Posts mit dem Label Medium werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Medium werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Review: THE SECOND DEATH - DIE SÜNDER WERDEN BRENNEN - Maria ist wütend

Keine Kommentare:
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEh3oc75R6L8fVX8tivHVWjBvJthYXDLu5kr7HkKzKsdv9iIf6lcufA3gGCxGyEIxzI5DIjQU1q8IMoTthY9ejHO04JliH7orj8EUPxFB1TY2z3s9n6PaJrpA98e6BRXvhj5wbC-jEp52c8/s640/La+Segunda+Muerte+(2012)+Poster.jpg


Fakten:
The Second Death - Die Sünder werden brennen (La segunda muerte)
AR, 2012. Regie & Buch: Santiago Fernández Calvete. Mit: Agustina Lecouna, Guillermo Arengo, Mauricio Dayub, Tomás Lizzio, Luz Kerz, Maria Laura Cali, Germán de Silva, Sandra Gugliotta u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die junge Polizistin Alba untersucht in einer entlegenen, argentinischen Kleinstadt einen mysteriösen Todesfall. Ein Mann ist mitten auf einer Landstrasse verbrannt. Die Ursache ist unbekannt. Niemand unterstützt ihre Ermittlungen, jeder im Ort scheint das Ereigniss einfach vergessen zu wollen. Gerade jetzt erscheint ein Mann mit einem Jungen in der Stadt, der angeblich über hellseherische Fähigkeiten verfügt. Durch das Berühren von Fotos kann er in die Vergangenheit sehen. In der Familie des Toten kommt es zu weiteren Todesfällen, alle auf die gleiche Weise. Alba sieht keine andere Möglichkeit mehr, als auf den Jungen zurückzugreifen. Sie kommen der grausamen Vergangenheit des Orts auf die Spur.


      
                                       
                                        
Meinung:
Der Argentinier Santiago Fernández Calvete liefert mit dem Mystery-Thriller "The Second Death" sein Regiedebüt ab und schrieb gleichzeitig das Script. Dafür zeigt er sich in gewissen Punkten schon erstaunlich souverän und nicht nur deshalb dürfte dieses Werk bei Freunden des übernatürlichen Spannungsfilms sicher eine Menge Zuspruch finden.


Der Junge mit dem Durchblick
Calvete erzählt in kühlen, enorm trostlosen Bildern einen spirituell-religiös schwangeren Suspensethriller, was relativ schnell kippen kann. In der Vergangenheit fielen etliche Genrefilme mit religiösem Background, genau deshalb, eher negativ auf. Wenn zuviel aus dem Religionsunterricht oder Gottedienst irgendwie verhackstückelt in einen (meist) pseudo-apokalyptischen Heuler gestopft, gerne und viel aus irgendwelchen Prophezeiungen und Bibelstellen zitiert und sakrale Klänge zum überdeutlichen Untermauern auf
das Trommelfell losgelassen wird, besteht da oft dezentens Nervpotenzial. Calvete (in den Credits nur als Santiago Fernández gelistet) übertreibt es, fast möchte man Gottlob sagen, nicht mit diesem (man möge mir den Ausdruck verzeihen) Hokus-Pokus, sondern baut es recht ansprechend in die Geschichte ein. Der religiöse Aspekt der Handlung ist natürlich (ab einem gewisssen Punkt) allgegenwärtig, nur nicht daumendick auf's Brot geschmiert. Seinen Namen hat "The Second Death" ("La segunda muerte") übrigens nicht rein zufällig oder weil es so schmissig klingt. Er bezieht sich tatsächlich auf eine Stelle in der Bibel, aus der Offenbarung 21.8. Mehr sollte dazu nicht gesagt werden, wer sich unbedingt selbst spoilern will, kann ja in die Nachttischschublade greifen und nachlesen.


In der Kirche ist die Hölle los
So, nachdem wir der Versuchung widerstehen konnten oder verwundert sind, wem wir jetzt nun wieder unseren Lieblingsschmöker ausgeliehen haben bzw. welcher Tischbein neulich statische Nachhilfe benötigt hat, weiter im Text, beginnend mit den Schönheitsfehlern: "The Second Death" ist einerseits wunderbar atmosphärisch, andererseits auch ein wenig zu überstilisiert...in seiner Reduzierung. Hä? Genau. Gibt es auch. Seine Bilder hat Calvete eindeutig nicht mit dem Color-Waschmittel gewaschen, das grenzt manchmal sogar an einen Schwarzweißfilm. Wenn da nicht gelegentlich ein ganz mattes Grün von einem Busch oder Baum durchschimmern würde, kaum ein Unterschied. Das macht zwar die bedrückende, bedrohlich-ruhige Grundstimmung aus, für meinen Geschmack aber etwas zu viel. Zumindest auf die Dauer. Der dezent wummernde, nicht zu aufdringliche Score passt da schon besser, gerade wegen der eher subtilen Wirkung. Die Off-Kommentare der Protagonistin sind auch nicht immer unglaublich passend. Der Stil ist schon in Ordnung, geht manchmal leider etwas auf den Zeiger.


Durchaus gelungen ist die Inszenierung,  wir sprechen hier halt von Schönheitsfehlern. Dazu muss etwas ja erstmal schön sein. Das ist "The Second Death". Die Story ist nicht super- originell, im Vergleich zu ähnlich gelagerten Filmen doch weit über dem Durchschnitt. Da werden schon leicht falsche Fährten gelegt, diverse Elemente gemixt und das Resultat kann sich absolut sehen lassen. Manche Szenen sind schön schaurig, das Tempo gedrosselt, gerade dadurch ist der Film oft effizient-unbehaglich und geheimnisvoll genug, um 90 interessante Minuten zu schaffen. Am Ende fehlt nur der entscheidende Kick. Diese Extra-Würze auf einen mehr als soliden, handwerklich guten Mystery-Thriller, bei dem Fans nicht viel falsch machen können. Merke: Wenn in diesem Landessprache Spanisch ist (und sie es bis zu uns schaffen), ist der Genrefreund zufrieden. Und immer wieder überrascht, wieviel Potenzial abseits von Hollywood schlummert, das erst entdeckt werden muss.

6,5 von 10 retrokognitiven Hellseher-Kids

Review: FAMILIENGRAB - Der letzte Vorhang für Hitchcock

Keine Kommentare:
                                                                   
https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEjB35QjhaEC44rr-Ucz9WbwsK0o5kTaLQ9IOHe1F_DltPfZmvOwQ8ENlFDKl7JR5cJU3_V0cslqRo0nmoYU-6jnX6EVmQEMdYMX59QH-kTMV3i-XKXcfxhj3ErciAnUycrelj8_gZv0aog/s400/family+plot.jpeg



Fakten:

Familiengrab (Family Plot)
USA, 1976. Regie: Alfred Hitchcock. Buch: Ernest Lehman. Mit: Karen Black, Bruce Dern, Barbara Harris, William Devane, Ed Lauter, Cathleen Nesbitt, Katherine Helmond, Warren J. Kemmerling, Edith Atwater, William Prince, Nicholas Colasanto u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Pseudo-Medium Blanche zockt zusammen mit ihrem Lebensgefährten George gutgläubige Menschen ab, die auf ihren Hokuspokus reinfallen. Nur so richtig viel kommt dabei nicht rum. Bis Blanche einen dicken Fisch am Haken hat: Eine alte, reiche Dame, deren Gewissensbisse sie um den Schlaf bringen. Einst zwang sie ihre Schwester, ihr uneheliches Kind wegzugeben. Jetzt verspricht sie Blanche 10.000 Dollar, wenn sie ihren einzigen Erben auftreiben kann. Auf ihrer gierigen Suche kreuzen Blanche und George den Weg eines anderen Gaunerpärchens, die sich eher auf Entführungen verstehen...




Meinung:
Der letzte Film von Alfred Hitchcock, gerne als altersmildes Spätwerk belächelt und allgemein mit einem weniger guten Ruf ausgestattet, zu unrecht. Sicherlich ist "Familiengrab" nicht der beste Film von Hitch, sicher auch nicht einer seiner Besten, doch immer noch ein würdiger Abschied von der großen Bühne, auf der er uns über 40 Jahre mit etlichen Perlen beschenkte. "Familiengrab" zählt zu der Hitch-Kategorie Nummer 2: Kein Meisterwerk, aber auch heute noch unterhaltsam, gut und ganz klar eine Empfehlung.


Beerdigung oder Überfall?
Viele Werke des Meisters waren zwar nicht unbedingt geprägt, dennoch stets durchzogen mit bissigem Humor. "Familiengrab" besitzt davon etwas mehr (mal abgesehen von "Immer Ärger mit Harry", einer reinen Komödie), ohne sich dabei in das Komödiengenre einordnen zu lassen (was trotzdem gerne geschieht). Nein, eine Komödie ist das nicht, nur ein Thriller, der nicht mit zynisch-sarkastischen Momenten spart und hier und da einige bewusste Schmunzler einbaut (aber wie gesagt, das war ja nichts neues). In erster Linie ist es ein waschechter Thriller mit einem hochinteressanten, geschickt erzählten Plot, der den Zuschauer zunächst leicht im Dunkeln tappen lässt. Innerhalb des ersten Drittels werden gleich zwei kriminelle Pärchen präsentiert, die augenscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Das sie sich logischerweise irgendwann treffen werden ist klar, nur warum? In diesen Minuten baut Hitchcock gewohnt souverän Spannung auf, keine Sekunde will verpasst werden, denn er spielt mal wieder mit dem Zuschauer und dessen Neugier. Allein daran lässt sich erkennen, dass Hitch weder altersschwach noch gesättigt war. Das ist nur minimal schwächer als zu seinen besten Zeiten. 


Tja, hätte sie sich mal angeschnallt
Seinen Drive büßt "Familiengrab" im weitern Verlauf nur geringfügig ein, was aber sehr zu verschmerzen ist. Bis zum Schluss werden immer wieder kleine Haken geschlagen, die Inszenierung ist gewohnt abgeklärt (ohne neue Highlights zu setzen) und das Kribbeln wie das Interesse reißt niemals ab. Darüberhinaus ist der Cast gut gewählt, was bei Hitch ja nicht immer höchste Priorität genoss. Von Karen Black über Bruce Dern, Barbara Harris bis zu William Devane passt hier alles wunderbar. Hitchcock zeigt auf seine alten Tage nochmal einen Querschnitt durch sein gesamtes Schaffen, bestehend aus Suspense, doppelten Spiel, versteckten Identitäten, satirischen Humor, halsbrecherischen Autofahrten, Betrug, Schein und Sein. Gerade das ist rückwirkend, bezogen auf seine gesamte Karriere, so bemerkenswert, fast schon erstaunlich: Er war immer "nur" Regisseur, schrieb nie das Script, verfilmte oft Romanvorlagen, aber alle Filme tragen seine Handschrift. Irgendwie gelang es ihm, jedem Werk einen unverkennbaren Stempel aufzudrücken, sie fast wie aus einem Guss wirken zu lassen, sogar genreübergreifend (kleine Ausreisser inbegriffen, aber schlecht war keiner seiner Filme).


Allein deshalb entzieht es sich meiner Wahrnehmung, warum "Familiengrab" so eine Enttäuschung sein soll. Mal wild in den Raum spekuliert: Wäre das kein Hitchcock, viele Kritiker würden kaum meckern. Das soll nicht heißen, dass das hier ein perfekter, großartiger Film ist, aber mehr Wertschätzung wäre schon angebracht. Flott, unterhaltsam, toll inszeniert und niemals nur im Ansatz langweilig, über gewisse Strecken sogar sehr clever und faszinierend. Eine schöne Mischung aus bösem Humor und intrigantem böse Buben und Damen Spielchen, niemals zu vorhersehbar und konstant auf hohem Niveau vorgetragen.


Wenn wir zum Schluss schon bei Konstanz sind: Ich kenne keinen Regisseur, der über so einen langen Zeitraum in der Qualität seiner Werke eben das garantierte. Klar, einiges war nicht immer Gold, aber vieles und mindestens genau so viel Silber. Das ist eine Messlatte, die heute kaum noch jemand überspringen kann. Selbst jedes aktuelle Regiewunderkind muss sich 2050 die Frage stellen: Was bin ich gegen Hitchcock? Die Antwort dürfte oft eindeutig sein. Bis auf Scorsese und die Coens habe ich das noch nie über so eine Distanz gesehen...und Hitch war noch viel fleissiger.

7,5 von 10 würdigen Schlusspunkten