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Review: '71 – HINTER FEINDLICHEN LINIEN – Verloren im Kriegsgebiet

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Fakten:
’71 – Hinter feindlichen Linien ('71)
UK. 2014. Regie: Yann Demange. Buch: Gregory Burke.
Mit: Jack O’Connell, Paul Anderson, Sean Harris, Richard Dormer, Barry Keoghan, Killian Scott, Sam Reid, Charlie Murphy, Martin McCann, David Wilmot u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 18. August 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Belfast 1971 - Die Einheit des jungen englischen Soldaten Gary wird nach Nordirland beordert, um die örtliche Polizei bei einem Routineauftrag zu unterstützen. Doch gleich der erste Einsatz gerät völlig außer Kontrolle. Von seinen Kameraden getrennt, muss Gary vor den aufgebrachten Iren von nun an um sein Leben rennen. Nur durch die Hilfe einiger Einwohner erhält er die Chance, diesen zu überleben und zu seiner Einheit zurückzukehren. Allerdings wird Gary bei einem Bombenattentat schwer verletzt und findet Unterschlupf bei einer katholischen Familie. Und doch ist er noch nicht in Sicherheit: Die IRA ist ihm bereits dicht auf den Fersen.




Meinung:
Eigentlich wollte er nur helfen, doch der junge Soldat Gary Hook (Jack O'Connell, „Unbroken“, „Mauern der Gewalt“) war sich nicht im Klaren darüber, dass ihn in Belfast niemand um seine Hilfe bitten wird - für Menschlichkeit scheint dort kein Platz mehr gegeben zu sein. „'71 – Hinter feindlichen Linien“ von Yann Demange ist angesiedelt in einer Zeit, in der sich der Nordirlandkonflikt auf seinem gewalttätigen Höhepunkt befand: Irlands Hauptstadt rückt den möglichen Ausmaßen einer urbanen Hölle verdammt nahe auf den Klinkerpelz; paramilitärische Splittergruppen tummeln sich da kontinuierlich auf den Straßen. Sich einen echten Überblick zu verschaffen scheint unmöglich, jeder bekriegt hier jeden, und über allem thront der Tür an Tür ausgetragene Identitätskampf zwischen der katholisch geprägte IRA (Irish Republican Army) und den unionistischen Protestanten. Wir treten diesem Chaos durch die Augen des unerfahrenen Gary entgegen – und dürfen dabei mal wieder in Erfahrung bringen, was es bedeuten kann, in temporärer Atemlosigkeit vor dem Bildschirm zu kauern.


Eingekesselt im nachbarschaftlichen Kriegsgebiet
Tatsächlich steht „'71 – Hinter feindlichen Linien“ bisweilen so dermaßen unter Strom, dass es schon mal schwierig wird, Luft zu holen. Yann Demange inszeniert seinen Kriegs-Thriller wie einen unnachgiebigen Kraftmarsch durch eine von Gewalt und Hass vollkommen infizierte Metropole. Gary hat sich diese beängstigenden Umstände nicht ausgesucht, zur Armee ist er gegangen, weil ihm keine andere Option geblieben ist und die Informationen, warum es für ihn und sein Bataillon ganz grundsätzlich nach Nordirland gehen musste, wird nicht gesagt – Es war eben ein Befehl. Und diese nicht einmal mehr kryptische Haltung trägt „'71 – Hinter feindlichen Linien“ über den gesamten Film hinweg inne: Worum es bei dem Nordirlandkonflikt eigentlich geht, welche Machtstrukturen involviert waren und welche religiösen, wirtschaftlichen und politischen Aspekte währenddessen eine elementare Rolle gespielt haben, lässt „'71 – Hinter feindlichen Linien“ ganz gezielt unter den Tisch fallen. Das lässt Yann Demanges ersten Spielfilm zuweilen etwas hinken, nimmt ihm als Genre-Reduktion aber nicht die wuchtige Effektivität.


Wer es sich wirklich verkneifen kann, banalste Fragen zu offerieren, wieso, weshalb und warum es eigentlich zu diesem Konflikt kommen konnte, der wird „'71 – Hinter feindlichen Linien“ als durchaus intensiven Film erleben: Wie Demange die Nervosität und Hektik innerhalb der städtischen Grenzen greifbar macht, wie er die Anspannung nicht nur durch die hitzige Handkamera, sondern auch ganz explizit über die Tonspur mit entschiedener Vehemenz erfahrbar macht, ist schon aufreibend. Verloren hinter feindlichen Linien, muss sich Gary auf eigene Faust irgendwie durch das Kriegsgebiet befördern. Verranzte Wohnblöcke, schmale Seitengassen und hinter jeder Ecke scheint der von Rauchschwaden umwitterte Schmelztiegel seine bedrohlichen Auswüchse von Neuem unter Beweis stellen zu wollen: Molotowcocktails, detonierende Bomben, Schusswaffen unter dem Laminatboden und natürlich eine unglaubliche Bandbreiten opaker Nachtgestalten jeder Altersklasse. Sicherlich besteht das Figurenarsenal in „'71 – Hinter feindlichen Linien“ aus Stereotypen, vom unbeleckten Jüngling zum durchtriebenen Geheimdienstler, aber wenn man so gekonnt brodelnde Unruhe aus dem Bildschirm in das Wohnzimmer transferieren kann, dann muss das schlichtweg honoriert werden.


6 von 10 sterbende Kameraden


von souli

Review: THE GUEST – Blow-Job-Shot für den Heimkehrer ohne Heimat

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Fakten:
The Guest
USA. 2014. Regie: Adam Wingard. Buch: Simon Barrett. Mit: Dan Stevens, Maika Monroe, Leland Orser, Sheila Kelly, Lance Reddick, Brendan Meyer, Ethan Embry, Joel David Moore, A.J. Bowen, Chris Ellis, Jesse Luken u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Ab 24. April 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die Familie Peterson hat immer noch damit zu kämpfen, dass ihr ältester Sohn Caleb im Afghanistan Krieg gefallen ist. Als eines Tages David, ein Kamerad von Caleb vor der Tür steht, nehmen die Petersons den freundlichen, jungen Mann bei sich auf. David hilft der Familie besser mit ihrer Trauer zu Recht zu kommen, doch mit Davids Erscheinen mehren sich auch merkwürdige Geschehnisse.





Meinung:
Erst einmal sehen wir nur ein Paar Militärstiefel, wie sie einen Fremden zügigen Schrittes über die staubige Landstraße irgendwo im Nirgendwo tragen, dann wird sein Rücken und Hinterkopf ins Bild gerückt, bis sich der Titel einem erschütternden Grollen gleich über den Bildschirm erstreckt: „The Guest“. Und in Form dieses Gastes tritt David (Dan Stevens) in Erscheinung, ein gutaussehender Kriegsheimkehrer, der vor kurzem ausgemustert wurde und sich nun Mutter Peterson vorstellt, hat er doch mit dessen im Einsatz verstorbenen Sohnemann Caleb in Afghanistan gedient. Und mal ehrlich: Wer könnte David schon widerstehen? Wer möchte ihm ernsthaft den Eintritt verwehren? Mit seinem einladenden Grinsen, welches Männlein und Weiblein gleichermaßen in Entzücken versetzt, mit seiner Frisur, die sitzt wie geklebt, den eisblauen Augen, die offensichtlich bis in die Seele blicken können und dem athletischen Körperbau. Ohnehin ist durch den Tod von Caleb ein Platz im familiären Kreise freigeworden, den David nun füllen darf, wird ihm schließlich ohne Weiteres das ehemalige Zimmer seines Kameraden zur freien Verfügung bereitgestellt.


Der Traum eines jeden Gastgebers?
Allerdings trügt der Schein heftig und wie so oft lehrt uns auch „The Guest“ mal wieder, dass wir uns keinesfalls von Oberflächlichkeiten ablenken lassen sollten. Ein gesundes Misstrauen, wie es Vater Spencer (Leland Orser) zu Anfang noch an den Tag legt, kann sich so manches Mal als äußerst förderlich erweisen, im Falle von „The Guest“ aber scheint bereits ab dem Moment alles verloren, als man David auf der Türschwelle der Petersons gesehen hat – Nach knappen 5 Minuten also. Aber der „You're Next“-Regisseur Adam Wingard und sein Drehbuchautor Simon Barrett machen selbstverständlich keine Anstalten darum, dem Zuschauer auch von Beginn idiotensicher auf die zerstörerische Schneise aufmerksam zu machen, die David noch in der amerikanischen Mittelklasse hinter assen wird. Stattdessen sehen wir einen Mann, der sich höflich zeigt, Sir und Ma'am, wann immer es passt, und sogar dem jüngsten Sohn Luke (Brendan Meyer) dabei unterstützt, die Bullys vom Schulhof endlich in die Schranken zu weisen – mit der Ausübung äußerster Gewalt.


Hinter der makellosen Adonisschale verbirgt sich eine auf Vernichtung programmierte Kampfmaschine – Und wehe, wenn sie außer Kontrolle gerät, wehe, wenn der entriegelte Flammenwerfer auf zwei Beinen sein Inferno entfachen darf. „The Guest“ ist dabei nicht einfach nur Replik auf ein vergangenes Kinozeitalter, sondern hochintelligente und gleichwohl spielerische Reflexion über (post-)modernes Erzählen, ohne sich auf das bloße Wiederkäuen zu stürzen. Das Zitat selbst fungiert im Kontext des originären Kunstverständnisses, es wird niemals abgeschirmt, die endlosen Synthie-Waves schmiegen sich wie ein Exoskelett an das von Moment zu Moment verkehrende Genre-Konglomerat: „The Guest“ ist unfassbar stimulierendes Kino aus einem künstlerischen Guss; ein audiovisueller Luzidtraum, niemals darauf bedacht, seine zündenden Ideen einer forciert nerdigen Verweiskette unterzuordnen. Deshalb muss das vermeidlich „Böse“ auch nicht pedantisch aufgedeckt werden, um dessen Unwägbarkeit zu veranschaulichen, vielmehr legt sich der suggestive Gast David als ein so aphrodisierendes wie destruktives Prinzip über die doppelbödige Szenerie.


8 von 10 nebelverhangenen Dancefloors


von souli

Review: AMERICAN SNIPER - Lone Survivor hat ein hässliches Brüderchen bekommen

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Fakten:
American Sniper – Der Scharfschütze
USA. 2014. Regie: Clint Eastwood. Buch: Jason Dean Hall, Jim DeFelice (Vorlage), Scott McEwan (Vorlage), Chris Kyle (Vorlage).
Mit: Bradley Cooper, Sienna Miller, Kyle Gallner, Jake McDorman, Luke Grimes, Brain Hallisay, Sam Jaeger, Owain Yeoman, Eric Close, Keir O’Donnell, Cory Hardict, Chance Kelly, Greg Duke, Marnette Patterson, Max Charles, Mido Hamada, Joel Lambert u.a. Länge: 132 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Ab 26. Juni auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
US-Navy-SEAL Chris Kyle geht als Scharfschütze in den Irakkrieg. Sein größtes Ziel: seine Kameraden beschützen. Durch sein Talent am Abzug wird er schnell zu einem der besten Scharfschützen der SEALs, was dazu führt, dass seine Gegner sogar ein Kopfgeld auf ihn aussetzen.





Meinung:
Man kann sagen, was man will: Clint Eastwood gehört zu den letzten großen Hollywood-Ikonen, die sich ihren Ruf über all die Dekaden ihrer Zugehörigkeit in der so beflügelnden wie ruinierenden Branche noch nicht mit voller Breitseite demontiert haben. War der Kalifornier durch seine prägnanten Auftritte in diversen Western schnell zum Symbol verwegener Virilität herangewachsen, ist es sein Spätwerk, das Cineasten auf der ganzen Welt erst so richtig in Überschwang und Euphorie versetzte. Selbstredend hat Eastwood früher schon mit Filmen wie „Die Brücken am Fluss“ und „Perfect World“ viel Sensibilität bewiesen, mit „Million Dollar Baby“, „Mystic River“, „Gran Torino“ und „J.Edgar“ aber hat sich Eastwood endgültig eine Untersterblichkeit gesichert, die das Banner der Seriosität aus der obligatorischen Männerdomäne heraushob. Es sah so aus, als wäre Clint Eastwood tatsächlich vorangeschritten, als hätte er sich eine gewisse Altersreife angeeignet und im Privaten vielleicht auch seine politische Gesinnung so wie die angehörige rechtskonservative Agenda hinterfragt


 
Heimaturlaub für Chris, bei seiner Frau
Denn wie wir alle wissen, zählt sich Clint Eastwood zur politischen Strömung der Republikanern und sieht die Amerikaner selbstverständlich als Herrenrasse, die ihr Land mit allem verteidigen würden, was dazu nun mal vonnöten scheint. Als der inzwischen 84-Jährige im Jahre 2012 im Zuge des US-Wahlkampfes auf dem Parteitag der Republikaner einem leeren Stuhl, auf dem ein imaginärer Barack Obama Platz genommen haben soll, die Leviten gelesen hat, änderte sich die internationale Sicht auf Clint Eastwood schlagartig: Die Delegierten vor Ort spendierten stehende Ovationen, zitierten „Dirty Harry“ lauthals, während dieser Auftritt bei vielen anderen reichlich Sympathie einbüßte und Clint Eastwood zu einem wohl etwas derangierten Großvater erklärte. Der Rettungsanker war nach diesem doch sehr befremdlichen Erlebnis die Berufung auf seine ersichtliche Klasse als Regisseur, schließlich hat er auch mit „J.Edgar“ vor allem eine sensitive Liebesgeschichte zweier Homosexueller dokumentiert, ohne seinen politischen Background in die Drehbuchvorlage von Dustin Lance Black einfließen zu lassen.


Kimme und Korn immer nach vorn'
Nun widmet sich Clint Eastwood der kontroversen Autobiographie von Chris Kyle, dem Scharfschützen der Navy SEALS, der zwischen 160 und 255 tödliche Treffer in seinen vier Kriegseinsätzen im Irak abgegeben haben soll. Nachdem Steven Spielberg vom Projekt abgesprungen war, hatten seine Vorstellungen doch die Budgetgrenze von Warner Bros. gesprengt, übernahm Eastwood die Ägide, was grundsätzlich interessanter erscheint, hat Eastwood doch gerade mit „Letters from Iwo Jima“ bewiesen, wie feinfühlig er sich den Opfern wie Gepflogenheiten des Krieges annehmen kann. Doch mit „American Sniper“ ist nun etwas eingetreten, von dem wir uns eigentlich verabschiedet haben, wenn wir heutzutage auf Clint Eastwood zu sprechen kommen: Undifferenziertes Glorifizieren von amerikanischen Heroen. Als hätte es nicht gereicht, letztes Jahr mit Peter Bergs Debakel „Lone Survivor“ ganz mürbe von all dem unreflektierten Heroismus im Kopf zu werden, setzen Eastwood und Jason Dean Hall erneut genau an dieser Stelle und zelebrieren den treffsicheren Cowboy aus Odessa.


Chris Kyle weiß eine gute Beerdigung zu schäzen
Immer wieder hämmert sich eine Frage in den Kopf des Zuschauers: Ist „American Sniper“ letztlich womöglich doch nur die verstrahlte Nabelschau eines senilen Republikaners, der sich nach allerlei zwischenmenschlichen Diskursen inzwischen reichlich müde zeigt, sein jeweiliges Themenspektrum angemessen zu reflektieren. Wer ein nuanciertes Psychogramm erwartet und den von Bradley Cooper durchaus solide verkörperten Chris Kyle als den psychopathischen Massenmörder erleben möchte, zu dem er sich selber in seinen Schriften stilisiert hat, der täuscht sich gewaltig. Chris Kyle wird in seinen Taten fortwährend bestätigt, jeder Kopfschuss folgt dem Pfad der Tugend und Tapferkeit, ohne dabei auch nur einmal so weit zu voraus blicken, dass Kyle nicht nur Leben gerettet, sondern auch Leben genommen: Männer, Frauen, Kinder. „American Sniper“ aber hält nichts vom Verweis auf eine moralische Instanz im Gebaren der „Legende“, die Andeutungen vom posttraumatischen Stress wirken schrecklich alibimäßig, genau wie das langsam aus den Fugen geratene Familienleben unsagbar oberflächlich nach Strichliste abgearbeitet wird.


„American Sniper“ ist ein Film geworden, der die menschliche Größe Clint Eastwoods vermissen lässt und stattdessen den notwendigen Kampf der stolzen Amerikaner gegen die bestialischen „Wilden“ (darunter auch ein Iraker, den sie nur „The Butcher“ nennen, der Kindern mit einer Bohrmaschine in den Schädel bohrt und Frauen die Gliedmaßen abschlägt) anstrebt, um Chris Kyle ein Denkmal zu errichten. Inszenatorisch ist das, bis auf einige stilistische Ausrutscher, alles vollkommen in Ordnung, die staubigen Gefechte sind zum Teil wirklich großartig gefilmt wie geschnitten, aber all das rettet „American Sniper“ keinesfalls vor seinem über alle Maße verwerflichen Weltbild. Dass „American Sniper“ in den Vereinigten Staaten schon jetzt zum Box-Office-Phänomen gekürt wurde und ein Einspielergebnis erzielt, welches sonst nur Superheldenadaptionen vorbehalten ist, spricht wohl für sich.


2 von 10 Feuergefechten im Sandsturm


von souli

Review: SCHUTZENGEL - Til Schweiger ballert sich durch

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Fakten:
Schutzengel
Deutschland. 2012. Regie: Til Schweiger. Buch: Til Schweiger, Stephen Butchard, Paul Maurice. Mit: Til Schweiger, Luna Schweiger, Moritz Bleibtreu, Heiner Lauterbach, Karoline Schuch, Axel Stein, Herbert Knaup, Trystan Prütter, Jana Reinermann, Kostja Ullman, Katharina Schüttler, Anna-Katharina Samsel, Nina Eichinger, Oliver Korittke, Tim Wilde, Fahri Yardim, Rainer Bock, Jacob Mantschez, Ralph Herforth, Mickey Hardt, Mathias Döpfner, Aleksanar Jovanovic u.a. Länge: 133 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Nina ist 15 und Vollwaise. Das Leben hat ihr nur Hürden in den Weg gelegt. Doch die größte liegt noch vor ihr. Sie wird Zeuge wie der Geschäftsmann Becker ihren Freund, einen Hotelpagen, erschießt. Nina kommt ins Zeugenschutzprogramm, unter die Obhut des Ex-KSK-Soldaten Max Fischer und dessen Team. Doch bei der Staatsanwaltschaft gibt es einen Maulwurf. Das Versteck fliegt auf und Max versucht Nina vor Beckers brutalen Schergen in Sicherheit zu bringen.




Meinung:
„Keinohrhasen“ war gestern. Jetzt versucht sich Tausendsassa Til Schweiger am Actionfilm, diesmal nicht im Gewand des „Tatort“, sondern  als eigenständiger Kinofilm. „Schutzengel“ zeigt sich dabei als optisch knackiger, inszenatorisch eher unspektakulärer und handlungstechnisch durch und durch misslungener Versuch den Beweis anzutreten, dass der deutsche Film auch gute Actioner hervorbringen kann. Das Grundgerüst von „Schutzengel“ erweist sich als bieder und wenig innovativ. Super-Cop beschützt junge Kronzeugin. Diese Einfachheit kann man dem Film vorwerfen, allerdings muss ein guter Actionfilm nicht unbedingt große Handlungsgeschütze auffahren um zu überzeugen. Dass Schweigers erster härterer Genre-Beitrag ziemlich misslungen ist, liegt also nicht einzig und alleine an der Story. Viel mehr leidet „Schutzengel“ darunter, wie diese Story vermittelt, Action präsentiert und die Figuren dargestellt werden. 



"Psst Til, die bösen Kritiker kommen nicht in deine Träume."
Große Kritik und Gezeter gab es vorab, als bekannt wurde, dass Schweigers Tochter Luna hier die weibliche Hauptrolle spielt. Dies erweist sich durchaus ein Makel des Films, denn Luna Schweiger kann als verfolgte Waise Nina nicht überzeugen. Im andauernden Flüsterton, ohne eine Art von überzeugender Ausstrahlung und ausgestattet mit einem einzigen Gesichtsausdruck schleust sie ihr Vater durch den Film. Ihrer Rolle enthält er dazu keine echte Wandlung. Nina ist und bleibt ein Opfer. Eines welches vom kargen Script so dermaßen in diese einfältige Figurenform gequetscht wird, dass sie zu einem Dasein im Bereich des Gleichgültigen verdammt ist. Ein Mitfiebern, ob sie von ihren Häschern erwischt wird, ist so quasi unmöglich. Auch ihr Beschützer Max, der Ex-Soldat, ist wenig interessant. So stoisch wie Schweiger mit Kritikern umgeht, so stoisch spielt er hier seine Rolle, die in einigen Phasen ihrer Charakterisierung sogar unfreiwillige Komik bereithält. So erweist sich Schweiger Intention, den deutschen Soldaten, die im Ausland ihr Leben riskieren, zu ehren, als überaus alberne und zutiefst kitschige Backgroundstory, der es an wirklicher, wahrhaftiger Ehrfurcht fehlt. Denn diese seine Rolle, dieser Max Fischer entspricht einfach einem Klischee. Einem, welches so verbraucht, abgewetzt und leer ist, dass Schweigers Verneigung, vor den Männern und Frauen der Bundeswehr, einen ungewollten komischen – fast schon überspitzen – Ton trifft. Ganz ehrlich, wenn Schweiger und Nebendarsteller Moritz Bleibtreu von ihren Einsätzen am Kundus sprechen und dabei alles an Schicksalsschlägen auspacken, was die Thematik zu bieten hat, löste dies bei mir ein Gefühl des Fremdschämens aus. Vor allem wenn ich bedenke, das Schweiger seinen Film groß damit bewarb, ihn für die Soldaten gemacht zu haben. Nach der Sichtung von „Schutzengel“ kommt mir dies endgültig wie geschmacklose PR vor. 


Ob Schweiger sich hier vorstellte auf Kritiker zu zielen?
Geschmacklos sind die Actionszenen, die bei einem Film, der damit hausieren geht, dass er dem Action-Genre angehört, nicht. Wirklich gelungen sind sie aber leider auch nicht. Bei über zwei Stunden Film gibt es relativ selten fliegende Projektile zu bestaunen – andere Formen von adrenalinhaltigen Aktionen gibt es hier nicht. Wenn es dann aber knallt, fahren Schweiger und sein Team durchaus große Actionmomente auf. Doch diese zünden einfach nicht. „Schutzengel“ ist, egal ob mit seiner Story, seinen Figuren oder eben seiner Action, höchst undynamisch. Die Kugeln schwirren durch die Luft, zerbersten Mauerwerk, durchlöchern die Guten wie die Bösen. Mitreißend? Nein. Die Schusswechsel wirken zu statisch und weil der Held, wie auch sein Anhang, letztlich auch nicht mehr ist, wie ein Objekt in Menschengestalt, stellt sich auch keine Spannung ein. Dazu kommt, dass Schweiger als Regisseur gefühlt jede zweite Nachladesequenz bei Pistolen mit verlangsamter Geschwindigkeit zeigt und auch bei Feuergefechten nicht auf seinen Hang zu einengenden Close Ups verzichtet. Dass die Nebenfiguren, von der treuen Staatsanwältin, über den bösen Waffenhändler bis hin zum verkrüppelten Soldatenfreund allesamt auf festen Bahnen agieren, die keinerlei Spielraum für fesselnde Entwicklungen bereitstellen, wuchtet den wenig dynamischen Eindruck der Actionsequenzen auch in die ruhigeren Momente des Films herüber.


„Schutzengel“ ist, wie von seinem Regisseur gewohnt, ein sehr amerikanisiertes Werk. Die Credits sind mal wieder in englischer Sprache, die Optik macht aus Berlin die US-Westküste, der pseudo-melancholische Pop-Score suppt durch die Szenen, die Uckermark wird zum Western-Outback und gegessen wird in einem American Diner. Dieser Hang zum Amerikanischen wirkte schon bei „Zweiohrküken“ oder „Kokowääh“ zu aufgesetzt und nimmt „Schutzengel“ jede Form der Authentizität. Dafür fallen die teilweise wirklich gravierenden Logiklöcher, will sagen Plotholes, nicht weiter auf. Nur bei den teilweise wirklich haarsträubenden Dialogen, einhergehend mit der Psychologie der Figuren auf Hausfrauen-Niveau, kann selbst die klebrigste Patina aus amerikanischer Optik, nichts verschleiern.


Til Schweigers „Schutzengel“, der für den erfolgsverwöhnten Star des deutschen Kinos nicht zu dem finanziellen Erfolg wurde wie gedacht (und erhofft), ist es auch nicht gelungen einen Actionfilm zu inszenieren, der beweist, dass unsere Nation mit mehr aufwarten kann, innerhalb des Genres, als „Alarm für Cobra 11“. Schweigers Film krankt an seinen Ambitionen und deren Ausführung. Actiontechnisch nicht sonderlich eindrucksvoll, dramaturgisch viel zu platt und somit ausdruckslos sowie als Gesamtpaket nicht mehr als ein verzichtbarer Funke, der die Tiraden der Schweiger-Hasser nur noch weiter anfeuert. Meine ganz persönliche Tirade zu „Schutzengel“: Der Film ist Murks!

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