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Review: AGUIRRE, DER ZORN GOTTES - Die Erde, über die ich gehe, sieht mich und bebt!

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Fakten:
Aguirre, der Zorn Gottes
BRD, MX, PE, 1972. Regie & Buch: Werner Herzog. Mit: Klaus Kinski, Helena Rojo, Del Negro, Ruy Guerra, Peter Berling, Cecilia Rivera, Daniel Ades, Edward Roland, Alejandro Chavez, Armando Polanah, Nastassja Kinski u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Im 16. Jahrhundert begibt sich ein Trupp spanischer Konquistadoren auf die Suche nach dem legendären Goldschatz von El Dorado im Regenwald des Amazonas. Die strapaziöse Mission endet in einer Meuterei, der herrschsüchtige Aguirre ergreift das Kommando. Getrieben von seinem Ehrgeiz, seiner Gier und seinem realitätsfremden Geltungsbedürfnis, treibt er seine verbliebenen Untergebenen in den sicheren Tod.


                                



Meinung:
"Wenn ich, Aguirre, will das die Vögel tot von den Bäumen fallen, dann fallen die Vögel tot von den Bäumen herunter! Ich bin der Zorn Gottes! Die Erde, über die ich gehe, sieht mich und bebt!"

"Nehm ich, wie viel?"
Ein, in allen Belangen, Wahnsinnsfilm von Werner Herzog. Unter unglaublichen Bedingungen, für die heute lächerliche Summe von 350.000 Dollar gedreht, ist ein Film entstanden, wie er heute nie mehr gedreht werden würde. Die Geschichte einer Expedition durch den dichten Dschungel des Amazonasgebietes lässt von Anfang an nur ein mögliches Ende zu: Tot und Wahnsinn. Die letzte Einstellung, wenn die Kamera um das vom Tod heimgesuchte Floß kreist und Aguirre in seinem Wahn darüber stolziert, fängt dies alles mit einer selten gesehenen Intensität ein. Intensiv ist das Stichwort für das gesamte Werk. Schon in den ersten Szenen wird klar, was für ein physisch und psychisch belastender Kraftakt die Produktion war. Wenn sich der Zug durch das grüne Dickicht des Dschungels und hüfthohen Schlamm kämpft, dabei so dicht und hautnah von der Kamera begleitet, dass es sich anfühlt, als würde man selber dabei sein, ist das so authentisch, wie man es selten zuvor und danach erlebt hat, und das ist erst der Anfang. Es folgen atemberaubende Aufnahmen auf einem reißerischen Fluss, die Kamera ist immer mitten drin, die dadurch vermittelte Kraft ist unglaublich. Was Bilder, Sets und Atmosphäre angeht, ist "Aguirre, der Zorn Gottes" ein einzigartiges Erlebnis. Die gesamte Detailverliebtheit und akribische Umsetzung sucht ihresgleichen.


Only God Forgives, wenn überhaupt.
Die Naturkulisse könnte als Star des Films bezeichnet werden, wenn da nicht die andere Naturgewalt Klaus Kinski wäre. Allein sein physisches Spiel und seine grandiose Ausstrahlung lassen ihn wahrhaft wie den Zorn Gottes wirken. Ein Vulkan, der nur an wenigen Stellen ausbricht, dann aber mit einer Wucht, die, wie man weiß, nicht mal gespielt war. Ein Wahnsinniger, Fluch und Segen zugleich für jeden Filmemacher. Eine unmöglich zu bändigende Bestie, tatsächlich nicht ungefährlich für die armen Seelen, die mit ihm drehen mussten (an der Stelle sei der Audiokommentar der DVD empfohlen, der alles das bestätigt, was sich schon anhand der Bilder erahnen lässt), die dafür aber einen Film mit Szenen beschenkte, wie sie sonst wohl nie hätten entstehen können.


Herzog & Kinski ist ein Meisterwerk gelungen, das einen nach 40 Jahren noch so schwer beeindruckt und fesselt, dass es einen traurig stimmt, warum der deutsche Film seit Jahrzehnten nichts Vergleichbares hervorbringen konnte. Wie schon erwähnt, 350.000 Dollar Budget, alles handgemacht, ohne Tricks und an authentischen Schauplätzen gedreht, wer kann oder will das heute noch? Til Schweiger bestimmt nicht.

9 von 10 Zwiegesprächen mit einem Affen

Review: LUDWIG II. – GLANZ UND ELEND EINES KÖNIGS - Magie, Psychologie und Manie eines Märchenkönigs

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Fakten:
Ludwig II. – Glanz und Elend eines Königs
BRD. 1955. Regie: Helmut Käutner. Buch: Georg Hurdalek. Mit: O.W. Fischer, Marianne Koch, Ruth Leuwerik, Paul Bildt, Friedrich Domin, Rolf Kutschera, Robert Meyn, Klaus Kinski, Rudolf Fernau, Fritz Odemar, Horst Hächler, Walter Regelsberger, Hans Quest u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: freigegebe ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Die Geschichte des weltbekannten bayrischen Königs Ludwig, dem Zweiten, der 1864, am Todestag seines Vaters, mit gerade einmal 18 Jahren zum König gekrönt wurde.





Meinung:
Helmut Käutners Interpretation des Lebens vom König Ludwig II. ist sein 'CITIZEN KANE'. Das bedeutet nicht unbedingt, dass es sein bester Film ist, sondern dass er sich gut und gerne an Orson Welles' BioEpic orientiert hat, sprich an dessen im Grunde fragmentarischen, aber wesentlichen Rise-&-Fall-Dramaturgie vom aufstrebenden Regenten hin zum exzentrischen Einzelgänger und Ausgestoßenen. Die Wirksamkeit eines derartigen Aufbaus wirkt aber auch hier vorzüglich und zeichnet ein packendes Portrait historischer Individualität und schlussendlicher Manie. Stets ist man dabei auf Ludwigs (O.W. Fischer) Seite, der als junger, unbedarfter, bayrischer Monarch zunächst im glitzernden Pomp & Prunk des goldenen Ambientes daran ansetzt, seinem Volk die Schönheit der Kunst nahe zu bringen und einen progressiven, geistigen Fortschritt einzuleiten. Zu diesem Zwecke ersucht er dann auch den Kontakt zu seinem musischen Idol Richard Wagner (dessen Kompositionen quasi als Best-Of den gesamten Soundtrack des Films ausmachen) - eine Begegnung, die beide Herren nicht nur in pathetische und tränenreiche Höhen treibt (da sich beider Drang nach dem Kunstverständnis endlich erfüllen darf), sondern auch starke Konsequenten für das Wesen des Königreichs hat:


Zwei Größen: Kinski und Fischer
Während Bismarck und Co. sich mit strenger, kalter Selbstverständlichkeit dem Krieg zwischen den Völkern um Besitzansprüche und Stellungen ergeben, will Ludwig eine himmlische Zelle um seinen Staat erbauen, die dem Frieden und der Kultur dienlich ist. Doch seine Minister drängen ihn auf jene unliebsamen Pflichten, von denen er sich weitgehend distanziert, baut sich stattdessen lieber Schulden an, um seiner Liebe für die Musik Wagners Ausdruck zu verleihen. Doch auch da erfolgt ein Einschnitt, wonach er diesen seinen Gott schweren Herzens fallen lassen muss. Zu stark stehen da die 'Skandale' um dessen Person im Raum, insbesondere die berüchtigte Beziehung zwischen ihm und der eigenen Schwägerin. Dabei kann Ludwig gerade diese 'verbotene Liebe' am besten nachvollziehen, drängt sein Herz doch seit jeher nach der österreichischen Kaiserin Sissi (Ruth Leuwerik), die in unglücklicher Ehe mit ihrem Franz lebt und sich im Innersten nach ihrem Seelenpartner Ludwig sehnt. Beide verbindet die Erinnerung an eine Kindheit am malerischen See (ein durchweg nostalgisch-wiederkehrendes, naturalistisches Motiv im Film) und die unsterbliche Liebe zur Musik (ihr wallender Busen und stockender Atem im Angesicht von Wagners Tönen und den blutroten Rosen Ludwigs - eine weitere, klare Rosebud-Anspielung - sprechen da für sich) - ihre Seelen schweben durchaus in den Wolken, frei vom Irdischen, doch genau das hält sie voneinander fern.


Selbst der Versuch einer Ablenkung dieser Pein, in Form von Prinzessin Sophie (Marianne Koch), erweist sich für Ludwig als vergebens. Zu sehr ist das junge Frauenzimmer, trotz aller Ehrerbietung für ihren König, von dessen innerem, emotionalen Kern des Abgeschiedenen und Esoterischen bedrückt - kongenial aufgelöst in jener Szene, worin Ludwig sie in einen leeren Opernsaal hineinführt und dort die beschwörenden Anfangsmomente von Wagners 'Rheingold' erklingen lässt. Die Furcht vor dem strahlenden Nirvana - da ist eine Einigung unmöglich. Selbiges gilt sodann in der Politik, welche von Ludwig den Anschluss ans Deutsche Reich verlangt - eine glatte Disharmonie gegen das Wesen des Königs, erst recht, da der eigene Bruder Otto (Klaus Kinski) momentan schwerste Schizophrenie erleidet. Emotionen haben auch dort für Ludwig klaren Vorrang. Jene Entwicklungen zwingen ihn schließlich, äußerlich ein verbrauchtes Wrack, zum inneren Rückzug, fern von den gesellschaftlichen Bestimmungen, hin zur Konstruktion des Himmels auf Erden. Zwischen zahlreichen, atemberaubenden Schlössern, schimmernden Kathedralen ähnlich, dämmert Ludwig seinem eigenen, ekstatischen Seelenheil entgegen, möchte Sissi auf diese Reise mitnehmen, doch auch sie will sich aufgrund ihrer innewohnenden demütigen Bescheidenheit letztendlich nicht so stark von der Erde und den Menschen abheben - weshalb man es auch den stellvertretenden Machthabern nicht ganz übel nehmen kann, dass sie Ludwig absetzen wollen, so wenig er in Sachen Politik noch voranbringen dürfte.


Und dennoch ist sein körperlicher Zerfall in die architektonische Manie der Schönheit hinein (= eine erstrebte Entsprechung zum Körper Sissis) die berauschendste Einheit des gesamten Films, den metaphysischen Höhenflügen eines 'LETZTES JAHR IN MARIENBAD' nicht unähnlich, zieht uns ebenfalls in einen Bann einer Genuss-Romantik, die mit geschickt vermittelter Gewissheit die Folgerichtigkeit der Paranoia nachvollziehbar macht. Jenen geistigen Zustand attestiert man dem Ludwig dann auch, woraufhin er natürlich dementsprechend wutentbrannt reagiert, schließlich bleibt ihm dennoch nur die Aufgabe seiner selbst, nicht aber ohne die Befreiung der Seele vom Irdischen endlich herbeizuführen - natürlich mit der Destination der ursprünglichen Schönheit, dem See, im Sinn. Die Verbindung mit seiner urältesten Liebe, seiner Sissi, erfüllt sich doch noch, wenn auch wie geplant nur auf geistigem Wege. Mit Wagners Tönen dankt er ab, herauf zum Himmel, das Glück ist da, in Blau & Weiß von der Leinwand herabstrahlend.


Ludwig plant sein Schloß... oder eine Schnitzeljagd
Der Patriotismus zu seinem Bayern erhält dabei natürlich auch eine gewisse Liebeserklärung, auch wenn die Liebe zu seinem Volk und umgekehrt eher im Off aufgebaut wird und egozentrisch, gar unausgesprochen bleibt - sowieso kann man sich nur entsprechend spekulativ darauf verlassen, wie sehr Käutners Variante der Geschichte der Wahrheit entspricht (ohnehin musste er laut eigenen Aussagen gewisse Ideen zurückziehen, um den Film überhaupt drehen zu dürfen - die angedeutete Homosexualität Ludwigs, speziell im Hinblick auf seine Vergötterung Wagners, ist aber dennoch gegeben). Es lässt sich jedoch nicht abstreiten, wie formvollendet und stimmig diese chronologische Erfassung des 'Märchenkönigs' als filmische Erfahrung funktioniert, uns jenseits der mondänen Historie & Politik in dessen ambitioniert-verschwenderische, unkonventionelle und leidenschaftliche Seele führt, so dass man sich ebenso nach der Schönheit der Liebe sehnt (so wie es auch Leuweriks Augen hinter ihrer Anständigkeit aufscheinen lassen) und das Himmlische erwarten möchte, dabei sowieso einen unterhaltsamen und spannenden Leidensweg präsentiert bekommt, der durchaus dem Kitsch huldigt, aber dessen psychotronischer Verträumtheit ein entsprechendes Gesicht zwischen Manie und Passion verleiht (erst recht anhand Wagners Sphären als omnipräsente Stimme).


Natürlich steckt darin eine gewisse Verklärung der Realität, aber auch eine entschiedene Ablehnung gegenüber deren Härte (hinsichtlich der Entstehungszeit ohnehin ein Zeichen gegen die militärische Wiederaufrüstung der BRD) - die Überdosis davon rafft den König schlussendlich dahin, aber immerhin hat er seinen Traum ausleben dürfen und fand darin auch ein poetisches, orgasmisches Ende, zumindest im Sinne des hier entfalteten Technicolor-Zelluloids. Im wahren Leben wäre so eine Person an der Macht mehr oder weniger unbrauchbar, aber vielleicht wäre solch eine Unbedarftheit und Nähe zum Zauber, zur Fantasie gar nicht mal unbedingt der falsche Weg - zumindest im Ansatz. Bis dahin darf man sich mit diesem Welles-artigen Exzess zufriedengeben, da bietet Käutner uns dementsprechenden psychologisch-rauschhaften, romantischen Spaß allerfeinster Sorte.


7,5 von 10 prunkvollen Schlössern


vom Witte

Review: COBRA VERDE - Das Ende einer Ära

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Fakten:
Cobra Verde
BRD, 1987. Regie & Buch: Werner Herzog. Mit: Klaus Kinski, King Ampaw, José Lewgoy, Salvatore Basile, Peter Berling, Guillermo Coronel, Nana Agyefi Kwame II, Nana Fedu Abodo u.a. Länge: 106 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Der ehemalige Rinderzüchter Francisco Manoel da Silva muss sein Geld in Brasilien inzwischen als Tagelöhner verdienen. Als ihm sein Sold vorbehalten wird, erschlägt er seinen Vorarbeiter. Nun ist er als Outlaw Cobra Verde bekannt. Er landet auf einer Zuckerrohrplantage und wird dort selbst zum Vorarbeiter. Nicht lange, denn nachdem er die drei Töchter des Besitzers schwängert, wird er zur Strafe nach Afrika geschickt, um neue Sklaven für die Plantage zu beschaffen. Ein Himmelfahrtskommando, denn der König von Dahomey gilt als wahnsinnig und hat den Sklavenhandel schon lange eingestellt. Trotzdem läuft zunächst alles ungeahnt positiv. Bis Francisco in einen Aufstand gegen den diabolischen König gerät. Er wird zum Revolutionsführer uns später sogar zum Vize-König.



                                                                                   








Meinung:
Die fünfte und letzte Kooperation von Regisseur Werner Herzog und seinem liebsten Feind Klaus Kinski bildet einen unrühmlichen Abschluss einer von Wahnsinn geprägten Ära, die dafür immer enorm fruchtbaren Ertrag einbrachte. Es wird wohl niemals wieder eine so merkwürdige, schwierige, gar lebensgefährliche (wenn man alle übermittelten Details als solche absolut ernst nimmt, was durchaus im Bereich des Möglichen liegt) Dauer-Partnerschaft geben, der wohl jeder Filmfreund einen würdigeren Schlusspunkt gewünscht hätte. Die Vorraussetzungen waren dafür wie geschaffen, doch aus verschiedenen Gründen ist "Cobra Verde" nur ein trauriger Schatten von dem, was das Duo Herzog/Kinski vorher für den deutschen Film geschaffen hat und wohl für die Ewigkeit einzigartig machen wird.


Kinski vor seinem Karrieregrab.
Die Hauptkritik richtete sich seinerzeit gegen Kinski, was jedoch viel zu einfach und wenig objektiv wäre. Zweifellos lagen die großen Zeiten von Crazy-Klaus hinter ihm. Oft wirkt er kraftlos und ausgemergelt. Seine impulsive, urgewaltige Energie kommt nur selten zu Geltung und selbst dann erscheint es oft nur wie ein müdes Aufbäumen. Kinski war zu der Zeit schon recht weit unten, keine Frage. Für Schrott hat er sich Zeit seiner Karriere hergegeben, nur in den späten 80ern ging es kaum noch tiefer. Im grob gleichen Zeitraum wie "Cobra Verde" erschienen beispielsweise die Perle "Crawlspace", billigster US-Horror-Trash, der allerdings (wie man hier auch nachlesen kann) insgesamt sogar "besser" abschneidet (subjektiv gesehen) als dieser Film. Warum? Trash ist Trash. Punkt, aus, fertig. Da gibt es nicht viel zu interpretieren oder gewollten Anspruch, so was muss sich unter nicht vergleichbaren Massstäben messen lassen. Und wer muss nicht grinsen, wenn eine vollkommen durchgeschepperter Klaus Kinski als Organ-sammelnder Hausmeister wüst geschminkt auf dem Dachboden den Hitlergruß macht und später mit einem Schlitten durch die Lüftungsschächte flitzt? Das ist das Ding. "Cobra Verde" ist eine ganz andere Nummer. Herzog will erneut großes Kino machen und versucht ein letztes Mal, "seinen" Klaus vergangener Tage aufleben zu lassen. Kinski wirkt bemüht, aber nicht mehr in der Lage.


Klaus dreht durch...mal wieder.
So, aber nun zum wohl eigentlichen Sündenbock, und das ist Werner Herzog, sonst (bis dahin) wenig angreifbar, was sein filmisches Schaffen darstellte (im Gegensatz zu Kinski). Seine sehr eigenwillige Interpretation der Buchvorlage "Der Vizekönig von Ouidah" von Bruce Chatwin ist schlicht nicht geglückt und entbehrt Stärken, die Herzog sonst aus dem Effeff beherrscht. Hastig und unvollkommen holpert die Handlung (speziell zu Beginn) vor sich hin, ein Fluss zwischen den Szenen ist eigentlich nicht auszumachen. Eine gesunde Überlänge hätte dem Film definitiv gut getan. So hetzt Herzog in einem ungewohnt hektischen Tempo durch die Handlung, nimmt ihr dabei viel Verständniss und lässt es zur bloßen Aneinanderreihung von Momenten verkommen, von denen auch nur wenige über eine gewisse Größe verfügen. Das einzige Plus des Films - neben der eigentlich interessanten Geschichte - ist die Fähigkeit von Herzog, Einzelsequenzen durchaus imposant zu inszenieren, was man im heutigen deutschen Kino so gar nicht mehr kennt. Hält man sich dagegen jedoch seine thematisch ähnlich gelagerten Meisterwerke "Aguirre, der Zorn Gottes" und "Fitzcarraldo" vor Augen erkennt man das nicht nur Kinski, sondern viel mehr Herzog hier hinter den Erwartungen zurückbleibt, um es mal gnädig zu formulieren. Was hätte das für ein Film sein können, nur das Resultat ist eine leere Hülle, narrativ schon fast fahrlässig schludrig und ohne die immense Kraft, die eigentlich zu erwarten wäre. Authentische Kulissen und Statisten sind da das Mindestmaß, was man erwarten darf, das ist geglückt. Sonst wirkt "Cobra Verde" wie ein gescheitertes Großprojekt mit viel Potenzial und noch mehr selbstgesetzten Anspruch, was einfach nicht erfüllt wird. Die Handlung und die Figur des Cobra Verde bleiben unfertige Baustellen, grob vorgetragen und lassen nur ganz kurz die Ansätze erkennen, die Herzog wohl vorschwebten.


Lediglich zum Ende wird "Cobra Verde" doch noch leicht interessant und wirkungsvoll, da findet Herzog endlich mal die Ruhe, um Dinge wirken zu lassen. Nur viel zu spät. Das Finale scheint sinnbildlich für das Ende der Partnerschaft Herzog/Kinski. Ein gebrochener Mann kämpft hoffnungslos mit einer viel zu schweren Last. So sehr er sich bemüht, das Boot will einfach nicht zu Wasser gelassen werden. Müde versinkt er in der Brandung. Melancholisch, da so wahr, aber das kann unmöglich der Sinn und Zweck von Herzog gewesen sein, sonst hätte er wissentlich den Film versenkt. Traurig. Fin. Endgültig.


4,5 von 10 Szenen einer Ehe.

Review: JACK THE RIPPER - Kinski, der Hurenschreck

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Fakten:
Jack the Ripper
CH, BRD, 1976. Regie & Buch: Jess Franco. Mit: Klaus Kinski, Josephine Chaplin, Andreas Mannkopff, Herbert Fux, Lina Romay, Nikola Weisse, Ursula von Wiese, Hans Gaugler, Olga Gebhard, Peter Nüsch u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Im London des 19. Jahrhunderts treibt der Prostituiertenmörder Jack the Ripper sein Unwesen. Niemand vermutet, dass der introvertierte, höfliche und scheinbar herzensgute Arzt Dr. Orloff dieses Monster ist. Inspektor Selby von Scotland Yard setzt alles daran, den Killer endlich dingfest zu machen. Unterstützung bekommt er dabei von einem Blinden mit ausgeprägtem Geruchsinn und von seiner Geliebten Cynthia, die dem Ripper eine riskante Falle stellt...


                                                                           
Meinung:
Eine schweizer/deutsche Produktion um den legendären Huren-Mörder, geschrieben und inszeniert von europäischen Exploitation- und Trashvieldreher Jess Franco, der kürzlich das Zeitliche segnete. Fleissig war der Mann, die Qualität der meisten seiner Arbeiten kann diplomatisch als "geschmacksabhängig" bezeichnet werden. Das trifft sicherlich auch auf seinen "Jack the Ripper" (toller italienischer Alternativtitel übrigens: "Erotico Profondo") zu, allerdings anders als erwartet.
Das kostet extra.
Franco wirkt sehr bemüht, diesen Film nicht unweigerlich in die Euro-Trash Ecke zu stellen. Er wollte wohl einen Film machen, der ein breiteres Publikum anspricht und verglichen mit seinem sonstigen Output ist ihm das sogar geglückt. Allein handwerklich kann das Werk erfreulicherweise positiv punkten. Die Kameraarbeit ist sauber, die Sets zwar nicht besonders Zahlreich, dafür schön stimmungsvoll eingefangen, schattiert und reichlich vernebelt, die Ausstattung gut, der dezent eingesetzte Score, in erster Linie das prägnante Titelstück, wirkungsvoll. Das hat nicht viel - eher sogar nichts - von billigem Euro-Trash-Kino und ist im Bezug auf die Mittel absolut gelungen. Zudem überrascht Franco durch eine kaum reisserische Inszenierung. Das Tempo ist bewusst eher gedrosselt, Gore und Schweinereien halten sich sehr in Grenzen. Klar, nackte (Frauen)Haut hatte der alte Jess schon ganz gerne, nur baumeln hier nicht völlig sinnlos die Euter durchs Bild. Wenn der Ripper seine Opfer erlegt, ist das im sexuellen, Mutterkomplex belasteten Motiv angebracht. Etwas Gore darf dann auch nicht fehlen, es begrenzt sich dabei jedoch auf wenige Szenen, die heute sicher nicht mehr für erhöhten Speichelfluss bei Blutwurstfreunden sorgt. Wenn schon die FSK das nicht mehr indizierungswürdig findet, dürfte alles klar sein.
 


Jack, der Stecher.
Bei der Besetzung hat Franco dann einige Asse im Ärmel. Klaus Kinski ist natürlich wie gemalt für diese Rolle, ihn dafür zu gewinnen kann auch kaum schwer gewesen sein - wenn er pünktlich und ansprechend bezahlt wurde, hat der eh alles gedreht und daraus ja auch nie ein Geheimnis gemacht. Dafür hat er es oft mit engagierten Leistungen belohnt (der Preis dafür waren dann Nervenzusammenbrüche der Crew), so auch hier. Kinski schaltet angenehm zurück und vermeidet die grossen Ausraster, was gut zu seinem Rollenprofil passt. Nur selten und kurz dreht er mal durch, dabei nie zu stark drüber, meistens verkauft er seinen von innerer Unruhe und Trieb gesteuerten Charakter sehr angemessen. Die bezaubernde Josephine Chaplin ist ein echtes Eye-Candy und der markante Herbert Fux war immer ein gern gesehener Nebendarsteller. Das passt schon alles.
Klingt jetzt alles sehr positiv, dass richtig Gelbe vom Ei ist der Franco-Ripper dann (natürlich?) doch nicht. Paradoxerweise liegt es wohl daran, dass Franco hier einen Film gemacht hat, der eigentlich um einiges "besser" (wie gesagt, geschmacksabhängig) ist, als seine sonstigen Arbeiten. Oder es eben sein will. Spannend ist der Film nur bedingt, oft sogar wenig, erzählerisch keine Leuchte. Da Trash und niedere Bedürfnisse hier nur im Hintergrund stattfinden, kann der Film eben weder in die eine, noch die andere Richtung voll überzeugen und schleppt sich zuweilen arg dahin. Das enttäuschende, verschenkte Finale bestätigt leider den Eindruck, dass Franco einfach nicht für so was geschaffen war.
Mit mehr Feinschliff am Script hätte "Jack the Ripper" sogar ziemlich gut werden können. So ist es ein ambitionierter und aufgrund seiner Vorzüge auch nicht zu verachtender Film für Freunde dieses Genres, aber eben auch keine echte Empfehlung. Kann, muss aber nicht. Schade.
5,5 von 10 Bordsteinschwalben.