USA. 1936. Regie und Buch: Charles Chaplin. Mit: Charles
Chaplin, Paulette Goddard, Stanley S. Sanford, Chester Conklin, Cecil Reynolds,
Henry Bergman u.a. Länge: 87 Minuten. FSK: ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD und
Blu-Ray erhältlich.
Story:
Der Tramp (Charles Chaplin) ist als Arbeiter am Fließband in einer großen
Fabrik angestellt. Durch die zunehmende Belastung durch immer schnellere
Arbeitsabläufe bekommt er aber einen Nervenzusammenbruch und wird in eine
Klinik gebracht. Wieder entlassen, versucht er mit Hilfe eines hübschen Waisenmädchens
(Paulette Goddard), in das er sich verliebt, in einer von Anonymität und
Arbeitslosigkeit geprägten Gesellschaft Fuß zu fassen. Dabei trifft er auf
viele für ihn ungewohnte Situationen, die er mit seinem Ideenreichtum
überstehen muss.
Meinung:
Charlie Chaplin, der Meister aller Meister. Der Mann, der allen anderen einen
Schritt voraus war und auch heute immer noch ein bisschen größer ist als alle
anderen Filmschaffenden. Der erste echte Weltstar im Bereich des Films. Ein
Genie, das nach seinen Anfängen als angestellter Schauspieler im Lauf der Zeit
immer häufiger selbst die Regie übernahm, das Drehbuch ausarbeitete („schreiben“
wäre hier der völlig falsche Begriff), für Produktion, Schnitt, Hauptrolle
verantwortlich war und sogar die Filmmusik komponierte. Alle diese Aufgaben
vereinigt er in seinem 1933 bis 1936 gedrehten Film „Moderne Zeiten“, von dem
nicht wenige sagen, es sei Chaplins bester Film.
Der Tanz durch Maschine als Kritik an der Industrialisierung
Hier beschäftigt sich Chaplin mit Themen, die auch heute noch hoch aktuell
sind. Kritik an der übertriebenen Reglementierung in der Arbeitswelt. Arbeitslosigkeit,
Streiks und Protestbewegungen. Kritik am Kapitalismus und an der immer weiter
fortschreitenden Industrialisierung. Die Maschine verdrängt den Menschen. Das Individuum
wird zur Masse. Wir verlieren unser Selbst, werden austauschbar, eine Ware ohne
Wiedererkennungswert. Brisante Themen also, aber der Film wäre nicht von
Chaplin, wenn er sich damit begnügen würde. Wie kein Zweiter schafft er es,
diese Themen niemals trocken zu präsentieren, sondern jedes eigentlich ernste
Thema mit viel Witz, Humor und Slapstick ins Groteske zu überzeichnen. Chaplin
lässt seinen Tramp also durch diese identitätslose, automatisierte und
reglementierte, immer schneller werdende Welt stolpern und watscheln. Die
Hauptfigur gerät von einer bedrohlichen und gleichzeitig komischen Situation in
die nächste und meistert sie mit seinem unvergleichlichen Charme, viel Witz,
Kreativität, Naivität und einer ordentlichen Portion Glück. Große tänzerische Einlagen
verbinden sich mit auf den Punkt getroffenen Gags.
Dazu erzählt „Moderne Zeiten“ eine Geschichte, die zeigt, was wirklich wichtig
ist in dieser monotonen Welt. Vertrauen, Liebe, Freude, auch wenn man nicht viel
besitzt. Mit Hilfe einer Liebesgeschichte, einer wunderbaren Liebesgeschichte
zwischen zwei Menschen, die gar nichts haben und sich davon nicht unterkriegen
lassen. Chaplin und Paulette Goddard – ein Wettstreit, wer das sympathischere
Lächeln hat. Eine Freude, die zwei einfach nur miteinander kommunizieren zu
sehen. Goddard, die wild, frech und ein bisschen roh daherkommt, spielt in
ihrer ersten großen Rolle so bezaubernd, dass sich nicht nur der Tramp in sie
verliebte, sondern auch der echte Chaplin und mit ihm die ganze Welt.
Weder Geld, noch Job oder Besteck - aber immerhin viel Brot.
Aber noch immer war es nicht alles. Obwohl der Tonfilm zu dieser Zeit schon
etabliert war, kann „Moderne Zeiten“ als einer der letzten großen Stummfilme
bezeichnet werden. Kein reiner Stummfilm, mitnichten. Chaplin kombiniert Ton-
und Stummfilm, lässt die Schauspieler weiterhin keinen Ton sagen, sondern mit
der für Stummfilme typischen ausdrucksstarken Mimik und Gestik arbeiten. Dazu
setzt er zahlreiche Geräusche ein, mag es ein einfaches Vogelzwitschern sein,
ein grummelnder Magen oder das Dampfen und Rattern der Maschinen. Die Schauspieler selbst
sagen kein Wort, sollte gesprochen werden, so kommen die Stimmen aus dem Radio oder
von Schallplatten. Auch so wird deutlich, dass die Maschinen dem Menschen den
Rang abgelaufen haben. Immerhin könnte die Erklärungen zur vollautomatischen
Essensmaschine auch der Vertreter selbst berichten. Doch der steht daneben und unterstreicht
pantomimisch noch einmal die Worte, die aus dem Grammophon kommen.
Der Tramp hat nun endlich sein Glück gefunden
Insgesamt hat Charlie Chaplin mit „Moderne Zeiten“ einen weiteren zeitlosen
Film geschaffen, der nicht nur Slapstick zu bieten hat, sondern mit großem
Weitblick zahlreiche Entwicklungen seiner Zeit kritisiert, die auch heute noch
von enormer Bedeutung sind. „Moderne Zeiten“ ist ein Lehrstück, das aber nicht
trocken und schlaff daher kommt, sondern dem Zuschauer spielerisch und
unterhaltsam seine Punkte näherbringen will. Außerdem ist es der letzte Film,
in dem Chaplin als „seine“ Figur, als Tramp, auftritt (in „Der große Diktator“
sind nur noch wenige Elemente des alten Tramps vorhanden). Darum heißt auch
Abschied nehmen von dieser sympathischen Kunstfigur, die im Lauf der Filme und
Jahre so viele Facetten bekommen hat. Und das (damals wohl nicht als Ende
geplante) Ende könnte nicht schöner sein: Der einsame, gewitzte Vagabund geht
wie auch in den meisten Filmen seines Weges. Doch diesmal ist er nicht mehr
allein. Der Tramp hat nun endgültig sein Glück gefunden.
Sweetwater USA, 2013. Regie: Logan Miller. Buch: Andrew McKenzie, Logan Miller, Noah Miller. Mit: Ed Harris, January Jones, Jason Isaacs, Eduardo Noriega, Stephen Root, Jason Aldean, Vic Browder, Luce Rains, Dylan Kenin, Keith Meriweather u.a. Länge: 92 Minuten. FSK: Freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story: Die ehemalige Prostituierte Sarah und ihr Mann Miguel Ramírez versuchen, im Westen Amerikas ein kleines Stückchen Land fruchtbar zu machen, was ihnen allerdings recht schwer fällt. Aber das ist nicht ihr einziges Problem, denn sie sind in Besitz des einzigen Stückchens Land, das dem Großgrundbesitzer der Gegend – dem örtlichen Prediger Josiah – noch nicht gehört. Und dieses Stückchen Land will er um jeden Preis in seine Hände bringen, wenn nötig auch mit Gewalt.
Meinung:
Extrem später Spät-Western ohne kommerziellen Anspruch, dafür mit starker Bildsprache und furztrockener Erzählweise, die von schläfrig bis gekonnt-dynamisch pendelt. Erinnert in seinen besten Momenten an den ähnlich schwierigen (aber wohl unbestreitbar großartigen) "There Will Be Blood", nur eben nicht auf dem konstanten Niveau. Ein moderner Abgesang auf den Western, wie es ihn eigentlich (und auch besser) schon gegeben hat. Allein Clint Eastwood hat es zweimal vorgemacht ("Der Texaner", "Erbarmunglos"), dieser Streifen hat nicht deren Klasse, aber wohl einen ähnlichen Anspruch. Einen Anti-Western, ohne Helden-Geschwafel, mir religiösen Anleihen und bloß nicht zu sehr dem Mainstream entsprechen zu wollen. Das ist ja alles ganz okay, nur dann muss mir "Sweetwater" mehr als das Vorhaben anbieten. Zwischen den guten Ansätzen gibt es mehr schöne Bilder als sinnvollen-, oder zumindest effektiven Inhalt. Gut besetzt und anspruchsvoll aufgetischt, das ist leider nicht mehr als erzwungener Anstrich, dessen Qualität sich lediglich in Details, aber nicht im großen Ganzen entdecken lässt.
It's a Man's World...
Sicherlich ein mutiger und ungewöhnlicher Film, der letztendlich seine Thematik nicht richtig umzusetzen vermag und so leider ein Blender ist, obwohl er locker ein Genre widerbeleben könnte. Melancholisch, trocken, dabei nur grob überlegt und schlicht zweckdienlich still, um als solches abgefeiert zu werden. "Sweetwater" ist sicher nicht schlecht und kann zeitweise mitnehmen, ist gleichzeitig so absichtlich sperrig, einfach zu wenig homogen (als das es die gesamte und zu erkennende Qualität rechtfertigen und über alles stellen würde), gut gemeint, aber anstrengend umgesetzt. Als Sahnehäubchen gibt es die Rache der gewitwerten Dame, die dafür schön ruppig-konsequent rüberkommt. In den letzten Minuten sammelt ein schon als grob-verdaulicher Western abgestempelter Film noch Pluspunkte, die durch die schleppende Dramaturgie nur noch leicht Boden gut machen.
...aber diese Lady hat die Schnauze voll.
"Sweetwater" ist nicht teuer, anbiedernd und an einigen Stellen wirklich gut, nur insgesamt zu sehr gewollt, obwohl er das gar nicht nötig hätte. Einige Szenen sind für sich gesehen brillant, das Gesamtbild so nichtssagend, das tut mir etwas in der Seele weh. Alles riecht nach MEINEM Film, aber er ist es nicht (obwohl er sich alle Mühe gibt). Vielleicht wäre hier weniger mehr gewesen. Vielleicht auch nicht. Und da wären wir schon wieder bei dem "Sweetwater-Problem". Auf Kurs, dann aber ganz klar verlaufen, ganz dumm gelaufen. Alles etwas anders, wir würden hier über einen ganz anderen Film reden. So bin ich enttäuscht, und dennoch nicht verärgert. Hier ist Qualität am Werk, die noch nicht den Weg gefunden hat. Netter Versuch, aber nicht mehr. "Sweetwater" ist der "Only God Forgives" des Spät-Westerns. Nur insgesamt doch etwas besser, da er sich nicht so selbstverliebt darstellt. Ansehen, grob mögen, dann wieder nicht und am Ende vergessen. Ganz traurig, aber einer erschreckende Tatsache.
Fakten:
Drecksau (Filth)
UK. 2013. Regie: Jon S. Baird. Buch: Jon S. Baird, Irvine Welsh (Vorlage). Mit:
James McAvoy, Imogen Poots, Jaime Bell, Eddie Marsan, Jim Broadbent, Iain De
Caestecker, Joanna Froggatt, Ernun Elliot, Shirley Henderson, Pollyanna
McIntosh, Kate Dickie, David Soul, Shauna Macdonald, Martin Compston u.a.
Länge: 97 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 25. Februar 2013 auf DVD
und Blu-ray.
Story:
Edinburgh ist das Review des Bullen Bruce Robertson. Doch er steht mehr über
Korruption, Drogen, Alkohol und Gewalt als für die Gerechtigkeit. Als wäre das
noch nicht genug sorgt er innerhalb seiner Kollegen für Intrigen und böses Blut
und warum tut er das? Weil er eine Drecksau ist
Meinung:
Hauptfigur Bruce Robertson (James McAvoy) hangelt sich in seiner vorerst
unkommentierten lasterhaften Charakterzeichnung kontinuierlich gefährlich nahe
an der aus jeder greifbaren Wirklichkeit gefallenen Karikatur entlang. Zu oft
scheint man ihm, dem schottischen Abschaum in Person, um jeden Preis ein mit
von allen Seiten bestrahltes Podium widmen zu wollen, auf dem er sein ganzes
Fehlverhalten genüsslich zelebriert und bis an den Rand der gehobenen Manieriertheit
zur Schau stellen darf. Dass „Drecksau“ aber gerade nicht auf diese
despektierliche Schiene gerät und das mehr als unmoralische Tun Robertsons
keinesfalls nur als rauschartigen Trip ohne jede Stellungnahme ausgibt, liegt
vor allem an James McAvoy, der hier wohl nicht nur die facettenreichste
Darstellung seines bisherigen Lebens abliefert, er unterwirft sich seinem
Charakter auch inständig und opfert sich in dessen Namen vollkommen auf. McAvoy
geht an die eigenen Grenzen und ist dabei so unglaublich wendig in der
affektiven Disposition, dass das größte Lob, welches man „Drecksau“ austeilen
möchte, ganz klar vorerst mal an seine Adresse gesendet werden muss.
Bruce im Einsatz
McAvoys Performance nämlich erlaubt es, die Selbstreflexion, der „Drecksau“
Bruce Robertson im dritten Abschnitt des Films unterzieht, niemals als
lächerliche Küchenpsychologisierung wirken zu lassen, obwohl sie in dieser
klischeebehaftenen Präsentation der tragischen Umstände genau in diese Sparte
passen würde. All die Schandtaten, die Bruce Robertsons einst weiße Weste in
zwischen pechschwarz gefärbt haben, fallen nach und nach auf ihn zurück und die
Pathologisierung seines Verhaltens, welches eben nicht nur aus launigem Saufen,
Ficken, Koksen und schrecklich zielorientierter Gewissenlosigkeit besteht,
verleiht ihm ein emotionales Fundament, anstatt die exzessiven Ausuferungen
lose durch den Raum schweben zu lassen. „Drecksau“ bricht dadurch die strikt an
Robertson gebundene Subjektivität der erzählerischen Perspektive, bezieht so
Stellung und gibt ihm die verwachsene Menschlichkeit zurück, die, so scheint es
in einigen Momenten, vollkommen aus diesem verlogenen Scheusal entflohen zu
sein scheint. Der ausufernde Ausflug nach Hamburg, untermalt von Nenas Neue
Deutsche Welle Aushängeschild „99 Luftballons“, darf als leise Wendung
bezeichnet werden.
Man darf „Drecksau“ nun nicht mit der legendären Irvine Welsh Adaption
„Trainspotting“ vergleichen, ähnlichen Kultstatus wird „Drecksau“ in der
Filmwelt nie erreichen, dafür weißt Jon S. Bairds, Verfilmung im Gegensatz zu
Danny Boyles Meisterwerk, gelegentlich offensichtliche dramaturgische Lücken
auf, die „Drecksau“ in einen Zustand stolpern lesen, an dem man sich als
Rezipient dummerweise vom Geschehen irgendwie im Stich gelassen fühlt. Zum
Glück aber findet der Film immer wieder zurück in die sich antreibende Spur,
schickt James McAvoy auf eine echte Tour de Force und hat es dabei nie nötig,
auf eine Form von unnötigem Schubladendenken zurückzugreifen, dafür ist der
labile Robertson viel zu desinteressiert an irgendeiner Leseart von Recht und
Ordnung oder der Anpassung von diversen Systemen seiner Gesellschaft.
„Drecksau“ ist zündendes Unterhaltungskino, dabei aber nicht nur ekelhaft und
provokativ der stumpfen Belustigung wegen. Robertson ist in der Gosse
angekommen, aber nicht aus eigenen, unbefangenen Stücken heraus, dieser Mann
hat schwere Probleme, und die gilt es zu lösen – Nur wie?