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Review: TONI ERDMANN - Maren Ade räumt mit dem Furzkissen im Selbstverständnis der Spießer auf

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Fakten:
Toni Erdmann
BRD. 2015. Regie und Buch: Maren Ade. Mit: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl, Trystan Pütter, Hadewych Minis, Lucy Russell, Ingrid Bisu, Vlad Ivanov, Victoria Cocias, Radu Banzaru, Anna Maria Bergold, Niels Bormann, Ingrid Burkhard, Manuela Ciucur, Cezara Dafinescu u.a. Länge: 162 Minuten. FSK: noch keine Freigabe. Ab 14.Juli 2016 im Kino.


Story:
Winfried Lau (Peter Simonischek) ist 65 Jahre alt, Musiklehrer und für jeden Spaß zu haben. Als allerdings sein langjähriger Begleiter und treuer Hund stirbt, entschließt er sich zu einer spontanen Reise nach Rumänien. In Bukarest, der Hauptstadt des osteuropäischen Landes, will er seine Tochter Ines Conradi (Sandra Hüller) mit seinem Auftauchen überraschen.




Meinung:
So langsam hat es sich ja allmählich herumgesprochen, dass der deutsche Beitrag der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes, „Toni Erdmann“, mit reichlich Wohlwollen beschenkt wurde. Maren Ade hat offenbar den Nerv der Zeit getroffen und bereits Meinungen eingeholt, nach denen es schwer wird, noch Ergänzungen zu finden. Ich weiß nicht, ob bereits jemand anderes darauf gekommen ist, aber von der grundlegenden Geschichte her könnte man ja zunächst etwas vom Kaliber eines „Tommy Boy“ erwarten.


Toni und Ines auf engstem Raum
Was aber jener eben genannte und thematisch ähnliche Vertreter von Komödien, welche die Wandlung von Karrieremenschen in bodenständige Zeitgenossen der Eigenarten zeichnen, eher aus dem Auge lassen, ist die Empathie jenseits der Stilisierung ins bewusst Komödiantische. Regisseurin und Autorin Ade erdet ihren Humor stattdessen in der Schlichtheit der Menschenkenntnis, lenkt die Dynamik von Vater Winfried (Peter Simonischek) und Tochter Ines (Sandra Hüller) ohne externe Emotionalisierungen, aber dennoch treffsicher zu Konflikten, Herz und Verständnis. Wie sieht es da mit Klischees und Lebensweisheiten aus? Gründlich mager gottseidank. Ade lässt ihre Charaktere keine Szene machen, wenn die Individuen sich aneinander reiben, dafür wird das mehr oder weniger gebilligte Einverständnis zur Demut zentral angewandt. Selbst ein notorischer Witzbold wie Winfried findet da also nicht den Anschluss, bleibt aber der nette Chaot sowie die Art von Vaterfigur, die sich nicht zu forciert ins Leben (also auch das seiner Kinder) einmischen und dennoch daran teilhaben will. Solche Eigenarten reflektiert man wohlgemerkt in der Beobachtung der Person an sich, weniger an dialoggeschwängerter Erklärungsmasche.


Nicht das Einzige Mal, dass Ines eine Peinlichkeit durchstehen muss
Im Kontrast dazu ist Tochter Ines als Unternehmensberaterin binnen Rumänien ebenso etwas abgetrennt vom Leben dort, eben in der Männerwelt der Chefetagen unterwegs. Im Rahmen des Team Spirit des Kapitalismus, der entkoffiniert auf die Bilanz menschlicher Ressourcen blickt und Frauen sowieso nicht wirklich ernst nimmt, versucht sie sogar ihre Hoffnung auf echtes Glück der Diplomatie halber auszuklammern, doch sobald das Patriarch zu Besuch kommt, gerät jenes Gerüst ins Wanken. Winfried nimmt die Herrschaften und Hierarchien eben doch nicht ganz so ernst, begegnet ihnen eher vom face value her, auch wenn diese von oben herab auf ihn blicken. In jenen Begegnungen mausert sich Ade's Film recht natürlich zum Crowdpleaser, trotz 162 Minuten an Laufzeit. Die Erfahrung bleibt aber stets bittersüß, wenn Ines sich für das Leichtfüßige und Clowngehabe ihres Vaters schämt, obgleich die Scham der Contenance halber kein Vergleich zur Misogynie der Vorstandslappen mit Wanst im Boss-Jackett darstellt. Die Unterdrückung des Eigenen hat hier eben echtes Gewicht und muss sich nicht als Cartoon äußern, wenn die reale Lage globalen Finanzmanagements eben soziales Taktgefühl vermissen lässt. Man wird aber auch sehen, dass Ines Kontrolle über die Unverschämtheiten der Männlichkeit haben kann, Biss vorweist und Ideale vertritt, doch es stehen noch zu viele Hürden der Verletzlichkeit im Raum, solange sie als Tochter ihren Vater rechtfertigen zu müssen glaubt. Also denkt der sich eine abgekoppelte Identität aus und überrascht mit Furzkissen, ohne die Liebe zu seiner Tochter direkt mit hineinziehen zu müssen, wenn er spielerisch die High Society unterwandert.


Vater Winfried in Natura
An seinem Ansatz findet Ines schon Gefallen, auf dass sie ihn sogar ohne Vorankündigung mit ins Geschäft reinlässt, so ein Spiel der Identitäten ist an sich aber durchaus auch ein trauriger Umstand fürs Vater-Tochter-Verhältnis, der in seinen Pointen sowohl den größten Lacher als auch den emotionalen Herzstich schlechthin zurücklässt. In der Wechselwirkung einer klassischen Dramödie muss man hier aber festhalten, dass Ade eben nicht auf Gagdichte setzt oder Dialoge bewusst mit dem anhäuft, was man für gewöhnlich an vermeintlich witzigem Schlagabtausch und popkulturellen Referenzen serviert bekommt. Improvisatorische Impulse vermengen sich durchaus mit Alltäglichkeit und an sich schon absurdem Business-Talk, aber es wird sich gewiss nicht durch reißerische Eindrücke gehetzt, so wie ja im Folgenden nicht nur behauptet werden soll, dass sich Ines wieder dem Eigenen und Menschlichen nähert. Die Schere von ihrer Stellung und derer anderer wird auch nicht mit Nachdruck in den Vordergrund gerückt, gleichsam werden die Antagonisten in diesem Rahmen nicht grundlos Arschlöcher bleiben.


„Toni Erdmann“ (den Kontext zu diesem Namen lass ich mal ausgeklammert) besitzt da reelles Feingefühl und schöpft seine Liebe abseits jedweder Genre-Regeln aus dem Unausgesprochenem, konstruiert die Katharsis in seinen Charakteren auch nicht aus vorgefertigten Wegbeschreibungen, sondern eben aus der Wertigkeit des Moments, aus Impuls und Willkür das zeigend, was man wirklich ist und was man sich zu schenken hat. Wie viel Kitsch in solchen Pfaden drin stecken könnte, braucht man mit fixem Blick aufs Feelgood-Programmkino ja wohl nicht erwähnen (siehe „Ein Hologramm für den König“), für etwaiges Spießertum bietet Maren Ade höchstens zum Schluss einen womöglichen Sinn des Lebens an, ansonsten macht sie es durchweg ihrem Winfried gleich: Ein freier und wuschiger Umgang mit der Welt und den Erwachsenen ihrerseits, keineswegs deren Belange aus den Augen lassend, Kurzweiligkeit und Stille, Leichtes wie Schweres wertschätzend, wie die menschliche Erfahrung in ihrer Offenheit eben für immer spannend bleibt, wenn man sie denn fördert.


8 von 10 Whitney Schnucks


vom Witte

Review: THE WORLD OF KANAKO - Beißender Schmerz in Filmform

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Fakten:
The World of Kanako (Kawaki)
J. 2014. Regie: Tetsuya Nakashima. Buch: Tetsuya Nakashima, Nobuhiro Monma, Miako Tadano, Akio Fukamachi (Vorlage). Mit: Koji Yakusho, Nana Komatsu, Satoshi Tsumabuki, Joe Odagiri, Fumi Nikaido, Ai Hasimoto, Jun Kunimura u.a. Länge: 118 Minuten.
FSK: keine Jugendfreigabe. Auf DVD und Blu-Ray im freien Handel erhältlich.


Story:
Der Ex-Polizist Akikazu soll sich, von seiner Ex-Frau beauftragt, auf die Suche nach deren gemeinsamer Tochter begeben, die seit ein paar Tagen verschwunden ist. Je weiter Akikazu in seinen Nachforschungen kommt, desto mehr wird ihm bewusst, dass seine Tochter gar nicht das liebe Mädchen ist, für das er sie immer gehalten hat.





Meinung:
Tetsuya Nakashima hat mit „The World of Kanako“ eines der Highlights des diesjährigen Fantasy Filmfests abgeliefert. Fünf Jahre hat die Filmwelt zuvor auf ein neues Werk des Japaners warten müssen, nachdem er mit „Geständnisse“ (2010) geschockt, geekelt und vor allem erschüttert hat. „Kawaki“, wie „Kanako“ im Original heißt, hat dabei schon mit ordentlich überraschender PR von sich reden gemacht. Der Regisseur Nakashima musste sich nämlich für die Gewaltdarstellung in seinem neuen Film entschuldigen, nachdem diese kritisiert wurde. Wer hätte gedacht, dass es im Filmland von Shion Sono Grenzen gibt, was Gewalt in Filmen betrifft? Der Verfasser dieser Kritik sicher nicht. Die Erwähnung von Shion Sono ist dabei gar nicht so Fehl am Platze, denn wer schon einmal Zeuge von dessen Filmkunst wurde, der wird sich bei der Sichtung von „Kanako“ sehr an dessen Arbeit erinnert fühlen.


Die Suche nach seiner Tochter wird kein Zuckerschlecken
Der Film öffnet mit einem Zitat. „Nur ein verwirrter Geist hält eine Epoche für verwirrt.“ Ein Satz, den man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen sollte, weil in diesen neun Worten mehr Wahrheit steckt als manch einer in seinen kompletten Film bekommt. Die Ruhe des eingeblendeten Satzes in weißer Schrift auf schwarzem Grund, man sollte sich nicht an sie gewöhnen. Ihr Schein trügt, denn Nakashima beginnt seinen Film hektisch und bremst ihn dann mit der Zeit immer weiter aus. Das Wunder und Zeugnis Nakashimas Kunst ist die Tatsache, dass der Film dramaturgisch nie nachlässt, den Zuschauer, obwohl er langsamer wird, immer fester in seinen Würgegriff bekommt und man als Publikum immer mehr gewillt ist, Schweiß, Tränen und Hirnzellen zu investieren. Die Hektik aber, sie beginnt komplett unvermittelt. Hektik, die nicht nur aus der schnellen und chaotischen Schnitttechnik herrührt, sondern auch aus den Gegensätzen, die der Regisseur hier stets anwendet. Es ist Heilig Abend, die Stimme eines Mädchens flüstert ein Liebesbekenntnis, ein Mann murrt seine Mordesabsichten. Ein Chor besingt in engelsgleichen Tönen das Weihnachtsfest, nackte Frauenfeinde tanzen im Club. Die Heilige Maria schaut liebevoll, mit in Demut gesenktem Haupte an sich herab, Jugendliche eskalieren auf einer Party, in einem Konfetti-Regen.


Sieht ganz nach einem Unentschieden aus
Acht Monate später (nur eine von vielen, vielen Zeitangaben, die Nakashima nutzt) sind drei Menschen tot. Ob als Folge auf das Gesehene oder ob die Geschehnisse gar nichts miteinander zu tun haben, weiß man nicht. Es ist nicht einfach, einen Sinn in die Montagen und Menge aus Schnitten zu bringen. Mehr noch, die Anstrengungen lohnen sich wahrscheinlich nicht, es wäre die bessere Wahl, sich aufmerksam zuzusehen, als schon zu versuchen, in der ersten halben Stunde, den Film verstehen und durchschauen zu können. Das wird nämlich nichts, was einerseits verwirren mag, aber andererseits einer Wohltat gleichkommt. Auftritt Akikazu, Kanakos Vater und Ex-Polizist. Ein Mann, der in jeder einzelnen Sekunde des Filmes schwitzt, der immer säuft, auf den Bürgersteig irgendeiner Straße kotzt, Leute anrempelt und sie dann anschreit. Akikazu ist ein Energiefeld, eine Bombe. Ein Mann, der Schläge austeilt, um seine Liebe zu bekunden, der eigentlich seine Familie wiedervereinen möchte und deshalb seine Frau windelweich prügelt. Die Gegensätze dominieren den Film für eine ganze Weile, sie sind quasi das einzige Maß in dieser Welt, die einzige Chance zur Orientierung. Der Zuschauer soll es sich gar nicht erst gemütlich machen oder eine Anschlussmöglichkeit finden, er soll den Boden unter den Füßen verlieren und keine Ahnung haben, an wen oder was im Film er sich klammern sollte, um wenigstens heile rauszukommen. Akikazu ist ein Wrack, der Zuschauer soll es werden.


Was gibt's da wohl zu tuscheln?
Um eben dies zu erreichen, bedient Regisseur Nakashima sich verschiedenen Stilistiken, von Comic-Look bis Grindhouse, von Thrill bis Teenie-Film. Der tiefsitzende Zynismus, der jedoch den ganzen Film überspannt, ungeachtet dessen, welches Subgenre er grade bedient, wird in all seiner Kraft deutlich, wenn Nakashima einmal mehr die Gegensätze aufeinanderprallen lässt. Er erzählt eine Szene des Films im Stile der Coming-of-Age-Filme, inklusive subjektivem Voice-Over, leichter Gitarrenmusik und einem Jungen, der in der Schule nicht beliebt ist, weshalb er sich vom Haus stürzt, auf den Boden klatscht und das Blut langsam von unten ins Bild geschossen kommt. Der Regisseur führt die übertrieben absurde inhaltliche Ebene aus „Geständnisse“ nun auf der visuellen Ebene ein und genau da lässt Shion Sono herzlich grüßen. Der fast schon klischee-durchtränkte Charakter des kaputten Polizisten, er wird hier verdreht, ins Absurde überhöht und letztendlich zum Bereich des schwer Verdaulichen gedrückt. Die gezeigten Existenzen sind nicht kaputt, sie sind so am Ende, dass sie mit blutigem Gesicht vorm Spiegel stehen und im Anblick ihrer Schäden Euphoriee empfinden. Menschen, die umgebracht werden wollen, Menschen, die andere für die gleiche Tat töten wollen, die sie begangen haben. Menschen, die anderen mit ihren Stiefeln in den offenen Gedärmen herumstochern. Manchmal fehlt da die Orientierung, keine Ahnung, wo Nakashima hin will. Zurück kommt man jedenfalls nicht.


„The World of Kanako“ von Tetsuya Nakashima ist ein bleischweres und heiß glühendes Vehikel von Film. Wahrscheinlich täte man gut daran, den Film als Komödie zu verstehen, als eine pechschwarze, kranke, ekelhafte, unmenschlich nihilistische Groteske zwar, aber als Komödie nichtsdestotrotz. Kann man sich damit von Beginn an arrangieren, gibt es wahrscheinlich nichts, was dem Film nicht gelingt, dann ist das Werk wahrscheinlich nicht zu toppen, quasi (einmal mehr im Gegensatz zu seinen Charakteren) unkaputtbar. Der Autor dieser Kritik hat diese Erkenntnis jedoch erst ab der Hälfte der Laufzeit bekommen und deshalb einen etwas schwierigeren Einstieg gehabt. Letzten Endes scheint es vollkommen überflüssig, nach tieferem Sinn zu forschen und nachzudenken, ob das hier ein Film über Liebe sein soll oder was zum Teufel hier eigentlich vor sich geht. Schließlich ist diese gedankliche Leere und Orientierungslosigkeit die Antwort selbst; die Aussage aus keiner Aussage. Die Antwort auf keine Frage. Der Widerspruch eben, der sich durch den ganzen Film zieht. Wer immer nur verletzt wird, braucht keine Gefühle. Zumindest in der Vermittlung dessen ist dieser Film meisterhaft.


8 von 10 schockierenden Entdeckungen


von Smooli

Review: CLOWN – Es hat sich ausgelacht!

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Fakten:
Clown
CA/US, 2014. Regie: Jon Watts. Buch: Christopher D. Ford, Jon Watts. Mit: Andy Powers, Laura Allen, Peter Stormare, Eli Roth, Elizabeth Whitmere, Christian Distefano, Chuck Shamata u.a. Länge: 100 Minuten.
FSK: Ungeprüft. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Als der Clown-Auftritt für den Kindergeburtstag seines Sohns kurzfristig abgesagt wird, schlüpft Familienvater Kent schnell selbst in das Kostüm, das er auf dem Dachboden findet. Am nächsten Tag wundert er sich hingegen, dass er Nase, Perücke und Anzug nicht mehr ausziehen kann. Von nun an beginnt für Kent eine grausame Metamorphose, bei der er sich immer mehr in ein Monstrum verwandelt, das einen großen Appetit gegenüber Kindern verspürt.






Meinung:
Die knalligen Haare. Eine rote Knollennase. Das breit geschminkte Lächeln. Der bunte Anzug. Clowns sind eigentlich schon immer dafür gedacht, vor allem die Kleinen zum Lachen zu bringen, für Spaß zu sorgen und gute Laune zu verbreiten. Trotzdem üben sie seit jeher auf sehr viele Menschen ein unangenehmes Gefühl bis hin zur puren Angst aus. Sogar eine eigene Phobie, die sogenannte Coulrophobie, findet sich in der Realität genauso wie in der Fiktion, vor allem in Horrorfilmen, immer wieder.


Mehr ein trauriger als ein glücklicher Clown: Vater Kent
"Clown" von Regisseur Jon Watts ist solch ein Film, welcher den Mythos des Clowns als uraltes, dämonisches Wesen nordeuropäischer Kulturen umfunktioniert. Nachdem Kent, ein Immobilienmakler und Familienvater, ein offensichtlich verfluchtes Clowns-Kostüm nicht mehr von seinem Körper abbekommt, muss er mit Entsetzen feststellen, dass er sich schleichend aber auf erschreckende Weise selbst in ein anderes Wesen transformiert. Wer nun fälschlicherweise annehmen könnte, bei dem von Torture-Porn-Legende Eli Roth produzierten Streifen würde man nach dieser Ausgangslage eine bizarre Tötungsorgie im makabren Gewand vorgesetzt bekommen, liegt teilweise stark daneben. Über die gesamten ersten zwei Drittel hinweg ist "Clown" nämlich gar kein wirklicher Horrorfilm, sondern eine recht gewaltfreie Verbindung von Drama und Thriller. Wenn Kent versucht, das Kostüm, welches mit seinem Körper wie verwachsen zu sein scheint, mit einem elektrischen Brot-Messer abzulösen, ihm nach und nach Zähne ausfallen, Finger sowie Zehen größer wachsen oder ein überlautes Magenknurren vor allem in der Gegenwart von kleinen Kindern überkommt, dringt der Streifen eher in Dimensionen vor, die an Body-Horror-Eskapaden des berüchtigten David Cronenberg erinnern. Auch bezüglich der Figurenkonstellation schlagen Watts und sein Co-Autor Christopher D. Ford vorwiegend ernste Töne an. Da Kent´s Ehefrau ihrer Freundin gleich zu Beginn eine Schwangerschaft offenbart und dieser selbst einen kleinen Sohn hat, lenken die Drehbuchautoren das Szenario immer wieder in dramaturgische Bahnen, in denen sie eine richtige Emotionalität anstreben.


Ronald McDonald sieht rot
Ziemlich genau nach einer Stunde zerfällt dieses Konzept allerdings zunehmend. Anscheinend wusste man mit dem dramaturgischen Potential einer Schilderung des qualvollen, körperlichen Zerfalls in bizarre Ausmaße sowie den Auswirkungen auf das nahe Umfeld nicht mehr allzu viel anzufangen. "Clown" mutiert in seinem letzten Drittel weitestgehend zu einem banalen Slasher, der ziemlich spannungsfrei und noch dazu sehr ungruselig daher kommt. Auffällig sind lediglich einige heftige Splatter-Effekte und der allgemein moralisch fragwürdige Tonfall, denn immerhin hat man es hier mit kleinen Kindern zu tun, die dem monströsen Clown-Dämon gnadenlos zum Opfer fallen und auch schon mal auf derbe Art und Weise in zwei Hälften zerrissen werden. Auch wenn die Make-Up-Abteilung gute Arbeit abgeliefert hat, wobei vor allem das Design des Clown-Mensch- Monster-Hybriden wirklich gelungen ist, und die Inszenierung allgemein grundsolide ausgefallen ist, täuscht das nicht über einige hanebüchene Story-Entscheidungen hinweg, die vor allem gegen Ende mehr als dämlich anmuten und keinen nachvollziehbaren Sinn ergeben.


Wer sich also durch das groß beworbene "produced by Eli Roth" vorschnell locken lässt, könnte von "Clown" durchaus enttäuscht werden. Der Film ist keineswegs die Splatter-Granate, die sich manch einer erhoffen wird und unterläuft die Erwartungshaltungen über die gesamte erste Stunde hinweg aufgrund des unerwartet ernsthaften Drama-Einschlags. Wirklich entschädigen kann allerdings auch der garstige Schluss-Akt nicht, denn außer heftigen Effekten und moralisch zweifelhaften Einlagen verläuft hier alles viel zu spannungs- und gruselfrei. Eine filmisch ebenso unausgegorene Mischung wie sein zentraler Mensch-Clown-Monster-Hybrid, der in keine Schublade so richtig passt und daher trotz guter Effekte und solider Inszenierung sehr enttäuscht.


4,5 von 10 Metzelorgien im Kinderparadies


von Pat

Review: MAGGIE - Schwarzenegger macht ’n Ruhigen

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Fakten:
Maggie
USA. 2014. Regie: Henry Hobson.
Buch: John Scott III. Mit: Arnold Schwarzenegger, Abigail Breslin, Joely Richardson, Douglas M. Griffin, JD Evermore, Rachel Whitman, Jodie Moore, Bryce Romero, Raeden Greer, Aiden Flowers, ua. Länge: 95 Minuten. FSK: noch nicht bekannt. Ab dem 28. August 2015 auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Ausnahmsweise darf Arnie seine infizierte Tochter für ein paar Tage mit nach Hause nehmen, bis die Symptome schlimmer werden und sie sich in einen Zombie verwandelt. Dann muss er sie an die Behörden übergeben. Er will aber nicht.





Meinung:
Bevor „Maggie“ seinen Produktionsstart feiern konnte, stand das Drehbuch zum Film auf der „Blacklist“. Das ist eine Liste, die die jährlich besten, aber nicht produzierten Drehbücher nennt und man muss gestehen, dass die schriftliche Vorlage zum Film zu gut ist, um in den Untiefen der Hollywood-Keller zu verstauben. Für knappe fünf Millionen Dollar wurde der Film dann, mit Beihilfe von Mr. Universum, produziert und schafft es sogar, den Betrag voll und ganz auszuschöpfen, ohne je visuell qualitativ einzuknicken.



"... ist 'Terminator Genysis' guter Film... da schläft sie immer bei ein."
Das Zombie-Genre ist momentan überaus gefragt, im Fernsehen wie im Kino, und freut sich jährlich über immer mehr Vertreter von allerdings oft fragwürdiger Qualität. Wie in Filmen dieser Art üblich, findet auch „Maggie“ seinen Ausgangspunkt in einem Endzeitszenario am Abend der Menschheit. Die erste Einstellung zeigt eine untergehende Sonne, die den Himmel blutrot färbt. Dazu gesellt sich auf klanglicher Ebene ein entferntes Donnerrollen, das weich, leicht, aber von langer Dauer ist und auch quasi in jeder Szene des Filmes zu hören ist. Es ist das Herannahen der Kraft der Natur, die nicht aufgehalten werden kann und stärker als die Natur des Menschenverstandes ist. Anders als in den üblichen Zombiefilmen liegt hier in dem „Amerika danach“ keine eklatante Verschiebung der sozialen Werte vor. Und das ist wohl das Interessanteste am Film; Maggie wird nach ihrer Diagnose nicht einfach irgendwas präventiv in den Kopf gepflockt und dann verbrannt. Sie darf ausnahmsweise ein paar Tage bei ihrer Familie verbringen, da die Verwandlung zum untoten Geschöpf bis zu sechs Monate dauern kann. Sie bekommt eine Chance zum Abschied. Eine solche Menschlichkeit ist in diesem Genre selten; hier herrscht weder Anarchie noch eine Despotie.



Ha, da werden Erinnerungen an den Vorspann von "Commando" wach
Hier herrscht (noch) das Leben, wie es in gewissen Maßen auch vorher war, mit dem Unterschied, dass die Wirtschaft nicht mehr läuft und das Leben ein wenig eingeschränkter vonstatten geht. Aber ein „Fressen oder gefressen werden“ im Endstadium liegt hier nicht vor. Plündereien, Rumtreiberei und Diebstahl gibt es nicht. Arnie legt einen Dollar auf die Theke in einer verlassenen Tankstelle. Auch wird die Familie nicht von Fremden terrorisiert, die auf ihren Besitz aus ist. Das Motiv für einen Mord ist noch immer Rache und nicht der eigene existenzielle Vorteil. Nein nein, Liebe, Freiheit, Ruhe und Vernunft sind größtenteils noch intakt in diesem Land. Es geht diesem Film weniger um den Makro- und mehr um den Mikrokosmos. Es geht um Maggie selbst. Es geht darum, dass ihr die Zeit nach der Adoleszenz, die sie nicht einmal komplett durchleben darf, gestohlen wurde. Sie wird niemals erwachsen sein, niemals eine eigene Familie haben und ihren Kindern im Garten zuschauen. Wie wenig sie haben wird, wird ihr in einer Phase deutlich gemacht, in der nichts unmöglich scheint, Träume noch Träume sein dürfen und die Euphorie gerne mal überschwappt. Eine bittere Wahrheit, die Regisseur Hobson in einer sehr guten Szene einfängt:  Maggie schaukelt, scheint abzuheben, zu schweben und den Horror hinter sich zu lassen. Sie lächelt zum ersten und vorletzten Mal, bis das Schöne von plagenden Visionen mit einem Schlag verdrängt wird.



"Okay, die Zigarre hätte ich besser mal nicht weggeworfen."
Abigail Breslin ist für ihre Arbeit an diesem Film absolut zu loben. Sie schafft es, einen sehr natürlichen Eindruck zu hinterlassen als Tochter, die mit etwas konfrontiert wird, das größer ist als alles, was sie bis jetzt erlebt hat und alles, was sie und ihre Familie je erleben werden. Sie schwankt zwischen Frust, Furcht und dem Bedürfnis, ihre Familie in ein paar verzweifelten Versuchen trotz der Umstände glücklich zu machen. Man leidet mit, in den vielen ruhigen Szenen, die Maggie gehören. Nicht, weil alles künstlich aufgeplustert und überdramatisiert wird, sondern weil die Leere in Breslins Augen so greifbar, nah und irgendwie bekannt ist. Ihr Leinwandkompagnon ist selbstverständlich mit offenen Armen zu empfangen und dafür zu loben, dass er sich von seinem Image entfernt und hier einen ruhigen, überlegten und liebenden Part verkörpert. Aber es war immer so und es wird wohl immer so bleiben: Sobald Arnie den Mund aufmacht, sind Hopfen und Malz verloren. Er spielt den Vater, der weiß, was mit seiner Tochter geschehen wird und es nicht über das Herz bringt, sie den Behörden zu übergeben. Nicht nur Vater, sondern auch bester Freund, der nicht viel zu machen scheint in der kurzen Laufzeit, und dennoch eine überaus tragende Rolle für seine Tochter spielt.


„Maggie“ ist ein überaus interessanter Film, der mittels Bild und Ton eine voll und ganz stimmige Atmosphäre aufzubauen und aufrecht zu erhalten weiß. Während grundlegend inhaltlich andere Wege gegangen werden, als für das Genre üblich, schleichen sich doch immer wieder einige Klischees und altbekannte Elemente ein, die bei ihrem Erscheinen einen bitteren Beigeschmack hinterlassen. Verlässt man die Oberfläche und untersucht die tiefergreifende Ebene des Filmes, so findet man vor allem zum Anfang einige Momente und Sätze, die den Kopf erst einmal nicht verlassen werden. Leider verringert sich der Mehrwert des Films nach einer guten halben Stunde und kommt zwischenzeitlich gar zu einem Stillstand. Seltsamerweise gelingt dem Film jedoch das Kunststück, ein ganz und gar fesselndes, wenn auch visuell altbekanntes Ergebnis auf die Beine zu stellen, das anfangs interessiert, mittelfristig unterhält und am Ende gar berührt.


6 von 10 Terminator-Zitaten


von Smooli