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Review: INHERENT VICE – NATÜRLICHE MÄNGEL - Verschluckt von der Ökonomie

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Fakten:
Inherent Vice – Natürliche Mängel
USA. 2014. Regie: Paul T. Anderson. Buch: Paul T. Anderson, Thomas Pynchon (Vorlage). Mit: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Katherine Waterston, Owen Wilson, Reese Witherspoon, Jena Malone, Joanna Newsom, Benicio Del Toro, Maya Rudolph, Eric Roberts, Michelle „Belladonna“ Sinclair, Michael K. Williams, Martin Short, Serena Scott Thomas, Martin Dew, Timothy Simons, Shannon Collis, Hong Chau, Christopher Allen Nelson, Keith Jardine, Katie Schwartz u.a. Länge: 148 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 25. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
1970, Kalifornien: Privatermittler Doc erhält von seiner Ex-Freundin Shasta die Information, dass ihr ehemaliger Geliebter, der Milliardär Mickey Wolfmann, von seiner Frau und deren Liebhaber entführt und in eine psychiatrische Klinik gesperrt werden soll. Shasta hofft, das Doc ihr hilft dies zu verhindern. Doc nimmt an, muss jedoch bald einsehen, dass dies kein einfacher Job wird. Vor allem sein ehemaliger Kollege, der ruppige Cop Bjornsen, macht ihm das Leben und die Ermittlung schwer.





Meinung:
Never change a winning team. Nach “The Master” drehte Paul T. Anderson erneut mit Joaquin Phoenix und suchte sich dafür nichts Geringeres aus, als die Verfilmung eines Romans des gefeierten wie als schwer zugänglich geltenden US-Autor Thomas Pynchon. Im Zentrum steht Privatdetektiv Larry Sportello und seine Suche nach dem verschwundenem Baulöwen Mickey Wolfmann. Die Suche führt den Privatermittler und den Zuschauer in eine abgedriftete Welt aus Sonne, Geld, Drogen und windigen Klischees.


Doc und sein Anwalt bekommen Probleme
Dieser Larry „Doc“ Sportello ist so ein windiges Klischees. Windig, weil er zum einen sämtliche Stereotypen zu erfüllen scheint, nur um wenig später sie dann doch genüsslich zu unterwandern, oder sie sogar komplett zu ignorieren. Doc ist klassischer Privatdetektiv gekreuzt mit den Einsichten und Umgangsformen eines passionierten Cannabis-Anhängers. Fast möchte man Vergleiche zu „The Big Lebowski“ ziehen, doch Regisseur Anderson hat dafür seinem Film sowie den Figuren dann doch einen zu eigeneständigen Drive verpasst. Einen Drive, von dem der gesamte Film durchzogen ist. Das macht ihn so speziell, so besonders, so gut. Allerdings führt dies auch dazu, dass „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ sehr zerfasert erscheint. So ist der Film voll mit Figuren, diese aber bleiben meist nur unscharfe Silhouetten. Wirklich im Fokus sind nur Doc und der Polizist Christian „Bigfoot“ Bjornsen. Beide verbindet eine innige Beziehung aus Hass, Neugier, gemeinsamer Vergangenheit und unausgesprochenerKameradschaft.


Bigfoot und Doc haben eine besondere Beziehung
Doc und Bigfoot, sie repräsentieren zwei Extreme der amerikanischen Kultur: der liberale Slacker und der beharrlich Regelkonforme. Ein Ying und Yang, wie es sie überall gibt, und doch meist amerikanischen Figuren zugesprochen wird. „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ formt daraus einen filmischen Reigen, den man wohl am ehesten als psychedelischen Film Noir beschreiben kann. Und doch ist Reigen eine falsche Formulierung, impliziert es doch stetige Aktivität. Anderson Thomas Pynchon-Verfilmung huldigt aber dem Müßiggang. Alles im Film wirkt entspannt, was zum einen an den (mal wieder) herausragenden Bildern von Kameramann Robert Elswitt deutlich wird, sowie an den Darstellern. Entfachte Joaquin Phoenix in seiner letzten Anderson-Zusammenarbeit, „The Master“, noch einen infernalen, bis zur Erschöpfung und Bedingungslosigkeit geführte Schauspielleistung, agiert er hier gelöst und amüsiert. Wie ein Stahlwerker im wohlverdienten Urlaub. Dieses Losgelöste der Figuren unterstreicht die karikaturhaften Züge der einzelnen Charaktere, auch wenn die meisten im Grunde nur Staffage oder Stichwortgeber sind, damit Doc innerhalb der Narration voran kommt und im Idealfall erneut auf Bigfoot trifft.


 

Shasta führt ihren Ex Doc auf eine heiße Spur - oder hinters Licht?
Doc und Bigfoot sind wie die zwei unterschiedlichen Pole eines Magneten. Sie ziehen sich an. Aber noch mehr als das stehen beide auf dem Verliererposten. Doc als ewiger Kiffer und Bigfoot als stoischer Traditionalist, sie beide werden von der Modernität verschluckt werden. Nennen wir es so... oder der Einfachheit halber Kapitalismus. „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ ist auch ein Grabgesang für zwei kulturelle Extreme, die gerne mit Amerika assoziiert werden, und auch zu einem gewissen Grad die Freiheit verkörpern. Sie werden nach und nach von den Mühlen der Ökonomie vereinnahmt oder gleich verschluckt. Wie sinnbildlich erscheint da die Szene, in der Bigfoot Docs Marihuana–Vorrat vertilgt, als ob er wochenlang gehungert hätte. Diesen subjektiven Subtext drängt „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ allerdings niemanden auf. Die smoothe wie geschwätzige Krimikomödie funktioniert genauso gut als aussageloses Vehikel für hübsch bebilderte und aneinanderreihte Momente, die teils grandiose Darsteller in stetig kurioser werdenden Szenen darbietet. Ein Rausch des Eigensinns, ist der neue Anderson-Film. Damit wird er es gewiss schwer haben, die an ihn gestellte Erwartungen zu erfüllen, aber vielleicht passt zu „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ eine alte Kifferfloskel einfach am besten: Take it, or leave it.


„Inherent Vice – Natürliche Mängel“ ist nicht das Meisterwerk gewurden, was viele erwartet haben. Das ist gut so. Es macht deutlich, dass Paul T. Anderson immer noch einer der besten, kreativsten und vielleicht auch unberechenbarsten Filmemacher unserer Zeit ist. Mag sein, dass „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ ähnlich im Schatten bleiben wird, wie Andersons romantische Komödie „Punch-Drunk Love“, aber gut, im Schatten hat man auch viele Freiheiten und wenig Ökonomie.


8 von 10 Lachgasgespräche

Trailerpark: Paul Thomas Anderson und Joaquin Phoenix wieder vereint - Trailer zu INHERENT VICE

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Nach dem überwältigenden Meisterwerk "The Master" melden sich Paul Thomas Anderson und Joaquin Phoenix in gemeinsamer Sache mit "Inherent Vice" zurück. Und was soll man sagen? Der Trailer verspricht in jedem Fall ähnlich Großes, natürlich weitaus schräger und humoristischer. Neben Joaquin Phoenix sind auch Josh Brolin, Owen Wilson, Martin Short und Benecio del Toro zu sehen. Die Vorfreude ist mit den ersten bewegten Bildern jedenfalls in astronomische Höhen geschnellt.


Review: HOTEL RUANDA – Die Welt wandte sich ab, doch er breitete seine Arme aus

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Fakten:
Hotel Ruana (Hotel Rwanda)
USA, GB, Italien, Südafrika. 2004. Regie: Terry George.
Buch: Terry George, Keir Pearson, Paul Rusessabagina (Vorlage). Mit: Don Cheadle, Sophie Okonedo, Joaquin Phoenix, Nick Nolte, Jean Reno, Cara Seymour, Fana Mokoena, Hakeem Kae-Kazim u.a. Länge: 121 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach einer wahren Begebenheit. 1994 wird der afrikanische Hotelmanager Paul Rusessabagnia zum Retter hunderter Menschen. Mit Mut, Geschick und Geld gelingt es ihm viele Unschuldige vor dem Völkermord in Ruanda zu bewahren.





Meinung:
Während sich die grauenhaften Bilder der ausgemergelten Körper während des Holocaust schon lange in die Köpfte gebrannt haben, kursiert über dem Völkermord, der sich 1994 in Ruanda zugetragen hat, auch heute noch ein leider allzu großes Fragezeichen: „Ruanda? Wo liegt denn bitte das?“ Recherchiert man daraufhin und arbeitet sich etwas tiefer in die Materie ein, dann wird man mit Erschrecken feststellen, dass die damaligen Reaktionen der Vereinten Nationen wie auch der von Großbritannien, Frankreich und Belgien wohl nicht unbedingt anders ausgesehen haben: „Ruanda? Wen interessiert denn schon dieses afrikanische Nest?“ Logisch und auch vollkommen vertretbar erscheint es da, auf die seiner Zeit verheerende Situation Ruandas aufmerksam zu machen. Und was könnte da schon dienlicher sein, als ein großes Filmprojekt wie Terry Georges „Hotel Ruanda“. Mit ambitionierter Schauspielriege im Repertoire und dirigiert vom intentionalen Anspruch auf etwas Differenziertheit, die im Umgang mit einer solchen Thematik vielen Produktionen der Traumfabrik in der Vergangenheit abermals abhanden gekommen schien, schlug man ohne Frage den richtigen Weg ein.


Paul und seine Familie
Die Ursache der Völkermorden findet sich in der ethnischen Separation, die durch die wirtschaftliche Trennung des ruandischen Volks durch die Kolonialmächte Deutschland, Großbritannien und Belgien zementierte wurde. Die Tutsi waren zahlenmäßig unterlegen und machten lediglich 15% der Gesamtbevölkerung aus. Ihnen aber wurde die wirtschaftliche und somit auch die politische Dominanz übertragen, während sich die Hutu mit ihrem sozialen Status der festgelegten Rangordnung nicht arrangieren wollten und unterdrückt fühlten. Nach dem Abzug der Kolonialmächte und des bis heute ungeklärten Anschlag auf das Flugzeug des Präsidenten Juvénal Habyarimana kam zu einem Völkermord, bei dem innerhalb von 100 Tage über 800.000 Tutsi der Hutu-Mehrheit wie auch der Impuzamugambi- und der Impuzamugambi-Milizen zum Opfer fielen. Die westliche Welt hat dabei nicht nur tatenlos zugeschaut, nein, sie hat sogar die vor Ort stationierten Friedenstruppen verkleinert. Es ist daher auch umso wichtiger, dass sich „Hotel Ruanda“ auch seiner politischen Relevanz bewusst wird und sich nicht nur auf ein Einzelschicksal konzentriert, sondern verdeutlicht, wie das Versagen der Weltpolitik, wie das internationale Gemeinschaftsverhalten aussehen in solchen Augenblicken aussehen kann.


Paul und seine Angestellten
Natürlich steht der Hotelmanager Paul Rusesabagina im Mittelpunkt des Films und wird von einem blendend aufgelegten Don Cheadle auch großartig verkörpert. Ein Blick auf Grauen aber ist nicht fokussiert auf seinen eigenen Weg oder auf den seiner nächsten Angehörigen. Durch ihn sehen wir das Leid dieses Landes, den Genozid und das erfahren das Gefühl der Ohnmacht im Anblick der Hoffnungslosigkeit auf humanitäre Interventionen. Eine solche Situation verlangt nach einem Einzelnen, der weiß, dass er nicht alle Tutsi retten kann, es aber versuchen kann, wenigstens einem Teil durch die Hölle zu führen – Und das waren am Ende gut 1250 Menschen. Dabei verzichtet das Drehbuch auf eine übermäßig pathetische Heldenstilisierung und konzentriert sich auf den Gemütszustand Ruseabagina innerhalb der emotionalen Extremsituation. Dieser Mann konnte sich seine Würde bewahren und schaffte es allein durch seine Gewitztheit, sein Talent zu Umgarnen und Bestechen jene Menschen lebend aus dem von Leichen gepflasterten Abgrund Ruandas zu führen. Dass sich der Film erst in seinen letzten Minuten etwas überzeichnet anmutet, ist absolut zu verschmerzen. Viel bedeutender und aussagekräftiger ist der erschütternde und Sprachlosigkeit bewirkende Verlauf an allen Fronten dorthin.


Der von Joaquin Phoenix gespielte Kameramann Jack bringt es zwischendurch einmal genau auf dem Punkt: „I think if people see this footage they'll say, oh my God that's horrible, and then go on eating their dinners.“
So ist das, bedauerlicherweise – auf jeder politischen wie sozialen Ebene. Aber eine Person wie Ruseabagina macht Mut, auch wenn das Bild, welches der Film von ihm zeichnet nicht ganz der Wahrheit entsprechen soll, und appelliert zu Recht an die so oft verkrüppelte Zivilcourage.


7,5 von 10 schwarzen Rauchwolken


von souli

Review: GLADIATOR – Der Feldherr, der Sklave, der Publikumsliebling

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Fakten:
Gladiator
USA. 2000. Regie: Ridley Scott. Buch: John Logan, William Nicholson, David Franzoni.
Mit: Russell Crowe, Joaquin Phoenix, Connie Nielsen, Djimon Hounsou, Derek Jacobi, Oliver Reed, Richard Harris, David Schofield, Tomas Arana, Spener Treat Clark, Tommy Flanagan, Ralf Moeller, Omid Djalili, David Hemmings, John Shrapnel, Tony Curran u.a. Länge: 149 Minuten (Kinofassung), 171 Minuten (Extended Special Edition). FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:

Der hochdekorierte, römische Feldherr Maximus wird von Commodus, dem Sohn der Kaiser Mark Aurel, der Maximus als seinen Nachfolger bestimmten wollte, verraten und soll ermordet werden. Maximus kann jedoch fliehen und versucht seine Familie zu retten, jedoch ohne Erfolg. Geschwächt und schwer verletzt wird er von Sklavenhändlern gefangen genommen und nach Afrika gebracht. Dort wird er an eine Gladiatorenschule verkauft und beginnt eine Karriere in der Arena. Angetrieben wird er dabei vom Wunsch nach Rache.





Meinung:
Wer wirklich gehobenen Anspruch auf historische Genauigkeit legt und einen akkuraten Einblick in das römische Imperium um 180 nach Christus erhalten möchte, der ist mit Ridley Scotts „Gladiator“ äußerst schlecht bedient. Historiker werden hier verständlicherweise im Minutentakt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn wenn „Gladiator“ mit einer Sache so richtig protzen kann, dann sind es wohl seine geschichtlichen Ungereimtheiten, die nicht nur innerhalb der Narration, sondern auch in den Kostümen, der Ausstattung und in der Sprache auftreten. Faktentreue wird vom dreiköpfigen Autorenteam um David Franzoni, John Logan und William Nicholson der Dramaturgie wegen willentlich kleingeschrieben, denn es ist so, dass sich „Gladiator“ nicht als lehrreiche Geschichtsstunde versteht, sondern sich seiner Fiktion mit shakespearschen Ausmaße, bis auf einige Ansätze, immer bewusst ist. Natürlich gab es den philosophischen Kaiser Marcus Aurelius wirklich, genau wie sein Sohn Commodus ebenso in der Antike sein Unwesen getrieben hat, nur sind ihre Biografien hier stringent der filmischen Wirkung verschrieben. Genau wie sich der hintergründige Aspekt der Zeit, um die Beseitigung des damaligen Kaisertums und die Einleitung, die Wiederherstellung der Republik, nur als relativ seichte Polit-Parabel auf die amerikanische Situation lesen lässt.

 
Oh nein, singt Russell Crowe etwa wieder?
Also ist „Gladiator“ ein Film voller Fehler, die den Zuschauer aber letztlich nicht tangieren müssen und das Sehvergnügen in ihrer immensen Effektivität kein Stück reduziert. Es ist ja allseits bekannt, dass der von Ridley Scott adaptierte Blick in die Zukunft aus dem filmischem Blickwinkel immer hochwertiger war, als der zurück in die Vergangenheit. Von der visionären Kraft eines „Alien“ oder „Blade Runner“ kann „Gladiator“ gewiss nicht zehren, dafür scheint er in seiner Konzeption viel zu kalkuliert und frei von mehrwertigen Denkanstößen: „Gladiator“ füttert nicht den Intellekt des Publikums, er fordert ihn in keiner Weise heraus – Warum auch? Ridley Scott beweist hiermit vielmehr, dass er nicht nur dem in den 60er Jahren Hochkonjunktur feiernden Monumentalfilm im neuen Jahrtausend hervorragend Tribut zollen kann, sondern noch richtig gefühlsbetontes Unterhaltungskino für das Herz und die Sinne modellieren kann. Und dafür wird aufgefahren, was aufgefahren werden kann: Hans Zimmer gnadenlos pathetische Komposition zählt zu seinen letzten großen Stücken und wenn im Finale leise „Now We Are Free“ angestimmt wird, muss sich wohl auch der stärkste Mann mal eine Tränchen verkneifen. Wahrscheinlich macht genau das „Gladiator“ so wertvoll: Er frönt das Motiv des integren Helden, kleistert seinen emotionalen Werdegang aber so mit ekstatischer (und natürlich auch manipulativer) Inbrunst zu, dass er diese von Männern dominierte Welt folgerichtig ungemein zerbrechlich illustriert.

 
Commodus bestimmt über Leben und Tod
Russell Crowe als Identifikationsfigur Maximus weiß nicht nur durch seine Physis zu gefallen, seine Mimik ist in den besten Momenten gezeichnet von einer tiefen Sehnsucht, die seinen puren Rachedurst so menschlich darstellt, wie der Drang nach Vergeltung nun mal ist. Wirklich entfalten kann sich Maximus aber nur durch seinen Widerpart Commodus, der phänomenal von Joaquin Phoenix verkörpert wird. Phoenix ist es, der Crowe das nötige Licht zum Erstrahlen schenkt, was nicht heißen soll, Crowe wäre nicht großartig in der Rolle. Doch allein durch die unnachahmliche Präsenz eines Phoenix' wird seine Figur und sein Können auf dieses Podest erhoben, was ihm letztlich sämtliche Auszeichnungen auf dem Kaminsims einbrachte. Gehen wir aber mal von den qualitativen Vergleichen weg, denn Phoenix hat schon immer in einer eigenen Liga verkehrt, und widmen uns der Psychologie der Figuren, ist Commodus, der mit seiner Schwester eine eigene Dynastie begründen will, ebenfalls der um ein Vielfaches interessantere Charakter – Weil er als mannigfaches Metronom der Handlung fungiert. Commodus ist nicht einfach nur der machtbesessene Nachkomme, der das verlangt, was ihm zusteht. Er ist doch eher der sich Zeit seines Lebens ungeliebt fühlende Sohn, der seinen Schmerz nun durch eine Machtposition kompensieren versucht: Guckt man diesem Commodus in die Augen, sieht man kein durchtriebenes Monstrum, sondern einen kleinen, traurigen, einsamen Jungen, der zu zerfallen droht, wenn man ihn nur etwas zu hart anfasst.


Und die Gegenüberstellung dieser beiden Figuren, die den gleichen Vater liebten, sich in ihrem Dasein als Brüder im Geiste aber vollkommen entzweiten, ist der rote Faden in „Gladiator“. Wie es sich für Ridley Scott geziemt, ist sein Epos visuell eine Augenweide und allein der Einzug in das Kolosseum lässt doch ein ums andere Mal die Kinnlade gen Süden rutschen: Spektakulär die Ansicht, ungemein atmosphärisch das Innenleben. Wenn die Kämpfe der Gladiatoren beginnen, die jubelnden Massen auf den Rängen angesichts der perversen Spielchen durchdrehen, dann schreibt „Gladiator“ - rein handwerklich – Filmgeschichte, denn memorabler können derartige Fotografien nicht gestaltet werden. Das lenkt dann beinahe etwas von der Tragik des Maximus ab, der tötet, weil er töten muss, weil er nur so zurück in den Schoß seiner Familie finden kann; der den blutigen, aber katharischen Pfad vom Feldherren, zum Sklaven bis hin zum Liebling der Zuschauer mit aufrechten Würde beschreitet, die in ihrer Überzeichnung dennoch authentisch respektive greifbar bleibt. Es stimmt schon, wenn man „Gladiator“ vorerst als eindimensionales Rape-n-Revenge-Filmchen der Neuzeit sieht, selbst als Western hätte er wohl genauso funktioniert. Letzten Endes aber hat Ridley Scott hier ohne Zweifel einen der ausdrucksstärksten Blockbuster seit der Jahrhundertwende inszeniert, man muss sich nur darauf einlassen.


7 von 10 Stichen in die Seite


von souli

Review: WALK THE LINE – Die Schatten hinter dem Rampenlicht

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Fakten:
Walk the Line
USA, Deutschland. 2005. Regie: James Mangold. Buch: Gill Dennis, James Mangold. Mit: Joaquin Phoenix, Reese Witherspoon, Ginnifer Goodwin, Robert Patrick, Dallas Roberts, Dan John Miller, Larry Bagby, Shelby Lynne, Tyler Hilton u.a. Länge: 136/153 (erweiterte Fassung) Minuten. FSK: Ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Nach Schicksalsschlägen in der Kindheit versucht Johnny Cash zunächst erfolglos, mit der Musik Geld zu verdienen. Als er dann tatsächlich an einen Plattenvertrag kommt und sein Sound einschlägt wie eine Bombe, wird er zum gefeierten Star. Doch der Ruhm hat auch Schattenseiten, die sich vor allem im Privaten auswirken…





Fakten:
Johnny Cash. Allein wenn man diesen Namen schon hört, bekommt so mancher einen ehrfürchtigen und glücklichen Ausdruck im Gesicht. Der Mann, der mit seiner wohlig-brummenden Bass-Bariton Stimme und dem unvergleichlichen „Boom-Chicka-Boom“-Sound seiner Begleitband weltberühmt wurde. Regisseur James Mangold setzt diesem großen Musiker ein filmisches Denkmal. Dabei beschränkt er sich aber auf einige wenige, zentrale Ereignisse in Cashs Leben, die in erster Linie den Privatmenschen zeigen, den Mann hinter dem Star. Über den „Mythos Cash“ erfahren wir hingegen sehr wenig. Warum ist er so beliebt geworden, was genau macht ihn aus? Wir wissen es nicht, Cash weiß es wohl selbst nicht. Er mache einfach nur Musik.


Cash und Carter - Streit auf der Bühne?
Für jedes gute Biopic braucht man einen Schauspieler, der die bekannte Persönlichkeit adäquat auf die Leinwand werfen kann. Man hätte wohl keinen besseren Schauspieler für die Rolle des Johnny Cash finden können als Joaquin Phoenix. Wie er die riesige Palette an Emotionen auf den verschiedenen Stationen in Cashs Leben rüberbringt, ist famos. Und dann singt und performt er, wie es nur Cash selbst konnte. Großartig! Jede Zuckung des Mundwinkels hat enorm viel Ausstrahlung. Auch Reese Witherspoon leistet hier tolle Arbeit, singt ebenfalls alles selbst und wurde für ihre Rolle als June Carter sogar mit dem Oscar ausgezeichnet. Phoenix hingegen musste sich übrigens nur einem anderen Darsteller in einem Biopic geschlagen geben – dem großen Philip Seymour Hoffman als Truman Capote. Beide, Phoenix und Witherspoon, hatten übrigens das Einverständnis von Cash und Carter höchstpersönlich, die wiederum auch an der Ausarbeitung des Drehbuchs mit beteiligt waren. Leider verstarben beide noch vor dem Beginn der Dreharbeiten.


Natürlich kommt auch viel von der Musik Cashs vor. Die bereits angesprochenen Performances von Phoenix und Witherspoon sind hervorragend. Aber die Musik, sie steht hier eben nicht wirklich im Vordergrund. Stattdessen wird der Mensch beleuchtet. Der Mensch Johnny Cash mit seinen Aufs und Abs. Wir sehen ihn, wie er seine ersten Gehversuche macht und immer populärer wird. Warum, das ist unwichtig. Es ist nun mal so. Und wir sehen, wie ihm dieser Ruhm zu Kopf steigt. Wie er sich dem Alkohol und Tabletten hingibt. Wie zwischen ihm und seiner Familie ein immer größerer Graben entsteht. Und wie er verzweifelt versucht, einen mindestens genauso großen Graben zu seinem Vater erfolglos zuzuschaufeln. Eine menschliche Tragödie, ein Drama der Extraklasse. Cash und mit ihm Phoenix auf einem Selbstzerstörungstrip, an dem er immer mehr zu zerbrechen droht, wäre da nicht die Liebe.


Live-Aufnahmen im Knast - ein Risiko!
Denn merkwürdigerweise ist es gerade die Liebe zu June Carter, die ihn auffängt. Dieselbe Liebe, die zuvor seine Familie zerstört hat und die ihn (neben weiteren Gründen) erst in diese ausweglose Situation gebracht hat. Liebe als Allheilmittel? Nun, so einfach ist es natürlich nicht und der Film zeigt dies. Denn auch auf der Suche nach dieser Liebe scheint Cash zu scheitern. Trotz seines Erfolgs, trotz seiner Popularität und wegen seiner vielen privaten Probleme scheint er auch bei der Liebe zu scheitern und endgültig verloren zu sein. Aber Cash kämpft. Er kämpft für June, für die Liebe zu ihr und sich so auch letztlich wieder ins Leben zurück.


Manchmal scheint der Film zwar ein bisschen schwer in die Gänge zu kommen, aber das macht nur wenig aus. Für mich kommt aber ein anderes Problem dazu: Ich bin nicht das, was man einen Fan von Cashs Musik nennen könnte. Sie ist gut, keine Frage, eingängig und irgendwie auch originell. Aber ich würde sie mir nicht einfach so anhören. Und darum fehlt mir auch der emotionale Bezug zu den Songs des Country-Stars. Wer den hat, dem wird der Film wahrscheinlich noch besser gefallen, denn „Walk the Line“ ist ein sehr gutes, herausragend gespieltes Biopic über einen der bekanntesten Musiker der Welt geworden, in dem der Mensch und seine private Geschichte im Mittelpunkt steht. Das Phänomen „Johnny Cash“, und das finde ich ein wenig schade, da mich tatsächlich sehr interessiert hätte, was andere so sehr an ihm finden, dass er zu einer solchen mythischen Größe aufgebaut wurde, dieses Phänomen kann der Film leider nicht erklären.


8 von 10 gerissene Gitarrensaiten