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Special: Kieslowskis zwei kurze Filme über das Töten und die Liebe

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EIN KURZER FILM ÜBER DAS TÖTEN – Ein subtiles Plädoyer gegen die Todesstrafe




Fakten:
Ein kurzer Film über das Töten (Krótki film o zabijaniu)
Polen. 1988. Regie:Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Miroslaw Baka, Krzysztof Globisz, Jan Tesarz, Zbigniew Zapasiewicz, Barbara Dziekan u.a. Länge: 84 Minuten. FSK: Ab 16 Jahre fregegeben. Auf DVD erhältlich.

Story:
Wir begleiten einen unfreundlichen Taxifahrers, eines idealistischen Anwalts kurz vor seiner Zulassung und eines jungen, perspektivlosen Mannes, der durch sinnlose Gewalt auffällt, auf ihrem Tagesablauf in Warschau. Als sich die Wege der drei kreuzen, soll dies ein Ereignis werden, das ihre Leben für immer verändern wird.




Meinung:
„Ein kurzer Film über das Töten“ ist wohl, etwas plakativ gesagt, ein Film über und ein Film gegen die Todesstrafe und das Töten an sich. Egal, was ein Mensch getan hat, den Tod als Bestrafung hat er nicht verdient. Kieslowski kritisiert die damals geltenden Gesetze in Polen und die Todesstrafe ganz allgemein. Töten ist schlimm, töten ist brutal. Das zeigt der Film, das Töten ist immer ein Kampf. Angst, ja Panik übermannt einen, man kämpft im wahrsten Sinne ums Überleben. Grausam, vielleicht anders grausam, ist das Warten auf den Tod, auf das Getötet werden. Man erleidet Qualen, seien sie nun körperlich oder auch psychischer Natur. Man weiß, ich werde bald sterben und klammert sich an einen kleinen Strohhalm, der doch bald reißen wird. Lang kann das Sterben dauern und genauso das Töten. Für alle beteiligten ist es eine Qual, die nicht zu ertragen ist.


Blut strömt über das Gesicht: Es wird getötet.
Darüber hinaus ist Kieslowskis Film, der in einer gekürzten Form auch den fünften Teil seines berühmten Dekalogs bekleidet, eine Studie über Menschsein an sich. Über das Schlechte und auch über das Gute. Über überwiegend negative Weltanschauungen, über Perspektivlosigkeit, über schlimmes Verhalten gegenüber anderen Menschen – und über ein wenig Hoffnung. Kieslowski zeigt, dass es in einer eher negativen Welt auch positive Elemente gibt. Zwar kann es Zweifel geben, zwar kann die Lage aussichtslos sein, doch es ist eben nicht alles schlecht. Es lohnt sich zu kämpfen und vor allem lohnt es sich, zu seinen Idealen zu stehen, auch gegen äußere Widerstände. Und dies wird eben durch die hoffnungsvolle Figur des unsicheren, humanistisch denkenden Anwalts Piotr verkörpert, der sich seines Kampfes gegen Windmühlen bewusst ist, der ihn aber trotzdem vollzieht, weil es das Richtige ist. Und eben hier wird wieder die Verbindung zum Töten, zur Todesstrafe und damit zum eigentlichen Thema des Films hergestellt.



Wie in eigentlich allen Kieslowski-Filmen hat Zbigniew Preisner für eine traumhaft schöne, bittersüße Musikuntermalung gesorgt, die in den richtigen Momenten große Trauer hervorruft, die aber auch Kraft und Hoffnung spendet und immer genau das richtige macht. Kieslowskis Filme und Preisners Musik, das harmoniert so sehr, wie man es wahrhaftig nirgendwo anders zu sehen und zu hören bekommt. Die Musik verbindet sich mit dem Inhalt zu einem anziehenden aber schrecklichen Gemälde. Auge um Auge? Damit ist niemandem, aber auch gar niemandem geholfen. Das sagt Kieslowski, das zeigt Kieslowski. Und mit „Ein kurzer Film über das Töten“ ist ihm nicht nur gelungen, die Schrecklichkeit der Todestrafe auf eine doch leichte Art und ohne mit erhobenem Zeigefinger zu präsentieren, nein, er prangert das Töten als solches an. Er zeigt die Qualen von Opfer und Täter. Er zeigt, dass es keinen Gewinner gibt, wenn jemand getötet wird. Niemals.

8,5 von 10 Seile in der Hand




EIN KURZER FILM ÜBER DIE LIEBE – Ein subtiles Plädoyer für die wahre Liebe





Fakten:
Ein kurzer Film über die Liebe (Krótki film o miłości)
Polen. 1988. Regie:Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Grazyna Szapolowska, Olaf Lubaszenko, Stefania Iwinska, Piotr Machalica, Hanna Chojnacka u.a. Länge: 86 Minuten. FSK: Ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.

Story:
Der junge Postbeamte Tomek beobachtet Nacht für Nacht mit einem Teleskop die fast doppelt so alte Magda, die ihren Affären nachgeht. Er ruft sie an, bestellt sie anonym aufs Postamt, liefert ihr die Milch aus, will in ihrer Nähe sein. Tomek hat sich verliebt. Er gesteht ihr seine Liebe, doch Magda meint nur, dass es so etwas wie Liebe nicht gäbe. Trotzdem lässt sich Tomek nicht entmutigen.






Meinung:
Was ist Liebe? Ist Liebe ein Wort? Eine Tat? Ein Gefühl? Schwer zu beantworten ist dieser Begriff allemal und jeder wird hierin etwas anderes sehen. Nach dem Töten beschäftigt sich Krzysztof Kieslowski auch mit diesem Thema. Und es ist sicher nicht einfacher, vielleicht sogar schwieriger.


Was ist denn nun Liebe? Für Kieslowski ist Liebe, dass man immer und überall an den anderen denken muss. Für ihn ist Liebe, dass man wissen will, was der andere tut. Dass man sich für den anderen interessiert. Dass man aufsteht wenn man ein Geräusch hört, nur weil man hofft, dass es die Person des Herzens sein könnte. Und dass man das jedes Mal wieder macht. Für ihn ist Liebe, dass man die verrücktesten Sachen tut, nur um in der Nähe des anderen zu sein. Liebe ist auch Alltag. Ein Anruf, ein verschüchterter Blick, Tränen, Lachen, auch mal eine in die Fresse zu kriegen. Liebe ist für ihn, dass man den anderen nicht gehen lassen, nicht ohne ihn sein kann, dass man nicht leben kann ohne den anderen. Liebe ist Zusammensein. Körperlich, aber auch im Geist. Und soll ich mal was sagen? Kieslowski hat Recht.


Ist der schüchterne Tomek am Ziel seiner Träume?
Und das alles zeigt er so subtil, auf so gefühlvolle Weise, wie ich es bisher eigentlich noch nie gesehen habe. Unaufdringlich wie niemand, wie schon bei seinem Bruderfilm auch hier ohne Holzhammer. Er zeigt die Liebe im Alltag, wie sie jedem passieren könnte, wie sie vielleicht schon vielen passiert ist. Er lässt mitfühlen, ohne diese Gefühle dem Zuschaue aufzudrängen. Jeder kann seine eigenen Assoziationen machen, jeder kann seine eigenen Gedanken einbringen. Aber letztlich wird sich jeder in die beiden Hauptcharaktere, den jungen Postbeamten Tomek und die beinahe doppelt so alte, abgeklärt wirkende Magda, hineinversetzen. Wir fühle Verzweiflung und Hoffnung, wir weinen und freuen uns mit ihnen. Und wir wissen genau, was sie fühlen. Und dann ist da noch ein Name: Zbigniew Preisner. Natürlich. Muss man eigentlich nichts mehr sagen, oder? Diesmal wirkt die Musik fast schon wie ein eigenes, ruhiges, romantisches Gedicht, das vielleicht eine Truppe von Spielleuten vor 600 Jahren an irgendeinem Königshof zum Besten gab, woraufhin sich der junge Thronfolger und seine Angebetete mit Tränen in den Augen in die Arme nehmen. Traurig, schön, liebevoll.



Kieslowski und Preisner, die beiden schaffen tatsächlich, was so gut wie keinen Filmschaffenden gelungen ist, besonders nicht in dieser Form. Ohne einen Hauch von Kitsch, ohne Pathos, ohne falsche Übertriebenheit, ohne Holzhammer und ohne aufdringlich zu werden haben sie, wieder in ihrer Kombination aus Film und Musik, einen Film erschaffen, der von der ersten Minute an voll von Liebe ist. Und sie beide bieten uns an, uns in die beiden Hauptpersonen Magda und Tomek hineinzuversetzen. Und, ob wir wollen oder nicht, am Ende, spätestens am Ende verstehen wir es, was Liebe ist: Eine Flasche voll Milch.

9,5 von 10 Blicke durch ein geklautes Teleskop

Review: DIE ZWEI LEBEN DER VERONIKA – Das Doppelgängermotiv auf Gefühlsbasis

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Fakten:
Die zwei Leben der Veronika (La Double Vie de Véronique)
Frankreich, Polen, Norwegen. 1991. Regie: Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Iréne Jacob, Wladyslaw Kowalski, Sandrine Dumas, Guillaume De Tonquédec, Claude Duneton, Philippe Volter u.a. Länge: 98 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD erhältlich.


Story:
Die Leben zweier junger Frauen sind irgendwie miteinander verbunden. Die Polin Weronika und die Französin Véronique haben einen sehr ähnlichen Lebenslauf, gleichen sich wie ein Ei dem anderen, haben ein großes musikalisches Talent und probieren sich beide in der Liebe aus. Dennoch wissen sie nichts voneinander. Doch als Weronika bei ihrem ersten Konzert auf der Bühne zusammenbricht, sollte das große Auswirkungen auf das Leben Véroniques haben.




Meinung:
Zwei Leben verbunden, zwei Leben sind eines. Die Polin Weronika, eine junge und hochtalentierte Sängerin, und die Französin Véronique, ebenfalls eine junge und hochtalentierte Sängerin. Sie gleichen sich bis auf die Haarspitzen, sehen beide sehr hübsch aus. Sie sind beide verliebt, in einen jungen Mann und in die Musik. Doch als Weronika bei ihrem ersten großen Konzert wegen ihres kranken Herzens tot zusammenbricht, da verändert sich das Leben Vèroniques von Grund auf. Sie weiß nicht genau wieso, aber sie gibt ihre erfolgsversprechende Gesangskarriere auf, nimmt einen Job als Musiklehrerin an und lässt sogar ihr eigenes Herz untersuchen. Sie verbeißt sich nicht mehr in irgendwelchen Dingen, sondern beginnt zu leben.


Veronika lebt von ihren Gefühlen...
Kunst und Leben. Geht das gemeinsam? Oder muss man sich entscheiden? Ihr Leben für die Kunst, allein für die Kunst bis in den Tod, so scheint es die polnische Veronika zu stellen. Ob es das Wert ist, das lässt der Film  offen. Die französische Veronika hingegen springt aus dieser Kunstwelt ab, führt ein „normales“ Leben, ohne wirkliche Höhepunkte, dafür sicher. Beides, also ein gutes Leben zu führen und gleichzeitig sich der Kunst zu verschreiben, das scheint nicht zu gehen. Eine andere, eine darauf aufbauende Sichtweise ist eine politische. Hier stehen die beiden Veronikas als Allegorie für die politischen Einheiten Polen bzw. Frankreich. Beide durchaus sehr künstlerisch und kulturell hoch entwickelt, hat nur ein Land die freie Entscheidung, das auch frei und ohne Angst vor Repressionen auszuleben – Frankreich. In Polen bezahlt man dafür mit seinem Leben, wie Weronika.


Beide Interpretationsweisen haben durchaus Hand und Fuß, aber scheinen nicht den Kern des Films zu erreichen. In erster Linie spielt der Film für mich einfach mit der Liebe in verschiedenen Formen. Mit der Liebe zur Kunst und mit der Liebe zu anderen Menschen. Und das macht er weniger über eine Geschichte, sondern über ein Gefühl. Denn die Geschichte mit ihrem Doppelgängermotiv, die verläuft leider irgendwann mehr oder weniger im Sand oder wird zumindest aus den Augen gelassen. Stattdessen kommt der Film eben enorm über das Gefühl. Kieslowski verzaubert den Zuschauer, der, auch wenn der Film mit seinen übersinnlichen Motiven vielleicht nicht die größte Geschichte aller Zeiten erzählt, sich dieser Geschichte voll hingeben kann. Und das liegt in erster Linie an zwei Faktoren:


...und sie fühlt, dass es da draußen mehr gibt, als sie ahnt.
Einmal an der Hauptdarstellerin. Beide Veronikas werden gespielt von er bezaubernden Iréne Jacob, die ihre Sache himmlisch gut macht. Wenn sie zu sehen ist, dann achtet man nicht mehr auf die übrigen Figuren, man kann nur noch ihr und ihrer Leichtigkeit zusehen, die sie auch später in Kieslowskis Drei Farben: Rot an den Tag legte. In beinahe jeder Szene ist sie zu sehen und doch kann man sich nicht satt sehen an ihr. Wenn sie lächelt, dann lächelt man als Zuschauer. Wenn sie leidet, dann leiden auch wir. Wir hoffen und bangen, wir freuen uns und trauern. Das, was Iréne Jacob hier zeigt, das nennt man wohl Bildschirmpräsenz par excellence. Das zweite Prunkstück ist die Musik von Zbigniew Preisner. Besonders sein Konzert in e-Moll ist einfach fantastisch. Die Musik eines bombastischen Symphonie-Orchesters kombiniert mit Glockenläuten, einem Chor und der engelsgleichen Stimme von Weronika macht dieses Stück zu einem beinahe schon hypnotischen Erlebnis, das nicht nur die Ohren in Verzückung bringt, sondern dem ganzen Körper ein unbeschreibliches Gefühl beschert.


Auch wenn „Die zwei Leben der Veronika“ gegen Ende hin ein wenig an Fahrt verliert und das Interesse an der Geschichte, das in den Anfangsminuten mit seinem Doppelgängermotiv noch vorhanden war, nicht mehr ganz halten kann, so ist der Film doch ein sehr schöner, ein liebevoller Film geworden. Ob er nun tatsächlich eine politische Aussage beinhaltet, das kann ich nur schwer beurteilen. Wenn, dann ist das aber nur nebensächlich, denn viel wichtiger erscheint das Gefühl, das uns Krzysztof Kieslowski beschert. Ein angenehmes, wohliges Gefühl, dass er besonders durch die wunderbare Iréne Jacob und die nicht minder wunderbare Musik Zbigniew Preisners aufbaut. Ein Film, der einen auf mehr als nur einem Sinn anspricht. Ein Gefühlsfilm.


8 von 10 hingebungsvolle Arien

Review: DREI FARBEN-TRILOGIE - Kieslowskis Denkmal für den Geist der Revolution

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Liberté, egalité, fraternité – Die Schlagworte der französischen Revolution – verpackt in die drei Farben der Nationalflagge Frankreichs, blau, weiß und rot. Der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski setzt diesem Wahlspruch mit seiner Drei-Farben-Trilogie sein persönliches filmisches Denkmal, indem er diesen drei Schlagworten in seinen Filmen mit Hilfe von Menschen, die alle etwas verloren haben, ein Gesicht gibt. Es geht immer um ihr Verhalten, um ihren Umgang mit einem Schicksalsschlag und so auch mit ihren Mitmenschen. Wie reagiert man auf den Schicksalsschlag, wie reagiert man auf Verlust. Auf den Verlust eben jener drei revolutionären Schlagworte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und was ist das überhaupt?


Kieslowski inszeniert diese drei Aspekte in antithetischer Form. Erst durch das Fehlen oder dessen geradezu zynische Überspitzung wird deutlich, von welcher fundamentalen Wichtigkeit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eigentlich erst sind. Er lässt sich bei allen drei Filmen viel Zeit und schafft im Zusammenspiel mit der Musik Zbigniew Preisners eine einmalige, oft melancholische Atmosphäre, die den Gemütszustand der Person entweder perfekt unterstreichen (Rot) oder ihmm komplett entgegentreten (Blau, Weiß). Filme über den Umgang mit Menschen, mit Verlust, mit Schmerz. Und trotz ihrer eigentlichen Unterschiedlichkeit doch sehr ähnlich, verbunden durch die Trikolore, durch blau, weiß und rot.






Fakten:
Drei Farben: Blau (Trois couleurs: Bleu)
Frankreich, Polen. 1993. Regie: Krzysztof Kieslowski. Buch: Agnieszka Holland, Slawomir Idziak, Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz, Edward Zebrowski. Mit: Juliette Binoche, Benoît Régent, Florence Pernel, Charlotte Véry, Hélène Vincent, Emmanuelle Riva u.a. Länge: 100 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Nach einem Verkehrsunfall, bei dem Julie ihren Mann und ihre Tochter verloren hatte und selbst nur schwerverletzt überlebt hat, versucht sie das alles zu vergessen. Sie bricht alle Kontakte zu ihrem alten Leben ab und geht nach Paris, wo sie neu anfangen will und sich in die Einsamkeit zurückzieht.




Meinung:
Totaler Rückzug – der Versuch, so seine Freiheit von Schuld, von Vergangenheit und Schmerz zu erhalten. Aber ist Flucht und Vergessen wirklich der wahre Weg in die Freiheit? Oder ist es nur eine Möglichkeit, die wahre Freiheit schätzen zu lernen, Freiheit ohne Zwänge, Freiheit ohne Einschränkungen? Julie geht nach Paris, wo sie selbst herausfinden muss, ob sie ihre Leidenschaft, ihre Emotionen, ihre Gedanken und ihre Vergangenheit wirklich wegsperren kann. Auch die Nebenfiguren spielen immer wieder auf das Thema der Freiheit und dadurch auch der Gefangenschaft an. Ein roter, nein, ein blauer Faden, der die Freiheit in unterschiedlichsten Facetten zeigt.


Juliette Binoche in der Hauptrolle der Julie spielt zwar lange sehr unauffällig und zurückgenommen in ihrer Gestik und Mimik und doch schafft sie es mit minimalen Veränderungen des Mundes oder ihren einnehmenden Augen scheinbar alles auszusagen. Eine gespenstisch fesselnde Leistung. Die sehr langsame Erzählweise benötigt eben eine so tolle Darstellerin. Doch auch sie kann nicht alle Phasen des Leerlaufs überdecken. Und auffällig ist, dass hier die anderen beiden Elemente der Trilogie fehlen. Weder Gleichheit noch Brüderlichkeit werden dargestellt. Das macht zwar den Film an sich nicht schlechter, hat aber trotzdem Auswirkungen auf ihn, da man das Fehlen der beiden anderen Aspekte den gesamten Verlauf über doch spürt - vielleicht aber erst am Ende der Gesamttrilogie.


7,5 von 10 unvollendete Europahymnen




Fakten:
Drei Farben: Weiß (Trzy kolory: Biały)
Frankreich, Polen. 1993. Regie: Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Zbigniew Zamachowski, Julie Delpy, Janusz Gajos, Jerzy Stuhr, Aleksander Bardini, Cezary Harasimowicz u.a. Länge: 91 Minuten. FSK: Ab 12 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Der Pole Karol ist schwer verliebt in seine wunderschöne Frau, die Französin Dominique. Da er aber impotent ist, reicht sie die Scheidung ein – Karol verliert seine Liebe zu ihr und all sein Geld. Er fühlt sich ungerecht behandelt, betrogen, ausgenutzt und kehrt tief betroffen nach Polen zurück. Dort beginnt er ein neues Leben und verdient auf einmal sehr viel Geld. Doch noch immer will er nur Gerechtigkeit, Gleichberechtigung - Gleichheit.





Meinung:
Der Film will klar der lustigste und lockerste der Reihe sein, schafft das aber nicht so wirklich. Ein paar Schmunzler sind zwar dabei, aber ansonsten dümpelt der Film einfach lange vor sich hin. Leider sagt er außerdem weniger aus als die anderen beiden Filme, zumindest in Bezug auf die Kernthemen. Anstatt alles auf das umschließende Schlagwort „Gleichheit“ hinauslaufen zu lassen, erscheinen einige Episoden ohne Zusammenhang zur „Überschrift“ eingebaut worden zu sein. Es fehlt einfach zu lange die verbindende Thematik, der Faden, der bei „Blau“ noch so schön vorhanden war.


Dazu macht sich so etwas wie Langeweile breit. Der Film hätte auch in einer guten Stunde abgefilmt werden können – für mehr gibt er eigentlich nicht genügend her. Auch kann mich Zbigniew Zamachowski in der Rolle des Karol nicht wirklich überzeugen und scheint oft ein wenig überfordert zu sein. Nicht immer zwar, aber immer wieder. Allerding ist die Musik Zbigniew Preisner wieder sehr schön anzuhören. Dass Karol am Ende, wie wäre es auch anders zu vermuten, die Gleichheit wieder herstellt, das hilft ihm aber auch nicht wirklich. Denn so wie in „Blau“ zwei der drei Schlagworte fehlten, so verhält es sich hier ebenfalls. Karol kann hier nicht zu einem wirklichen Gewinner werden, denn dazu fehlen in diesem Film einfach Freiheit und Brüderlichkeit.


6 von 10 falsche Leichen





Fakten:
Drei Farben: Rot (Trois couleurs: Rouge)
Frankreich, Polen, Schweiz. 1994. Regie: Krzysztof Kieslowski. Buch: Krzysztof Kieslowski, Krzysztof Piesiewicz. Mit: Iréne Jacob, Jean-Louis Trintignant, Samuel Le Bihan, Frédérique Feder, Jean-Pierre Lorit, Marion Stalens, Teco Celio u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: Ab 6 Jahren freigegeben. Auf DVD und Blu-Ray erhältlich.


Story:
Freundliches Interesse und Ausspionieren – passt das zusammen? Für Valentine und Joseph eigentlich nicht. Valentine ist eine fröhliche, hilfsbereite junge Frau und Model. Joseph ein verbitterter, alter Richter. Als Valentine den verletzten Hund zu Joseph zurück bringt, bemerkt sie, dass Joseph die Telefonate anderer Menschen abhört. Zunächst angeekelt von seinem Verhalten, bemerkt sie schon bald eine merkwürdige Faszination und freundet sich mit dem alten Mann an.




Meinung:
„Rot“ ist mit leichtem Vorsprung der beste Teil der Trilogie. Tolle Kameraeinstellungen und ein interessantes Spiel von Licht und Dunkelheit heben den Film visuell von den anderen beiden deutlich ab. Zwar kommen hier auch einige Phasen des Leerlaufs vor, doch werden sie durch dir Leichtigkeit von Valentine-Darstellerin Iréne Jacob leicht überspielt. Sie zeigt viel Verständnis für die Situation anderer Menschen. Sie versucht nachzufühlen und auch zu helfen - doch das endet alles ab einem gewissen Punkt. Nur solange, wie es selbst angenehm ist. Freundlichkeit gegenüber anderen ja, aber er aus einer Wohlfühlzone heraus. Für den mürrischen, von Jean-Louis Trintignant verkörperten, pensionierten Richter Joseph ist es mit der Freundlichkeit nicht weit her. Er hört seine Nachbarn intensiv ab und beeinflusst teilweise sogar das Leben dieser Menschen. Er handelt immer wieder. Auch hier könnte man so etwas wie Verständnis sehen, aber auf eine sehr zynische Weise.


Aber irgendwie passt das noch nicht. Wo ist die Brüderlichkeit? Nun, die versteckt sich. Denn so ziemlich jede Figur lebt in Einsamkeit, direkter Kontakt mit anderen Menschen ist nur sehr eingeschränkt vorhanden, wird teilweise auch bewusst gemieden. Vieles geschieht eben über Telefone – ziemlich unpersönlich und damit auch unverbindlich. Diese Isolation der Figuren kann nur durch Gemeinsamkeit, durch Brüderlichkeit durchbrochen werden, wie die beiden Hauptfiguren beweisen. Sie tun sich zusammen und verlassen die Isolation, die Einsamkeit. Außerdem sagt der Film, dass man trotz Freiheit und Gleichheit alleine noch kein Glück, noch keinen Erfolg haben kann. Erst wenn auch die Brüderlichkeit dazukommt, kann am Ende auch das Glück, oder anders ausgedrückt, das Leben stehen, wie der Schluss dieses dritten Teiles eindrucksvoll zeigt.


Liberté, egalité, fraternité. Wie schon bei der französischen Revolution müssen diese Elemente zusammenspielen. Nur dann kann sich am Ende auch das Glück, der Erfolg einstellen.


8 von 10 Flaschen im Altglascontainer