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Review: ERBARMEN – Willkommen in der Druckkammer des Grauens

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Fakten:
Erbarmen (Kvinden i buret)
Dänemark. 2013. Regie:
Mikkel Nørgaard. Buch: Nikolaj Arcel, Jussi Adler-Olsen (Vorlage). Mit: Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Mikkel Boe Følsgaard, Peter Plaugborg, Sonja Richter, Søren Pilmark, Magnus Milland, Michae Brostrup u.a. Länge: 97 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 25. September 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nach einem gescheiterten Polizeieinsatz, wird Kommissar Carl Mørck zu einer Sonderabteilung strafversetzt. Dort soll der alte, ungelöste Fälle bearbeiten, jedoch nicht selbst ermitteln. Dieses Verbot interessiert Carl aber wenig und so untersucht er das mysteriöse Verschwinden einer Politikerin.





Meinung:
Nicht nur Großbritannien lässt das Herz von Krimipretiosen mit Serien wie „Lewis – Der Oxford Krimi“, „Inspector Barnaby“ oder „Sherlock“ höher schlagen, auch Skandinavien hat hinsichtlich dieses Genres einiges im nordischen Repertoire. Da hätten wir beispielsweise „Die Brücke – Transit in den Tod“, „Nordlicht – Mörder ohne Reue“ und natürlich die auf Henning Mankells Romanen basierende Serie „Wallander“. Als dann auch noch die Verfilmung von Stieg Larssons Millenium-Trilogie („Verblendung“, „Verdammnis“, Vergebung“) nicht nur einen der oberen Plätze der Bestsellerlisten im literarischen Bereich erklimmen konnte, sondern, nachdem sich Schweden an der Reihe versuchte, eine herausragende US-Version von David Fincher nach sich zog, war es eindeutig: Der Krimi feiert endlich mal wieder Hochkonjunktur und ist so gefragt, wie er es seit den 1970er Jahren nicht mehr war. Von daher ist es natürlich nur ein logischer Schritt, dass sich die Filmwelt nun auch an den Bändern des Jussi Adler-Olsen zu schaffen macht.

 
Carl und sein Kollege habe jede Menge zu tun
Jussi Adler-Olsen, der eine internationale Anhängerschaft von über acht Millionen Lesern vorzuweisen hat, wird auch in Zukunft mit Sicherheit noch öfter Anlaufstelle für weitere Kino-Adaptionen sein. Nun allerdings geht es um „Erbarmen“, eine Kriminalgeschichte, die bereits in über 35 Ländern erschienen ist und so manchem Konsumenten einen kalten Schauer über den Rücken gejagt hat. Dass es eine äußerst diffiziles Angelegenheit ist, einen Roman, der über 400 Seiten aufweist, in einem abendfüllenden Spielfilm von knackigen 90 Minuten unterzubringen, stellt auch das Drehbuch von Nikolaj Arcel (der auch das Drehbuch zum schwedischen „Verblendung“ verfasste) unter Beweis. Es würde zu weit gehen, würde man „Erbarmen“ jegliche filmische Qualitäten aberkennen, doch ob dieser Film im Endeffekt einer Kinoauswertung wirklich gerecht geworden ist, lässt sich nicht so einfach beantworten. Eigentlich, auch wenn das nun fies klingen mag, ist „Erbarmen“ irgendwo doch nur ein solider TV-Krimi, den man locker in das 22 Uhr Programm vom ZDF verschieben hätte können, anstatt ihm seinen Weg auf die Leinwand zu bahnen.


Erbarmen“ versucht es jedenfalls ebenso mit Leibeskräften, dieser ungemein düster-herbe Atmosphäre anderer Skandinavien-Krimis gerecht zu werden. Das Problem an daran ist nur: Der Film wurde, um deutsches Fördergeld einzustreichen, zu großen Teilen in Hamburg gedreht. Soll nicht heißen, dass Hamburg nicht als Setting für einen finsteren Krimi taugen würde, nur geht „Erbarmen“ dahingehend Stimmung verloren, weil er diese ganz eigene Aura der dänischen Landschaften nicht ausnutzen kann. Mit Nikolaj Lie Kaas als Carl Morck, der seit einem Einsatz mit tragischen Ausgang nur noch traumatisiert seinen Dienst antreten kann und durch das Zittern seiner Hände immer wieder an jenen Vorfall erinnert wird, haben wir unseren ersten Stereotyp: Der psychisch-zerrüttete Ermittler. Ihm zur Seite spielt Fares Fares als Assad ziemlich gut auf und gibt verleiht dem Geschehen durch seine irgendwo doch angenehm lockere Art einen gewissen Humor, der das bierernste Szenario zeitweise auflockern kann. Und doch ist „Erbarmen“ nichts, was wirklich für Hochspannung inklusive Nägelkauen sorgt, dafür ist das Narrativ einfach zu beliebig und die Handlung im Allgemeinen ohne jeden originären Gedanken dargeboten.


5 von 10 standardisierten Psychopathen


von souli

Review: ABSOLUTE GIGANTEN - Letzte Runde unter Freunden

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Fakten:
Absolute Giganten
BRD, 1999. Regie & Buch: Sebastian Schipper. Mit: Frank Giering, Florian Lukas, Antoine Monot, Jr., Julia Hummer, Jochen Nickel, Albert Kitzl, Guido A. Schick, Gustav-Peter Wöhler, Silvana Bosi, Johannes Silberschneider, Barbara de Koy u.a. Länge: 77 Minuten. FSK: Freigegeben ab 6 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Floyd, Ricco und Walter sind drei Mitzwanziger aus Hamburg, die seit ihrer Jugend beste Freunde sind und jeden freien Moment miteinander verbringen. Plötzlich überrumpelt Floyd seine Kumpels mit der Ankündigung, am nächsten Morgen Hamburg in Richtung Kapstadt verlassen zu wollen…für immer. Nach dem ersten Schock beschließen die Jungs, es in ihrer letzten gemeinsamen Nacht noch einmal richtig krachen zu lassen. Und tatsächlich wird es eine Nacht voller Höhen und Tiefen, die sie wohl nie wieder vergessen werden.






Meinung:
„Drei Mal alles!“

Das sollen Sinnsucher Floyd, Möchtegern-Rapper Ricco und der Knuddelbär Walter auch bekommen, nicht nur im Burgerladen. Ihre letzte gemeinsame Nacht in den Straßen Hamburgs gibt ihnen noch ein  Mal alles. Schwere Melancholie, Wutausbrüche, Trauer, aber auch Adrenalin, pure Lebensfreude, Spaß, Gemeinschaftsgefühl und generell alles, was echte Kumpels ausmacht. Sebastian Schipper bringt all dies in seiner kleinen, schönen Ode an wahre Freundschaft und die Perle Hamburg in nur knapp 77 Minuten auf den Punkt. Sentimental, aber nie verkrampft oder steif, sondern von Grund auf ehrlich, liebenswert und mit dem präzisen Gespür für die richtigen Töne zur rechten Zeit.


Frische Luft bei 180 km/h, da sollte man lieber den Mund zu machen.
Sein Film kommt nüchtern betrachtet mit relativ wenig Handlung aus, doch was dahinter steht, das Gefühl, das ist die eigentliche Geschichte von „Absolute Giganten“. Ein Gefühl, welches jeder nachvollziehen kann oder es irgendwann können wird. Dann, wenn dieser Punkt im Leben kommt, wenn sich plötzlich alles ändert. Wenn große Jungs mit der Realität konfrontiert werden. Mit der Tatsache, dass abseits ihrer matschigen Bolzplätze, den überfüllten Plattenbauwohnungen, den beschissenen Jobs und dem liebgewonnenen wie gleichzeitig verteufelten Alltagstrott noch eine andere Welt existiert. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, an denen einer von ihnen dies alles hinter sich lassen will. Etwas Neues erleben, auf der Suche nach mehr im Leben. Was aber auch heißt, seine Freunde ebenso hinter sich lassen zu müssen. Was als sicher und beständig – als selbstverständlich – gesetzt schien, soll morgen schon Vergangenheit sein. Noch eine Nacht, um nochmal alles zu erleben, zu teilen, auf die Kacke zu hauen und sich bewusst zu werden, dass auch in der eigentlichen Perspektivlosigkeit doch etwas liegt, was man niemals missen möchte und es trotzdem vielleicht doch muss, um voran zu kommen.


Schipper schickt mit dem leider viel zu früh verstorbenen Frank Giering, Florian Lukas und Antoine Monot, Jr. drei wunderbar harmonierende, authentische Darsteller auf diese letzte Reise, die alle Facetten bereithält. Zwischen den größten Triumphen und niederschmetternden Tiefschlägen liegen gefühlt nur Sekundenbruchteile. Herzliche, komische Momente wechseln sich ab mit empathischer Melancholie, die nahe geht, nachvollziehbar ist, ohne wie ein schwerer Stein zu tief runter zu ziehen. Vor wütenden Schaustellern flüchten, sich im Technoclub die Kante geben, das Kicker-Duell um den vollen Einsatz spielen und immer mit dem Bewusstsein, dass nur das Hier und Jetzt zählt. Morgen geht die Sonne auf und nichts ist mehr, wie es war. Außer einer Sache: Gute Freunde bleiben es ein Leben lang, egal ob am Hafenbecken oder in Singapur. Das vermittelt Schipper, ganz selbstverständlich, schwungvoll aber auch mit der nötigen Zurücknahme. Man wird mit gemischten Gefühlen zurück gelassen: Glücklich, zufrieden und trotzdem traurig berührt durch die Erkenntnis, dass dies wohl das Endspiel war. Vielleicht, denn ein Hintertürchen lässt er sich. Doch ob so oder so, es zählt was er bewirkt.


Kein Film über ziemlich beste, sondern WIRKLICH beste Freunde und das, was diese ausmacht. Gute Darsteller, sympathische Figuren und unendlich viel Lokalkolorit, mit tollen Impressionen der Hansestadt (inklusive Gastauftritt von „Fünf Sterne Deluxe“-Mitglied Marcnesium als Rasta-Raver). Melancholisches Feel-Good-Movie ohne Zuckerguss und anbiederndes Geschleime. Eine Wohltat.

7 von 10 Torwarttoren

Review: SOUL KITCHEN - Die Seele isst mit

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http://www.uni-leipzig.de/nettv/filmriss/wp-content/uploads//soul-kitchen.jpg
                                                                                  

Fakten:
Soul Kitchen
BRD, 2009. Regie: Fatih Akin. Buch: Fatih Akin, Adam Bousdoukos. Mit: Adam Bousdoukos, Moritz Belibtreu, Anna Bederke, Pheline Roggan, Birol Ünel, Dorka Gryllus, Wotan Wilke Möhring, Lucas Gregorowicz, Demir Gökgöl, Cem Akin, Marc Hosemann, Udo Kier, Monica Bleibtreu u.a. Länge: 99 Minuten. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Mehr schlecht als recht betreibt Zinos in Hamburg das Restaurant "Soul Kitchen", welches nur mit reichlich gutem Willen als solches bezeichnet werden kann. In lieblosem Ambiente werden den wenigen Stammgästen auf Sperrmüllmöbeln billige Frikadellen und zu Tode frittierter Tiefkühlfisch vom wenig motivierten Personal serviert. Mehr als die nicht vorhandene Qualität seines Ladens beschäftigt Zinos derzeit die Tatsache, dass seine Freundin Nadine beruflich nach Shanghai zieht. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Zinos verpflichtet den jähzornigen, aber hochtalentierten Koch Shayn, der die armeelige Speisekarte gehörig umkrempelt. Dann steht auch noch Zinos Bruder Illias vor der Tür, der für den regelmässigen Knast-Freigang eine feste Anstellung braucht. Schliesslich tritt auch noch sein alter Schulkamerad Thomas an ihn heran. Der windige Immobielenhai will unbedingt sein Grundstück erwerben. Zinos möchte eigentlich nur noch irgendjemanden die Geschäftführung für seine Totgeburt aufdrücken, um zu Nadine nach Shanghai reisen zu können, aber plötzlich brummt der Laden.


                                                                                      
                                                                                     


Meinung:
Mit unendlich viel Charme gesegnet erzählt Fatih Akin in seinem reinen Feel-Good-Movie "Soul Kitchen" eine Geschichte voller sympathischer Loser in der grossen Hansestadt. Allen voran Zinos (der auch am Script beteiligte Adam Bousdoukos, authentisch, leider manchmal etwas schwer zu verstehen), der Betreiber eines nicht mal mittelmässigen "Restaurants" namens "Soul Kitchen". Klingt nach viel Liebe und Seele, ist dabei nur altes Fritten-Fett und warmes Astra. Durch allerlei Zufälle und unfreiwillig-glückliche Spontan-Entscheidungen wird aus dem Loch eine Goldgrube, nur wer schnell und unüberlegt zum grossen Glück kommt, verliert es in der Regel noch schneller. Siehe hier.


Das letzte Abendmahl?
Der muffige, trotzdem (oder gerade deshalb?) liebenswerte Stallgeruch von Möchtegern-Gastronomen, Gaunern und den bösen Schleimern mit dem dicken Geldbeutel wird sicher an vielen Stellen sehr überspitzt, dennoch irgendwie gut beobachtet rübergebracht. Wie in jeder guten Satire schlummert darin viel Wahrheit, auch wenn ich Akin gar nicht mal unterstellen will, dass "Soul Kitchen" eine Satire im klassischen Sinn sein soll. Ganz bestimmt sogar nicht. Nur eins will sein Film: Unterhalten, ein Lächeln auf's Gesicht zaubern, einfach für einen relaxten Ausflug in ein Millieu einladen, in dem Herzblut über dem Verstand und (bisweilen) auch der Realität steht. Diese Mischung passt nicht immer, aber oft genug hervorragend.

 


Eine Küche ist kein Ponyhof
Natürlich ist das zum bersten überkonstruiert, nur muss eine Komödie sich daran messen lassen? Nicht zwingend, besonders wenn da so viel Liebe zum Detail drinsteckt. Jede Figur ist eine Karikatur, manche mehr, manche weniger. Nur im Kern trifft Akin oft das, auf was sich jede Karikatur im Idealfall stützen sollte: Die Realität. Und gewisse Albernheiten mal hin der her, denn manchmal geht "Soul Kitchen" mit leicht plattem Klamauk einfach zu weit, da gibt es so viele tolle Momente, schrullige Charaktere (ganz besonders: Birol Ünel als durchgeknallt-genialer Küchenchef und Demir Gögköl als verschrobener Schiffsbau-Opa) und dem Witz wie dem Herz am rechten Fleck. Unterlegt von einem genial zusammengestellten Soundtrack kommt aus der "Soul Kitchen" ein schmackhaftes Gericht mit Leib und Seele, das, wie seine Figuren, manchmal etwas überhastet handelt, dem deshalb daraus aber kaum ein Strick gedreht werden sollte. 


Richtig sympathisch, extrem locker im Abgang und mit sichtlich Freude gemacht. Keine Sterne-Küche, aber bestimmt ein Stammlokal.


7,5 von 10 Baumrinden-Aphrodisiaka

Review: GEGEN DIE WAND - Aus Scheinehe wird Liebe

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Fakten:
Gegen die Wand
BRD, TR, 2004. Regie & Buch: Fatih Akin. Mit: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Meltem Cumbul, Stefan Gebelhoff, Cem Akin, Demir Gökgöl, Aysel Iscan, Francesco Fiannaca, Mona Mur u.a. Länge: 117 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Story:
Cahit, ein Deutsch-Türke ohne grosse Bindung zu den klassischen Traditionen, lernt nach einem Selbstmordversuch Sibel kennen, die nach ihrem verpatzten Suizid nur ein Ziel hat: Schnell aus ihrer Familie entfliehen, der Grund für das Öffnen ihrer Pulsadern. Sie bettelt quasi um eine Scheinehe, Cahit ist wenig angetan. Als er bemerkt, wie dringend ihr Anliegen ist, willigt er ein. Aus der Notgeburt entsteht echte Liebe, nur mit folgeschweren Problemen.

 





Meinung:
Fatih Akin erweisst sich mal wieder als Bindeglied zwischen den Kulturen und als einer der wenigen, heimischen Regisseuren, dem nicht nur das Talent, sondern auch seine Herkunft (gut, dafür kann er nichts) in die Wiege gelegt wurde. Der Multi-Kulti-Mann spielt seine Trumpfkarte erneut geschickt aus. Als typischer, deutscher Zuschauer, wie als  "zugewanderter", dürfte sein Film auf Verständnis wie auch für (hoffentlich) Kopfschütteln sorgen. Denn trotz nicht zu leugnender Schwächen trifft "Gegen die Wand" auf sozial-, wie kulturelle Probleme, bildet eine Brücke zwischen klassisch-kultureller und trauriger Wirklichkeit, auch wenn Akin im letzten Drittel etwas piano schon gut getan hätte.


Sibel greift zu dratischen Mitteln
Not trifft Elend, sehr überdeutlich und wenig nuanciert, halt voll gegen die Wand. Not hat gar keinen Bock auf Elend, lässt sich gut nachvollziehen, warum auch, nur dann hat Not geringfügig schwer-glaubwürdige Schuldgefühle/Beschützerinstinkte für Elend, just married. So gut und milieugetreu das Akin schildert (sehr gut), etwas gezwungen. Der Mittelpart ist eindeutig das Herzstück von "Gegen die Wand". Es ist sicherlich vorhersehbar, nicht nur gering, aber glaubhaft verkauft. Da reitet Akin sehr geschickt auf der Konventions-Welle, der Erwartungshaltung des Zuschauers, den gängigen Mechanismen von ER muss SIE aus irgendeinem Grund an seine Seite stellen, nur der Hintergrund ist viel realistischer als bei dem langweiligen, nervigen Einheitsbrei aus der Mikrowellenkantine. Akin atmet den für ihn selbstverständlichen Stallgeruch, nicht nur kulturell, sondern auch lokal. Hamburg trifft Istanbul, türkisches Selbstverständniss meets mitteleuropäisches Lebensgefühl, irgendwo in der Mitte, wie es halt so ist, trifft Akin teilweise die Wand mit einem brachialen Aufprall. Der verbitterte, brutal gestürzte Mittvierzieger ( - "Wieso gerade ich? Ich bin ein Penner!" - "Weil meine Eltern dich akzeptieren würden, du bist Türke, mann!") mit der Hand am Becks, der Nase im Schnee, der Bude mit der Schimmelpilzgefahr, dem Sch... in der Nu... und recht wenig Berührungspunkten mit den religiösen Vorgaben seiner Herkunft trifft das verzweifelte "Auf-die-Adern"-West-meets-Middle-East-Girl, das eher Bock auf Ficki-Ficki als auf türkisch-verklemmtes Erst-wird-geheiratet-vorher-Schnauze-halten-Gehabe hat. Verständlich, für sie, wenn das konservative Elternhaus inklusive grimmigen Bruder im Hintergrund lauert. Etwas weit hergeholt, dennoch gerade so glaubwürdig ist die letztendliche Motivation von Menschen-Hasser Cahit, sich auf dieses kuriose, aber in der Realität wohl oft praktizierte Spiel einzulassen.


Erst Hochzeit, dann Gefühle, dann Probleme
Was daraus enstehen MUSS ist eindeutig, aber gerade in seiner Vorhersehbarkeit sehr schlüssig und authentisch. Das mag ich Akin gar nicht mal negativ auslegen, das sind doch die Gefühlsspielchen des Lebens, die viele von uns eventuell, unter unkomplizierteren Rahmenbedingungen, selbst schon erlebt haben (können). Auf mich trifft das grob auch zu, aus Notsitautionen entsteht mehr als erwartet, da ist Akin näher am Leben als am Groschenroman, vor allem immer so dicht am Revier, da steht er weit über dem Quatsch-Kram der deutschen Peinlichkeits-Romanze. Im Gegenteil, "Gegen die Wand" greift ein wichtiges, (traurig, aber immer noch) aktuelles Thema auf, überspitzt es nur extrem. Im zweiten Drittel wahnsinnig intensiv, glaubwürdig und grandios gespielt wie umgesetzt, versackt ein Topfilm in seinem Finale, schade.


Da gehen Akin etwas die Zügel durch, Dramatik kann selbst in einem an sich sehr glaubhaften Film überstrapaziert werden. Akin scheint immer noch was draufsetzten zu wollen, das ist zu viel des guten. So gut umgesetzt das ist, irgendwann ist halt mal Feierabend. Da fährt sich der Film (fast) "Gegen die Wand", aber halt nur fast. Wo gerade heimische Werke sich schon lange mit Überschall an der Leitplanke aufschlitzen, trifft "Gegen die Wand" leider sein titelgebendes Ziel, nur lösst sich der Airbag noch aus. Wenn der die Kurve immer elegant nehmen würde, eine Granate. Hinten scheisst die Ente, hier zu sehen, nur ist der Weg immer noch das Ziel und da macht Akin so viel richtig und erfrirschend und verhältnismässig souverän gut, sollte auf dem Zettel stehen. Die oft gelobte Sibel Kekilli hat sogar diverse Aussetzer, das darstellerische Highlight ist ganz klar Birol Ünel, ganz grosser Auftritt, der so manche erzählerische Hänger locker gegen die Wand spielt.


Kein fehlerfreier, dennoch bemerkenswerter Film aus Deutschland, der für einen Fatih Akin spricht, gegen den die inländischen Kassenknüller von Schwei-Schwei und Söhne gleich doppelt grässlich wirken. Da kann wer was, das macht er auch, nur Millionen werden am anderen Ende verdient, traurig.

7,5 von 10 Scheinehen


Review: AUF DER ANDEREN SEITE - Endstation Istanbul

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Fakten:
Auf der anderen Seite
BRD, TR, 2007. Regie & Buch: Fatih Akin. Mit: Baki Davrak, Nurgül Yesilcay, Hanna Schygulla, Patrycia Ziolkowska, Tuncel Kurtiz, Nursel Koese, Erkan Can, Turgay Tanülkü, Elcim Eroglu, u.a. Länge: 116 Minuten. FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Bremen: Der verwitwerte Rentner Ali lernt die Prostituierte Yeter kennen. Der einsame Mann bietet ihr ein Geschäft an: Er zahlt ihr monatliches Einkommen, dafür zieht sie zu ihm und geht nur noch mit ihm ins Bett. Yeter nimmt an. Als es zum Streit zwischen dem betrunkenen Ali und ihr kommt, geschieht ein Unglück. Yeter ist tot, Ali kommt ins Gefängnis. Sein Sohn Nejat, Germanistikprofessor aus Hamburg, reißt nach Istanbul, um dort Yetes Tochter ausfindig zu machen. Er weiß nur, dass sie dort studieren soll. Er will die Schuld seines Vaters begleichen und sie finanziell unterstützen.
Istanbul: Ayten, Yeters Tochter, ist Mitglied einer radikalen Gruppierung, die sich gegen die Ungerechtigkeit in ihrem Land auflehnt. Von der Polizei in die Enge getrieben flüchtet sie mit falschen Papieren nach Deutschland. Dort landet sie auf der Straße. Zufällig begegnet sie der Studentin Charlotte, die sie bei sich aufnimmt. Bei einer Polizeikontrolle fliegt Ayten jedoch auf und wird in die Türkei abgeschoben, wo das Gefängnis auf sie wartet. Charlotte reißt ihr hinterher, um für ihre Freilassung zu kämpfen. Wieder geschieht ein Unglück...


 
                                                                                   


Meinung:

- "Woher wussten sie eigentlich, dass ich es bin?"
- "Sie sind der traurigste Mensch hier."


Fatih Akin ist ein deutscher Film gelungen, wie es sie leider in der Flut von romantischen 08/15 Komödien, Blödelcomedy und Kinderbuchverfilmungen viel zu selten gibt. Unaufgeregt, gut beobachtend und jederzeit sehr menschlich erzählt, ohne dabei in Kitsch, übertriebene (da immer angemessene) Sentimentalität oder manipulative Tränendrüsensülze abzurutschen. Der Deutsch-Türke schildert das Leben in diesen beiden Ländern, geht (speziell auf türkischer Seite) auf aktuelle Zustände ein, ohne dabei wirklich zu werten. Da wird nichts dämonisiert oder verharmlost, was bei einem aussenstehenden Regisseur schnell passieren kann, selbst wenn es nur unbewusst geschieht.


 
Völkerverständigung im Asylantenheim
Die Geschichte, getragen von einem starken Ensemble, bewegt und ist jederzeit einfühlsam-ehrlich. Jede der Hauptfiguren ist glaubhaft charakterisiert, besitzt Tiefe und wird nicht in eine fertige Schablone gepresst. Akin erlaubt es ihnen, sich im Verlauf der Geschichte zu wandeln, lässt die Ereignisse auf sie wirken und sie daran reifen. Da hat sich wirklich jemand Gedanken gemacht, was in jedem Moment zu spüren ist. Selbst der Einsatz von Gevatter Zufall kann nicht als negativ ausgelegt werden. Das spielt alles in einem Rahmen, der im normalen Leben auch stattfindet. Zufälle gehören zum Alltag wie zum Schicksal, "Auf der anderen Seite" überstrapaziert diesen Faktor nicht, klammert ihn aber auch nicht gänzlich aus.


Ein schöner, warmherziger wie melancholischer Film, der mich zwar nicht umgehauen, aber sehr angenehm unterhalten und befriedigt zurückgelassen hat. Bitte mehr solche deutschen Kinofilme, wenn es denn schon nicht mit dem Genrekino klappt.

7,5 von 10 One-Way-Tickets