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Review: VIEL LÄRM UM NICHTS – Shakespeare meets Screwball

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Fakten:
Viel Lärm um nichts (Much Ado About Nothing)
Großbritannien, USA. 1993. Regie und Buch: Kenneth Branagh. Mit: Kenneth Branagh, Emma Thompson, Denzel Washington, Kate Beckinsale, Sean Robert Leonard, Keanu Reeves, Michael Keaton, Richard Briers, Imelda Staunton, Brian Blessed u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Nach einer siegreichen Schlacht treffen auf dem Gut von Signor Leonato die junge Hero (Kate Beckinsale) und Claudio (Sean Robert Leonard) aufeinander und verlieben sich unsterblich ineinander. Parallel dazu scheinen die kratzbürstige Beatrice (Emma Thompson) und der überzeugte Junggeselle Benedikt (Keneth Branagh) wie für einander geschaffen, doch bei jedem Aufeinandertreffen werfen sie sich verschiedene schnippische Beleidigungen an den Kopf. Doch Don Pedro von Aragon (Denzel Washington), ein guter Freund der Männer, will helfen, dass die Paare zueinanderfinden. Doch keiner hat die Rechnung mit dem zuvor im Kampf besiegten Halbbruder Don Pedros, Don Juan (Keanu Reeves) und das junge Glück droht zu scheitern.




Meinung:
Schon die Eröffnungsszene lässt durchblicken, in welche Richtung sich dieser Film entwickeln wird. Einige junge und ältere Frauen sitzen im frischen Gras und erzählen sich in merkwürdig und gleichzeitig edel klingender Sprache Geschichten, während ein Kurier die Rückkehr der Männer aus einer siegreichen Schlacht ankündigt. Nach einigen bissigen Kommentaren machen sich die Frauen auf, um die Männer zu begrüßen und es herrscht, passend zur sommerlichen Umgebung und den weißen Gewändern aller Beteiligten, eine traumhaft schöne und ausgelassene Stimmung. Anschließend geht es um das Werben und das Geworben werden, um Liebe, um Witz, um Tanz und um die plötzliche Eskalation der Situation, die aus heiterem Himmel geschah. Und so entstand letztlich, wie der Titel schon sagt, viel Lärm um nichts.


Aussgelassene Stimmung, den ganzen Film hindurch
Aber wenn ein Mann wie Kenneth Branagh, fast schon Experte auf dem Gebiet der Shakespeare-Verfilmungen, bei dem Film nicht nur Regie führt, sondern auch das Drehbuch schreibt, mitproduziert und zusätzlich auch noch eine der Rollen übernimmt, dann kann man davon ausgehen, dass er genau weiß, was er hier tut. Branagh rafft das über fünfstündige Theaterstück des großen englischen Schriftstellers zusammen, behält aber die originalen Dialoge bei. Allerdings bringt er ordentlich Tempo in die Inszenierung. Fast schon im Stil einer Screwball-Komödie von Billy Wilder oder eines Howard Hawks heizt er die Szenerie immer weiter an, hält das Tempo hoch und höher und schafft so ein wunderbares Ambiente für den Sprachwitz Shakespeares.


Die Darsteller scheinen allesamt von dieser Grundstimmung des Films befruchtet zu werden. Wie auf einer Theaterbühne gibt es neben den spritzigen Dialogen auch geschliffene Monologe, gerne in einem Take gefilmt und durchaus auch direkt in die Kamera hinein. Und wie auf einer Theaterbühne spielen sie alle herrlich übertrieben. Leute, die mit diesem theatralischen Schauspiel nichts anfangen können, sollten lieber gleich die Finger von diesem Film lassen. Aber man sieht und spürt, wie viel Freude es allen Darstellern macht, sich gehen zu lassen und vor der traumhaft schönen Kulisse in Italien miteinander zu spielen. Vor allem Branagh und seine damalige Gattin Emma Thompson fallen hier besonders positiv auf, wenn sie sich giftige Wortspitzen um die Ohren schlagen. Schön zu sehen, dass Shakespeares Sprache auch heute noch gut funktioniert. Daneben sind Denzel Washington als schneidiger Kuppler und Michael Keaton als verblödeter und schleimiger, naja, so ne Art Polizist ebenfalls wunderbar.


Es ist etwas faul, im Staate.. oh, falscher Text.
Die bereits erwähnte saftig grüne Landschaft, die opulenten Kulissen und die oft ebenso bombastische Musik umgarnen die Themen des Films. Hauptsächlich geht es um die Differenzen und die Beziehungen zwischen Männlein und Weiblein. Dabei werden alltägliche Dinge angesprochen genauso wie Ehre, Stolz und letztlich sogar eine fast schon teuflische Intrige von Badass Keanu Reeves. Eine Rolle, die ihm ausgesprochen gut steht, übrigens. Und dann ist da noch und vor allem die Liebe. Die Liebe, vor allem ihre Irrungen und Wirrungen sind es, die den Film beherrschen, denn es dreht sich im Grunde darum, wie und ob zwei verliebte Paare zusammenkommen. Klar, in diesem Ausmaß, in dieser Übertriebenheit und dann auch noch in Kombination mit Shakespeares Sprache, da kommt man gar nicht umhin, als von Kitsch zu sprechen. Aber Kitsch ist manchmal gut, manchmal sogar richtig toll. Und hier ist der Kitsch einfach nur wunderbar. Weil man ihn glaubt, weil die Darsteller ihre Figuren so wunderbar aufleben lassen, dass es auch beim Zuschauer ankommt.


Schon mit den ersten Minuten schafft es „Viel Lärm um nichts“ eine wunderbar ausgelassene Stimmung zu vermitteln, die uns die Figuren sympathisch macht und uns mittanzen und mitlachen lässt. Und Regisseur Branagh feuert diese Stimmung immer weiter an, lässt sie immer turbulenter, schneller, hitziger und komischer werden, sodass man kaum zu Atem kommt. In Kombination mit den Originaltexten und dem sprachlichen Humor Shakespeares, ein paar dramatischen Situationen und vor allem den wunderbar überdrehten und perfekt harmonierenden Schauspielern kann man dann auch über die phasenweise etwas dünne Story hinwegsehen und einfach einen wundervollen Film genießen.


8 von 10 weiße Gewänder im Wind

Review: TOTAL RECALL - Ein Film über Erinnerungen zum vergessen

1 Kommentar:


Fakten:
Total Recall
USA. 2012. Regie: Len Wiseman. Buch: Kurt Wimmer, Ronald Shusett, Mark Bomback, Philip K. Dick (Vorlage). Mit: Colin Farrell, Jessica Biel, Kate Beckinsale, Bryan Cranston, Bokeem Woodbine, Bill Nighy, John Cho, Will Yun Lee, Dylan Smith, Currie Graham u.a. Länge: 118 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Erde im Jahr 2084: Nach einem chemischen Krieg sind nur noch Groß Britannien und Australien bewohnbar. Die Welt kämpft mit der Überbevölkerung, während Fabrikarbeiter Doug sich mit Alpträumen herum plagt. Um diesen zu entfliehen und um einmal etwas zu erleben, was ihn aus seiner Routine reißt, geht Doug zur Firma REKALL. Dort will er sich künstliche Erinnerungen einpflanzen lassen. Doch die Prozedur wird jäh durch ein Polizei-Kommando gestört. Für Doug der Beginn einer atemberaubenden Jagd und der Erkenntnis, dass er eigentlich gar kein Fabrikarbeiter ist.





Meinung:
Remake oder Neuinterpretation? Beides. Regisseur Len Wiseman und seine Autoren-Crew übernehmen nicht viele Eigenschaften des Originals. War dieses ein äußerst harter Sci-Fi-Film, zumindest auf den ersten Blick, ist der neue „Total Recall“ ein waschechter Blockbuster, der darauf angewiesen ist ein familienfreundliche Altersfreigabe zu erhalten, was bedeutet, dass hier geschossen gekämpft und verfolgt wird, ohne allzu großen Blutverlust. Fans und Puristen des Originals wird das nicht gefallen. Als Verbeugung vor „Total Recall“ des Jahres 1990 von Regisseur Paul Verhoeven, leiht sich Wiseman ein paar Zitate und Anspielungen. Die verkommen aber mehr zur Pflichtkür und lassen eine gewisse Ehrfurcht vermissen. Doch es liegt gewiss nicht nur an diesen Eigenschaften, dass der Film (mal wieder) ein Remake ist, welches die akute Ideenlosigkeit der Traumfabrik offen legt.


Er nannte sie fett, sie hasst seine Freunde. Sci-Fi-Ehestreit.
Len Wiseman hat nicht unbedingt den besten Ruf. Seine Filme sind actionreich, entbehren jedoch jeglicher Faszination. Bei Wiseman ist Styling alles. Es kracht, es wummert, es rauscht an einem vorbei und ist immer so schnell wieder vergessen wie es gekommen ist. Einzig Wisemans „Stirb Langsam 4.0“ konnte etwas länger im Gedächtnis verharren, was jedoch mehr am Kultcharakter John McClane lag und weniger an der Inszenierung. Ein  markanter Kopf fehlt auch dem neuen „Total Recall“. War es 1990 noch Schwarzenegger, der Probleme mit seiner Erinnerung bekam, so ist es hier Colin Farrell und dieser tut nicht mehr als zu rennen und zu schießen. Empathie? Neugier auf die Ereignissen, die noch folgen? Nicht hier. Hier gibt es nicht mehr als Blockbuster-Standards vor einer eindrucksvollen, düsteren Sci-Fi-Kulisse, die eine besser erzählte Geschichte verdient hätte. War das Original noch daran interessiert die Ebenen von Traum und Realität auszuloten, gibt es im Remake keinerlei Bewegungen in diesem Bereich. Alles ist klar, es gibt keine wirklichen Geheimnisse. Jede Szenen ist darauf ausgerichtet schnell zum nächsten Schauwert zu gelangen. Das ist rasant, aber auch höchst anstrengend sowie ermüdend und egal wie groß die Explosionen, die computeranimierten Settings oder die Jagden auch sind, es schreit einem regelrecht ins Gesicht, dass die Macher keinerlei Ideen hatten, sondern lediglich ein Budget, groß genug um voluminöse, künstliche Momente zu generieren, die einen kalt lassen.
„Total Recall“ hätte ein gelungenes Remake werden können. Die Vorlage von Kult-Autor Philip K. Dick wurde bereits von Paul Verhoeven äußerst frei adaptiert und auch Verhoeven war mehr an Action und Entertainment interessiert (allerdings für erwachsene Zuschauer) als an der Frage ob Held Doug alles nur träumt. Doch der Originalfilm war robuster, hatte einen wunderbaren Charme aus Sci-Fi-Fabel und Brutalo-Action und wirkte im Gesamtblick wesentlich runder und klüger. Was das Remake seinem Vorbild voraus hat, ist das Ensemble. Wiseman ist durchaus daran interessiert neben Held Doug auch andere Charaktere zu profilieren. Kate Beckinsale (Wisemans Gattin) und Jessica Biel sind nicht mehr als Abziehbilder, aber wenn sie in Aktion treten, dann hinterlassen sie einen größeren Eindruck als Colin Farrell, der als futuristischer Jason Bourne stetig blass bleibt. Vor allem Beckinsale darf einige Male ordentlich zulangen. Dass ist weder sonderlich reizvoll noch wirklich besonders, erhöht den Unterhaltungswert von „Total Recall“ aber zumindest stellenweise ein wenig.


Große Effekte, Action ohne Ende, ein Star-Ensemble und eigentlich auch eine vielversprechende filmische wie literarische Vorlage und dennoch ist „Total Recall“ nicht mehr als ein seelenloser Zeitvertreib, ein Film ohne Eigenheit, der zumindest atmosphärisch voll überzeugen könnte, wenn er nicht zwanghaft, fast schon wie in einem kranken Rausch versucht, Schauwert an Schauwert zu schweißen und dadurch nicht mehr erreicht als Übersättigung. Fehlende Ideen lassen sich halt nicht immer mit Bombast und Hetzerei überwinden.

3 von 10