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Review: CITIZENFOUR - Momentaufnahmen globaler Angst

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Fakten:
Citizenfour
USA. 2014. Regie und Buch: Laura Poitras. Mit Laura Poitras, Edward Snowden, Jacob Appelbaum, Julian Assange, William Binney, Glenn Greenwald, Jeremy Scahill u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: freigegeben ohne Altersbeschränkung. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Im Januar 2013 erhält die Filmemacherin Laura Poitras, die gerade am dritten Teil ihrer vielfach preisgekrönten Trilogie über die USA nach 9/11 arbeitet, verschlüsselte Emails von einem Unbekannten, der sich „Citizen Four“ nennt und Beweise für verdeckte Massenüberwachungsprogramme der NSA und anderer Geheimdienste in Aussicht stellt. Im Juni 2013 fliegen Laura Poitras und die Journalisten Glenn Greenwald und Ewen MacAskill nach Hongkong, um sich mit „Citizen Four“ zu treffen – es ist Edward Snowden. Ihre Kamera hat Laura Poitras in diesen Stunden und Tagen, die unsere Welt nachhaltig verändern werden, immer dabei.



Meinung:
Wie weit sieht man sich selbst vom NSA-Skandal betroffen? Empörung war ja auf allen Ebenen zu spüren, doch scheinbar hat man's schnell hingenommen, quasi als unausgesprochene Gewohnheit, dass die Weltregierungen eh alles abhören, meistens weil man selber als Otto-Normal-Bürger aufgrund des kleinen Interessenfeldes der eigenen Person offenbar nichts zu befürchten hätte, à la "Was wollen die mit meinen Daten schon anfangen?". Man hatte stattdessen schlicht ikonische Bilder von Edward Snowden vor Augen und den öffentlichen Sensationalismus eines globalen Whistleblower-Thrillers, um das Thema für sich eventuell abzuhaken. Sogar die Merkel wurde ausspioniert, wie ulkig! Danach ging für jeden alles wie gehabt weiter.


Snowden verbreitet die Wahrheit
Doch wie weitreichend die Implikationen von Snowdens Informationenausgabe in Effekt traten und ihn auch speziell als Person im Mechanismus der sinestren Informationsbeschaffung trafen, zeigt diese umfangreiche und sehr konkrete Dokumentation von Laura Poitras, die sich mit ihren Mitstreitern innerhalb dieses Themas ebenfalls in die Gefahr der nicht nur digitalen Beobachtung und Verfolgung begab. Konzeptionell wagt sie dabei nach einer abstrahierten Zusammenfassung vorangegangener Ereignisse eine Konfrontation mit dem Zuschauer, der in minimal-montierter Fassung ihre tagelangen Begegnungen mit Snowden und anderen Journalisten in einem Hotelzimmer in Hongkong erlebt. Von dort aus lässt Snowden sich auf die Preisgabe seines Wissens ein, erklärt im minutiösen Detail, wieviel Überwachung schon anhand normaler Mobilgeräte geleistet werden kann bis hin zur internationalen Infrastruktur des gesamten NSA-Komplexes, vorgetragen mit einer Entschlossenheit, die im Vornherein allein durch die angesprochenen Maßnahmen motiviert und von Poitras nicht noch nachträglich emotionalisiert oder heroisiert wird. Hier soll schlicht die nackte Wahrheit für sich stehen. Diese bricht nämlich mit ihren effizienten und entmenschlichenden Maßnahmen im Verlauf immer weiter auf ihn ein, auch wenn er sie nur von außen wirklich mitbekommt, aber wie ein Gefangener in dieser potenziell fatalen Zelle des Hotelzimmers außerhalb der USA verweilt.


Kontrollinstrumente der NSA
Für ihn und alle Umstehenden zieht sich die Schlinge spürbar zu, da reicht schon das reine Kopfkino der zukommenden Erläuterungen durch Fernsehen, Internet und 'The Guardian'. Schauerlich erlebt man dabei, wie auch die Macht des freien Journalismus im Angesicht von sanktionierten Menschenrechtsverletzungen ein Risiko eingeht, bis hin zur Filmemacherin Poitras selbst. Der Mensch Snowden jedenfalls, der sich bewusst als Initiator entblößt, nimmt aber den meisten Druck auf sich, um mit seiner Präsenz ein Zeichen zu setzen, selbst wenn er dafür einen Großteil seines Menschseins und seiner Freiheit aufgibt. Doch in Sachen Freiheit sieht es eh finster aus, je breiter sich die Investigationen zur Spionage in die Welt ausbreiten und Informationen zu Tage schöpfen, welche mit ihrer Brisanz und Darstellung in der Dokumentation an sich schon als belastbares Material auch gegen die Macher dieses Filmes gelten könnten. Aber ein Streif der Hoffnung kommt mit neuen, anonymen Informanten der geheimen Wahrheit zusammen, auch wenn sie mit ihrem Wissen schlicht nicht sicher bleiben können. Man muss alles Aufgeschriebene zerreißen, zerschreddern und womöglich verbrennen, wenn dabei noch das Prinzip der Privatsphäre unantastbar bleiben soll.


Die kalte Erkenntnis des hautnah-realen Films ist aber das stetige Verschwinden der Privatsphäre anhand einer Welt-überspannenden Verbundenheit der Datenbeschaffung, der man sich schon längst ergeben hat und die von den Obersten scheinbar geduldet und verharmlost wird, während die Verfolgung des Aufdeckers jenes Sammelnetzes höchste Priorität erlangt, mehr mediale Aufmerksamkeit erwirkt als der Skandal an sich. Dagegen setzt 'Citizenfour' allerdings ein einvernehmendes, direktes und furchtloses Zeichen, gegen das Vergessen eines aktuellen Zustandes.


8,5 von 10 Geheimdiensten


vom Witte

Review: INSIDE WIKILEAKS – DIE FÜNFTE GEWALT – Can you blow my whistle?

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Fakten:
Inside WikiLeaks – Die Fünfte Gewalt (The Fifth Estate)
USA, BRD. 2013. Regie: Bill Condon. Buch: Josh Singer, Luke Harding (Vorlage), Daniel Domscheit-Berg (Vorlage). Mit: Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, David Thewlis, Laura Linney, Stanley Tucci, Anthony Mackie, Moritz Bleibtreu, Peter Capaldi, Dan Stevens, Anatol Taubman, Edgar Selge, Axel Milberg, Alicia Vikander, Carice van Houten, Ludgar Pistor u.a. Länge: 128 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Hacker Daniel lernt den technisch ebenfalls versierten Politikaktivisten und Globetrotter Julian Assange kennen, der mit seiner Website WikiLeaks versucht der Öffentlichkeit teils streng vertrauliche Geheimnisse von Regierungen verfügbar zu machen. Den beiden und anderen Mitstreitern gelingen mehrere große Coups, doch die Zusammenarbeit wird wegen interner Querelen immer schwieriger und der politische Druck auf WikiLeaks steigt dazu auch drastisch an.





Meinung:
Wer im Jahre 2010 ab und mal durch das World Wide Web gesurft ist oder sich nach getaner Arbeit abends vor den Flimmerkasten gesetzt und die Nachrichten eingeschaltet hat, dem dürfte nicht nur die Enthüllungsplattform „WikiLeaks“ ein mehr als präsenter Begriff sein, auch beim Namen „Julian Assange“ müsste es schlagartig klingeln. Warum gerade das Jahr 2010? Weil nicht nur Wikileaks über Monate aufgrund von finanziellen Möglichkeiten in der Inaktivität ruhte und einzig durch üppige Spendengelder (500.000$ Dollar pro Jahr) reanimiert hätten werden können, auch Programmierer und Sprachrohr der berühmt-berüchtigten Seite Julian Assange wurde mit harschen Vergewaltigungsvorwürfen stigmatisiert, um den Vereinigten Staaten ausgeliefert zu werden – Wo ihn natürlich kein fairer Prozess erwarten wurde, sondern im schlimmsten Fall die Exekution. Danach gab es ein langwieriges Hin zu Her, nicht nur um Assange, der in die ecuadorianische Botschaft floh und bis heute dort verweilt. Auch um Wikileaks, welches zwar immer noch existiert, in seiner Funktionalität jedoch erheblich kastriert wurde.


Washington versucht Assange zu stoppen
Die Vorfälle kursieren also immer noch um die Antennen der Medienwelt und ihre Konsumenten. Kann es da, im Jahre 2013, also schon der richtige Zeitpunkt sein, einen Spielfilm zum Thema WikiLeaks in die Kinos zu schicken? Die gleiche Frage stellte man sich auch schon bei Kathyrn Bigelows „Zero Dark Thirty“, der die Jagd auf Osama Bin Laden thematisiert. Eine berichtigte Frage, die immer im Bunde mit einer weiteren Frage steht: Benötigt die Welt überhaupt einen Film dieser Art? Es gäbe bestimmt genügend Argumente, um beide Seiten fundiert auszustaffieren, egal ob Pro oder Contra. Das Problem ist eben nicht der Zeitpunkt und nicht die filmische Relevant, es geht einzig um die adäquate Umsetzung des Sujets. Und – um wieder zurück auf Wikileaks zu kommen - um sich wirklich tief in die komplexe Materie einzuarbeiten, sollte man sich Dokumentationen (wie zum Beispiel „We Steal Secrets“) anschauen oder dem durchaus informativen Artikel auf WikiPedia eine Chance geben. Hoffnungen auf eine derartig erhellende Akribie darf man an Bill Condons kolossalen Kino-Flop „Inside WikiLeaks“ jedoch bitte nicht hegen, auch wenn ambitiös zur Tat geschritten wurde.


Ist Julians Mitstreiter wirklich im Zielsucher der Geheimdienste?
Ambitionen können allerdings nicht nur etwas Positives sein, sie können einem Projekt auch problemlos das Genick brechen. „Inside WikiLeaks“ nämlich folgt dem Leitmotto (oder eher dem törichten Schlachtruf): Alles oder nichts. Gleich zu Anfang werden wir mit Bildern und Aufnahmen von reellen Vorfällen konfrontiert, deren Details immer noch in Relation mit Ungereimtheiten stehen, wie der Unfall von Lady Diana oder auch das Attentat auf John F. Kennedy. Ein Festmahl für Verschwörungstheoretiker! Und genau diesen Verschwörungsmöglichkeiten wollte Wikileaks Einhalt gewähren und sich für digitale Transparenz starkmachen: Dokumente, die als Verschlusssache, Geheimhaltung, Vertraulichkeit oder Zensur gezeichnet sind, wurden anonym veröffentlicht- auch Whistleblowing genannt -, um den unverfälschten Informationsfluss des 21. Jahrhundert für jedermann zu gewähren. Eine an und für sich sehr gute Sache, der sich die Betroffenen, also die Regierung, nur zu gerne in den Weg gestellt hat. „Inside WikiLeaks“ jedenfalls macht nicht den Fehler, klare Fakten dramaturgisch zu verschandeln, er wirft nur jede Minute ein neues Detail, eine neue Information in den Raum, als würde das Drehbuch Gefallen am Jonglieren mit brisanten Chiffren finden.


„Inside Wikileaks“ ist hingegen tadellos inszeniert, genau wie Benedict Cumberbatch („12 Years a Slave") mit seiner Performance des zuweilen autistisch erscheinenden Julian Assange durchgehend zu überzeugen weiß. Daniel Brühl („Rush“), solide, gibt mit Daniel Domscheit-Berg den Ruhepol der Geschichte, der als Identifikationsfigur für den Zuschauer fungieren soll. Nicht umsonst beruht auch der Film größtenteils auf dem gleichnamigen autobiografischen Buch des deutschen Informatikers. „Inside Wikileaks“ kennt nur keine narrative Ruhe, alles geht Schlag auf Schlag, alles ist vollgestopft mit Denkanstößen und Querverweisen, hier etwas Redefinition von Informations- und Redefreiheit, da etwas Revolutionsgeplänkel. Über all dem thront (neben der unfassbar debilen Schleichwerbung für Club Mate) die nach und nach zerbröckelnde Beziehung zwischen dem androgyn-suggestiven Assange und dem introvertiert Domscheit-Berg, die durchweg irgendwie leblos bleibt. Und auch wenn der Film parteilos bleiben möchte, drängt er Assange fortwährend in despektierliche Schubladen, um in einem mehr als unnötigen Meta-Interview zu munden. Beim nächsten Mal sollte man seine Ziele vielleicht nicht ganz so hoch stecken, der Sturz jedenfalls wäre etwas angenehmer.


4 von 10 müden Kühen


von souli