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Review: THE VOICES - Mama ist immer schuld!

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Fakten:
The Voices
USA. 2014. Regie: Marjane Satrapi. Buch: Michael R. Perry. Mit: Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Valeria Koch, Stephanie Vogt, Gulliver McGrath, Adi Shankar, Sam Spruell, Alessa Kordeck u.a. Länge: 109 Minuten. Ab 8. Oktober 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Jerry ist unscheinbar, höflich und schizophren. Deswegen muss er Tabletten nehmen und regelmäßig zur Therapie. Doch die Pillen machen aus Jerry einen Menschen, der es schwer hat mit anderen. Doch es scheint fast so, als ob auch ein gehemmter Jerry Erfolge feiern kann. Die hübsche Fiona will mit ihm ausgehen. Als es dann aber zu einem Unfall kommt, beginnt Jerrys Leben doch noch kompliziert zu werden – und sehr aufregend.





Meinung:
Nein, Jerry Hickfang (Ryan Reynolds) hat man gern, gar keine Frage, und um seine Sympathieachse zu betonieren braucht „The Voices“ nicht einmal 5 Minuten. Wenn wir unseren Protagonisten im pinken Overall durch die Badewannenfabrik „Milton, Fixture & Faucet“ schlendern sehen und dieser nach einem Lob seines Chefs ein breitgezogenes Dumpfbackengrinsen auflegt, dann scheint die Welt endlich im Gleichgewicht einzurasten, alles blüht farbenfroh, obwohl nirgendwo ein Blümchen zu sehen ist, der Himmel strahlt in einem wunderbar reingespülten Blau, obwohl über unseren Köpfen doch nur die kahle Decke des industriellen Übermaßes wartet. Grundsätzlich ist es ja schon mal von Vorteil, wenn es einem Film ohne jede Mühsal gelingt, seine Hauptfigur so liebenswert zu gestalten, dass man ihr gerne dabei zusieht, wie sie ihr Tagwerk verrichtet. Marjane Satrapis „The Voices“ aber hat das Problem, dass der Film sich bereits nach 20 wirklich amüsanten Minuten als vollständig auserzählt erweist und sein inhaltliches Misslingen fortan auf dem Silbertablett serviert.


Jerry und seine Liebste - wahre Liebe braucht keinen Torso!
Jerry Hickfang ist natürlich nicht einfach nur die freundliche Fabrikarbeitskraft, nein, Jerry Hickfang ist auch der freundliche Psychopath von nebenan. Wenn Jerry zurück in seine Wohnung kommt, erwarten ihn schon Kätzchen Mr. Whiskas und Hund Busco, die ihm in mal mehr, mal weniger obszönem Sprech darauf hinweisen, dass er doch endlich seine Tabletten absetzen sollte, wenn er seine Haustiere denn nicht zum Schweigen bringen möchte. Ja, Jerry Hickfang ist psychisch krank, die Arbeit in der Fabrik soll als eine Art Resozialisierungsmaßnahme fungieren, die genau in dem Moment scheitern wird, wenn Jerry seine Psychopharmaka das Abflussrohr hinunterjagt. Aber meine Güte: Ohne die rigide Medikation ist das Leben nicht nur deutlich wärmer, es ist auch weit weniger einsam, denn neben der vorlauten Katze (Teuflisch!) und dem treuen Hund (Gewissenhaft!) zeigen sich auch Fiona (Gemma Arterton) und Lisa (Anna Kendrick), zwei Damen aus der Buchhaltung, dem eigentlich herzensguten Jerry etwas aufgeschlossener. Wenn da doch nur nicht diese elende Mordlust wäre!


Jerry und Mr. Whiskers im Dialog
„The Voices“ zieht uns in den Kopf des Serienmörders, allerdings weit weniger nachhaltig als es etwa William Lustig mit „Maniac“ oder John McNaughton mit „Henry: Portrait of a Serial Killer“ gelang, was vor allem damit zusammenhängt, dass die beiden Klassiker eine geradlinige Marschroute konzipierten und dieser auch gekonnt folgten. Marjane Satrapi und ihr Drehbuchautor Michael R. Perry wissen nicht nur nicht um das Potenzial ihres Sujets, sie wissen auch den auffällig minimierten Resonanzraum ihrer Inszenierung kaum befriedigend auszukleiden. Die Charaktere entwickeln sich nach den genannten 20 Minuten nicht mehr weiter, der visuelle wie verbale Humor schleift zunehmend, beruft sich auf Repetition und wechselt die anfänglich luftige Skurrilität in einen entschiedenen Zynismus, der die dann und wann erheiternde Komik des Filmes vor allem als reine Kalkulation bestätigt. Es bestand hier die Möglichkeit, eine gnadenlos schwarzhumorige Satire über die morbide Serial-Killer-Faszination der Vereinigten Staaten vom Leder zu reißen, in dem man der Geschichte einen doppelbödige Unterbau verleiht.


Von bissiger Satire aber ist „The Voices“ weit entfernt, stattdessen darf irgendwann die Vulgärpsychologie-Peitsche zum Vorschein kommen und blutige Striemen auf dem Rücken unseres psychotischen Hauptdarstellers ziehen, was den Film in seinem gesamten Gebaren umso einfallsloser erscheinen lässt. Als leidlich groteske Posse blickt „The Voices“ letzten Endes treu-doof aus der Wäsche und erinnert vor allem daran, doch mal wieder John Waters „Serial Mom – Warum lässt Mama das Morden nicht?“ in den Player zu schmeißen, der war nämlich so reflektiert, das Serienkiller-Motiv auch als Spiegelung eines in Bonbonpapier gehüllten amerikanischen Suburbia zu deuten. In „The Voices“ hingegen funktionieren die Gags ausschließlich ohne anhaltende Halbwertszeit, ohne Hintersinn, ohne Mehrwert, ohne geistreichen Vorstoß: Innereien in gestapelten Tupperdosen, sprechende Köpfe von schönen Frauen im Kühlschrank und der Katzenkot auf der Couch. Dass Ryan Reynolds eine wirklich gute Leistung an vorderster Front abliefert, muss ihm anerkannt werden, wenn auch nur als Wermutstropfen.


4,5 von 10 Gesprächen mit einem Fisch


von souli

Review: MAGIC IN THE MOONLIGHT – Wer Liebe leben will, muss Magie akzeptieren

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Fakten:
Magic in the Moonlight
USA. UK. 2014. Regie und Buch: Woody Allen. Mit: Colin Firth, Emma Stone, Jacki Weaver, Hamish Linklater, Eileen Atkins, Simon McBurney, Marcia Gay Harden, Erica Leerhsen, Lionel Abelanski u.a. Länge: 98 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Ab 16. April auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Côte d’Azur in den 1920er Jahren: Illusionist Stanley soll der vermeintlichen Wahrsagerin Sophie das Handwerk legen. Diese zieht den abergläubischen Reichen schon seit einiger Zeit das Geld mit ihren Wahrsagungen und Prophezeiungen aus der Tasche. Stanley schleicht sich in die High Society ein, verfällt dort aber nicht nur dem Leben im Luxus, sondern auch der hübschen Sophie.





Meinung:
Hat Woody Allen denn nun wirklich seinen Drive verloren? Ruht sich der Künstler, dem wir Meisterwerke wie „Manhattan“, „Innenleben“ und „Hannah und ihre Schwestern“ zu verdanken haben, inzwischen einzig auf seinem renommierten Ruf aus und agiert in seinem Spätwerk auf Autopilot? Möchte es sich der passionierte Neurotiker, der in Brooklyn aufgewachsene Intellektuelle, nicht einmal mehr selbst beweisen, dass er noch zu wahren cineastischen Sternstunden in der Lage ist? Die internationale Rezeption versucht uns nur zu gerne davon in den Glauben zu versetzen, dass sich Woody Allen doch endlich in den Ruhestand begeben soll, anstatt uns mit seinem touristischen Blick auf europäische Metropolen zu narkotisieren. Aber all der despektierliche Sermon ist natürlich Unsinn: Woody Allen ist nach wie vor ein großartige Regisseur und Drehbuchautor, ihn hat zwar größtenteils die Lust dahingehend verlassen, die Abgründe und Diskrepanzen innerhalb zwischenmenschlicher Geflechte freizuschaufeln, für schwereloses Sommerkino sorgt der Mann indes nach wie vor in unumstößlicher Verlässlichkeit.


Stanley misstraut Sophie noch
Ab und zu schleichen sich dann und wann noch etwas bedrückendere Stoffe wie etwa „Cassandras Traum“, „Match Point“ oder zuletzt „Blue Jasmine“ in das Schaffen, Woody Allens sonnengeflutete Städtetour aber steht vor allem unter einem entspannten, einem besonnenen Emblem. Und sein neustes Werk „Magic in the Moonlight“, vortrefflich in den Hauptrollen mit Colin Firth („Kingsman – The Secret Service“) und Emma Stone (Birdman (oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) besetzt, stellt im Konnex zu „Vicky Cristina Barcelona“, „Midnight in Paris“ oder „To Rome With Love“ keine Ausnahme dar. Woody Allen ist indes auch freilich an dem Punkt angekommen, an dem er es sich mehr als nur erlauben darf, mit Selbstzitaten zu hantieren und charakteristische Topoi zu recyclen. In „Magic in the Moonlight“ schlüpft Colin Firth in die Rolle eines Illusionisten, der auf der Bühne als Wei Ling Soo ganze Elefanten verschwinden lässt, hinter der Bühne aber mit seiner Aversion gegenüber übersinnlichen Theorien geradezu hausieren geht.


Noch genießt nur Sophie das Leben in Frankreich
Und da ist die erste Szene von „Magic in the Moonlight“ selbstverständlich selbstreflektorisch zu deuten: Wei Ling Soo zieht sich hinter die Kulissen eines Berliner Varieté zurück und aus ihm schält sich der stetig lamentierende Stanley – Eine Variation des Alter Ego Woody Allens. Von seinem Kollegen und langjährigen Kumpanen Howard (Simon McBurney) mit dem Auftrag gesattelt, im Frankreich der späten 1920er Jahre die (vermeidliche) Hochstaplerin Sophie zu entschleiern, macht sich Stanley auf den Weg an die Cote d'Azur. Woody Allen hat sich Zeit seines Künstlerdaseins immer mal wieder mit Illusionen, Hokuspokus, Paranormalität und in gewisser Weise auch Okkultismus beschäftigt; das Fazit, welches Allen in „Magic in the Moonlight“ letztlich zieht, fällt versöhnlicher denn je aus. Die von allen Seiten bejubelte Spiritisten Sophie vernimmt unentwegt mentale Schwingungen, Stanley, Zyniker durch und durch, straft das Ganze schnell als 'theatralischen Dünger' ab, ist als er sturer Rationalist doch freilich felsenfest von der an der Riviera aufgefahrenen Scharlatanerie überzeugt: „Dieses Verhaltet spottet jeder Vernunft“, wiederholt er immerzu.


Bis auch er eine Art Epiphanie spendiert bekommt und gar dazu gezwungen scheint, seine festgefahrene Weltanschauung noch einmal zu überdenken. Woody Allen wäre natürlich nicht Woody Allen, wenn nicht irgendwo doch noch ein Kurswechsel warten würde. Was ihm mit „Magic in the Moonlight“ aber wirklich wunderbar gelingt, ist die Verdeutlichung, dass die Liebe immer synonym für die Magie steht: Egal, wie sehr sich Stanley auch auf wissenschaftliche Belege erpicht, die Liebe selbst muss als Irrationalität angenommen werden, anstatt zwanghaft den Trick, den doppelten Boden, die gezinkten Karten dahinter zu suchen. „Magic in the Moonlight“ ist genau die erschwingliche, von idyllischen Postkartenmotiven gesäumte Fingerübung, wie sie dieser Tage in dieser schlafwandlerischer Souveränität wohl nur unter Allen'schen Banner vollbracht werden. Das mag alles nicht mehr die durchschlagende Klasse früherer Hochzeiten besitzen, ist aber immer noch so charmant und geistreich, dass es töricht wäre, Woody Allen nur noch als 'Schatten seiner selbst' zu denunzieren. Wenn verträumtes Kino, dann doch bitte so.


6,5 von 10 Unterschlüpfe im Observatorium


von souli

Review: STOKER - DIE UNDSCHULD ENDET - Ein audivisueller Hochgenuss

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Fakten:
Stoker - Die Unschuld endet (Stoker)
USA, GB. 2013. Regie: Park Chan-wook. Buch: Wentworth Miller. Mit: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Jacki Weaver, Lucas Till, Alden Ehrenreich, Phyllis Somerville, Ralph Brown u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray ab 20. September 2013 erhältlich.


Story:
An ihrem 18. Geburtstag stirbt der Vater von India Stoker bei einem Autounfall. India verliert dadurch ihren besten Freund und auch die einzige echte Bezugsperson in ihrem Leben. Nun muss sie alleine mit ihrer Mutter Evelyn zusammen in dem alten Landhaus leben. Bei der Beerdigung taucht allerdings ihr Onkel Charlie auf, ein ebenso charmanter wie unheimlicher Mann. Und mit seiner Ankunft sollte sich schon bald Indias Leben auf den Kopf stellen. Ein Leben zwischen Intrigen, Schmerz und Mord.




Meinung:
Als nahezu lückenlos durchkomponierte Hitchcock-Hommage zeigt Park Chan-wook mit „Stoker“, warum ihm der Titel „Virtuose“ nicht nur im asiatischen Raum wie auf den Leib geschneidert scheint, der offensichtlich durch das internationale Kino geprägte Südkoreaner ist auch im Land der unbegrenzten Möglichkeit eine qualitative Marke für sich – Und dass nach nur einer Produktion fernab der heimischen Gepflogenheiten. Dabei ist Parks Arbeitsaufteilung ganz an den Master of Suspense gerichtet und der eigentliche Autorenfilmer nimmt sich einem fremdem, im Vorfeld gerne als „durchsichtig-simple“ gebrandmarktem Drehbuch an.


Tochter, Mutter und Onkel. Die perfekte Idylle?
Den Vorwurf muss sich der Autor und „Prison Break“-Star Wenworth Miller auch durchaus gefallen lassen, allerdings liegt der gewichtige Punkt von „Stoker“ nicht auf den geschliffenen Dialogen oder den versiert-differenzierten Analysen des Innenlebens der Charakteren. Park fungiert Chung Chung-hoons Kameraführung zu seinem narrativen Dirigierstab des Verlaufs und lässt die exzellente Formalität zur Ausführung des eigentlichen Inhalts werden. Und diese in höchstem Maße ästhetischen Montagen machen es für das cinephile Herz schlichtweg unmöglich, dem von Anfang bis Ende brillant fotografierten Film nicht schlagartig zu verfallen. Jede Einstellung, jede Kalibrierung und jede noch so unbedeutend erscheinende Nebensächlichkeit glänzt durch ihre formvollendete und die Geschichte dabei bereichernde Liebe zum Detail.


Da scheint jemand nichts Gutes entdeckt zu haben
Dass die symbolischen Bildkompositionen „Stoker“ zu einem visuellen Kunst- und Meisterwerk machen und Clint Mansells auditive Begleitung die morbide Atmosphäre wunderbar unterstreicht, bedeutet nicht, dass Park durch seine exquisiten Aufnahmen das informale Drehbuchschlagloch zu stopfen versucht. Die erzählerische Basis der Vorlage besitzt durchaus den dramaturgischen Mehrwert, der das Interesse an den Charakteren und ihren Entwicklungen aufrecht hält. Durch die implizierten Hitchcock-Verweise wird „Stoker“ ein tributzollendes Grundgerüst verliehen, welches nicht dem uneigenständigen Plagiat dient, sondern sich durch eigene Ideen und Aspekte ohne Frage in ein ganz eigenen Licht codiert – Dank Parks unnachahmlichen Verständnis die Reize der differenten (Film-)Ebenen auszuloten. 


Das markante Storymotiv in „Stoker“ könnte sich vordergründig als natürlicher, menschlicher Prozess bezeichnen lassen, schließlich spielt die Reifephase in der Selbstfindung eines jeden Adoleszenten eine mehr als signifikante Rolle, die sowohl gewisse ideologische Richtlinien des Individuums stabilisiert und ebenso den Weg in die soziale Autarkie beinhaltet. In „Stoker“ ist dieses als „Coming-of-Age“ bekannte Verfahren nicht auf der bekannten, universellen Reibungsfläche dargeboten, Hauptfigur India beschreitet hingegen einen pathologischen Pfad, auf dem das Erwachen sexueller Gelüste im Korsett der psychopathischen Faszination lauert und die charmant-autistische Andersartigkeit durch den Kontakt mit dem geheimnisvollen Onkel geradewegs in den Verlust der zarten Unschuld führt. Eine beliebte Thematik Hitchcocks, die er neben seinen Verfolgungen auf Unschuldige und der ambivalenten Suche nach der eigenen Persönlichkeit des Öfteren aufgegriffen hat.


Wie das unnachahmliche, leicht artifizielle Gerüst mit dem eigentlichen Handlungsplateau ineinandergreift und die beiden Komponenten sich in ihrer Dechiffrierung gegenseitig in die Karten spielen, ist schlichtweg ein audiovisueller Hochgenuss. Park weiß wie er seine filmischen Mittel einzusetzen hat und nicht immer hauptsächlich durch Dialoge, sondern die Geschichte vor allem durch die strukturierte Deklamation seiner Aufnahmen formuliert – Dabei ist die symbolische Leseart auch hier wieder für jeden Zuschauer durchaus vielseitig anzunehmen. Wenn Park Chan-wook in seinen nächsten US-Arbeiten eine ähnliche Qualität vorlegt, die sowohl den optischen Ansprüchen standhält, aber auch den handlungstechnischen Kriterien gerecht wird, ohne sich durch den Hollywoodfleischwolf drehen zu lassen, dann dürfen wir Park bereits im Vorfeld hallende Ovationen für all das spenden, was in Zukunft noch kommen wird.


7,5 von 10 Familiengeheimnissen


von souli


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Review: STOKER - DIE UNSCHULD ENDET - Ist der neue Hitchcock ein Koreaner?

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Fakten:
Stoker - Die Unschuld endet (Stoker)
USA, GB. 2013. Regie: Park Chan-wook. Buch: Wentworth Miller. Mit: Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode, Dermot Mulroney, Jacki Weaver, Lucas Till, Alden Ehrenreich, Phyllis Somerville, Ralph Brown u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray ab 20. September 2013 erhältlich.


Story:
An ihrem 18. Geburtstag stirbt der Vater von India Stoker bei einem Autounfall. India verliert dadurch ihren besten Freund und auch die einzige echte Bezugsperson in ihrem Leben. Nun muss sie alleine mit ihrer Mutter Evelyn zusammen in dem alten Landhaus leben. Bei der Beerdigung taucht allerdings ihr Onkel Charlie auf, ein ebenso charmanter wie unheimlicher Mann. Und mit seiner Ankunft sollte sich schon bald Indias Leben auf den Kopf stellen. Ein Leben zwischen Intrigen, Schmerz und Mord.




Meinung:
Park Chan-wook, heißt dieser Mann, der versucht, der neue Alfred Hitchcock zu sein. Ich finde, und das gleich vorweg, er schafft es nicht ganz, mit „Stoker“ an die großen Werke des „Master of Suspense“ heranzukommen. Aber er ist nahe dran. Vor allem hat er es geschafft, seinen Stil und seine Ästhetik mit nach Hollywood zu bringen. Aber der Reihe nach.


"Nimm doch einen Schirm, es könnte Regen geben."
„Stoker“ vereint Psychothriller, Horrorfilm und Coming-of-Age-Drama. Der Film fängt sehr langsam an. Vielleicht zu langsam und braucht seine Zeit, bis er endlich in Fahrt kommt, fängt sogar schon leicht zu nerven an. Überhaupt ist die Geschichte schon sehr dünn. Ein wenig zu konstruiert und auch vielleicht ein wenig zu offensichtlich. Und das ist auch der Grund, warum Park, der Regisseur von „Oldboy“ nicht ganz an Hitchcock rankommt. Aber - will er das überhaupt? Ich denke nicht. Er verehrt ihn zwar, wie in diesem Film offensichtlich wird. Selten hab ich so viele Anspielungen an Hitchs Filme gesehen. Aber trotzdem zieht er sein eigenes Ding durch. Nicht falsch verstehen, schwach ist die Geschichte keineswegs. Nur hätte man durchaus mehr erwarten können. Aber dass dieser Thriller doch ein richtig guter wird, das liegt eben nicht so sehr an der Geschichte, sondern an drei anderen enorm wichtigen Elementen, die der Koreaner nahezu in Perfektion zelebriert:


Erstens: die Atmosphäre. Beklemmend und unheimlich, aber auch gefühlvoll. Und vor allem in der ersten Hälfte des Films passiert im Kopf des Zuschauers mehr, als es die Leinwand zeigt. Die Spannung wird einzig und allein in der Vorstellung des Zuschauers erzeugt. Fantasie wird angeregt. Park kann sein Publikum packen und tief in den Film einsteigen lassen, es fast schon selbst miterleben. Das kriegt „Stoker“ perfekt hin. Außerdem gibt es eine der wohl hypnotischsten und fesselndsten Klavierspielszenen der Filmgeschichte. Virtuos, extatisch und hocherotisch, sodass man als Zuschauer die Luft anhält. Unterstützt wird diese einmalige Atmosphäre durch die Musik von Clint Mansell, der auch bereits die Musik zu den Filmen von Darren Aronofsky arrangiert hat.


Bowlingschuhe liegen wohl gerade im Trend
Wie in jedem guten Thriller sind auch zweitens die Darsteller zu nennen. Nicole Kidman als Mutter Evelyn Stoker hat mir selten besser in einer Rolle gefallen. Sie kombiniert Oberflächlichkeit, Eifersucht auf die eigene Tochter mit Sehnsucht und Leidenschaft. Matthew Goode als Onkel Charlie spielt den unheimlichen Part. Mit seinem unheimlichen Blick und einem stetigen Lächeln auf den Lippen ist er eine geradezu furchterregende Figur und schafft eine extreme und mysteriöse Spannung, allein schon durch seine bloße Präsenz und eben dieses Lächeln. Dieses unheimliche, permanente Lächeln in seinem sonst so starren Gesicht. Und an der Spitze dieser Dreierkonstellation steht Mia Wasikowska als India Stoker. Nie hätte ich ihr eine solche Dominanz zugetraut. Sie spielt grandios. Mal fürsorglich, anschließend wieder verträumt, dann unheimlich, eiskalt, beängstigend. Und stets ist sie dabei das Selbstbewusstsein in Person. Wasikowska ist eine Wucht. Spätestens hier sollte sie die Zuschauer endgültig überzeugt haben, dass sie zu einer der größten Schauspielerinnen ihrer Generation werden kann und es kaum jemanden gibt, der ihr das Wasser reichen könnte.


Und das dritte, das wohl auffälligste und am besten umgesetzte Element in Parks Film, das ist der Stil. Visuell ist der Film mit das genialste, was man in den letzten 20 Jahren gesehen hat. Wow, nicht mal Park selbst hat diese Optik jemals so stark rübergebracht wie hier. Gekämmtes Haar, das sich in ein Kornfeld verwandelt. Das parallele Öffnen von Gefriertruhe und Telefonzelle. Eine Fahrt auf einem Karussell. Das Spiel mit Dunkelheit und Licht. Wahnsinnige Kamerafahrten und –perspektiven. Es werden verschiedene Dimensionen im Raum scheinbar mühelos überwunden, Sichtweisen verzerrt. Mal sieht man nur Augen, dann kommen höchstsymbolische Anspielungen. Die Geräusche, ein hammermäßiger Schnitt, Übergänge, Überschneidungen, Blenden. Ach, es wäre sinnlos alles aufzuzählen, so viele Ideen hat Park in diesen Film untergebracht. Manch einer könnte meinen, es ist zu viel. Nein, es passt. Es passt einfach perfekt. Stilistisch ein wahres, ein wirkliches, ein echtes Meisterwerk.


Zusammengefasst ist „Stoker“ ist also unheimliches und atmosphärisches Kino mit herausragenden Darstellern und vor allem einer Ästhetik, wie man sie wirklich nur ganz selten zu Gesicht bekommt. Darum ist es auch umso bedauerlicher, dass die Geschichte im Verhältnis um so viel abfällt. Denn mit einer guten, mit einer nicht so konstruierten Story, da wäre da ein absolutes Überwerk drin gewesen. Noch sitzt der Master of Suspense sicher auf seinem Thron. Aber für Park Chan-wook fehlt nicht mehr viel, um an Hitchcocks Seite zu stehen.


8,5 von 10 blutige Bleistifte im Spitzer


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