor einer Schlägerei. Daraufhin nimmt er die 50-jährige Frau mit zu sich nach Hause, um sie zu pflegen. Dabei erzählt Joe ihre Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte einer Nymphomanin.





Meinung:
Nach seinem irritierenden „Okay, ich bin ein Nazi“-Statement in Cannes, das die Filmwelt 2011 postwendend zu einem echauffierten Tal keifender Furore konvertierte, erteilte sich Lars von Trier selbständig Redeverbot und lud sich gleichwohl aus allen folgenden Pressekonferenzen aus: Das dänische Enfant terrible wurde seinem Ruf als kontroverser Filmemacher wieder einmal gerecht, auch wenn er diese Äußerung hinter der Kamera gewiss mit einem leichtfertigen Augenzwinkern traf. Mit der losen Ankündigung zuvor, einen „echten Porno“ drehen zu wollen, entlockte er nicht nur seiner Fangemeinde erwartungsvolles Frohlocken, sondern zog mit einem gar brillanten Marketingfeldzug nach und lenkte den Fokus der gesamten Branche auf sein neustes Werk: Clips als Appetizer, Orgasmus-Poster und eine Laufzeit von angeblich über fünf Stunden, ließen die virtuelle Gerüchteküche Tag und und Nacht brodeln. Wie weit wird der Kopenhagener dieses Mal nun wirklich gehen, wie viel Porno steckt wirklich in „Nymphomaniac“, im Abschluss seiner Depressions-Trilogie? Expliziter Geschlechtsverkehr sollte nach seinem Opus Magnum „Antichrist“ keine Neuheit in seinem Œuvre darstellen.


 
Ob die Kollegen der CineCouch so ihre Podcasts aufnehmen?
Um die Lage zu Anfang schon gleich zu entschärfen: Nein, „Nymphomaniac“ ist kein handelsüblicher Pornofilm geworden, der seinen Sex willkürlich in das Geschehen integriert und diesen dann nur zur reinen Wichsvorlage für das Publikum degradiert. „Nymphomaniac“ ist hingegen ein echter Von Trier, durch und durch provokativ in seinen Anlagen, umso menschlicher im Umgang mit seiner Protagonistin Joe in der Gesamtansicht. Begrüßt werden wir mit einer Schwarzblende, die eine gefühlte Ewigkeit visuell die Leinwand für sich bestimmt, während sich die Regentropfen im Hintergrund leise einen Weg durch die Düsternis bahnen, um dann mit einer elegische Kamerafahrt durch die kalte Hinterhoftristesse fortzusetzen. Eine ästhetische Sequenz, die schließlich durch Rammsteins lospolterndes „Führe Mich“ vollkommen konterkariert wird. Irgendwann erreichen wir dann auch Joe, unseren Leitfaden, dessen geschundener, mit sanft auf sie herabfallenden Schneekristallen bedeckter Körper, der dann von Seligman aufgelesen wird. Er will ihr helfen und nimmt sie mit in seine Wohnung; sie jedoch macht ihm unmissverständlich klar, dass sie diese Hilfe nicht verdient hat.

 
Das werden die Klitschkos ganz wuschig: ein lebende Milchschnitte
Joe bietet Seligman an, ihm von ihrem Leben als Nymphomanin zu erzählen und nimmt ihn zusammen mit den Zuschauer mit auf eine episodische Reise durch einzelne, prägenden Stationen ihrer Vergangenheit. Von der frühen Kindheit, das Erwachen sexueller Bedürfnisse, ihrer Entjungferung, die Gründung eines Clubs für Nymphomaninnen, die das katholische Schuldbekenntnis „Mea culpa“ mal schnell zu „Mea vulva“ formen, bis hin zu ihrer ersten und letzten festen Beziehung mit Jerome. „Nymphomaniac“ zeigt sich im ersten Teil noch als vitales Erlebnis, das nicht nur jeden Rahmen seiner Erzählstruktur negiert, er funktioniert einfach auf derart vielen Ebenen, dass sich Lars von Trier für sein künstlerische Verständnis erneut breit grinsend auf die Schulter klopfen darf. Während Joe ihren Leidensweg Schritt für Schritt offeriert und sich permanent als schlechter Mensch versteht, versucht sie Seligman, die Enzyklopädie auf zwei Beinen, durch allerhand Exkurse und Analogien wieder in das richtige Licht zu rücken und ihre erdrückenden Schuldgefühle durch Gegenargumentationen zu entkräften. Zwischen Joe und Seligman entsteht ein zuweilen unbekümmerte Wärme, die in Joes dargebotener Tour de Force spätestens im zweiten Teil vollständig verschwindet.

 
Joe und Jerome sind voll in ihrem Element
Seligman fungiert als moralische Stütze, während Lars von Trier einen Teufel tut, das Verhalten seiner Joe in irgendeiner Weise zu moralisieren. Er intellektualisiert und psychologisiert es, und das durch verschiedenste Mittel, doch er verurteilt nicht, dafür liebt er seine Nymphomanin viel zu sehr. Wenn Seligman auf die Fibonacci-Folge zurückgreift oder die Beutejagd Joes, die bis zu 10 Männer pro Nacht zur Lustbefriedigung benötigt, durch das Fliegenfischen versinnbildlicht, dann ist die Spielfreude Von Triers geweckt und „Nymphomaniac“ entpuppt sich zur humorvollen Groteske, die jener depressiven Disposition entgeht, die noch „Antichrist“ und „Melancholia“ regierte. Über die gallige Note in „Nymphomaniac“ darf gelacht werden, nur man sollte sich darauf gefasst machen, dass von Trier mit den letzten drei der insgesamt acht Episoden die Tonalität wechseln wird. Von der jungen Frau, die sich zusammen mit ihrer Freundin von Zugabteil zu Zugabteil schlägt und mit ihr um die Wette mit Männern schläft, nur um eine Tüte Schokopralinen zu gewinnen; die junge Frau, die noch unverständlich dreinblickt, als ein Passagier ihr erklärt, dass er sein Sperma eigentlich für seine Frau aufbewahren wollte, um ihr 2 Minuten später schon in den Mund zu spritzen, wird im zweiten Teil eine Frau, deren Vagina sich empfindungslos zeigt, die sich auf neue, sado-masochistische Bahnen schlägt, um endlich wieder etwas zu fühlen.

 
Joe und K haben eine ganz besondere Beziehung
Joe ist unfähig zu lieben, sie kann sich nicht um das gemeinsame Kind mit Jerome kümmern, dem sie ihre Taubheit genau dann gesteht, als eigentlich alles perfekt schien; in dem Moment, in dem Von Trier Joes Nymphomanie durch Bachs Polyphonie in grandiosen Split-Screens deutet. Danach geht es – bis auf die amüsante Szene mit zwei Schwarzen, die sich darum streiten, wer Joe denn nun anal und wer sie vaginal penetrieren darf - düster und pessimistisch einher. Ihre vordergründige Liebe zu erweist sich als unerreichbar, Jerome lässt sie gehen, damit sie ihre Vagina reaktivieren kann und trifft auf K, der ihr mit 40 Peitschenhieben auf den nackten Hintern, endlich wieder ein Gefühl schenkt, ohne das sie nicht mehr existieren kann: Ihre wütend-frigile Obsession zerfrisst sie langsam von innen heraus. Dass Lars von Trier hier natürlich auch die Hintergründe der Pornomaschinerie, wie auch die prüden Konventionen unserer Gesellschaft dekonstruiert, versteht sich angesichts des Themenspektrums natürlich von selbst. Wie offen und ehrlich er Joe, ihrer Sucht und ihrer Emanzipation, aber durchweg entgegentritt, das hat schon etwas ungemein Berührendes. „Nymphomaniac“ ist ein Psychogramm, das sich nicht für äußerliche Normen interessiert, sondern für den fatalen Werdegang seiner Akteurin – Und dabei darf sich der gute Lars inzwischen natürlich so manche Selbstreferenz leisten.


Schwach sind im ungemein philosophischen und feministischen „Nymphomaniac“ nicht die Opfer ihrer Gelüste, es sind die Personen, die sich und anderen zwanghaft emotionale Selbstverständlichkeit einreden möchten. In der Selbsthilfegruppe wird das illustrativ auf die Spitze getrieben: Joe besteht auf ihre Anrede als Nymphomanin, sie ist nicht sexsüchtig, sondern eine Nymphomanin. In Teil 2 hat sich die Narrative von „Nymphomaniac“ auch gänzlich vom zerstückelten Episodenhaften verabschiedet und lässt seine Maschen näher, bitterer zusammenwachsen. Wo Joe landen wird, macht uns Lars von Trier schon zu Anfang deutlich, wie sie das Leben aber in diese Situation manövrieren wird, das schmerzt und setzt einen Stich in das Herz, wie ihn nur Lars von Trier setzen kann, um dann, wenn sich die Wogen angeblich geglättet haben, wenn alle Entscheidungen getroffen sind, noch einmal zum letzten Schlag auszuholen. Mensch heißt Mensch heißt Widersprüche, das hat Lars von Trier erkannt, genau wie er richtig erkannt hat, dass manche Menschen sich nun mal mehr vom Sonnenuntergang, als von ihrem Aufgang erhoffen.


8 von 10 erigierte Penisse


von souli

Review: DOGVILLE - Lars von Trier und der epischste aller Filme

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Fakten:
Dogville
Dänemark, UK, Schweden, Frankreich, Deutschland, Norwegen, Niederlande, Finnland, Italien. 2003. Regie: Lars von Trier. Buch: Lars von Trier. Mit: Nicole Kidman, Lauren Bacall, Jean-Marc Barr, Paul Bettany, James Caan, Udo Kier, Stellan Skarsgard, Patricia Clarkson, Jeremy Davies, Ben Gazzara, Philip Baker Hall, Chloe Sevigny, John Hurt u.a. Länge: 177 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
In den frühen dreißiger Jahren kommt Grace in das abgeschieden in den Rocky Mountains gelegene Dörfchen Dogville, auf der Flucht vor zwielichtigen Männern. Der Schriftsteller Tom Edison will ihr Unterschupf gewähren und versucht, die misstrauische Dorfgemeinschaft davon zu überzeugen, Grace in Dogville aufzunehmen. Unter der Bedingung, dass sie sich dem Gemeinschaftsleben anpasst und ihnen bei den Arbeiten hilft, stimmen die Einwohner zu. Grace gelingt es, das Vertrauen der Bewohner Dogvilles zu gewinnen, doch als die Polizei einen Steckbrief mit Graces Gesicht verteilt, da kippt die Stimmung gegen Grace und sie wird von den Einwohnern im Wissen, dass sie Grace in ihrer Hand haben, immer mehr ausgebeutet uns gedemütigt.




Meinung:
Lars von Trier dürfte mittlerweile jedem Filmfreund in Begriff sein. Er gilt als enfant terrible der Filmemacher, besitzt aber auch die wunderbare Gabe, Kreativität und Provokation in seinen Filmen zu vereinen. Selten sind es Wohlfühlfilme, meistens dringt von Trier tief in die Abgründe der menschlichen Psyche hinein, stellt das menschliche Verhalten in extremer Weise dar und will dadurch den Zuschauer aufrütteln. Genau so macht es der dänische Regisseur bei „Dogville“, der mit „Manderlay“ und dem noch nicht gedrehten „Wasington“ seine USA-Trilogie bilden soll.



Als Sklavin wird Grace auch von den Kindern ausgenutzt
Hier nimmt er das fiktive, kleine, abgeschieden in den Hügeln der Rocky Mountains liegende Dorf Dogville her, um die Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes exemplarisch zu veranschaulichen. Eigentlich führen die Bewohner ein ruhiges Dasein, haben alles, was sie zum Leben brauchen, keinen Streit, jeder tut nur das, was notwendig ist. Als Grace auftaucht, da wissen sie auch erst gar nicht, wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollen. Erst misstrauisch, ablehnend und eigentlich weiter ihrem Trott nachgehend wollen sie ihr gegenüber freundlich auftreten, aber eben auch distanziert. Sie ist ja keine von ihnen. Aber als sich Grace immer mehr versucht, in die Gemeinschaft einzubringen, ihnen Arbeiten abzunehmen, da verändern sich die Bewohner des Dörfchens. Sie erkennen, dass die blonde, fremde Frau auf die Einwohner angewiesen ist, dass sie Macht über Grace haben. Und nach und nach nutzen sie diese Macht immer mehr aus. Anfangs noch einfach Arbeiten, wird sie irgendwann zu Sklavin in Ketten, zum Lustobjekt für die Männer, zum Fußabtreter für die Frauen. Und gerade hier dringt von Trier wieder tief in die Psyche des Menschen und der Gesellschaft als Ganzes vor, stellt sie bloß, zeigt ihre Ängste und ihre Triebe, ihre Entwicklung und ihre Gnadenlosigkeit.


„Dogville“ ist aber nicht nur eine Charakterstudie einer Gesellschaft, der Film ist zusätzlich noch die vollkommene Dekonstruktion und Reduktion des Mediums Film. Eigentlich nie war ein Film weniger Film und mehr Theater. Episches Theater, und zwar nicht in der Form, wie heute jeder zweite Jugendliche alles „episch“ findet, sondern episches Theater in Anlehnung an Bertolt Brecht. Es gibt den auktorialen Erzähler, der fast schon ununterbrochen das Geschehen beschreibt, nacherzählt und kommentiert. Die Schauspieler agieren unterkühlt und behalten stets eine große Distanz zu ihren Rollen, Gefühle werden sowieso so gut wie keine gezeigt. Und doch sind die Figuren unheimlich ambivalent. Die Kamera steht stellvertretend für den Zuschauer, der sich ohne Hindernisse und mal nach links, mal nach rechts schauend, mitten im Geschehen befindet. Alles kann er beobachten, da ihn keine Wände oder dergleichen aufhalten. Auch die Einführung in den Film durch einen Prolog und die Einteilung in Kapitel, die mit ausführlichen Überschriften bereits die Handlung (zugegeben, hier sehr grob) zusammenfassen erinnern stark an Brechts Spruchtafeln, die er vor jedem Kapitel auf der Bühne zeigen ließ. Verfremdungseffekte sind ebenso zu finden wie die eben gerade nicht eingängig wirkende Handlung.


Keine Wände, stattdessen Kreidestriche - das ist Dogville
Aber der auffälligste Teil des epischen Theaters ist wohl das Bühnenbild. Nur das Nötigste hat von Trier in seinem Film auch optisch dargestellt. Mal ein Stuhl, mal ein Tisch oder ein Tasse. Aber keine Wände, kaum Türen und Fenster. Lediglich was wichtig sein könnte, kann man auch sehen. Stattdessen malt von Trier Kreidestriche in sein ansonsten abgedunkeltes oder aufgehelltes, weißes Filmstudio. Kreidestriche und Beschriftungen, die zeigen, wo die Wände verlaufen, wo ein Strauch steht, wo eine Tür ist. Und doch sind die Geräusche vorhanden, wenn die Türen geöffnet werden oder wenn sich ein Fenster schließt. Man kann sie hören, sie sind vorhanden, aber wichtig sind sie nicht. Reduktion auf das Wesentliche. Das hat zur Folge, dass sich der Zuschauer eben wie in einem Theater fühlt, in einer modernen Inszenierung und sich zusätzlich noch mehr auf die Figuren und auf das, was sie sagen, konzentrieren kann.


Aber durch diese Reduktion aller filmischen Mittel entsteht auch das einzige aber dafür umso auffälligere Problem des Films. Beinahe drei Stunden sind einfach viel zu lang für einen Film oder fast besser gesagt für ein verfilmtes Theaterstück, wenn man so wenige Schauwerte hat, denn die Geschichte reicht nicht für diese drei Stunden aus. Eigentlich komisch, denn es fällt normalerweise keine überflüssige Stelle ein, keine wirklich störende Szene. Trotzdem zieht sich der Film, in jeder einzelnen Szene nur ein kleines Stück. Aber eben doch etwas. Optisch ist der Film etwas ganz Besonderes, thematisch ist er hervorragend. Die Darsteller spielen im Rahmen der Theorie des epischen Theaters ausgezeichnet und überhaupt ist der Film ein Erlebnis, einfach, weil wir so eine Art von Film eigentlich nie zu Gesicht bekommen. Und schon deshalb sollte man ihn unbedingt gesehen haben.


8,5 von 10 Glockenschläge der Dorfkirche

Review: IDIOTEN - Sind wir nicht alle ein bisschen Gaga?

1 Kommentar:

Fakten:
Idioten (Idioterne)
Dänemark. 1998. Regie und Buch: Lars von Trier. Mit: Bodil Jørgensen, Jens Albinius, Anne Louise Hassing, Nikolaj Lie Kaas, Knud Rhomer, Troels Lyby, Louise Mieritz, Trine Michelsen, Luis Mesonero, Henrik Prip, Anne-Grethe Bjarups Riis, Paprika Steen, Lars von Trier, Anders Hove u.a. Länge 110 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.



Story:
Fasziniert schaut Karen zwei offenbar geistig behinderten Männern dabei zu, wie sie in einem Restaurant ohne Hemmungen mit ihrem Pfleger und vor allen Augen herumalbern. Karen geht schließlich mit den Männern mit, die mit anderen in einer Villa leben. Dort muss Karen erkennen, dass die Männer kern gesund sind und ihre Behinderung nur gespielt haben, um das Bürgertum herauszufordern.




Meinung:
In seinem Leben strebt der Mensch die verschiedensten Ziele an: Die Gründung der eigenen Familie, das ausreichende Füllen des Bankkontos für die Zukunft und die eigenen Sprösslinge oder der rasche Aufstieg auf der Karriereleiter. Alles etablierte Ziele, die man durch die Eigeninitiative und den Ehrgeiz mit der Zeit erreichen könnte. Jedoch überwiegt im Menschen grundsätzlich etwas ganz anderes, nämlich ein gezielter Wunsch, der ihm und jeder anderen Person in der Gegenwart und in Zukunft ermöglicht, zwanghafte Verhaltensweisen abzulegen und ohne Druck verschiedene Perspektiven für das weitere Handeln zu betrachten und für sich abzuwägen: Die Freiheit. Ein inniges Bedürfnis, welches dem Menschen zu dem macht, was er wirklich ist und sein kann. Dabei wird differenziert zwischen mentaler Freiheit, der keine Kette dieser Welt eine Grenze setzen kann und der physischen Freiheit, die dem Gesetz des Dschungels bis in alle Ewigkeit unterlegen ist.


Idiotische Zärtlichkeit
Wenn man diese Sehnsucht nach individueller Autonomie auf die heutige Gesellschaft projiziert, dann wird schnell klar, dass diese aus Einschnürungen, Regeln, Forderungen und Ansprüchen besteht. Von Kinderschuhen an wird vorgeschrieben, wie man sich zu verhalten ist, welche Schritte man einschlagen muss, wie das eigene Leben auszusehen hat. Es ist also mehr als dringend von Nöten, diesen steifen Konventionen einen Strich durch die Rechnung zu machen und der Gesellschaft gleichzeitig den Spiegel vor die verzogene Visage zu halten. Wer könnte sich einem solchen Thema also besser annehmen, als der von Medien zum »enfant terrible« stilisierte Lars von Trier, bei dem es nicht unbedingt zum herkömmlichen Usus gehört, sich so zu benehmen, wie es der Großteil der Welt gerne hätte. Und dass ist gut so. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass sein Film »Idioten« reichlich Gegenwind erfahren mussten, weil er ein signifikantes Anliegen hatte, dass er auf unkonventionelle Art und Weise ansprach und in dieser Causa nicht auf Provokationen des Rezipienten verzichtete.


Dabei lässt sich das Gerüst der Handlung von »Idioten« recht schnell zusammenfassen: Es geht um eine Handvoll Leute, die sich als geistig Behinderte ausgeben und die Menschen aus der Umgebung herauszufordern wie wachzurütteln, gleichzeitig aber auch um den eigenen Idioten auferstehen und das Gefühl der Lebendigkeit endlich wieder durch den Körper strömen zu lassen. So weit, so gut. Was zu Anfang noch als recht amüsant zu beobachtendes Experiment beginnt, in dem sich die Gruppe in aller Öffentlichkeit ungezügelt austobt und die Behinderten mimen, ist Lars von Triers Intention natürlich weitaus komplexer, als nur grenzüberschreitende Blödeleien zu dokumentieren. »Idioten« ist in gewissem Maße natürlich Gesellschaftskritik, in der sich nicht nur die Protagonisten stellenweise fragen, wieso sie das Ganze hier eigentlich veranstalten, wieso sie sabbernd und johlend durch die Straßen laufen, sondern auch der Zuschauer wird mit der Frage konfrontiert, zu welchem Preis dieses Projekt gestartet wurde und wie er es selbst einstufen möchte: Wer ist hier wirklich der Idiot?


Idioten-Ausflug
Lars von Trier geht zum Glück nicht den dilettantischen Schritt und bezieht sich nicht auf reziproke Prinzipien: Die Blöden sind die Klugen, die Gesunden sind die Kranken. Nein, eigentlich sind hier alle Beteiligten Idioten, selbst der Zuschauer ist ein Idiot, damit muss er einfach leben. Es geht einzig darum, welche Ideologien diese Gruppierung in ihrem Zusammensein schmiedete und was schlussendlich wirklich auf der Habenseite stehen sollte. In »Idioten« geht es eben nicht nur um die Rebellion gegen faschistische Systeme, sondern auch darum, den Weg zurück zur unverstellten Natürlichkeit zu finden. Lars von Trier startet einen Aufruf, den Idioten der in jedem von uns vertreten ist endlich wieder freizulassen. Und wenn dazu eine derart vertraute Kommune herhalten muss, dann dient das zwar als Mittel zum Zweck, aber ist in keinem Fall als verwerflich zu titulieren. Genau wie es in »Idioten« mehr und mehr zu seelischen Entblößung innerhalb der Gruppe kommt, erliegt auch der Zuschauer der Ansteckungsgefahr der subkulturellen Gemeinschaft. Wer hätte sich ihnen nicht angeschlossen?


Als es allerdings zum ersten Vorfall kommt und ein Mitglied gegen ihren Willen austreten muss, spitzt sich die Lage zu und es wird von den Mitgliedern verlangt, sich nicht nur im kleinen Kreis zum Idioten zu machen, sondern auch im privaten und beruflichen Umfeld. Die Gruppe zerfällt langsam, jeder geht wieder seiner gewohnten Wege, nur eine Person, die zu Anfang noch die größten Zweifel hegte, will das Ende nicht akzeptieren und geht den Schritt, den keiner wagte. Auch diese Szene steht symptomatisch für unsere Gesellschaft, in der sich Alphatiere schneller revozieren als sie sich eingestehen wollen und die stillen Anhänger ohne die „familiäre“ Solidarität nicht weitermachen wollen. Schließlich darf nicht alles umsonst gewesen sein. »Idioten« erreicht in der zweiten Hälfte einen bestimmten Abschnitt, in dem das Lachen im Hals stecken bleibt und die Alternativgesellschaft ohne Limit zum Scheitern verurteilt ist. Der geplante Befreiungsschlag führt wieder zurück in den Schoß der Verpflichtungen und Vorschriften. Idioten sind wir alle.


„Weg von Oberflächlichkeit, hin zum Inhalt“. Lars von Trier hat genau wie Thomas Vinterberg gezeigt, wie man ein solches Anstreben exzellent erfüllt. Da ist jede Verurteilung gegenüber dem Dogma-95-Manifest deplatziert, denn wo einige den Film als »billig« und »amateurhaft« bezeichnen wollen, ist »Idioten« einfach nur von dokumentarischer Authentizität gezeichnet, selbst wenn Lars von Trier sich in diesem Fall nicht strikt an die Regeln gehalten hat. Am Ende sind das alles belanglose Anekdoten. Letztlich zählt, dass hier anspruchsvoll etwas thematisiert wurde, was sich nicht nur auf gesellschaftlichen Gesichtspunkten kritisch entfalten darf, hier geht es auch um den Menschen als solchen und dem steinigen Marsch zur subjektiven Befreiung, direkt ins sorglose(ere) Glück. Auf Filme einzuprügeln, die die eigenen Vorstellungen nicht ansprechen, ist immer leicht. Hinsehen anstatt nur zuzuschauen schon viel schwieriger. Die Mühe hat sich Lars von Trier und »Idioten« aber redlich verdient.


8 von 10 Skisprüngen im Sommer


von souli