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Review: JIMMY P. - PSYCHOTHERAPIE EINES INDIANERS – Die Rothaut auf der Coach

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Fakten:
Jimmy P. - Psychotherapie eines Indianers (Jimmy P. - Psychotherapy of a Plain Indians)
Frankreich, USA. 2013. Regie und Buch: Arnaud Desplechin.
Mit: Benicio Del Toro, Mathieu Amalric, Gina McKee, Larry Pine, Joseph Cross, Misty Upham, A. Martinez, Jennifer Podemski, Gary Farmer, Michelle Thrush, Michael Greyeyes u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Jimmy Picard, ein Indianer der Blackfoot, kämpfte im Zweiten Weltkrieg in Frankreich. Nach einem Unfall, der ihm ein Koma bescherte, leidet er immer wieder an Lähmungserscheinungen, Zusammenbrüchen sowie kurzzeitigen Hör- und Sehverlusten. In einem Veteranenkrankenhaus wird bei Jimmy Schizophrenie diagnostiziert und er kommt in eine Psychiatrie. Dort kümmert sich Ethnologe George Deveraux um ihn, der erkennen muss, dass Jimmy nicht an Schizophrenie leidet. Er versucht Jimmy zu helfen.





Meinung:
„Ich war immer ein Mann, der Frauen sterben lässt.“

Ein Film über die Psychoanalyse muss es ja zwangsläufig schwer haben, denn wie soll man es schon zustande bringen, über einen konkreten Zeitraum von guten zwei Stunden jene innerseelischen Dissonanzen und die sich über die Jahre in der Seele eingefrästen Traumata nicht nur in massiver Transparenz auszustellen, sondern sie auch zu verinnerlichen? Gus van Sant ist daran schon mit „Good Will Hunting“ gescheitert, obwohl er dennoch ein gar wunderbares Werk geschaffen hat, und über David Cronenbergs „A Dangerous Method“ verlieren wir besser nicht allzu viele Worte, hat sich der kanadische Meisterregisseur damit doch einen rigorosen Bock geleistet, den man in diesem Ausmaß, gerade auch weil er mit „Die Unzertrennlichen“ wahrhaft Großes vollbrachte, wohl kaum erwartet hätte. Mit „Jimmy P.“ hat sich nun der französische Filmemacher Arnaud Desplechin an das verzwickte Thema der Psychoanalyse herangewagt und es durchaus verstanden, der Praxis, denn der auf Modelle und Kategorisierung versessenen Theorie Hauptaugenmerk zu verleihen.


Deveraux muss Jimmy P. richtig kennen lernen
Mit „Jimmy P.“ widmet sich Arnaud Desplechin dem wahren Fall des Blackfoot-Indianers und Weltkriegsveteran Jimmy Picard (Benicio del Toro, „Savages“, der aus einem Jeep stürzte und aufgrund eines Schädelbruchs kurzzeitig im Koma lag. Seitdem klagt Jimmy über schwere Kopfschmerzen und lässt sich in das Winter Veteran Hospital in Topeka eingeliefert, wo man schnell vermutet, Jimmy würde unter Schizophrenie leiden, was ihn direkt in die geschlossene Psychiatrie der Einrichtung führt. Dass Jimmy Probleme hat, wird schnell deutlich, dass es sich allerdings nicht wirklich um Schizophrenie handelt, merkt auch der Zuschauer, was vom Psychoanalytiker und passionierten Ethnologen Georges Devereux (Mathieu Amalric, „Venus im Pelz“) auch in Windeseile bestätigt wird, obwohl es diesem eigentlich nicht erlaubt ist, als praktizierender Arzt zu fungieren – Ihm fehlt schlichtweg die Zulassung. Und mit Jimmy Picard und Georges Devereux wartet „Jimmy P.“ mit einer Konstellation auf, die durchaus gefällt: Devereux, der Pionier der Ethnopsychoanalyse, versucht Jimmy auf Augenhöhe zu begegnen, ihm liegt es nicht an Fachsimpelei, sondern daran, die Dinge beim Namen zu nennen; autoritär, aber niemals dirigierend.


Arnaud Desplechin wird gerne nachgesagt, als selbstverliebter Auteur in Erscheinung zu treten, „Jimmy P.“ hingegen streift weder die Prätention, noch macht er es dem Zuschauer schwer, einen klaren Zugang zu finden. Es erscheint nur wenig beglückend, dass sich ein Film die Zeit nimmt, um im Kontext der Psychoanalyse die Rastes des methodischen Prozesses etwas aufzurütteln, am Ende dann aber doch des Rätsels Lösung in ödipalen Konflikten zu finden glaubt – Obwohl er sich letztlich wieder eingesteht, dass es nicht die Diagnose ist, die den höchsten Wert besitzt, sondern der Weg dorthin. Und da macht „Jimmy P.“ unmissverständlich deutlich, dass die Beziehung zwischen Jimmy und Georges nicht auf der strengen Arzt-Patient-Ebene abspielt, sondern ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut wird, eine Vertrauensbasis, die mal verbale Duelle bereithält, aber auch als ausgelassene Plauderei funktioniert. Benicio del Toro überzeugt vor allem mal wieder durch seine subtile Performancekunst, während Mathieu Amalric einmal zu oft zur neurotischen Karikatur erklärt wird. Interessant ist „Jimmy P.“ im Umgang mit Verdrängung und Freilegung trotzdem.


5,5 von 10 klemmenden Gewehren


von souli

Review: WOLFEN - Natur funktioniert, wir nicht

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Fakten:
Wolfen
USA, 1981. Regie: Michael Wadleigh. Buch: David Eyre, Michael Wadleigh, Whitley Strieber. Mit: Albert Finney, Diane Venora, Edward James Olmos, Gregory Hines, Tom Noonan, Dick O’Neill, Dehl Berti, Peter Michael Goetz u.a. Länge: 110 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Im New Yorker Battery Park werden die grausam verstümmelten Leiche den Immobilienmoguls van der Veer, seiner Frau und deren Chauffeurs gefunden. Die Ermittlungen von Detective Dewey Wilson zielen zunächst auf einen terroristischen Akt einer Untergrundgruppe ab, weswegen die in dem Bereich spezialisierte Psychologin Rebecca Neff hinzugezogen wird. Die Ergebnisse bleiben überschaubar und noch mehr Verwirrung kommt auf, als ein ähnlicher Mord an einem Obdachlosen eine erstaunliche Parallele zu ihrem Fall aufweist: Haare, die an den Opfern gefunden wurden. Keine menschlichen Haare…





Meinung:
„In seiner Arroganz weiß der Mensch nicht, was neben ihm existiert…“

1981 war ein goldenes Jahr für den Wolf im Film. John Landis feierte mit „American Werwolf“ einen weltweiten Hit, der sogar (absolut verdient) mit dem Oscar für das beste Make-Up ausgezeichnet wurde. Bis heute gilt dieser Film als eines der Alphatiere auf seinem Gebiet, auch da mag man kaum wiedersprechen. Wenn man ihm etwas ankreiden kann (bis auf das Ende, anderes Thema), dann am ehesten seine unfreiwillige Mitschuld daran, dass der eigentlich bessere Film „Wolfen“ etwas unterging und heute lange nicht so bekannt ist. Dabei lassen sich beiden Werke kaum vergleichen und haben ganz andere Ansätze, Schwerpunkte und genau genommen sogar eine völlig andere Thematik. Genau das macht den Unterschied und „Wolfen“ zum ungekrönten Punktsieger in einem Duell auf hohem Niveau.


"Schatz, ich schaff's nicht zum Essen..."
Lykanthropie steht selbstverständlich auch hier im Vordergrund, mit einem klassischen Werwolf-Film hat „Wolfen“ allerdings nur auf den ersten und auf den zweiten Blick nur rein oberflächlich zu tun. Oder eher gar nichts. Anfangs noch vorschnell als solcher einzuordnen, entwickelt sich zusehends ein etwas anderes, spezielles Rudel. Eine interessante Kombination aus Krimi, Horrorfilm, Paranoia-, Suspense- und Mysterythriller, die geschickt mit Erwartungshaltungen, sozialkritischen und durchaus moralisch geprägten Elementen spielt, ohne durch diesen „Belehrungsansatz“ auf den Wecker zu fallen. Sie werden sich schlicht zu Nutze gemacht, um eben nicht den zu erwartenden, typischen „Werwolf“-Film zu zeigen. Ein mythisches Schauermärchen auf urbanen Terrain, welches nicht nur durch seinen interessanten Grundgedanken, sondern mindestens im gleichen Maße durch seine beeindruckend dichte Atmosphäre und die grandiose Inszenierung punkten kann. Die South Bronx als Wälder aus Beton und Stahl, Ruinen der modernen Zivilisation als Sinnbild für die Zerstörung des ursprünglichen Gleichgewichts, werden zu den Jagdgründen derer, die sich nicht ausrotten und in Reservate pferchen ließen, die nicht durch den High-Tech-Overkill der modernen Welt aufzuspüren und zu überführen sind. Sie waren lange vor uns da und werden es vielleicht immer sein. Michael Wadleigh taucht die territoriale Verteidigung in düstere Bilder und lässt durch die Augen der Jäger blicken, braucht keine spektakulären Effekte, sondern lässt den Effekt seiner Inszenierung wirken. Es bedarf keiner aufgesetzten Schocks und zahlreicher Tötungen, wenn man so virtuos die Geschichte erzählen und entsprechend umsetzten kann.


All das findet seinen Höhepunkt in dem grandiosen Finale, visuell ein Genuss, mit gespenstischer Aura und treffsicherer Wirkung. Der gute Cast mit Albert Finney, Diane Venora, Edward James Olmos und Gregory Hines tut sein Übriges dazu. Besonders bemerkenswert: Wo andere Filme sich schon locker mit ihren weltverbesserischen Gedanken und fuchtelnden Zeigefingern selbst ins Knie gef… haben, nervt „Wolfen“ nicht eine Sekunde und verwebt diesen Aspekt wie selbstverständlich als immens wichtigen Baustein seiner Geschichte. Nicht diese klebrige, schnell hinten dran gekleisterte „Was-lernen-wir-daraus?“-Sülze, nur dadurch ist das ein sehr eigenständiger, einnehmender und auch mutiger Film. Kein ganz simples Horrorfutter, noch lange kein Arthouse, nur ein wunderbar anderer Vertreter seines Subgenres, der nicht mal richtig dazu gehört. Der Wolf im Werwolfspelz. Super.

8 von 10 bösen (?) Wölfen

Review: NAVAJO JOE - Burt Reynolds als indianischer Rambo

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Fakten:
Navajoe Joe a.k.a. Kopfgeld: Ein Dollar (Un dollaro a testa)
Italien, Spanien. 1966. Regie: Sergio Corbucci.
Buch: Fernando Di Leo, Piero Regnoli. Mit: Burt Reynolds, Fernando Rey, Nicoletta Machiavelli, Aldo Sambrell, Tanya Lopert, Nino  Imparato, Cris Hueda, Franca Polesello, Pierre Cressoy, Ángel Ortiz u.a Länge: 91 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Duncan und seine Bande schlachten einen Indianerhort erbarmungslos ab. Nur einer überlebt das Massaker: Navajo Joe. Dieser sinnt auf Rache. Als einige von Duncans Männern einen Zug überfallen kommt Joes Stunde. Doch dies ist erst der Anfang für Joe, der wenig später sogar zum Beschützer einer ganzen Stadt wird.





Meinung:
Es ist und bleibt ein denkwürdiger Auftritt, den Sylvester Stallone mit der Kunstfigur John J. Rambo im Jahre 1982 abgeliefert hat: Ein von der Gesellschaft ausgestoßener Veteran kehrt zurück in seine Heimat, um sich nach einem verlorenen Krieg in Vietnam zu Hause schon wieder dazu gezwungen sieht, an der heimischen Front zu den Waffen zu greifen. „Rambo“ war noch kritisches, substantielles Kino; ein Film, der sich mit der geschundenen Seele einer enttäuschten Nation auseinandersetze, noch bevor Stallone dann in den markigen Fortsetzungen „Rambo II“ und „Rambo III“ zur omnipotenten Killermaschine mutierte. Burt Reynolds verkörpert mit seinem Joe in „Kopfgeld: Ein Dollar“ eine recht ähnlich angelegte Figur: Als Navajo wurde ihm das Land vom 'Weißen Mann' entrissen und sein Stamm in das östliche Territorium vertrieben. Und doch: Nach all den Erniedrigungen, darf der indianische Stamm (im Übrigen der größte neben den Apachen) nicht ruhen und wird von räudigen Banditen verfolgt, massakriert und skalpiert.


Mies gelaunt und bewaffnet. Keine gute Kombination
Während der amerikanische Western zum flexiblen Ausdruck von Nationalismus erkoren wurde und als Heimatfilm (wie zum Beispiel in „Rio Bravo“) florierte, sah sich der Italo-Western langsam dazu befähigt, cineastische Sehnsüchte zu stillen, in dem er nicht nur tapfere Helden stilisierte, sondern seine hiesigen Hauptdarsteller auch mal mit schwarzem Pessimismus gegen die Wand drückte. Sergio Corbucci, der mit seiner kultigen Schlammschlacht „Django“ Filmgeschichte schrieb, stellte im Jahre 1968 mit dem famos besetzten „Leichen pflastern seinen Weg“ eine nachhaltig beeindruckende Genre-Entmystifizierung auf die Beine, die den Mythos vom 'sauberen Western' kaltblütig durchsiebte. Corbucci verstand es, wie er mit einem amüsanten Augenzwinkern („Lasst uns töten, Compagneros“) so richtig vom Leder ziehen konnte oder den Zuschauer mittels dreckiger Tonalität paralysierte. Auch „Kopfgeld: Ein Dollar“ ist im Kern ein düsterer Film, der die gesellschaftliche Polarität jener historischen Tage ausstellt und von drei klaren Lagern berichtet: Den Städtern, den Banditen, den Indianern.


Kimme und Korn immer nach vorn: Navajo Joe
Während die Städter noch als hilflose Nichtskönner dargestellt werden, die sich dann auch noch zu Anfang aufgrund von Ressentiments ihrer einzigen Aussicht auf Rettung in den Weg stellen, müssen die Banditen den Wandel der Zeit mit Erschrecken erfahren: Früher noch damit beauftragt, Indianer abzuschlachten, sehen sie in der Stadt nun auch Fahndungsfotos mit ihrem Gesicht an den Häusern hängen. Als Sympathiefigur soll der von Burt Reynolds („Boogie Nights“) verkörperte Joe fungieren, dem es nach einem bestialischen Überfall auf seinen Stamm nach Rache dürstet. In seiner ersten Hauptrolle gibt sich der ehemalige Stuntman Burt Reynolds in Dialogsequenz oftmals reichlich ungelenk, um dann in den Action-Szenen durch seine Physis, seine Wendigkeit zu überzeugen. Wenn Reynolds per Hechtsprung von seinem Pferd rauscht und sich auf die schmierigen Schergen von Duncan (Aldo Sambrell) stürzt, dann sehen wir hier ein Raubtier in menschlicher Hülle, das sich ganz und gar seinem Verlangen nach Vergeltung geschlagen gibt. In diesem Sinne: Wenn es zur Sache geht, gefällt Reynolds allemal!


Aufgrund von Budgetmangel war es Corbucci nicht vergönnt, im legendären Monument Valley zu drehen, der regulären Heimat der Navajos. Im Süden Spaniens stieß das Team in der Region von Guadix auf ein massives Felsgebiet, das an jene Tafelberge gemahnt und von Silvano Ippoliti so erlesen fotografiert wurde, dass sich diese Art „Notlösung“ absolut nicht schämen muss. Wenn dazu noch die von Ennio Morricone komponierten Choräle das Szenario aufscheuchen, dann ist Gänsehaut garantiert. Dass „Kopfgeld: Ein Dollar“ allerdings nicht über die gesamte Laufzeit gefällt, liegt an seinem gerne schleppenden Narrativ, das gerade im Mittelteil einige Durststrecken durchqueren muss. „Kopfgeld: Ein Dollar“ aber bleibt ein gelungener Action-Western, dessen politischer Unterbau kritische Zwischentöne erlaubt und mit einem Finale auf einem Indianerfriedhof auffährt, das sich wirklich gewaschen hat.


6 von 10 Tomahawks im Schädel


von souli

Review: HALBBLUT – Val Kilmer auf der Suche nach seiner inneren Mitte

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Fakten:
Halbblut (Thunderheart)
USA. 1992. Regie: Michael Apted. Buch. John Fusco.
Mit: Val Kilmer, Sam Shepard, Graham Greene, Fred Ward, Dennis Banks, Sheila Tousey, Fred Dalton Thompson, Ted Thin Elk, Rex Linn, Patrick Massett, Sylvan Pumpkin, Julius Drum, John Trudell u.a. Länge: 114 Minuten. FSK: freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD erhältlich.


Story:
Mitten in dem abgelegenen Sioux-Reservat Pine-Ridge in South Dakota, kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall: Ein angesehener Stammesführer wurde erschossen aufgefunden und der Täter ist vollkommen unklar. Das schreit natürlich nach Aufklärungen und es trifft ausgerechnet den jungen Polizisten Ray Levoi, der in Sachen Ermittlungen noch ein unerfahrener Grünschnabel ist. Dazu kommt auch noch, dass Levoi indianisches Blut in sich trägt, was ihn zu einem sogenannten „Halbblut“ macht. Er macht sich auf den Weg zum Tatort und trifft dort auf seinen Partner Frank Coutelle, ein rauer und ebenso altmodischer Cop, dessen Methoden nicht wirklich mit der Zeit gegangen sind. Die beiden müssen zusammenarbeiten und den Mord aufklären, denn die Situation könnte eskalieren und das Reservat schnell auf den Kopf stellen. Die Zusammenhänge mit dem Vorfall sind jedoch äußerst undurchsichtig und der vorerst zurückhaltende Ray muss die Distanz aufgrund seiner Abstammung gegenüber den Indianern ablegen, um die Wahrheit aufzudecken. Er lernt den Reservat-Sheriff Crow Horse kennen und versteht immer mehr, dass er erst sich selbst annehmen muss, bevor er den Fall lösen kann…





Meinung:
„Halbblut“ kann in erster Linie mit überwältigenden Landschaftsaufnahmen begeistern, die von Genius Roger Deakins, Hauskameramann der Coen-Brüder, in einer exzellenten Weite eingefangen wurden. Gedreht wurde an Originalschauplätzen und diese Authentizität macht sich in jeder Aufnahme vollkommen bezahlt: Die karge, aber ebenso mächtige Natur dient als perfektes Setting für den Film und die aufeinanderprallenden Moralwerte. Natürlich darf in diesem Fall auch Komponist James Horner nicht unerwähnt bleiben, eine Feste Größe seine Fachs, längst über jeden Zweifel erhaben, und auch in "Halbblut" kann seine Komposition wieder mit ruhigen wie anspannenden Klängen überzeugen, die die Atmosphäre immer wieder antreibt und simultan abgefedert. Ebenso lobende Worte lassen sich auch für die Besetzung des Films finden, die gerade mit Hauptrolle Val Kilmer einen echten Coup gelandet hat. Kilmer, der sich gerne als vergessenes Kind der 80er und 90er Jahre bezeichnen lassen muss, zeigt als unerfahrener Ermittler und Halbblut Ray Levoi eine großartige Leistung. Gleichwohl Graham Greene als Sheriff Crow Horse und Sam Shepard als Frank Coutelle, die zwar durchgehend die zweite Geige spielen und Kilmer den Raum zur Entfaltung lassen, in ihren Szenen aber immer überzeugend auftreten.


Blutsbrüder
Wenn sich die Traumfabrik einem amerikanischen Thema annimmt, das sich vor allem auf einen politischen Hintergrund stützt, dann ist die Gefahr nach wie vor groß, denn die Regisseure neigen mit erschreckender Häufigkeit dazu, ihre Themen in Verlogenheit und naiver Rührseligkeit zu baden, nur um die Fehler in der Gegenwart wieder geradezubiegen, die Wahrheit damit aber zu keiner Sekunde mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandeln. Da kann es um die Sklaverei, den Krieg selbst – Stichwort: Pathos und Patriotismus - und auch den Wilden Westen gehen. Der Konflikt zwischen dem „Weißen Mann“ und den Ureinwohnern. Immer wieder werden die Indianer in der Filmgeschichte als raubende Mörder dargestellt und diffamiert, als Tiere, die jede Menschlichkeit verloren haben und sich einzig und allein mit grausamen Handlungen durch die Welt schlagen. Das stimmt in gewissen Fällen, aber ein Regelfall war das nie, denn Indianer, und das wollen viele nicht verstehen, waren sensible und äußerst zurückhaltende wie intelligente Menschen, die sich nicht nur mit Gewalt durchsetzen wollten, sondern für jede Kultur ein offenes Ohr hatten. Kevin Costners verdienter Oscar-Erfolg „Der mit dem Wolf tanzt“ dient da partiell wunderbar als Aufklärungsfilm. Und mit diesem Film schneiden wir auch in die Sparte von „Halbblut“, wenn auch auf differenten Wegen.


Ray bekommt Schützenhilfe
Wir begleiten Ray Levoi in das hitzige Sioux-Reservat, die Heimat seiner Vorväter, ein Teil seines Inneren - Und doch ist ihm diese Welt so unbekannt. Ein toter Indianer zieht den Polizisten an den Tatort, konfrontiert mit den Menschen, die seine geteilte Seele ausmachen. „Halbblut“ ist auf den ersten Blick sicher ein konventioneller und besonnener, ruhiger ruhiger Krimi, der die Muster und altbekannten Vorgaben des Genres routiniert abklappert, doch in Wahrheit steckt in der Szenerie ein viel größerer Wert, sowohl aus der menschlichen, als auch aus der politischen Sicht. Michael Apted vermischt die Elemente des Whodunit mit denen der Selbstfindung. Ray muss sich selber akzeptieren, um die Wahrheit aufzudecken. Zwischen der wachsender Loyalität gegenüber der Sioux und der beruflichen Treue, muss Ray seinen Weg finden, der das Gleichgewicht seiner Identität bestimmt und die kulturellen Konflikte aus dem festgefahrenen Blickfeld räumt. Diskriminierung, Ethologie und Determiniertheit. „Halbblut“ verknüpft die schwüle Western-Atmosphäre mit der stillen Abgrenzung und heimlichen Annahme eines Menschen, dessen Mordermittlungen einer ganz neuen Bedeutung gegenüberstehen.


„Halbblut“ zählt sicher zu den unbekannten Perlen der 1990er Jahre, die es wohl nie schaffen werden, die verdiente Aufmerksamkeit zu ernten, einfach weil das Thema nicht ansprechend genug ist oder die Schauspieler den gewissen Rang in der Öffentlichkeit nicht genießen können. Dabei erweist sich "Halbblut" nicht nur als solider Krimi, sondern auch als interessanter Hybrid aus Selbstfindung und Kulturkonflikt, der die politischen und historischen Bezüge korrekt anspricht und abhandelt. Sicher konventionell, aber spannend und sorgfältig erzählt, mit tollen Darstellern, großartigen Landschaftsaufnahmen und einer hitzigen Atmosphäre, die „Halbblut“ überaus empfehlenswert machen.


7 von 10 Brüdern im Geiste


von souli

Review: SAVAGED - Hübscher Körper, böser Geist

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Fakten:
Savaged
USA, 2013. Regie & Buch: Michael S. Ojeda. Mit: Amanda Adrienne, Rodney Rowland, Marc Anthony Samuel, Rick Mora, Daniel Knight, Kyle Morris, Brionne Davis, Ronnie Gene Blevins, Ernie Charles u.a. Länge: 94/96 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren (cut), uncut keine Freigabe. Ab dem 15.4. 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die taube Zoe will ihren Freund besuchen, der einige Staaten entfernt wohnt. In New Mexiko wird sie von einer Gruppe Hinterwäldler überfallen, vergewaltigt und abgestochen. Ein alter Indianer findet sie und will sie mit einem Ritual zurück ins Leben holen. Dabei bemächtigt sich der Geist eines Häuptlings ihres Körpers, der einst von den Vorfahren ihrer Mörder umgebracht wurde. Als untote Rächerin mit der Seele eines wütenden Kriegers macht Zoe nun Jagd auf ihre Peiniger.



                                                                                   



Meinung:
„Nur eine tote Rothaut ist eine gute Rothaut.“

Könnte man annehmen. Also wenn man zu einer degenerierten Bande Rednecks mit Hakenkreuz-Tattoo gehört, die in ihrer Freizeit (von was auch immer) Indianer jagen, weil Ur-Opa das auch schon gemacht hat. Gut, andere Zeiten, andere Sitten, aber wenn irgendwo die Uhren nicht nur stehengeblieben, sondern vor Jahrzehnten von der Wand gefallen und nie repariert wurden, dann in New Mexiko, wo Männer noch Männer sind und hoch erfreut, wenn eine Frau zum vergewaltigen vorbeikommt. Prima Sache. Blöd nur, wenn Ur-Opas Opfer aus der guten, alten Zeit zwar eine tote, deshalb aber noch lange keine gute und darüberhinaus sehr nachtragende Rothaut ist. Häuptling Böser-Geist schlüpft in den Körper der frisch Verbuddelten und lässt ordentlich das Tomahawk kreisen.


Der Tod steht ihr nicht ganz so gut.
Na, das klingt doch nach einem 1A-Trash-Mettigel, leider weit daran vorbei. Gehackt und geschnetzelt wird ordentlich, gerne auch ausgeweidet und skalpiert, was Indianer halt so machen. Der Spaß bleibt dabei voll auf der Strecke, denn Regie-Debütant, Autor, Kameramann und sowieso alles Michael S. Ojeda (Ojeda, wie passend) hat offensichtlich gar nicht geschnallt, wie bescheuert seine Idee ist und dadurch eigentlich ganz gut funktionieren könnte, wenn er sich und sein Werk nicht so entsetzlich ernst nehmen würde. Seine gnadenlos durch den Farbfilter geknallten Pseudo-Drecks-Bilder in schick-nerviger Clip-Ästhetik, seine grimmigen, total überzeichneten Figuren, seine grenzdebilen Dialoge und sein völliger Verzicht auf Ironie und Sarkasmus wird mit ultra-brutalem Gore zusammengekleistert und so erschreckend plump vorgetragen, dass man nur verwundert den Skalp schütteln kann. So lange man ihn noch hat.


Häuptling Falscher-Körper läuft Amok.
Jegliches Potenzial wird verschenkt, da Ojeda wohl glaubt das sein peinliches Schlachtfest als beinharter Terror-Streifen erscheint. Dafür ist der Unsinn schlicht zu albern und eben nicht so vermarktet. Das kann doch niemand ernst nehmen, soll man aber scheinbar. Sadistische Gewalt wird als Spannung verkauft, unfreiwilliger Humor nicht erkannt und wirkt so schauderhaft dusselig, Klischees bis an die Grenzen ausgedehnt, ohne nur den Anflug von gewollter Übertreibung. Das wird schnell so lächerlich und geht extrem auf die Nerven, doch anstatt mal auf den Trash-Zug aufzuspringen, zieht Ojeda blind seine Linie durch und raubt seinem Streifen das letzte bisschen Unterhaltungswert. Die zahlreichen Dämlichkeiten können so nur als solche aufgefasst werden und bewirken statt einem geneigten Grinsen nur pure Verzweiflung. Allein das Ende kommt SO bekloppt rüber („Ich liebe dich auch“), du lieber Himmel.


Wem die „Saw“-Sequels zu anspruchsvoll waren und drastische Blutwurst auch gerne ohne Brot, Spannung, Humor oder Sinn zum Frühstück frisst, Mahlzeit. Dann aber bitte auf die Fassung achten, kommt in Deutschland als geschnittene FSK: 18- und ungeschnittene SPIO-Version raus, fragt sich nur wie lange, der Index schreit schon. In dem Fall nicht schade drum. In die ewigen Jagdgründe damit.

2,5 von 10 ausgegrabenen Kriegsbeilen.