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Review: WILD CARD - Die Stärke des Jason Statham

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Fakten:
Wild Card
USA. 2015. Regie: Simon West. Buch: William Goldman (Vorlage). Mit: Jason Statham, Michael Angarano, Milo Ventimiglia, Max Casella, Anne Heche, Hope Davis, Stanley Tucci, Chris Browning, Jason, Alexander, Sofia Vergara, Shanna Forrestall, Boyana Balta, Joseph Fischer u.a. Länge: 93 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 31. Juli 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nick Wilde kennt sich aus in Las Vegas und verdient seine Brötchen als Bodyguard für vermögende Spieler. Nick selbst hat ein Spielproblem, hat dieses jedoch im Griff. Als eine Freundin von ihm von einem Mafiasöhnchen misshandelt wird, will sich Nick eigentlich daraus halten, doch es gelingt ihm nicht und plötzlich steht er ganz oben auf der Abschussliste der Casino-Mobster.





Meinung:
Jason Statham ist toll. Ein guter Darsteller ist es gewiss nicht, aber dafür besitzt er etwas, was letztlich vielleicht noch wichtiger ist als ausgeprägtes, darstellerisches Talent: Charisma. Der Brite mit der Bulldoggen-Präsenz, der zunächst unter der Führung von Regisseur Guy Ritchie den modernen, britischen Gangsterfilm mitprägte und dann von der Filmmanufraktur des Luc Besson zum Actionheroen modelliert wurde und seitdem einer der wichtigsten Actionstars der heutigen Zeit ist, weiß was seine Fans wollen. Zwar erlaubt er sich hier und da kleine Ausflüchte, wie etwa im Drama „Redemption“, doch im Grunde ist er ein reinrassiger Actionstar. Warum? Weil er es kann, weil es alleine zu seiner Physis passt. Regisseur Simon West, der mit Statham bereits den höchst spaßigen „The Expendables 2“ sowie der eher vergessenswerte Killer-Thriller „The Mechanic“ inszenierte, vertraut auch in „Wild Card“ wieder auf den Kurzhaarträger und generiert aus der Geschichte von Autorenlegende William Goldman ein klassischen Statham-Vehikel.


Statham Clause
„Wild Card“ ist rigoros auf seinen Star zugeschnitten. Kein Wunder, die Geschichte wurde unter dem Titel „Heat – Nick, der Killer“ bereits 1986 verfilmt. Damals mit Burt Reynolds der zu dieser Zeit einen ähnlichen Ruf und Status inne hatte wie Statham heute. Die Prämisse der Handlung ist also auf einen starken leading man ausgerichtet. Statham darf als Nick Wild sich in Las Vegas mit naiven Jünglingen, schwachen Damen und fiesen Gangstern herumärgern. Dass Jason Statham als Nick Wild dabei meist stets cool bleibt, unterstreicht die klaren Konturen die „Wild Card“ auffährt. Alles hier entspringt klaren Strukturen, einzig Las Vegas darf nicht nur die bekannten Fassaden aus Lichtern, Casinos und Neonschriften zeigen, sondern auch schäbige Diner, einfache Behausungen und verdreckte Parkplatze. Die Scheinwelt Las Vegas, wird von West somit recht gelungen mit der unglamourösen Wirklichkeit konterkariert, was seinem Film einen ansprechenden, rauen Ton verleiht. Die klassischen Tropen wie Gangster, die wie Könige in ihren Suiten und Restauranttischen thronen, werden immer mal wieder aufgebrochen, bzw. etweas genauer definiert. Wenn sich Nick mit Gangsterboss Baby trifft, so wirkt diese Szenerie zum einen zwar recht klassisch, dennoch besitzt sie auch etwas geerdetes, da Baby nicht aus der Klischeekiste zu entsprungen scheint. Dargestellt wird Baby übrigens von Stanley Tucci, der hier für eine Szene vorbeischaut und erneut seine Klasse unter Beweis stellt.


Weiß, dass es bald Ärger gibt: Nick Wilde
Kurz vorbei schauen tun viele bei „Wild Card“, denn auch wenn es die Promotion so aussehen lässt, dass Anne Heche, Hope Davis, Stanley Tucci oder Sofia Vergara große Rollen spielen, so sind es doch meist kurz kurze Gastauftritte von Rollen und Figuren, die weitesgehend uninteressant und relativ inspirationslos wirken (von Tucci einmal abgesehen). Das ist abr verzeihlich, weil Simon West sich hier Kurzweil auf die Fahne geschrieben hat. Dennoch hinterlässt die Vergeudung dieser Schauspieler schon einen etwas bitteren Nachgeschmack. Die größte Schwäche des recht unterhaltsamen Films ist jedoch, dass sich „Wild Card“ anfühlt wie Flickwerk, wie eine Ansammlung und wenig elegante Verkettung von kleineren Geschichten, in die Jason Statham als Publikumsliebling sowie Bindeglied durchgeführt wird. Am Ende, wenn die Fans ihren Star in einigen durchaus markanten wie durchschlagenden Actionsegmenten gesehen haben, bleibt das Gefühl zurück, dass hier einige Puzzleteile der Handlung mit Hammer und Nagel in die gewünschte Form gebracht wurden. „Wild Card“ unterhält zwar durchaus gut, aber es gelingt ihm nie das Gefühl einer klar strukturierten Geschichte zu erzeugen. Mehr wirkt er wie ein episodenhaftes Statham-Best-Of, das die positiven Eigenschaften seines Stars glasklar herauskristallisiert, dabei aber keine homogene Geschichte zu Stande bekommt. Das ist vor allem im Hinblick auf Stathams Rolle etwas bedauerlich. Diese erweist sich nämlich nicht nur als echter Haudegen mit dem Herz am rechten Fleck, sondern auch Vegas-Veteran, der nicht nur wegen seiner eigenen Spielsucht das Potenzial hätte mehr aus „Wild Card“ herauszuholen.


Trotz narrativer Schredderei ist „Wild Card“ eine gut geschmierte Unterhaltungsmaschine. Das Publikum, welches hier einen Action-Overkill erwartet wird definitiv nicht bedient, dafür jenes, das in Jason Statham nicht nur den Arschtreter vom Dienst sieht, sondern ebenfalls eine markante, wenn vielleicht auch recht gefällige, Präsenzerscheinung, die jede einzelne Szene scheinbar mühelos für sich vereinnahmt. „Wild Card“ ist im Grunde nicht mehr als ein reinrassiges Schaulaufen für Statham. Das geht so absolut in Ordnung, sorgt für Kurzweil und wurde von Regisseur West ansprechend inszeniert. Ob da mehr drin gewesen wäre? Vermutlich.


6 von 10 Gesprächen auf Plastikfolie

Review: ABOUT SCHMIDT - Ein Mann auf seiner letzten Mission

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Fakten:
About Schmidt
USA, 2002. Regie: Alexander Payne. Buch: Alexander Payne, Jim Taylor, Louis Begley (Vorlage). Mit: Jack Nicholson, Hope Davis, Dermot Mulroney, Kathy Bates, June Squibb, Howard Hesseman, Harry Groener, Connie Ray, Len Cariou u.a. Länge: 120 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Warren Schmidt ist frisch pensioniert und hat nun alle Zeit der Welt, um mit seinem Leben unzufrieden zu sein. Als unerwartet seine Frau verstirbt, sieht er nur noch eine wirklich sinnvolle Aufgabe im Leben: Die Hochzeit seiner einzigen Tochter mit ihrem seiner Meinung nach unbrauchbaren Verlobten zu verhindern. In seinem Wohnmobil macht sich Schmidt auf zu einer Reise, die ihm viel mehr über sich selbst eröffnen wird, als er zunächst gedacht hat.


                                                                               



Meinung:
Alexander Payne ist wahrlich einer der interessantesten Regisseure der letzten 15 Jahre, auch wenn er nur wenige Filme in dieser Zeit auf die Kinoleinwände losließ. Dafür merkt man jedem einzelnen von ihnen die absolute Hingabe, die Herzensangelegenheit an. Kein Auftragsregisseur, kein Mann für den prallen Geldbeutel, einfach ein engagierter, motivierter, womöglich (rein aufgrund seines filmischen Outputs interpretiert) sogar leicht kauziger Kerl, der offensichtlich das Herz am rechten Fleck hat. Nah an seinen Figuren, ihren Schicksalen. Mit der notwendigen Portion Humor, Satire, aber – und das ist entscheidend – ohne Häme. Er veräppelt niemanden, kitzelt nur aus den Tücken, den kleinen und großen Schlaglöchern des Alltags, von theoretisch banal („Election“) bis niederschmetternd („The Descendants – Familien und andere Angelegenheiten“) diese oft nicht zu beschreibende Essenz aus Komik und Tragik. Wie das Leben so oft, nicht schwarz oder weiß. Zart-Bitter.


Früher war das alles knackiger.
Mit 66 Jahren fängt das Leben an… oder endet, alles eine Frage der Sichtweise. Für Warren Schmidt ist es Anfang und Ende zugleich. Mit warmen Worten und der gebührenden Ehre in den wohlverdienten Ruhestand geschickt aus seinem Dasein als leitende Kraft einer Versicherungsgesellschaft, oder vor die erschreckend-perspektivlose Tür seines Lebens gesetzt. In fast katatonischer Schockstarre lässt er die Prozedur über sich ergehen, wohl wissend, dass nun das große, schwarze Loch der Bedeutungslosigkeit droht ihn zu verschlingen. Was nun? Dort draußen steht das Schlachtschiff von einem Wohnmobil, angeschafft für den befürchteten, nie ernsthaft in Erwägung gezogenen Tag X, drinnen die alte Frau, in die sich seine Partnerin im Laufe der Zeit verwandelt hat. Die verspätete Midlifecrisis trifft ihn wie einen Vorschlaghammer. Aus die Maus, Feierabend. Vorher war das Leben anstrengend, fordernd, sinnvoll. Nun ist es einfach…ruhig… nutzlos. Das Warten auf das Ende. Für manche unvorstellbar schön, angenehm, frei, für Menschen wie Warren Schmidt das Grauen. Einfach leben um zu existieren, ohne klare, zwingende Aufgabe? Unmöglich. Ein nicht spleeniges, sondern oft tatsächliches Problem von Arbeitstieren, die „plötzlich“ (wie die schockierende Tatsache, dass jedes Jahr am 24.12. wieder Weihnachten ist) nichts mehr zu tun haben. Aus ihrer Sicht. Muss man persönlich nicht, aber kann man realistisch betrachtet durchaus verstehen. Freud und Leid liegen im Leben oft dicht beieinander…Alexander Payne, voilà.


Warren schaut in eine perspektivlose Zukunft...
Auch ohne die Selbstverständlichkeit des Protagonisten als seine eigene zu betrachten, versteht es der Regisseur sie unmissverständlich, hervorragend auf den Zuschauer zu übertragen. Das letzte Ticken der Dienstuhr, das (Akten)Lebenswerk auf dem Müll, die Marotten des eigentlich geliebten Partners als plötzlich unerträglicher Schleifstein, der einen langsam zermürbt. Als Schmidt sich ein Ziel, einen Ausweg aus dieser hässlich-schönen Hölle wünscht, bekommt er es auf die undankbarste Weise serviert. Alles fällt in sich zusammen, jede Konstante, das Nichts ist allgegenwärtiger und in seiner Endgültigkeit präsenter denn je. Was tut man nun? Man lässt das Schlachtschiff zu Wasser, segelt auf die letzte, sinnergebende Mission…und findet, ganz anders als erwartet, darin die Bestätigung für das eigene Dasein. Klingt das anstrengend? Durchaus. Ist es das? Niemals. Alexander Payne kreiert ein herzliches, melancholisches und ein zu nicht geringem Anteil urkomische Roadmovie, das ganz behutsam zwischen Spaß und Ernst wechselt, spielend leichtfüßig, sich nie in auf einer Spur festfährt. Manchmal hat es den Anschein, doch genau im richtigen Moment wird das Ruder nie ruckartig herumgerissen, um diesen fließenden, scheinbar einfachen Pfad zu treffen, der eigentlich unglaublich schwierig ist.


...oder auch mal dumm aus der Wäsche.
Der alles zusammenhaltende Baustein ist (natürlich) Jack Nicholson, der nicht nur eine grandiose Performance abliefert, sondern gleichzeitig ein altes Image demontiert. Hochbegabt, das wusste und hat man oft gesehen, aber auch eitel. Davon ist hier nichts zu sehen. Mad-Jack geht mit seinem Alter, mit dem natürlichen Erscheinungsbild offensiv um, schert sich einen Dreck um sein Ego und diverse Allüren, investiert alles für die Rolle, stemmt den Film auf seinen runzligen Schultern. In diesem Jahrtausend eine seiner unbestritten besten Leistungen, gemeinsam mit "Departed - Unter Feinden" seine letzte auf diesem Niveau , der Ruhestand ist aktuell ja beschlossenen Sache. Sag niemals nie, aber selbst Connery hat das irgendwann gesagt. Ist manchmal auch besser. Aber wenn wir schon über eitel oder nicht sprechen: Die mutigste Szene gönnt Alexander Payne der großen Kathy Bates. Was diese gestandene, sensationelle Darstellerin in ihrem Alter hier wagt, dafür wären sich die meisten weiblichen Stars (30 und mehr Jahre jünger) zu schade…und das für bestimmt eine unverhältnismäßig  gesteigerte Gage. Das spricht sowohl für sie als auch für den Regisseur. „About Schmidt“ ist großes Kino der kleinen, umso wichtigeren Dinge. Nuanciert, nie albern, trotzdem manchmal skurril und wahnsinnig witzig, gleichzeitig bewegend, ohne zu nerven.


Der schönste, wichtigste Moment wird eh am Ende gesetzt. Als die Odyssee schon als unbefriedigender Erfahrungsbericht abgestempelt ist, der müde Warren droht wieder in sein Loch zu fallen, werden ihm die Augen geöffnet. Obwohl klar vorhersehbar, das ist schön. Treffend. Und einfach ehrlich, richtig. Am Ende ist es der ganze Film. Womit wir am Anfang wären…Alexander Payne. Nicht immer Gold, aber nie Blech. Das hier ist Gold.

8 von 10 Briefen nach Tansania

Review: AMERICAN SPLENDOR – Wer ist Harvey Pekar?

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Fakten:
American Splendor
USA. 2013. Regie: Robert Pulcini, Shari Springer Berman. Buch: Robert Pulcini, Shari Springer Berman, Harvey Pekar (Vorlage), Joyce Brabner (Vorlage).
Mit: Paul Giamatti, Hope Davis, Judah Friedlander, James Urbaniak, Harvey Pekar, Madylin Sweeten, Earl Billings, Maggie Moore, Toby Radloff, Daniel Tay, Molly Shannon, Donal Louge, Joyce Brabner u.a. Länge: 101 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Harvey Pekar arbeitet als Sachbearbeiter in einem Krankhaus, ist bereits zum zweiten Mal geschieden und ist alles, nur kein wirklich glücklicher Mensch. Als er den Comiczeichner Robert Crump kennen lernt und er diesem vorschlägt sein ganz normales Leben in einem Comic festzuhalten, ist dies der Beginn von „American Splendor“, einer der langlebigsten und bekanntesten Non-Superhelden-Comics der Geschichte. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich Harvey Leben dadurch ändert – außer dass er Joyce kennen lernt.





Meinung:
Im allgemeinen Kanon eines mit wenig Kunstaffinität gesegneten Zirkels, ist der Comic wohl unter dem brandmarkenden Schlagwort 'Nerdtum' verankert und folgt damit dem Irrglauben, dass es einzig Außenseiter mit Zahnspange, Akne und einer von Mutti angefertigten Topfschnittfrisur sind, die zu den Konsumenten dieser Sparte gehören. Natürlich beschränkt sich ein Comic respektive eine Graphic Novel auch nicht nur auf den Figurentypus des archetypischen Superhelden, der sich durch seinen Altruismus oder seine Omnipotenz auszeichnet, um Großstädte vor dem sich anbahnenden Übel eines x-beliebigen Schurken zu bewahren. Ein Comic kann durchaus kreative Herberge für zwischenmenschliche Diskurse sein und nicht nur auf gigantomanisches Spektakel setzen, wie Julie Marohs „Le bleu est une couleur chaude“ (von Abdellatif Kechiche mit „Blau ist eine warme Farbe“ 2013 verfilmt worden) oder „A History of Violence“ von John Wagner und Vince Locke, der 2005 von David Cronenberg („Crash“) filmisch meisterhaft adaptiert wurde.


Der ganz normale Alltag kann echt anstrengend sein
Der vom Ehepaar Robert Pulcini und Shari Springer Berman inszenierte „American Splendor“ dient ebenfalls exemplarisch dafür, um den generellen Ruf des Comics in der Öffentlichkeit in etwas andere, aufrichtigere, angemessenere Bahnen zu lenken und zeigt auf, dass Antihelden eben nicht nur hinter einer Maske und im Cape überzeugen, sondern ihr griesgrämiges Antlitz gerne weiterhin direkt zur Schau stellen dürfen. Basierend auf der als Underground-Comics gestarteten „American Splendor“-Reihe von Harvey Pekar, wie der Graphic Novel „Our Cancer Years“, welchen Harvey Pekar gemeinsam mit seiner Frau Joyce Brabner entworfen hat, versuchen sich Pulcini und Berman der Person Pekar gleich auf mehreren Ebenen zu nähern. Die Frage, die sich der von Paul Giamatti verkörperte Harvey Pekar zum Ende des Films in vortrefflich selbstreflexiver Manier stellt, regiert den Film: Wer ist dieser Harvey Pekar? „American Splendor“ muss nach der Sichtung des Rezipienten erst einmal aufgrund seiner formalen Meta-Plateaus sortiert werden: Wir haben zuerst einmal den dokumentarischen Rahmen des Films, der durch den echten Harvey Pekar als Erzäh ler und Interviewpartner herhalten muss.


Der echte Harvey mischt sich gerne in den Dreh ein
Neben dieser realen Informationsquelle, ist „American Splendor“ ein Spielfilm, in dem sich Paul Giamatti („12 Years a Slave“) als Harvey Pekar durch das Szenario knurrt, gle ichzeitig immer von seinem Comic-Pendant, ähnlich wie ein knurrender Schatten, verb al befeuert wird und sich selbst dann noch einmal in einem Theaterstück begutachten darf. Klingt verworren? Ist es aber nicht, denn weder sind diese Erzählperspektiven ein em Selbstzweck untergeordnet, noch stören sie die Rhythmik der Narrative in ihrer Spr unghaftigkeit. Paul Giamattis Pekar dient als pointierte Spiegelung des Reellen, die sich in beliebigen Situationen mit dem Comic-Ich kreuzen kann, um dann einen tiefen, int rospektiven Blick in die Seele des kauzigen Harvey Pekars zu erlauben. Aber zurück zur eigentlichen Fragestellung: Wer ist dieser Harvey Pekar denn nun? Nun ja, Harvey Pekar ist ein Sachbearbeiter in Cleveland, ein chronisch verstimmter Niemand, der den gesellschaftlichen Schönheitsidealen mit seinem Glatzenansatz, dem behaarten Rücken und dem Bäuchlein gewiss nicht entspricht. Ihn treibt eine schwere Unzufriedenheit über sein eigenes Sein, dass ihn dazu animiert, einen Comic über seine persönliche Lethargie zu entwerfen.


Der schwarzseherische, trübsinnige und misanthropische Nerd findet dadurch ein Ablassventil für das eigene Ungenügen, später sogar eine Art Eigentherapie und Bewältigungsmaßnahme, um den Krebs zu überstehen. Dass „American Splendor“ vom Alltag eines Einzelnen berichtet, der dazu dienen soll, seine Leserschaft in ihrer sich tagtäglich wiederholenden Monotonie zu reflektieren, hält den Film letztlich nicht davon ab, die Antithese des obligatorischen Helden zu idealisieren, nicht umsonst weiß „American Splendor“ wunderbar zu unterhalten. Interessant ist, wie sich das Porträt des Harvey Pekar zusammensetzt, wie es in einer Welt aus Yuppies, den zwanghaft-obessiven wie autistischen Freaks und Außenseitern aus dyfunktionalen Familien, einem veritablen Duktus zu unterziehen, in dem keiner der Protagonisten einem Stereotypen auf die Schliche kommt. Berührend wird „American Splendor“ dann, wenn sich auch Harvey seiner Sterblichkeit bewusst wird und sich selbst mit der Möglichkeit konfrontiert, dass, wenn er geht, auch sein Comic-Ich, sein Schaffen, verschwinden wird. Das Leben ist ein Krieg, den man nicht gewinnen kann, es sind einzelne Gefechte, in denen es zu triumphieren gilt. Ein Hoch auf die Gewöhnlichkeit!


7,5 von 10 jüdischen Omas an der Kasse


von souli

Review: REAL STEEL - Rostfreier Edelkitsch

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Fakten:
Real Steel
USA, 2011. Regie: Shawn Levy. Buch: John Gatins, Dan Gilroy, Jeremy Leven, Richard Matheson (Vorlage). Mit: Hugh Jackman, Evangeline Lilly, Dakota Goyo, Anthony Mackie, Kevin Durand, Hope Davis, James Rebhorn, Karl Yune, Olga Fonda, John Gatins u.a. Länge: 127 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
In der nahen Zukunft sind Boxkämpfe zwischen menschlichen Gegnern Vergangenheit, nun treten Roboter gegeneinander an. Der abgehalfterte Ex-Boxer Charlie Kenton hält sich mit schrottreifen Kampfmaschinen und billigen Kirmes-Fights mehr schlecht als recht über Wasser. Dann erfährt er, dass er einen 11jährigen Sohn hat, Max. Auf die Vaterrolle hat Charlie keine große Lust und schließt einen Deal ab mit dem wohlhabenden Mann von Max‘ Tante Debra. Für 100.000 Dollar tritt er das Sorgerecht an sie ab, muss Max allerdings für einige Wochen zu sich nehmen, damit das Paar die geplante Urlaubsreise noch antreten kann. Die angespannte Situation zwischen Vater und Sohn bessert sich, als sie auf einem Schrottplatz einen ausrangierten Roboter finden. Charlie hält nicht viel von dem Auslaufmodell, doch Max sieht das ganz anders. Mit Recht, denn gegen alle Erwartungen erweist sich „Atom“ als echter Champion, die Chance für Charlie, wieder auf die große Bühne zurückzukehren.







Meinung:
„Real Steel“, das ist Hollywood-Effekt-Kino mit süßlichem Coming-Together-Pathos aus dem Lehrbuch. Eine reizvolle Ausgangslage um eine Zukunft, in der sich nicht mehr Menschen, sondern gewaltige Roboter im Boxring auf die Omme hauen, technisch wie zu erwarten absolut zeitgemäß und durchaus sehenswert, inhaltlich vorhersehbarer als Sonnenschein in der Wüste und sich munter bei unzähligen von Zero-to-Hero-Storys bedienend, insbesondere bei der Sly Stallone 80er Trash-Bombe „Over the Top“.


Großer Junge, großes Spielzeug.
Hugh Jackman als der runtergekommene Rumtreiber, der sich notgedrungen seines neunmalklugen (und UNFASSBAR nervigen!) Sohnemanns annehmen muss und im Laufe der Zeit nicht nur wieder in die Erfolgsspur zurückfindet, sondern – natürlich – auch die Liebe für sein eigen Fleisch und Blut entdeckt. Herzerwärmend. Regisseur Shawn Levy setzt wie gewohnt auf massiven CGI-Einsatz, sonst nur auf altbekanntes Gesülze von vorgestern. Aufdringlich, unverblümt, zuweilen fast sogar schon komisch und nicht selten eher ätzend, eigentlich ist „Real Steel“ so ein Film, der mit seinem platten Emotions-Geschleime direkt auf den Schrottplatz gehört. Eigentlich, aber irgendwo schrappt das Ganze dann doch noch an der totalen Bruchlandung vorbei. Es ist wohl dieses Kleine-Jungen-Herz, das immer noch in der Brust der meisten erwachsenen Männern schlägt. Da prügeln sich große Roboter in einem Ring und ja, das ist doch irgendwie cool. Was da abseits der Seile abgeht mag noch so dusselig und spießig-familientauglich sein, einen gewissen Charme kann man dem halt nicht absprechen.


"Are you talking to me?"
Gerade weil das alles so berechenbar und verkitscht bis zum Gehtnichtmehr ist, kann man sich getrost zurücklehnen, hier und da mal grinsen oder lächelnd den Kopf schütteln und sich ganz einfach berieseln lassen. Kurzweilig ist der Eintopf aus tollen Effekten und den Spielberg-typischen Zutaten für einen braven Eventfilm mit der Extra-Portion Zuckerguss ehrlich gesagt schon. Eine ganz einfach gestrickte Rummelplatz-Sensation, die ab und an sogar mal einen Treffer landet und nie ernsthaft langweilt. Nimmt natürlich viel zu oft die Deckung runter und fängt sich dann einen verheerenden Treffer nach dem anderen ein, taumelt, wird mehr als einmal angezählt, wenn am Ende der Gong erklingt, haben es alle ohne bleibende Schäden überstanden und könne sich sportlich fair die Hand schütteln.


Gehört in die Kategorie 'unwichtiger, erprobt-manipulativer Unterhaltung', bei der sich ganz gelungene und nervige Momente mehr oder weniger grob die Waage halten. Mal relativ nett, mal furchtbar daneben (nochmal: Dieser Bengel, dafür müssten Babyklappen in Übergröße eingebaut werden), unterm Strich gut verdaulicher Hochglanz-Schrott, den der Papa mit dem kleinen Sohn an einem Sonntagnachmittag gucken kann. Der Kleine freut sich und staunt Bauklötze, Papa kommt um SpongeBob  herum, muss man auch mal so sehen. Eine Win-Win-Situation.

5 von 10 Schattenboxern.

Review: DISCONNECT – Gesellschaftliche Entfremdung im digitalen Zeitalter

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Fakten:
Disconnect
USA. 2012. Regie: Henry Alex Rubin. Buch: Andrew Stern. Mit: Jason Bateman, Hope Davis, Frank Grillo, Andrea Riseborough, Paula Patton, Max Thieriot, Michael Nyqvist, Alexander Skarsgard u.a. Länge: 115 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Ab 5. Juni 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Drei Geschichten über die Schattenseiten der modernen Kommunikation.





Meinung:
Zuletzt versuchte sich Everbody's Darling Joseph Gordon-Levitt in seinem Regie-Debüt „Don Jon“ daran, einen Kommentar zum sich im digitalen Zeitalter immer extremer entfremdenden Individuum zu formulieren. Sein Leitfaden war die Pornosucht und die kontroverse Tatsache, dass sich Sex inzwischen längst zum puren Konsum verwandelt hat, das den Verbraucher per Mausklick befriedigt und einen wollüstigen Traum aus Fleisch und Körperflüssigkeiten hinter der Mattscheibe für einige Minuten Wirklichkeit werden lässt. Wieder und wieder. Schlussendlich aber verfiel die Ägide von „Don Jon“ zunehmend einer belehrenden Spießerposer, die dem Zuschauer vorzuhalten versuchte, was sich wirklich gehört und was wir doch gefälligst bleiben lassen sollten. Filmemacher Henry Alex Rubin, der durch seine Oscar-Nominierung für seine Dokumentation „Murderball“ etwas Aufmerksamkeit geschenkt bekam, versucht sich in seinem Debüt „Disconnect“, einem Episodenfilm, ebenfalls an einer ähnlichen Thematik, nur im weitaus größeren respektive allumfassenderen Stil.



Wenn Probleme nur noch via WhatsApp angesprochen werden
Das Internet und seine unsichtbaren Gefahren stehen in „Disconnect“ im melodramatischen Zentrum.
Ist man sich darüber bewusst, welche Schindluder inzwischen in den Weiten des World Wide Web getrieben wird, dürfte die Aufsplittung der einzelnen Schicksale in „Disconnect“ wie eine echte Klischeeparade wirken: Live-Cam-Shows, Kreditkartenbetrug und nicht zuletzt Cyber-Mobbing. Man muss diesen Themen, so plakativ sie auch aufeinander abgestimmt wirken, immer auf Augenhöhe begegnen und sich ins Gedächtnis rufen, dass Klischees auch immer ein Produkt unserer Realität sind – jedoch nicht in dieser komprimierten Handhabung. Das Skript von Andrew Stern, so durchdacht es auch erscheinen mag, hält fortwährend Ausschau nach dem kleinstmöglichen Nenner, um daraus den größtmöglichen dramaturgischen Ertrag, der sich von Personenschwenk zu Personenschwenk summiert, zu entziehen. Wie in jedem Episodenfilm wird dabei natürlich auch Determinismus und Fatalismus mit auffälliger Akzentuierung ausgestanzt, doch Subtilität scheint „Disconnect“ - bis auf wenige lichte Momente – vollkommen fremd.


Während sich Paul Thomas Anderson mit „Magnolia“ und Alejandro Gonzalez Inarritu („ 21 Gramm“) als Meister dieser narrativ äußerst komplx konstruierten Narrative bewiesen haben, ist die Konstellation von „Disconnect“ dahingehend ermüdend, weil sie bereits in der Fragestellung scheitert und moralische, emotionale und finanzielle Probleme bar jedem wechselwirkenden Affekt aufbereitet.
„Disconnect“ hingegen geht es vielmehr darum, dem Zuschauer ein schwarzseherisches Abbild des Cyberspace zu unterbreiten und keine mehrwertige Parabel zu entwerfen, sondern didaktisch in pädagogischer Attitüde zu unterrichten. Ein technologiekritisches Mahnmal, das dem Internet Schlechtes wünscht, weil es in der analogen Welt nur Schmerz und Trauer verbreitet. Dabei ist es dann genau der ästhetische Moment, in dem sich die Figuren (bei denen vor allem Jason Bateman als verzweifelnder Vater endlich mal wirklich überzeugt) nicht mehr nur hinter ihren Bildschirmen verstecken, sondern sich direkt in die Augen schauen, der wirklich etwas hermacht. Sicher steckt in all dem, was „Disconnect“ uns erzählen möchte auch ein gewisser Anteil Wahrheit, doch in dieser tendenziöse Haltung negiert er dem Zuschauer jedwede Regung angesichts der emotionalen Konflikten.


4 von 10 Hieben mit dem Eishochkeyschläger


von souli