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Review: ROMANZE IN MOLL - Die Unsterblichkeit der Gefühle im Notenblatt

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Fakten:
Romanze in Moll
Deutschland. 1942. Regie: Helmut Käutner. Buch: Willy Clever, Helmut Käutner. Mit: Marianne Hoppe, Ferdinand Marian, Paul Dahlke, Siegfried Breuer, Karl Platen, Anja Elkoff, Ethel Reschke, Eric Helgar u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Paris um die Jahrhundertwende: Ein kleiner spießiger Buchhalter versetzt die Habseligkeiten seiner aparten Frau Madeleine, die nach einem Selbstmordversuch im Sterben liegt. Mit dem Erlös will er ihr Leben retten. Dabei erweist sich ein vermeintlich wertloses Perlenketten-Imitat als kostbares Original aus der Goldschmiede des ersten Juweliers von Paris. Der Juwelier hat das teure Stück an den weltmännischen Komponisten Michael verkauft, aus dessen Sicht der Weg der Kette nun weiterverfolgt wird. Madeleines Lächeln hat den Komponisten zu einer “Romanze in Moll” inspiriert. Aus Liebe und Dankbarkeit schenkt er ihr die Kette. Zögernd erwidert Madeleine die Liebe des Komponisten und entflieht dadurch ihrem duldsamen bürgerlichen Leben. Weil sie ihren pflichtbewussten, soliden Ehemann trotzdem noch achtet, verschweigt sie ihm die Affäre und führt ein Doppelleben. Viktor Martin, der neue Vorgesetzte ihres Mannes, erkennt in Madeleine die Geliebte seines Freundes Michael und verliebt sich in sie. Rasend vor Leidenschaft nutzt Viktor seine Mitwisserschaft aus und erpresst Madeleine, sich ihm hinzugeben. Um die Ehre ihres Mannes zu schützen, nimmt Madeleine Gift, legt die Kette um und stirbt in Gedanken an ihren Geliebten Michael.





Meinung:
Ich kenne nur wenige Titel in der Filmwelt, die so allumfassend ihren gesamten Inhalt ins prägnante Licht rücken können. Alleine daraus kann man sich hier ja schon vorstellen: es wird romantisch und sicherlich tragisch. Aber weil's von Käutner ist, steckt die musikalische Deutung wohlweislich auch im Film selbst und in den Beziehungen seiner Charaktere, wie schon bei seiner vorherigen Regiearbeit 'WIR MACHEN MUSIK'. Deren Tragik eröffnet sich uns bereits in den ersten Minuten nach einem dahin wabernden, meisterhaften Schwenk über düstere Häuserdächer hinein in eine der wenigen, doch einvernehmenden Kulissen, wobei auch die Äußerlichkeiten zum Gesamtkomplex dazu gehören, wie sich später herausstellt. Denn in jenen Mauern wartet die tief schlafende Madeleine (Marianne Hoppe), welche sich mit Schlaftabletten scheinbar fatal ausgeknockt hat, während bereits die wehleidigsten, traurigsten Töne über die Tonspur gleiten - ihren Ursprung und ihre Bedeutung für unsere Sterbende werden wir noch früh genug erfahren. Ihr Mann (Paul Dahlke, bezeichnenderweise ohne Rollennamen) ist jedenfalls aufgebracht, kann sich diese Selbstmordaktion nicht erklären, es war doch immer alles in Ordnung. Er findet jedoch in ihren Besitztümern sodann eine teure Halskette vor und versucht zu ergründen, woher sie die hatte - die Eifersucht wird zunächst seine Begleiterin, da er in dem Zusammenhang oft zu hören kriegt: 'Man(n) ist galant und gibt Geschenke'.


Stalking. Eine deutsche Erfindung aus dem Jahre 1942
Beim Juwelier dann erschließen sich die ersten Details jenes Umstandes in einer Rückblende, in welcher Madeleine vorm Schaufenster erstmals den Komponisten Michael (Ferdinand Marian) trifft, dem auf ihr scheues Lächeln basierend der Initiator für eine Melodie zur nächsten Komposition einfällt. So nahm die Sache ihren Anfang - den Rest der Geschichte aber erfahren wir von Michael selbst, der bei seinem Bruder unterkommt, da er einen Mann ermordet hat. Ein weiteres Mysterium, doch auch das läuft wie alles auf Madeleine zurück, weshalb wir daraufhin noch weiter zurückblicken. Seit jenem Treffen strebt er nämlich nach ihr, kauft die Perlenkette, welche sie so sehnsüchtig erblickte und schmeißt sich ganz gewitzt und charmant an sie ran, wie bereits Hans Söhnker in Käutners 'AUF WIEDERSEHEN, FRANZISKA!' und 'GROSSE FREIHEIT NR. 7' - Frechheit siegt auch hier. Erst widerwillig erscheint sie nach seinem gelungenen Schauspiel als mysteriöser Dieb der Kette (eine gewisse, hämische Anspielung auf Marians sonstiges Rollen-Schema) in seiner Behausung, wo er sich ihr gegenüber endlich als wohlhabender Komponist entpuppt. Sie tut zunächst so, als ob sie nur kurz bleiben könnte, doch offensichtlich gefällt ihr seine verschmitzte, 'galante' Art. Den feurigen Impuls gibt aber erst sein Klavierspiel der noch unfertigen Melodie, die beiderlei Schicksale verbindet, weshalb sie den entscheidenden Vorschlag macht, diese in Moll umzuschreiben, um so den Fluss der Melodie zu vollenden. Dadurch verwandelt sich die Romanze auch in einen zwiespältigen Abschied und Madeleine meint auch, dass sie nicht seine Geliebte sein kann, nimmer zurückkommen wird. Doch ihr Lächeln beweist sich erneut als bejahende Geste zu dieser neuen Beziehung.


Willkommen im Club der Herren
Doch der Moll-Ton bleibt angeschlagen, denn sie kann sich nur im Geheimen mit ihm treffen, während ihr Mann scheinbar gar nichts von ihrer innerlichen Lage mitbekommt - er bezeichnet es später schlicht als 'Nervosität' - und nur über seine Erlebnisse als Buchhalter berichtet, anstatt ihr Zuneigung zu geben. Geschickter Weise taucht in seinen Auftritten dann auch kaum bis gar keine Musik auf. Sie lebt weiß Gott nicht schlecht in der großen Wohnung beider, doch wie bei ihrem kleinen Vogel im Käfig am offenen Fenster ist ihr Leben eine eindrückende Zelle, welche die wahre Freiheit von sich abgrenzt, da ringsherum stets ihr Mann verkehrt, u.a. bei der örtlichen Kneipe Karten spielt. Aus dem Grund lässt er sie meistens Dienstags allein und denkt sich nichts dabei - selbst als er auf Geschäftsreise geht, stellt er für sie lediglich in Aussicht, ein Buch zu lesen oder den Knopf an seiner Weste wieder anzunähen, denn mehr traut er dieser seiner treuen, natürlich-ergiebigen Ehefrau nicht zu. In jenen Momenten vollführt Käutner sodann pointierte Parallelschnitte, die deutlich aufzeigen, dass sie stattdessen nun wirklich nicht allein ist. Schließlich unterhält sie ihr Doppelleben als Muse und Geliebte Michaels, welches nach dem Glück strebt und dem auch zum Greifen nahe ist, aber wie die Romanze in Moll erstmal nicht erfüllt werden kann, wenn das überhaupt jemals gelingen sollte. Solange es aber währt, in jenen kurzen Zeiträumen, ist es auch gut. Eine Befreiung aus dem biederen Alltag war zwar zu jener Entstehungszeit des Films im dritten Reich durchaus die Aufgabe des allgemeinen Unterhaltungsfilms, hier aber steht wie so oft bei Käutner der Wunsch des individuellen Glücks fernab gängiger Familienvorstellungen und Gesellschaftskonventionen (u.a. vertreten durch die Meinung des Mannes, dass man betrügenden Frauen nie verzeihen dürfe) an vorderster, empathischer Stelle - was natürlich alles andere als gewöhnlich in der damaligen NS-Filmindustrie war.


Ein echter Gentleman aus Deutschland
Eine Anspielung darauf findet sich sodann in einem Kurzauftritt Käutners, der als hochgeborener Dichter Inspirationen für eine Liebesgeschichte sammelt und auf Madeleines & Michaels Vorschläge, die sie natürlich insgeheim aus ihrer eigenen Liebschaft schildern, nur entgegnet, wie unrealistisch (sprich: offiziell nicht vertretbar) diese doch seien. Ernüchternder Weise holt die Realität bald auch Madeleine wieder ein, da sie von einem ebenfalls in sie verliebten Freund Michaels, Viktor (Siegfried Breuer), bedrängt und erpresst wird, als dieser der neue Bankdirektor und Chef ihres Ehemannes wird. Nun versucht sie gezwungenermaßen Zeit mit ihrem Mann zu verbringen, um die Stunden herumzukriegen und ihrem Verehrer aus dem Weg zu gehen - was aber auch allmählich ihre Seele erstickt. So hat sie keine andere Wahl, als sich ihrem Peiniger zu ergeben. Doch auch die Beziehung zu Michael rückt in eine psychologische Ferne, scheinbar ebenso von der ewig-währenden Entstehung der Romanze in Moll geleitet. Als ihr stets unwissender Mann sie zu einem Konzert von Michael einlädt, findet die Melodie aber dann doch ihre sehnsüchtige und pessimistische Erfüllung - da setzt sich der Ehemann neben sie, fragt mit verschränkten Armen und gelangweilten Blick 'Hab ich was versäumt?' und dann geschieht es: Die Kamera fokussiert sich auf ihr trübseliges Gesicht, bei dem sich dank der Premiere dieser Komposition, an welcher sie mitgewirkt / dieser Romanze, an welcher sie mitgeliebt hat, die einschlägigsten Bilder ihrer Liebe mit Michael, ihren Tiefpunkten mit Viktor und ihren Gleichgültigkeiten mit ihrem Mann als geisterhafte Rückblende (die dritte, erschütterndste im ganzen Film) abspielen, weshalb sie nur in Tränen ausbrechen kann - ihr folgenschwerer Entschluss wird eingeleitet, die Romanze verwandelt sich in einen Abschied.


Von oben herab
Vorher teilt sie ihrem Michael noch die ganze Geschichte per Brief mit, weshalb es zu einem Duell zwischen ihn und Viktor kommt, wobei Michael wie erwartet 'gewinnt'. Seine Liebe hat er dennoch für immer verloren, möchte sich auch der Polizei stellen, sieht es jedoch als seine Pflicht an, vorher noch den Ehemann zu benachrichtigen, der nun die volle Wahrheit erfährt und sich noch immer nichts erklären kann. Stattdessen meint er nur 'Erledigt, erledigt, es tut nicht einmal mehr weh...' in einer Art abweisender Enttäuschung über die Handlungen seiner Frau, doch auch er bricht apathisch zusammen - die Gefühle und die Einsicht lassen sich letztendlich doch nicht verleugnen, denn auch der Vogel im Käfig verstirbt zuletzt. Schließlich erblicken wir auch zum letzten Mal Madeleine auf dem Totenbett - Michael überreicht ihr als letzte Geste die Perlenkette, Auslöser und durchgehendes Symbol ihrer Romanze, als dann Käutner seine letzte, erlösende Blende, von denen er im Film mehrere virtuose Varianten für narrative Übergänge, hier nun als Schlusspunkt seiner filmischen und emotionalen Komposition einsetzt. Das Liebesleiden endet in purer Tragik - sein Frauen-Melodram erweist sich aber insgesamt als ruhiges, süß-poetisches Plädoyer für das Verständnis nach der wahren Liebe anhand der offensichtlich-ergänzenden Harmonie, welche von Anfang an weiß, dass sie eigentlich zum Scheitern verurteilt ist, deshalb in Moll wirkt und dennoch in den ärgsten Stunden noch mit letzten Kräften die Hoffnung wünscht, bis es nicht mehr gelingen kann - quasi die bittere Antithese zum gutgelaunt-rebellischen 'WIR MACHEN MUSIK'.


Zu stark erwürgen sie nämlich die hart-kontrastreichen Räumlichkeiten, welche dem Film einen starken Kammerstück-Charakter verleihen und mit beengender Aussicht die Glückseligkeit versperren; mit jeder Perspektive aufspringen, die des Öfteren auch mit Spiegelbildern erschlossen werden - sowie der Ehemann, dem es trotz aller Leichtlebigkeit nicht gelingen mag, seine Madeleine wirklich verstehen zu wollen. Sein lockerer Umgang kommt bei ihr erst mit der wahren Liebe zum Vorschein und da öffnet sich 'ROMANZE IN MOLL' auch zeitweise einer Unbeschwertheit in Wort, Bild und innigen Blicken, dass man jene Töne für immer halten möchte. Doch die Gewissheit, dass das Notensystem jenen Ton nicht beibehalten kann, macht dem Moll in bitterer Konsequenz alle Ehre. Leider muss es so enden, doch solange die Hoffnung zumindest einmal auffällig nach oben ragt, zeigt sich schon ein Stück vom Himmel. Die Hoffnung darauf verleiht diesem Film sodann seine tragischste und auch erbauendste Kraft - eben vollends dem Titel entsprechend eine 'ROMANZE IN MOLL'.


8 von 10 bedeutsamen Halsketten


vom Witte

Review: WIR MACHEN MUSIK - Eine Harmonielehre über die Liebe

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Fakten:
Wir machen Musik.
D. 1942. Regie und Buch: Helmut Käutner. Mit: Ilse Werner, Viktor de Kowa, Georg Thomalla, Edith Oss, Kurt Seifert, Viktor Janson, Lotte Werkmeister, Ewald Wenck, Grethe Weiser, Karl Hannamann u.a. Länge: 85 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Im Cafe Rigoletto spielt Karl Zimmermann Klavier, weil er Geld verdienen muß. Eigentlich gehört seine ganze Leidenschaft der klassischen Musik, und eine eigene Oper ist in Arbeit. Da lernt er die Schlagersängerin Anni Pichler kennen und will sie sofort zur ernsten Musik bekehren. Doch selbst der Privatunterricht auf seiner Junggesellenbude kann sie nicht überzeugen. Trotz allem finden sich die beiden so sympathisch, dass sie nach kurzer Zeit heiraten. Beruflich geht nun jeder seinen eigenen Weg, aber zu Hause stimmt es nicht. Das Geld wird immer knapper, und Anni muss dazu verdienen. Als Karls Oper auch noch ein Reinfall wird, ist er endgültig am Boden zerstört. Da gelingt es dem Musikverleger Peter Schäfer, ihn dazu zu überreden, Annis neue Show zu instrumentieren. Die Revue wird ein grandioser Erfolg, und Anni erfährt so nebenbei, dass ihr Mann alle Arrangements geschrieben hat. In Zukunft werden sie gemeinsam Musik machen.





Meinung:
Eine wahrhaftig herrliche Screwball-Komödie liefert uns hier Helmut Käutner ab - da schießt er mit Lebenslust und Turbulenz durch die süß-romantische Geschichte von seinem musikalischen Pärchen und bringt trotz aller entspannter, ablenkender Unterhaltung noch einige subversive Elemente ins Spiel, die im Kontext zur damaligen Zeit eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit hätten sein müssen. Das fängt allein schon damit an, dass unser begabter Komponisten-Protagonist Zimmermann (Victor de Kowa) in seiner Handlungs-bildenden Erzählung der letzten, entscheidenden Jahre mit seinem künstlerischen Talent stets am Rande der Geldnot entlang schrammt, weil man ihn kaum beachtet und seinen Drang nach der künstlerisch-erfüllenden Prestige der Oper kategorisch ablehnt. Unterdrückung und Nicht-Anerkennung von Künstlern zur Zeit des dritten Reichs? Kaum vorstellbar, dass man sowas so frei ansprechen konnte - im Rahmen einer Komödie war das dem Käutner dann wohl aber doch erlaubt, erst recht da die Lösung zum Problem fortan so klar vor ihm liegt:


Der Star: Ilse Werner
Das leichtherzige Mädel mit dem fröhlichen Pfiff, Anni Pichler (Ilse Werner), das mit unbedarftem Elan in ihrer 'Spatzen'-Band flotte Liedchen zwischen Tanzmusik und Jazz trällert und dem Zimmermann ganz schön den Kopf verdreht, erst recht als er ihr Musiklehrer wird und sie zudem Privatstunden bei ihm nimmt. Äußerlich gibt er sich natürlich verhöhnend gegenüber ihrem Genre, insgeheim fühlt er sich davon aber auch deutlich angezogen, sowie auch zu ihrem weiblichen Charme. Ihre Signale sind da ohnehin unmissverständlich, kommt sie doch des Öfteren in seine Wohnung vorbei und bringt den unaufgeräumten Saustall in Ordnung. Zwischen den Beiden herrscht dabei zwar noch eine streitsüchtige Ambivalenz, doch ganz nach dem Motto 'Was sich neckt, das liebt sich' finden sie trotz schlagfertiger Ironie im Dialog zueinander - da hat der Zimmermann sich mit seiner Eifersucht doch zu sehr entlarvt, was auch für Anni gilt, die ihre potenzielle Nebenbuhlerin Monika (Grethe Weiser) gewitzt aus dem Rennen wirft. In der Musik mögen sie noch immer nicht ganz zusammenkommen: E- und U-Kunst (welche Anni anhand eines Zitat Bachs als "Gebrauchsmusik für den verliebten Alltag" wunderbar bezeichnend beschreibt) zusammen, wie soll das funktionieren?


Für sich alleine mögen die beiden Genre-Vertreter nicht unbedingt den größten Erfolg haben - auch wenn die populäre Tendenz eher Annis Liedgut empfangen möchte, kann man den Lebensunterhalt damit doch nicht decken, trotz harmonischer Eheschließung. Erneut spricht man mit der Geldnot und einer ungewissen Zukunft ein bei der Reichsleitung relativ unbeliebtes Thema an, was sich auch in dem damaligen Verbot von Rolf Hansens Film 'DAS LEBEN KANN SO SCHÖN SEIN' (1938), ebenfalls mit Ilse Werner, wiederspiegelte, welcher als Drama ebenso die Lebensschwierigkeiten eines jungen Ehepaares im dritten Reich realistisch erläuterte. Derartige Befürchtungen brauchte man 'offiziell' ja gar nicht zu haben, in Käutners Lustspiel gerät diese Problematik hingegen nicht so kritisch in den Vordergrund, da die zwei Liebenden es mit Humor zu meistern verstehen - komplett in den Hintergrund wird dies aber auch nicht verdrängt. Und so muss also ein Konsens für das Fortbestehen dieser Einigung gefunden werden (was ebenso für Regisseur und Propaganda-Ministerium galt), weshalb sich die hingebungsvolle Ehefrau an ihren Verlagschef wendet, um der Oper ihres Mannes zur Veröffentlichung zu verhelfen, welche im gleichen Moment von den dekadenten Herren der Kulturbeurteilung trotz sichtbaren Talents abgelehnt wird. Ein genauer Grund wird nicht angegeben, man schlägt ihm aber zusätzlich vor, seine Fähigkeiten im Auftrag der Unterhaltungsmusik einzusetzen, was er nicht so einfach hinnehmen kann. Ebenso erschütternd wirkt bei ihm das Missverständnis, dass seine Liebste ihn mit dem Verlagschef betrügen würde, selbst wenn sie darauf pocht, ihm lediglich helfen zu wollen - selbst das trifft seinen Stolz und macht ihn rasend, weshalb sich beide erstmal trennen.


Schon damals waren Musiker die Coolsten
Auf eigene Faust verbuchen Anni und ihre Spatzen schon einige Erfolge, wirkliche Erfüllung bringt ihr das aber nicht, was einige wehmütige Sehnsuchtsballaden zur Folge hat. Schlimmer ist es da um unseren Zimmermann bestellt, der mit Müh und Not doch noch seine Oper auf die Bretter bringt, aber dennoch vom Publikum ausgepfiffen wird - nur seine Anni buhlt um Applaus, geht aber im dunklen Wust der Ablehnung unter, was sie auch beim nachfolgenden Treffen mit ihrem verbitterten Noch-Ehemann zu spüren kriegt, der kaum noch aufzumuntern ist und ihr Mitleid nicht haben will. Ist jetzt alles aus? Das kann nicht sein! So ergibt es sich, dass der berüchtigte Verlagschef dem Zimmermann eine Chance gibt und damit endlich das erfüllt, wonach man sich seit jeher sehnte: die Ergänzung von Zimmermanns Talent mit der leichtherzigen 'Trivialmusik' Annis, wenn auch unter anonymer Mitarbeit. Mit jener Verfeinerung erlebt ihre daraus resultierende Revue ein großartiges, prächtiges und verspieltes Debüt, dass einem der Hut wegfliegt und der Bart abfällt, was sich auch visuell in einer prunkvoll-reizenden Aufmachung, nicht unähnlich einer US-amerikanischen Finesse, Montage und Sensation, entsprechend äußert. Da ist auch die Verbindung der beiden Künstlerebenen in privater Liaison nicht weit entfernt und setzt zum vollends harmonischen, süßen Happy-End an.


Nun schließt sich die Rahmenhandlung und das traute Pärchen präsentiert sich zufrieden vor dem Zuschauer, kriegt aber mit harter Forderung die Order zur Verdunklung, was die Beiden mehr oder weniger verschmitzt-abwertend befolgen, da ihnen ja sonst eine Anzeige droht! Wie gewagt von der Spielleitung hier nochmals einen derartig expliziten Alltagsbezug hämisch und kritisch aufzuarbeiten, dass man sich hier im sympathischen, geheimen Widerstand wiederfindet! Und wie sympathisch der Käutner das hinkriegt (womöglich als "Rache" für das Ende von seinem zuvor erschienenen 'AUF WIEDERSEHEN, FRANZISKA!'), beweist seine Inszenierung doch durchgehendes Tempo und virtuose Verspieltheit in der narrativ-elliptischen, doch durch und durch nachvollziehbaren wie auch nachfühlbaren Vermittlung seiner liebenswürdigen, sich gegenseitig öffnenden Künstler-Archetypen. Praktisch scheint da ohnehin, dass er mit den Darstellern jener Figuren einen glücklichen Fang gemacht hat, fand er mit der hier wunderbar freimütig-frech und liebenswert wirkenden Ilse Werner doch seine spätere Idealbesetzung für "La Paloma" in 'GROSSE FREIHEIT NR. 7', während er mit seinem zunächst pedantisch-erscheinenden, doch ebenso weichwerdenden Viktor De Kowa einen Verbündeten für Nachkriegswerke wie 'DES TEUFELS GENERAL' oder 'EIN MÄDCHEN AUS FLANDERN' sah. 


In deren herzlichen Harmonie findet sich sodann der drittgrößte Star des Ensembles wieder: die Musik. Und da strahlt das Herz angesichts der schwungvollen Melodien und enthusiastischen Lyriken, die sich laut Zimmermann in jeder Kunstform essenziell wiederfinden lassen - genauso wie im Leben an sich, weshalb sie auch wie passgenau in erfüllender Schönheit geformt die Herzen zueinander führen. Deshalb ist Käutners Film nicht nur ein drolliges Plädoyer für die Verbindung der Schönheiten der Künste (entweder zur besinnlich-erfüllenden, oberflächlichen Unterhaltung oder eben auch zur subversiven Kritik bzw. dem inneren Widerstand, wie er es selbst hiermit geschafft hat), sondern auch eine liebevolle Vision von humaner, romantischer Einheit gegen alle Widerstände. Bravo!


7,5 von 10 Notenleitern


vom Witte

Review: LUDWIG II. – GLANZ UND ELEND EINES KÖNIGS - Magie, Psychologie und Manie eines Märchenkönigs

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Fakten:
Ludwig II. – Glanz und Elend eines Königs
BRD. 1955. Regie: Helmut Käutner. Buch: Georg Hurdalek. Mit: O.W. Fischer, Marianne Koch, Ruth Leuwerik, Paul Bildt, Friedrich Domin, Rolf Kutschera, Robert Meyn, Klaus Kinski, Rudolf Fernau, Fritz Odemar, Horst Hächler, Walter Regelsberger, Hans Quest u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: freigegebe ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Die Geschichte des weltbekannten bayrischen Königs Ludwig, dem Zweiten, der 1864, am Todestag seines Vaters, mit gerade einmal 18 Jahren zum König gekrönt wurde.





Meinung:
Helmut Käutners Interpretation des Lebens vom König Ludwig II. ist sein 'CITIZEN KANE'. Das bedeutet nicht unbedingt, dass es sein bester Film ist, sondern dass er sich gut und gerne an Orson Welles' BioEpic orientiert hat, sprich an dessen im Grunde fragmentarischen, aber wesentlichen Rise-&-Fall-Dramaturgie vom aufstrebenden Regenten hin zum exzentrischen Einzelgänger und Ausgestoßenen. Die Wirksamkeit eines derartigen Aufbaus wirkt aber auch hier vorzüglich und zeichnet ein packendes Portrait historischer Individualität und schlussendlicher Manie. Stets ist man dabei auf Ludwigs (O.W. Fischer) Seite, der als junger, unbedarfter, bayrischer Monarch zunächst im glitzernden Pomp & Prunk des goldenen Ambientes daran ansetzt, seinem Volk die Schönheit der Kunst nahe zu bringen und einen progressiven, geistigen Fortschritt einzuleiten. Zu diesem Zwecke ersucht er dann auch den Kontakt zu seinem musischen Idol Richard Wagner (dessen Kompositionen quasi als Best-Of den gesamten Soundtrack des Films ausmachen) - eine Begegnung, die beide Herren nicht nur in pathetische und tränenreiche Höhen treibt (da sich beider Drang nach dem Kunstverständnis endlich erfüllen darf), sondern auch starke Konsequenten für das Wesen des Königreichs hat:


Zwei Größen: Kinski und Fischer
Während Bismarck und Co. sich mit strenger, kalter Selbstverständlichkeit dem Krieg zwischen den Völkern um Besitzansprüche und Stellungen ergeben, will Ludwig eine himmlische Zelle um seinen Staat erbauen, die dem Frieden und der Kultur dienlich ist. Doch seine Minister drängen ihn auf jene unliebsamen Pflichten, von denen er sich weitgehend distanziert, baut sich stattdessen lieber Schulden an, um seiner Liebe für die Musik Wagners Ausdruck zu verleihen. Doch auch da erfolgt ein Einschnitt, wonach er diesen seinen Gott schweren Herzens fallen lassen muss. Zu stark stehen da die 'Skandale' um dessen Person im Raum, insbesondere die berüchtigte Beziehung zwischen ihm und der eigenen Schwägerin. Dabei kann Ludwig gerade diese 'verbotene Liebe' am besten nachvollziehen, drängt sein Herz doch seit jeher nach der österreichischen Kaiserin Sissi (Ruth Leuwerik), die in unglücklicher Ehe mit ihrem Franz lebt und sich im Innersten nach ihrem Seelenpartner Ludwig sehnt. Beide verbindet die Erinnerung an eine Kindheit am malerischen See (ein durchweg nostalgisch-wiederkehrendes, naturalistisches Motiv im Film) und die unsterbliche Liebe zur Musik (ihr wallender Busen und stockender Atem im Angesicht von Wagners Tönen und den blutroten Rosen Ludwigs - eine weitere, klare Rosebud-Anspielung - sprechen da für sich) - ihre Seelen schweben durchaus in den Wolken, frei vom Irdischen, doch genau das hält sie voneinander fern.


Selbst der Versuch einer Ablenkung dieser Pein, in Form von Prinzessin Sophie (Marianne Koch), erweist sich für Ludwig als vergebens. Zu sehr ist das junge Frauenzimmer, trotz aller Ehrerbietung für ihren König, von dessen innerem, emotionalen Kern des Abgeschiedenen und Esoterischen bedrückt - kongenial aufgelöst in jener Szene, worin Ludwig sie in einen leeren Opernsaal hineinführt und dort die beschwörenden Anfangsmomente von Wagners 'Rheingold' erklingen lässt. Die Furcht vor dem strahlenden Nirvana - da ist eine Einigung unmöglich. Selbiges gilt sodann in der Politik, welche von Ludwig den Anschluss ans Deutsche Reich verlangt - eine glatte Disharmonie gegen das Wesen des Königs, erst recht, da der eigene Bruder Otto (Klaus Kinski) momentan schwerste Schizophrenie erleidet. Emotionen haben auch dort für Ludwig klaren Vorrang. Jene Entwicklungen zwingen ihn schließlich, äußerlich ein verbrauchtes Wrack, zum inneren Rückzug, fern von den gesellschaftlichen Bestimmungen, hin zur Konstruktion des Himmels auf Erden. Zwischen zahlreichen, atemberaubenden Schlössern, schimmernden Kathedralen ähnlich, dämmert Ludwig seinem eigenen, ekstatischen Seelenheil entgegen, möchte Sissi auf diese Reise mitnehmen, doch auch sie will sich aufgrund ihrer innewohnenden demütigen Bescheidenheit letztendlich nicht so stark von der Erde und den Menschen abheben - weshalb man es auch den stellvertretenden Machthabern nicht ganz übel nehmen kann, dass sie Ludwig absetzen wollen, so wenig er in Sachen Politik noch voranbringen dürfte.


Und dennoch ist sein körperlicher Zerfall in die architektonische Manie der Schönheit hinein (= eine erstrebte Entsprechung zum Körper Sissis) die berauschendste Einheit des gesamten Films, den metaphysischen Höhenflügen eines 'LETZTES JAHR IN MARIENBAD' nicht unähnlich, zieht uns ebenfalls in einen Bann einer Genuss-Romantik, die mit geschickt vermittelter Gewissheit die Folgerichtigkeit der Paranoia nachvollziehbar macht. Jenen geistigen Zustand attestiert man dem Ludwig dann auch, woraufhin er natürlich dementsprechend wutentbrannt reagiert, schließlich bleibt ihm dennoch nur die Aufgabe seiner selbst, nicht aber ohne die Befreiung der Seele vom Irdischen endlich herbeizuführen - natürlich mit der Destination der ursprünglichen Schönheit, dem See, im Sinn. Die Verbindung mit seiner urältesten Liebe, seiner Sissi, erfüllt sich doch noch, wenn auch wie geplant nur auf geistigem Wege. Mit Wagners Tönen dankt er ab, herauf zum Himmel, das Glück ist da, in Blau & Weiß von der Leinwand herabstrahlend.


Ludwig plant sein Schloß... oder eine Schnitzeljagd
Der Patriotismus zu seinem Bayern erhält dabei natürlich auch eine gewisse Liebeserklärung, auch wenn die Liebe zu seinem Volk und umgekehrt eher im Off aufgebaut wird und egozentrisch, gar unausgesprochen bleibt - sowieso kann man sich nur entsprechend spekulativ darauf verlassen, wie sehr Käutners Variante der Geschichte der Wahrheit entspricht (ohnehin musste er laut eigenen Aussagen gewisse Ideen zurückziehen, um den Film überhaupt drehen zu dürfen - die angedeutete Homosexualität Ludwigs, speziell im Hinblick auf seine Vergötterung Wagners, ist aber dennoch gegeben). Es lässt sich jedoch nicht abstreiten, wie formvollendet und stimmig diese chronologische Erfassung des 'Märchenkönigs' als filmische Erfahrung funktioniert, uns jenseits der mondänen Historie & Politik in dessen ambitioniert-verschwenderische, unkonventionelle und leidenschaftliche Seele führt, so dass man sich ebenso nach der Schönheit der Liebe sehnt (so wie es auch Leuweriks Augen hinter ihrer Anständigkeit aufscheinen lassen) und das Himmlische erwarten möchte, dabei sowieso einen unterhaltsamen und spannenden Leidensweg präsentiert bekommt, der durchaus dem Kitsch huldigt, aber dessen psychotronischer Verträumtheit ein entsprechendes Gesicht zwischen Manie und Passion verleiht (erst recht anhand Wagners Sphären als omnipräsente Stimme).


Natürlich steckt darin eine gewisse Verklärung der Realität, aber auch eine entschiedene Ablehnung gegenüber deren Härte (hinsichtlich der Entstehungszeit ohnehin ein Zeichen gegen die militärische Wiederaufrüstung der BRD) - die Überdosis davon rafft den König schlussendlich dahin, aber immerhin hat er seinen Traum ausleben dürfen und fand darin auch ein poetisches, orgasmisches Ende, zumindest im Sinne des hier entfalteten Technicolor-Zelluloids. Im wahren Leben wäre so eine Person an der Macht mehr oder weniger unbrauchbar, aber vielleicht wäre solch eine Unbedarftheit und Nähe zum Zauber, zur Fantasie gar nicht mal unbedingt der falsche Weg - zumindest im Ansatz. Bis dahin darf man sich mit diesem Welles-artigen Exzess zufriedengeben, da bietet Käutner uns dementsprechenden psychologisch-rauschhaften, romantischen Spaß allerfeinster Sorte.


7,5 von 10 prunkvollen Schlössern


vom Witte