USA, 1971. Regie: Steven Spielberg.
Buch: Richard Matheson. Mit: Dennis Weaver, Jacqueline Scott, Eddie Firestone,
Lou Frizzell, Gene Dynarski, Lucille Benson, Tim Herbert, Charles Seel u.a.
Länge: 86 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray
erhältlich.
Story:
David Mann ist auf dem Weg zu einem
Geschäftstermin über einen wenig befahrenen Highway. Als er einen Truck
überholt, sieht es dessen Fahrer scheinbar als Provokation an. David wird
fortan von dem LKW verfolgt und bald sogar attackiert. Es beginnt eine
Hetzjagd, aus der es kein Entkommen mehr gibt.
Meinung:
Steven Spielberg zählt
unbestreitbar zu den populärsten und wichtigsten Regisseuren der USA, auch wenn
er schon länger eher von seinem Ruhm zehrt und seit den späten 90er Jahren
eigentlich keinen Film mehr abgelegt hat, der seinen Status ernsthaft
untermauern würde. Da war zwischen guter Kost und Schrott alles dabei, nur kein
echter Hit. Selbst wenn es bis zum Ende seiner Karriere so bleiben sollte,
seinen Status kann er nie wieder verlieren (vergleichbar: Francis Ford
Coppola). Zu bedeutend sind filmhistorische und qualitative Meilensteine wie
die „Der Weiße Hai“ oder die „Indiana Jones“-Trilogie (richtig, die TRILOGIE!),
als das dies jemals gefährdet wäre. Angesichts seiner unzähligen (und manchmal
auch gnadenlos überbewerteten) Erfolge wird viel zu selten sein Spielfilmdebüt „Duell“
erwähnt, der seinerzeit nur fürs TV entstand, und trotzdem zum Besten zählt,
was Spielberg bis heute gemacht hat.
Unerwünschte Starthilfe ohne Schranke
Den rohen, unverklemmten Stil der
New-Hollywood-Ära atmet auch Spielbergs Erstling, dessen Kamera in den Anfangsminuten
praktisch auf der Straße klebt. Zunächst noch im Stadtgetümmel, bis sie auf
einem staubigen Wüstenhighway die Stoßstangenperspektive verlässt. Nun klebt
sie wie panischer Angstschweiß gut 80 Minuten an David Mann, einem braven
Pantoffelheld. Bieder, gutbürgerlich, emanzipiert und fast schon kastriert. So
gehört es sich zu dieser Zeit, zumindest für den aufgeklärten, modernen Mann,
der zuhause nicht mehr zwingend die Hosen anhaben muss. Es ist nicht mehr wie
in den muffigen, konservativen 50ern, als die staubsaugende Ehefrau dem hart
arbeitenden Göttergatten nach Feierabend fröhlich lächelnd den Hut abnimmt,
Pfeife, Pantoffeln und Martini serviert. David Mann ist der artige, weichgespülte
Waschlappen, mit dem sich John Wayne, Lee Marvin oder Clint Eastwood nicht mal
die dunkle Seite des Mondes gereinigt hätten. Bis ihn der Asphalt-Dschungel zurück
in die Steinzeit wirft. Mann gegen Mann, oder eher Mann gegen Monster.
Ob die gelben Engel da noch rechtzeitig eingreifen?
Die einfachsten sind oft die besten
Geschichten. Wenn sie dann noch aus kompetenten (und noch enthusiastischen,
stürmischen) Händen umgesetzt und mit cleveren, zeitaktuellen Subtext versehen
werden, eine Bank. Wenn Alfred Hitchcock zu dieser Zeit nicht schon in
Teilzeitruhestand gewesen wäre, er hätte sich nach diesem simplen Skript wohl
die Finger geleckt. Aber gut so, denn der junge Spielberg gibt hier Vollgas. „Duell“
ist sowohl Survival- und Suspensethriller, wie sarkastisches Zeitdokument. Ein
Mann, der jeder Konfrontation nach Möglichkeit aus dem Weg geht, wird hilflos
festgenagelt in einer fast surrealen Situation. Aus einem nicht näher
erklärbaren Grund wird er zur Zielscheibe bzw. Beute einer gesichtslosen,
rostigen, dampfenden, schnaubenden Bestie. „Flammable“ fordert ihn heraus,
lauert ihm auf, ein unmenschlicher Gegner, wie direkt aus der Hölle
entsprungen. Spielberg gelingt mit seinem Debüt ein kleines Meisterwerk des
Road-Thrillers, das sehr direkt und durchschnittlich wie 2001 bei „Joyride – Spritztour“
kopiert oder variiert und meisterhaft wie 1986 mit „Hitcher, der Highway Killer“
aufgegriffen wurde.
Erstaunlich abgeklärt weiß
Spielberg genau, wann er Gas und Bremse betätigen muss, ohne dass die Nadel in
den roten Bereich fällt. Die konstante Bedrohung ist allgegenwärtig, was er
einige Jahre später mit dem Blockbuster überhaupt bestätigen konnte. Gekrönt
von einem logisch entwickelten Showdown, in dem sich endgültig der Werte einer
aufgeklärten Domestizierung entledigt wird. Nun zählt das einfache, primitive
Auge-um-Auge-Prinzip. Wann ist ein (David) Mann ein Mann? Wenn er wie der Duke oder
Gary Cooper zum High-Noon antritt, auch wenn ihm die Buchse in den Kniekehlen
hängt. Das mag rückschrittlich, reaktionär und fehlgeleitet klingen, doch „Duell“
lässt nur noch diesen Schritt zu und ist damit eine Hommage wie reflektierte,
moderne Interpretation des klassischen Western. Daheim wird der Rasen gemäht
und der Müll rausgebracht, hier und jetzt wird sich duelliert. Welcome to the
Jungle, geweint wird später. Für ein Debüt schon dekadent wegweisend und
großartig.
AUS, 1985. Regie: Arch Nicholson.
Buch: Everett De Roche, Gabrielle Lord (Vorlage). Mit: Rachel Ward, Sean
Garlick, Marc Aden Gray, Elaine Cusick, Laurie Moran, Vernon Wells, Peter Hair,
David Bradshaw, Rebecca Rigg, Asher Keddie, Anna Crawford, Bradley Meehan,
Richard Terrill u.a. Länge: 85 Minuten. FSK: Keine Freigabe. Auf DVD
erhältlich.
Story:
Die Lehrerin Sally Jones und ihre
neun Schüler werden von vier maskierten Männern entführt, die Lösegeld
erpressen wollen. Sie verschleppen siein die Wildnis, wo ihnen zunächst die Flucht gelingt. Doch die Entführer geben nicht so schnell auf. Gehetzt und in Lebensgefahr wachsen Lehrerin
und Schüler irgendwann über sich hinaus und sind nicht mehr bereit, nur noch
wegzulaufen.
Meinung:
Das Leben in der australischen
Provinz ist kein Ponyhof. Hier müssen kleine Jungs schon mal drei Nächte mit
der Büchse in der Hand auf der Lauer liegen, um die Hühner vor dem gierigen
Fuchs zu beschützen. Doch das ist ja alles noch harmlos. Wenn der
Weihnachtsmann mit Ente/Katze/Maus und abgesägten Schrotflinten die (einzige)
Klasse einer Mini-Schule – die man bei uns so vielleicht maximal aus „Unsere
kleine Farm“ kennt - samt junger Lehrerin entführt und ins Outback verschleppt
geht es ums eigene, nackte Überleben.
"Hat jemand Ente bestellt?"
Ein seit seligen VHS-Zeiten völlig
in Vergessenheit geratenes B-Movie aus Down Under, mit dessen Titel man heute nur
reflexartig Stuart Gordons Sci-Fi-Actioner „Fortress – Die Festung“ mit
Christopher Lambert verbindet und somit verwechseln könnte, dieser „Fortress“
schlägt in eine ganz andere Kerbe. Lange bleibt dem Zuschauer auch rätselhaft,
wieso er denn diesen Titel trägt. Völlig egal, dafür bleibt eh kaum Zeit.
Dieses kostbare Gut, gerade bei schlanken 85 Minuten, wird nicht großzügig
verplempert, „Fortress“ macht seine Gefangenen recht flott und lässt sie fortan
durch eine Odyssee aus konstanter Todesangst und Überlebenswillen schlittern,
was sich erst überraschend anders verkauft, als es das martialische,
exploitativ nicht nur angehauchte Filmplakat vermuten lässt. Nur grob auf einem
realen Fall basierend (auch dort wurde ein Schulklasse entführt, der spätere
Verlauf ist reine Fiktion), entwickelt sich ein Abenteuer-Survival-Drama, das
direkte, explizit-physische Gewalt lange höchstens androht. Die Bedrohung durch
die unmenschlichen Tiere von Entführern ist zwar spürbar, die verschwinden allerdings
so schnell wie sie auch gekommen sind für eine ganze Weile wieder von der
Bildfläche. In der Zwischenzeit formieren sich die besonnene, dabei niemals
sich ihrem möglichen Schicksal ergebene Lehrerin mit leichten
MacGyver-Qualitäten (macht darstellerisch wie optisch eine gute Figur: Rachel
Ward) und ihre durch alle schulpflichtigen Altersgruppen quer gemischten
Schützlinge zu einer verschworenen Einheit.
Karneval in Australien, da läuft das etwas anders...
Naturgemäß, auch mit der
Beschützerrolle für die Kleineren im Hinterkopf, steht zunächst reiner
Fluchtinstinkt im Vordergrund. Zu ihrem Glück (womit schon einer der klaren
Kritikpunkte des Films erwähnt wäre), sind die Kidnapper zwar rücksichtlos
durch und durch, gleichzeitig und offensichtlich aber nicht gerade die hellsten
Kerzen auf der Torte, zumindest erschreckend schlecht vorbereitet und später
schon fahrlässig naiv. Mehr als etwas Mut und dem Willen zur Rettung der
eigenen Haut benötigt es nicht, um den Geiselnehmern gleich mehrfach zu
entkommen, die entweder ihre „Gefängnisse“ niemals vorher inspiziert haben oder
sich mit schon bald lächerlichen Tricks überrumpeln lassen, die ihnen trotz der
präsentierten Skrupellosigkeit etwas den Schrecken nehmen. Dummheit schützt
zwar nicht vor potenzieller Brutalität, aber macht sie schon ein gutes Stück
schwächer, verletzlicher. An den direkten Gegenstoß denken die verängstigten
Opfer zunächst nicht, was nur logisch ist, schließlich handelt es sich hier um
eine junge Frau mit Verantwortung für neun Kinder, von denen nur wenige
überhaupt in der Lage wären, sich aktiv zur Wehr zu setzen. Bis der Film – und mit
ihm seine Figuren – an einen ganz entscheidenden Punkt kommen: Das letzte Drittel,
das Finale, in dem sich nun nicht nur der Filmtitel erschließt, sondern es zu
einem aus der Not und Verzweiflung geborenen Umdenken kommt, der im ersten
Moment vielleicht sogar wie ein radikaler Bruch erscheinen mag, in seiner
Konsequenz und Psychologie allerdings nur eine logische, wenn auch nicht minder
erschreckend Schlussfolgerung ist.
Wer will schon auf diesem Schoß sitzen?
In die Enge getrieben in ihrer
Felsenfestung bläst die bis dahin stets auf den reinen Schutz durch Entziehen
der direkten Konfrontation konzentrierte Gruppe (gezielt gesteuert von der
Pädagogin, die nun auf den ethischen Erziehungsauftrag bewusst pfeift und sogar extrem manipulativ
auf ihre Schutzbefohlenen einwirkt) zum Gegenangriff und nun nimmt der Film
eine Wendung, die sich in ihrer drastischen Art von Minute zu Minute selbst
übertrifft. Überdeutlich werden nun sehr direkte, teilweise schon identische
Bezüge zum Literaturklassiker „Herr der Fliegen“ genommen, mit zwei
entscheidenden Unterschieden: Der Antrieb entsteht diesmal nicht aus der
unkontrollierten Eigendynamik der Kinder heraus und die Gewalt richtet sich
ausschließlich gegen eine externe Bedrohung, nicht gegen die eigenen Reihen. An
der Stelle sollte unbedingt der (abermals) brillante Audiokommentar von
Filmwissenschaftler Dr. Marcus Stiglegger erwähnt werden, der das Ganze auf
einer sehr weitsichtige Art hinterfragt: Da es sich bei der treibenden Kraft um
eine Lehrerin handelt, kann man davon ausgehen, dass ihr das Buch von William
Golding bekannt ist. Das gibt der Manipulation ihrerseits eine ganz andere
Dimension, da man nur noch bedingt von einem unterbewussten Handeln aus dem
Affekt sprechen kann. Alles leicht spekulativ, dennoch ein nicht unwichtiger
Punkt. Denn was in diesen letzten 20 Minuten passiert, ist in seiner
reaktionären Weise zwar schon leicht kritisch und moralisch eventuell
grenzwertig, in seiner Logik dabei nicht weniger als menschlich und so was unterliegt
in Extremsituationen mit der entsprechenden Vorgeschichte nun mal selten bis
nie irgendeiner Form von Moral, Anstand, richtig oder falsch.
Coming-of-Age auf die harte Tour.
Der steigende Gewaltpegel ist dabei
nicht mal großartig schockierend, damit war zu rechnen und in Anbetracht der
äußeren Erscheinung des Films (bzw. der DVD) fast schon überfällig. Genau
genommen lässt „Fortress“ in der ersten Stunde einiges an Potenzial sogar außen
vor, denn obwohl sich nie Langatmigkeit einstellt, er strukturiert, gradlinig vorgetragen
wird, niemals billig aussieht und sogar einige grandiose Optik- und Stimmungsmomente
bietet (die Silhouette der Gruppe vor der untergehende Sonne im Outback, das
Licht im Mondschein, der bedrohliche Nebel während der Flucht), er könnte
durchaus spannender, packender sein, gemessen an den Voraussetzungen und den
hier gelegentlich präsentierten, formellen Ansätzen. Das, gepaart mit den bereits
erwähnten Schwachstellen in Bezug auf das Vorgehen der Bad-Guys, lässt den Film
zu lange schwächer wirken, als er sich schlussendlich darstellt. Denn diese
offensichtlichen Schwächen scheinen bald nichtig, wenn sich das Gesamtbild
offenlegt, zumindest in dieser gezielt aufgebauten Entladung. Selbst abgebrühte
Zuschauer dürften gegen Ende mindestens zweimal tief durchatmen, was nicht an
einer sehr plastischen Darstellung von Gewalt, sondern mehr an seiner Wirkung
und dem durchaus schockierenden Umgang mit ihr liegt. Nicht WAS, sondern WIE,
und vor allem sind es die letzten fünf Minuten, die einem Tritt in den Magen
gleichkommen. Dann, wenn eigentlich alles vorbei ist.
Diese Szenen, die unreflektierte
Filmemacher womöglich gar nicht eingebaut hätten, sind kontrovers und
provokativ bis ins Letzte, genauso bewusst als Waffe eingesetzt wie vorher die
Schüler seitens der Lehrerin. Man könnte dem Film sogar die
Rechtfertigung von roher, barbarischer Gewalt vorwerfen, dadurch dass er diesen
Aspekt jedoch direkt benennt und ihm ein (oder eher zwei) erschrockene(s),
verstörende(s) Gesicht(er) gibt, wird klar, dass er genau das nich tut. Er liefert ein Resultat, ohne Reue, ohne Traumatisierung und dadurch
bleibt er hängen. Was er eindeutig will, was deutlich macht, dass ihm die
Tragweite seiner Wirkung bewusst ist. Was es wert macht, sich intensiver mit
ihm auseinanderzusetzen und wohlwollend über diverse Schwächen hinwegzusehen.
Dieser Film hat zumindest diesen Diskurs über ihn und seine Intention, seinen
mutigen Ausklang verdient und ist damit prädestiniert, um endlich wieder öfter
gesehen zu werden.
ES, 2014. Regie: Alfredo Montero.
Buch: Javier Gullón, Alfredo Montero. Mit: Marta Castellote, Xoel Fernández, Eva
García-Vacas, Marcos Ortiz, Jorge Páez. Länge: 80 Minuten. FSK: Freigegeben ab
16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Fünf Freunde begeben sich auf einen
Campingausflug und begehen aus Leichtsinn einen fatalen Fehler. Sie finden den
Eingang zu einer Höhle, wollen diese abenteuerlustig erkunden und verirren sich
in den engen und unübersichtlichen Gängen. Bald schon macht sich Panik breit,
Hitze und Flüssigkeitsverlust machen sich bemerkbar und der Kampf ums Überleben
lässt jegliche Moral verschwinden.
Meinung:
Höhlen als Setting für einen
Survival-Schocker, das gab es in den letzten Jahren häufiger. Mal mit der
Zugabe blutlechzender Kreaturen wie in dem wohl besten Beitrag „The Descent –
Abgrund des Grauens“, mal ganz schlicht als Überlebenskampf der dort
Gefangenen, wie z.B. in dem (weniger gelungenem) „Sanctum 3D“. Diesen Filmen
hat der spanische Beitrag „Die Höhle“ nichts hinzuzufügen…außer dem inzwischen
nun wirklich ausgelutschten Stilmittel Found-Footage.
Unter Tage ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt.
Dabei ist die wackelige Kameratechnik
hier durchaus eine interessante Variante, fühlen sich die unglaublich
beklemmenden Gänge des steinigen Labyrinths durch das beschränkte Sichtfeld und
die Augen der Protagonisten tatsächlich zu Beginn noch um einiges klaustrophobischer
an. Somit verfolgt das oft nervige und grundsätzlich überstrapazierte Prinzip
hier durchaus einen Sinn, mal ganz abgesehen von der Kostenminimierung, die
sicher auch nicht ganz nebensächlich für diese Wahl war. Leider fällt Regisseur
Alfredo Montero und seinem Co-Autor Javier Gullón darüber hinaus nicht allzu viel
ein und ganz besonders gelingt es ihnen im weiteren Verlauf nicht glaubhaft zu
erklären, warum die Kamera immer alles im Blick hat. Muss sie natürlich, sonst
stände der Zuschauer buchstäblich im Dunkeln, aber wie logisch ist es, dass man
in dieser Situation nichts Besseres zu tun hat, als fleißig weiter zu filmen,
selbst wenn man gerade gegen das Ertrinken ankämpft? Die lapidare Erklärung,
man müsse alles für die Nachwelt festhalten, ist gelinde gesagt kompletter
Unsinn. Kein neues Problem von Found-Footage und auch nicht der
Hauptkritikpunkt. Mangelnde Kreativität und extreme Vorhersehbarkeit stören
schon deutlicher. Zu offensichtlich ist, was in den 80 Minuten passieren wird,
da wirklich alles schon mehrfach aufgeboten wurde. Menschen, die sich in Extremsituationen
in wahre Bestien verwandeln, wurde schon viel zu oft und praktisch identisch
gezeigt.
Durch die begrenzte Laufzeit
erscheint das radikale Verhalten der Figuren zu hastig, eine Entwicklung in
Form von Abstufungen wird dem Zuschauer vorenthalten. Dadurch spart der Film
zwar Zeit, geht trotz einiger bösartiger Szenen jedoch nicht so nah. Zudem ist
die Figurenzeichnung ähnlich lieblos und beliebig geraten. Wer sich als
Gruppen-Psycho in spe entpuppen wird und wer höchstwahrscheinlich als letzte
Instanz der Vernunft und Menschlichkeit herhalten muss, dürfte bereits vor dem Betreten
der Todesfalle relativ eindeutig sein. Dadurch wird das Geschehen schnell eher
uninteressant, trotz der Bemühung um Angst, Terror und blanken Horror in Form
des natürlichen Selbsterhaltungstriebes. Gänzlich misslungen ist „Die Höhle“
keinesfalls, kann bei der ersten Berührung mit dieser Art von Film bestimmt
sogar einigen Zuspruch gewinnen, mehr als die x-te Version eines interessanten,
aber schon deutlich intensiver erzählten Geschichte ist er schlussendlich
nicht. Wenn man mit ihm ganz hart ins Gericht gehen wollen würde, könnte noch
das unglaublich dumme Verhalten der Protagonisten angebracht werden, aber ohne
das würde man ja gar keinen Film zu sehen bekommen. Wer so blauäugig ins
Verderben läuft, hat es ehrlich gesagt auch nicht besser verdient.
USA, 1977. Regie: William Friedkin.
Buch: Walon Green, Georges Arnaud (Vorlage). Mit: Roy Scheider, Bruno Cremer,
Francisco Rabal, Amidou, Ramon Bieri, Peter Capell, Karl John, Friedrich von
Ledebur, Chico Martinez, Joe Spinell u.a. Länge: 89/122 Minuten
(Europa/US-Version). FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray (nur
Import) erhältlich.
Story:
Gestrandet in den Unruhen der
südamerikanischen Slums warten ausländische Outlaws nur auf die eine Chance,
endlich in ihre Heimat zurückzukehren. Die einmalige Chance bietet ihnen eine
US-Ölkonzern: Sie suchen verzweifelte, am besten lebensmüde Fahrer für einen
Höllenritt. Extrem instabiles Nitroglyzerin muss auf klapprigen LKWs durch den
Dschungel transportiert werden. Überlebenschancen eher gering. Vier Männer
nehmen diesen Job an, sich gewiss, dass es ihre letzte Reise sein könnte.
Meinung:
William Friedkin meistert eine
schwierige, eigentlich extrem undankbare Aufgabe mit Bravour. Bereits 1953
verfilmte Henri-Georges Clouzot den gleichnamigen Roman „Lohn der Angst“ von
Georges Arnaud meisterhaft, schuf damit ein zeitlos packendes, intensives Stück
Spannungskino, wie es bis heute kaum zu erleben war. Ein Remake dieses
Jahrhundertwerks dürfte an und für sich zum Scheitern verurteilt sein, wenn es
sich denn als solches klar definieren würde und jemand anderes als ein William
Friedkin in seinen besten Jahren dafür verantwortlich wäre.
Guter Stundenlohn, beschissene Bedingungen.
In erster Linie sollte der Film
nicht als ein typisches Remake, mehr als Neuinterpretation der literarischen
Vorlage gesehen werden, denn Friedkin begeht nicht den fatalen Fehler, sich zu
sehr an der ersten Verfilmung zu orientieren. Eine exakte Kopie braucht
niemand, damals wie heute. Wobei dazu angemerkt werden sollte, dass sich die
europäische Kinoversion deutlich von der US-Version unterscheidet. Von
ursprünglich 120 wurde auf knapp 90
Minuten gestutzt, bis heute ist die Originalfassung nicht auf dem deutschen
Markt erhältlich, was einer Sünde gleichkommt. Somit kann (ausgehend von der
europäischen Fassung, auf die sich dieser Text bezieht) nur gemutmaßt werden,
in wie weit sich Friedkin tatsächlich von Clouzot entfernt. Selbst in
Anbetracht der vorliegenden Tatsachen, es funktioniert erstaunlich gut. Clouzot
widmete sich gut eine Stunde lang der Schilderung von Lebensumständen und der Charakterisierung
seiner Figuren, baute eine immense Bindung zu ihnen und ihren
Motivationen auf, während Friedkin sich in der kurzen und knappen Einführung
mehr darauf konzentriert, einen extrem schmutzigen, hoffnungslosen Moloch aus
Dreck, Leid und Tod greifbar zu machen. Wer unsere Anti-Helden sind und was sie
zu ihrem Himmelfahrtskommando treibt, erfahren wir nicht (ausschließlich) im
Prolog, es wird scheibchenweise als Flashbacks in den eigentlichen Hauptpart
eingestreut. Das sorgt zwar nicht für so eine intensive, verständlich Bindung
zwischen Zuschauer und Protagonisten, reicht dennoch aus, um das Wesentliche
der Story zu ergreifen und mitfiebern zu lassen.
"Links...rechts...passt. Stopp!!!"
Maßgeblich dafür verantwortlich ist
Friedkin’s wahnsinnig kompakte, druckvolle Inszenierung. Eigentlich kein
politischer Film, der dennoch relevante, zeit- und gesellschaftsgeschichtliche
Themen ankratzt und sie sich geschickt zu Nutze macht. Der große Knall ist
schon vor dem holperigen Todesritt durch die grüne Hölle allgegenwärtig.
Südamerikanische Militärdiktaturen, ausbeuterische Methoden von Großkonzernen,
moderne Sklavenhaltung und die damit einhergehende Ausnutzung von
Notsituationen dienen als Sprengstoff, noch bevor dieser tatsächlich auf die
Reise geschickt wird. Im Gegensatz zur ersten Verfilmung glänzt „Atemlos vor
Angst“ weniger durch eine detaillierte, empathische Figurenzeichnung, dafür
deutlicher durch die impulsive Darstellung einer Situation. In
genau diesem Punkt glänzt ein William Friedkin, der wie bei seinem großen
Durchbruch „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ mit einem unsichtbaren
Pulverfass und den dazugehörigen Streichhölzern hantiert, um sie im Verlauf der
Handlung zu einer wuchtigen Detonation zusammenzuführen. Sein Werk ist
komprimierter, mehr auf den eigentlichen Survival-Plot reduziert, gönnt sich
den Luxus bzw. das Selbstbewusstsein, keine tiefe Charakterstudie betreiben zu
müssen, um dennoch eine ähnliche Wirkung zu erzeugen wie Clouzot fast 25 Jahre
zuvor. Ein mutiges Vorhaben, sicherlich auch ein Kritikpunkt, nur wenn, dann
muss man so abliefern wie Friedkin hier. Da bleibt letztlich wenig
Angriffsfläche.
Sobald sich die Totgeweihten mit
ihrer explosiven Fracht auf die Expedition in das Verderben begeben, bleibt kaum
Zeit um über eventuelle Mängel nachzudenken. Viel zu dicht und packend wird
alles vorgetragen, im peitschenden Regen reiten sie ihrem Schicksal entgegen,
werden (wenn auch nur kurz) mit den Dämonen der Vergangenheit konfrontiert, die
sie ihr Gepäck tragen lassen, bis zum erlösenden Ende…entweder durch das
Rückfahrticket nach Hause oder das One-Way-Ticket in die Hölle. „Atemlos vor
Angst“ mag im direkten Vergleich kurzzeitig platter und einfacher wirken, ist
er grob gesehen sogar auch, kompensiert dies jedoch spielend durch einen extrem
fokussierten Plot, die grandiose Inszenierung, den hypnotisch-vernebelten Score
von Tangerine Dream und das dazu passende Finale, in dem der Wahnsinn die
Überhand gewinnt. In diesen Momenten ist es vollkommen egal, wie sensationell „Lohn
der Angst“ war und ist, „Atemlos vor Angst“ spielt partiell auf Augenhöhe.
Allein das ist Ritterschlag genug.
Traurig, dass Friedkin seinerzeit
mit diesem Film gnadenlos floppte und vielleicht deshalb hierzulande noch auf
eine vernünftige Auswertung gewartet werden muss. Dürfte einer der besten „Fehlgriffe“
der Filmgeschichte sein. Besser floppt keiner mehr, garantiert.
Open Season USA,
ES, GB, AR, CH, 1974. Regie: Peter Collinson. Buch: Liz
Charles-Williams, David D. Osborn (Vorlage). Mit: Peter Fonda, Cornelia Sharpe,
John Phillip Law, Richard Lynch, Alberto de Mendoza, William Holden,
Helga Line, Didi Sherman, Concha Cuetos, May Heatherley u.a. Länge:
94/97 Minuten (deutsche/US-Version). FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Auf
DVD erhältlich.
Story: Drei Freunde fahren zu
einem Jagdurlaub in ihre Waldhütte. Die ehemaligen Kriegskameraden
haben es dabei aber nicht auf Wild abgesehen. Vor Jahren haben sie schon
ein junges Mädchen vergewaltigt, in Vietnam kam die Lust am Töten dazu,
Hobbys wollen gepflegt werden. Sie entführen ein Pärchen und
verschleppen es in die Hütte. Nachdem sie den Mann erniedrigt und sich
mit der Frau amüsiert haben, lassen sie sie frei. Für eine halbe Stunde.
Das ist ihr Vorsprung. Dann wird geladen, entsichert und die Jagd beginnt.
Meinung: Es ist weder Enten- noch Hasensaison, echte Kerle jagen auf Augenhöhe.
Böser
70er Survival-Reißer nach dem Roman "The All Americans" von David D.
Osborn, hier auch am Skript beteiligt. Drei aufgekratzt-heitere,
Waffen-geile Vollarschlöcher langweilen sich nach dem Vergnügunspark
Vietnam in ihrem gutsituierten Oberschichtleben gewaltig, aber
vergewaltigen und töten kann man ja auch hier, wenn alles gut geplant
ist. In fester Tradition geht es Jahr für Jahr in ihre Waldhütte. Da
wird gesoffen, gesungen, Monopoly gespielt. Ach, und vorher natürlich
was zum Ficken und späterem Jagen aufgesammelt.
Bondage zum Aufwärmen.
Heftige
(körperliche) Gewalteruptionen gibt es lange nicht zu sehen, was "Open
Season" definitv auch nicht nötig hat. Die perversen Entführer sind mit
ihrer guten Laune und dem sichtlichem Spaß am perfiden Spielchen mit den
verunsicherten Opfern Bedrohung und psychisch gewalttätig genug. Zu was
das Trio in der Lage ist und auf was alles hinauslaufen wird, ist dem
Zuschauer schon nach wenigen Minuten klar, ihre "Spielgefährten" wider
Willen können das nur vermuten. Das (trotzdem deutlich zu) lange
Vorgeplänkel in der Hütte wird so nicht langweilig oder büßt an
Intensität ein. Dennoch wirkt die Aufteilung der Laufzeit etwas
unglücklich, die eigentliche Jagd beginnt erst im letzten Drittel. Fällt
insgesamt etwas zu knapp aus, ist dafür zynisch-knackig und durchaus
packend umgesetzt. Die beissende Kritik am American Way of Life, den oft
vertuschten Gräueltaten in Vietnam, der inoffiziellen
Zwei-Klassen-Gesellschaft und der Faszination am scharfen Geschoss kommt
zur Geltung, auch wenn wohl nicht so wie in der Vorlage (mir nicht
bekannt). "Open Season" ist dann doch eher ein Survival-Thriller, der
allerdings seinen Unterton durchaus zum Ausdruck bringt und nicht als
völlig platt oder aussagelos abgestempelt werden kann. Sicher nicht
optimal umgesetzt, für Fans solcher Szenarien (grob: "Beim Sterben ist
jeder der Erste", "Die letzten Amerikaner") und 70er-Rape &
Revenge-Thrillern eine Empfehlung.
Wer der englischen
Sprache mächtig ist, sollte dabei umbedingt auf die knapp drei Minuten
längere US-Version zurückgreifen, die auf der deutschen DVD von KNM
enthalten ist. Die Scheibe an sich ist sonst eine einzige
Unverschämtheit, eine solche Bildqualität gab es seit schlimmsten
VHS-Zeiten nicht mehr zu bestaunen. Dafür kann zwischen den Versionen
gewählt werden. Die Kürzungen zur deutschen Variante beziehen sich nur
auf die Story, sind dabei entscheidend für den Gesamteindruck. Das
Finale wird so erst richtig rund. Die Jäger bekommen ein
(befremdlicheres) Profil, da nur so ein Blick in ihr Leben abseits ihres
Hobby gewährt wird und der Schluss bekommt einen ganz anderen Anstrich.
Warum, wird natürlich nicht verraten. Gibt einen halben Punkt oben
drauf.
Fakten: Die
letzten Amerikaner (Southern Comfort)
USA. 1981. Regie: Walter Hill. Buch: David Glier Walter Hill, Michael Kane.
Mit: Powers Boothe, Keith Carradine, Fred Ward, T.K. Carter, Brion James, Franklyn
Seales, Lewis Smith, Peter Coyote, Alan Autry u.a. Länge: 101 Minute. FSK:
freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.
Story: Es sollte eine Orientierungsübung werden und wurde zum Alptraum. 1973 rückt
eine Gruppe von Nationalgardisten in die Sümpfe von Louisiana vor. Als die
Gruppe Kanus findet, nehmen sie diese an sich. Doch die Besitzer der Kanus, die
zu den Cajun gehören, zivilisationsabgewandte Nachfahren französischer
Einwanderer, wollen diese ihren Besitz zurück. Als sie auf die
Nationalgardisten treffen eskaliert die Situation und es entbrennt ein Kampf
ums Überleben.
Meinung: 8
schleichende Jahre nach dem Pariser Abkommen zwischen Nordvietnam und den
Vereinigten Staaten schickt Regisseur Walter Hill mit „Die letzten Amerikaner“
neun kampfunerfahrene Nationalgardisten zur Orientierungs- und Überlebensübung
in das ausgedehnte Sumpfgebiet Louisianas. Unbekanntes Territorium für die
amerikanische Gruppierung, und doch wird hier nicht das vordergründige Erlangen
von neuen Fähigkeiten in freier Wildbahn fokussiert, sondern nur die kommenden
Feierlichkeiten nach dem Bestehen des Training. Mit großen Schnauzen,
reaktionärem wie rassistischen Gedankengut und ohne moralische Standfestigkeit
gewappnet, ziehen die Männer los um an genau diesen Charakteristiken langsam zu
ersticken: Walter Hill hält Amerika noch einmal den Spiegel vor Augen und lässt
die nationalen (Krieg-)Narben noch einmal symbolisch aufbrechen. Ein besonderes
Lob gibt es da auch schon an dieser Stelle für die letzte Einstellung, in der
der illustrierte Patriotismus beinahe ad absurdum geführt wird.
Eine Outback-Rasur
Ein rücksichtsloser und ebenso dämlicher Spaß wirft die Männer schlagartig in
die restriktive Hölle ihrer qualvollen Unterlegenheit, während die
zivilisationsfremden Cajun dem Kollektiv daraufhin zeigen, wie Respektlosigkeit
im Gesetz des Dschungels bestraft wird. Die Machosprüche verstummen, der
falsche Nationalstolz schlägt um in Verzweiflung und transformiert sich zu
blinder Wut, während jede Schuldzuweisung innerhalb der Gruppe immer weiter
geschoben wird. Was folgt ist ein Überlebenskampf, ein Kampf in einem Gelände,
in dem sie ohne jede Navigation und Maxime fungieren und funktionieren müssen.
Es entsteht eine egomanische Dynamik, die sich nur auf den Frust über die
geringe Anzahl an scharfer Munition zurückführen lässt, sondern auch auf die
Unfähigkeit miteinander zu arbeiten und an einem Strang zu ziehen. Am Ende
stellt sich eben genau das raus, was sich bereits bei den ersten Dialogen
innerhalb des Trupps vermuten ließ: Die Lautesten sind auch immer die
Schwächsten.
Natürlich schwingt, wie schon angesprochen, auch in „Die letzten Amerikaner“
der leise Ton der Bewältigung, oder vielmehr der kinematographische Versuch
einer solchen, des nationalen Vietnamtraumata mit, während sich die Referenzen
auf der anderen Seite überdeutlich um prägnante Elemente von John Boormans
meisterlichen Backwood-Horror „Beim Sterben ist jeder der Ersten“ schlängeln,
in dem 4 Großstädter an den Rand der Zivilisation fahren um die Natur noch
einmal in vollem Maße zu genießen, bevor sie durch die Industrialisierung
vollkommen verloren geht. Was folgt ist extreme psychische Gewalt, die vor
allem so schmerzt, weil sie sich komplett der Realität verschrieben hat. Mit
einem derartigen Prädikat darf „Die letzten Amerikaner“ nicht bestückt werden,
denn wo zwar reichlich interessante Analogien zur Historik und eben jene
cinephilen Querverweise entdeckt werden können, krankt es dem Film an seiner
inhaltlichen Ausstaffierung, die sich zwar ihrer Subebene bewusst ist und
durchgehend spannend bleibt, aber nie die seelische Tortur offenbart, die unter
der Oberfläche brodelt.