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Review: IT FOLLOWS - Die Nüchternheit des Respekts

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Fakten:
It Follows
USA. 2014. Regie und Buch: David Robert Mitchell. Mit: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Daniel Zovatto, Olivia Luccardi, Lil Sepe, Jake  Weary, Linda Boston, Heather Fairbanks, Debbie Williams u.a. Länge: 94 Minuten. FSK: noch nicht bekannt. Ab 27. November 2015 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Die 19-jährige Jay (Maika Monroe) wird nach einer sexuellen Annäherung plötzlich von seltsamen Visionen geplagt. Sie wird das beunruhigende Gefühl nicht los, dass jemand oder etwas hinter ihr her zu sein scheint.






Meinung:
Ein sehr konservativer und größtenteils zurückgenommener Slow-Burn-Horrorfilm aus den Surburbs, angelehnt an Carpenter'sche Stilistiken, vorallem in technischer Hinsicht - dabei hauptsächlich Urängste aus Teenie-Sexualität schöpfend wie beim standardisierten Gros des Slasher-Genres, nur eben mit einer konsequenten, unerklärt-übernatürlichen Eigenmacht am Start. Die Retro-Avancen stellen in diesem Zusammenhang eine gewisse Problematik dar, einerseits erlaubt man sich hin und wieder modernere Formalitäten (wie unnatürliche Digitaleffekte), die eine Disharmonie zur jeweiligen entgegengesetzten filmischen Ebene schaffen - zudem dann doch ernüchternd Konventionen erfüllen -, andererseits will der Stil mit aller Kraft eine dringliche, ätherisch-schaurige Atmosphäre erschaffen, die man womöglich nicht so stark verinnerlichen kann, auch weil die Charaktere und Settings in ihr allzu klassischen Rollenmodellen entsprechen und die allgemeine, inhaltliche Substanz des Ganzen für meinen Geschmack etwas zu überschaubar bleibt (variiert je nach Erwartungshaltung des Zuschauers).


Ob Jay die sexuelle Annäherung nun bereut?
Ganz abgesehen davon, bleibt ein sehr methodisch-geschicktes Gruselstück auf Augenhöhe mit ganz angenehmen (im Dialog etwas steifen) Teens, die unabhängig von den Eltern auch mal im Kreis sitzend miteinander abhängen und allmählich mit den bekannten Zuckungen der Adoleszenz in Kontakt kommen, nun aber im Angesicht unbekannter Terror-Geister eine unaufhaltbare Furcht erleben, die man immer wieder mit den selben Mitteln zu bekämpfen versucht, welche aber schlicht immer wieder zurückkommen kann (jener Prozess wird so oft wiederholt, dass man knapp 3mal einen passenden Schlusspunkt für den Film erwartet, der aber doch erst viel später kommt). Interessanterweise können diese verfolgenden Gestalten die Form von Bekannten ihrer Opfer annehmen und ab und an wird darin ein Subtext verdrängter Vergangenheit (oder so ähnlich) suggeriert, doch Regisseur David Robert Mitchell belässt es beim Ansatz, kramt schlichtweg kaum irgendwelchen überbordenden Bullshit aus dem Hut - was schon eine sehr löbliche, respektvolle und geschickte Genre-Erfahrung hervorbringt, aber für mich persönlich ein Gefühl von Trockenheit hinterließ, auch weil man emotional nur insofern abgeholt wird, dass man die Hormone der Protagonisten nachvollziehen kann.


Ist für einen normalen Horrorfilm sicherlich total in Ordnung, nur der rechte Funken der Besonderheit, des Erfrischenden, wohl auch gewissermaßen der eigenen Stimme, mag nicht komplett überspringen. Mitchell weiß auf jeden Fall Tension aufzubauen und in gewissen Augenblicken die erschreckende Pointe anders als erwartet zu setzen, sowieso furchterregende Konzepte unaufhaltsamer Verfolgung zu vermitteln - von daher bleibt er in Zukunft ein interessanter Kandidat, der hier schon mit geringen Mitteln eine Menge mehr aus reinster Bescheidenheit aus erreicht hat, als so manch anderer, selbsterklärter Retro-Reißer. Er trifft die Balance die meiste Zeit wirklich gut, aber er muss noch lernen, über den Tellerrand zu schauen, sich nicht auf düstere Synth-Drones und von HALLOWEEN emulierte Steadycam-Unterhaltungen zu verlassen, auch wenn's stilecht ist...und manchmal dann doch wieder nicht. Er ist da irgendwie so unentschlossen wie ich über seinen Film, aber empfehlen kann ich ihn dennoch.


6,5 von 10 übertragenen Flüchen


vom Witte

Review: IT'S A KIND OF FUNNY STORY - Zu einfach, aber so schön

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Fakten:
It’s a Kind of Funny Story
USA. 2010. Regie: Anna Boden, Ryan Fleck. Buch: Anna Boden, Ryan Fleck, Ned Vizzini (Vorlage). Mit: Keir Gilchrist, Emma Roberts, Zach Galifinakis, Viola Davis, Thomas Mann, Zoe Kravitz, Aasif Manvi, Lauren Graham, Jim Gaffigan, Bernard White, Matthew Maher, Jeremy Davies, William Silvan, Novella Nelson, Morgan Murphy, Mary Birdsong, Dana DeVestern, Adrian Martinez u.a. Länge: 101 Minute. FSK: Freigegeben ab 12 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Eigentlich wollte Craig ja springen und seinem Leben ein Ende bereiten, doch dann entscheidet sich der gestresste Teenager lieber dafür sich selbst in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, um dort einige Tage in Ruhe nachzudenken. Doch an Ruhe ist dort nicht zu denken, denn Craig muss sich mit seinen Problemen auseinandersetzen. Zum Glück findet er in einem seiner „Kollegen“ einen Mentor und sogar eine Romanze, mit einem gleichaltrigen Mädchen bahnt sich an.




Meinung:
In den letzten Jahren ging ein Ruck durch die Welt – übertrieben ausgedrückt. War es früher noch mehr ein Thema, welches die Betroffenen für sich behielten, so ist der Gang zum Therapeuten, Psychoanalyse oder Psychiatrie heute nichts mehr wofür sich jemand schämen muss. Zu recht. Auch im Kino haben Kliniken und Anstalten, in denen die Seele eines Menschen kuriert werden soll eine Wandlung durchgemacht. War es früher noch Woody Allen, der offen in seine Werken über Neurosen und Therapien sprach, wenn auch in einem humoristischen Kontext, so gehört der Gang zum Psychiater mittlerweile fast schon zum guten Ton. Kein Wunder, selbst die Boulevard-Magazine haben die Zugkraft psychischer Probleme und Erkrankungen wie Depression (sozusagen die bipolare Muse des Lars von Trier) oder Burnout erkannt. Dadurch wird die Thematik allerdings nicht nur ins Zentrum einer breiten Öffentlichkeit gerückt, sondern auch oftmals verwässert dargestellt und behandelt. Der Ausdruck „Trenderkrankung“ macht da gerne mal die Runde. In der tragischen Komödie (besser: amüsantes Drama) „It’s a Kind of Funny Story“, die zum Großteil in einer psychiatrischen Klinik spielt, wird ebenfalls vieles einfacher gemacht als es ist. Doch ist das wirklich so schlimm?


Das Shirt lügt. Noelle mag Jungs, zumindest Craig.
Nein. Ist es nicht. „It’s a Kind of Funny Story“ ist kein Film, der eine realistische Darstellung seiner Thematik für sich beansprucht. Die Probleme von Hauptfigur Craig, übrigens gespielt vom Briten Keir Gilchrist, der hier ähnlich brillant überzeugen kann wie in der grandiosen US-Serie „United States of Tara“, werden inhaltlich zwar eher mit Samthandschuhen angefasst, wirken aber dennoch arg überspitzt. Seine Angewohnheit bei besonderen Situationen, bzw. Druck sich zu übergeben, liegt ganz klar ein erzählerischer Mechanismus zu Grunde, der nicht dazu da ist, seinen Charakter zu verfestigen, sondern lediglich dafür gut ist Lacher und Schmunzler zu erzeugen. Billige Masche? Mitnichten. Zum einen funktioniert es, lockert den Film auf, ohne dessen legere Ernsthaftigkeit zu zerbrechen, zum anderen fügt es sich perfekt in die Figurenzeichnung ein. Ja, wirklich wahrhaftig ist das nicht, aber es erzeugt Empathie wie Sympathie. Craig ist aber nicht nur durch seinen Hang, sein Essen oral zu verteilen, ein emotional einnehmendes Kerlchen, sondern bietet noch andere positive Faktoren. Einer der größten liegt darin, dass er immer etwas verloren wirkt. Zu Beginn des Films, wenn er kurz davor ist in den Abgrund zu springen, braucht es eigentlich nur ein Blick auf seine Haltung und sein Gesicht um zu spüren, dass er sich wie ein Fremdkörper fühlt. Keir Gilchrist braucht keine großen Gesten um die Verlorenheit seiner Figur widerzuspiegeln. Eine große Leistung, die eigentlich nur noch durch die Romanze innerhalb der Klinik verstärkt wird.


Ja, es gibt eine Romanze. Das ist erst mal ein berechtigter Grund zu Abschreckung, aber das Regie-Duo Anna Boden und Ryan Fleck, die mit dem Drama „Half Nelson“ Ryan Gosling 2007 zu einer Oscar-Nominierung verhalfen, inszenieren die junge, aufkeimende Liebe behutsam, wärmend und zartbitter, so wie jede erste große Verliebtheit sein sollte, außer vielleicht die Tatsache, dass sich alles in einer Psychiatrie abspielt. Craigs Liebe heißt Noelle, wird gespielt von Emma Roberts („Scream 4“) und ist eine Art Gegenpol. Beide scheinen einen Sinn zu suchen, doch während Craig einfach zu motivieren ist diese Suche wieder aufzunehmen, bzw. fortzuführen, stagniert Noelle in der ihrer Rolle als Rebellin. Gegensätze ziehen sich eben an. Wenn sie sich nur immer so wundervoll anziehen würden wie Craig und Noelle. Hach ja, das wäre schön.


Psychiatrie ist toll. Warum? Na, es gibt Eiscreme.
Dass „It’s a Kind of Funny Story“ Komik und Romanze in dieses Setting packt ist heutzutage wahrlich keine kreative oder innovative Offenbarung. Die größte Überraschung des Films besteht aber eh darin, dass hier Zach Galifinakis („Hangover“, „Die Qual der Wahl“) eine wichtige Nebenrolle inne hat und dass er darüber hinaus weit abseits seiner sonstigen charakterlichen Funktion agiert. Hier ist er nicht der Vollchaot, der tumbe Tunichtgut der erst dann rafft dass das Haus abgebrannt ist, wenn die Feuerwehr wieder abzieht, sondern ein wirklich greifbarer Charakter, der für Craig zu einem fast schon väterlichen Mentor wird, der ihn in die eigene, kleine Welt der psychiatrischen Klinik einführt. Dabei wird auch schnell klar, dass „It’s a Kind of Funny Story“ alles ziemlich romantisiert. Die Zeiten von Elektroschocks und Insassen-Aufständen a la „Einer flog über das Kuckucksnest“ sind dabei zwar vorbei, aber wenn Craig mentorisch durch die Gänge der Anstalt geleitet wird, wird rasch klar, dass sich die Macher recht wonnig in den üblichen Klischees suhlen. Selbst der ewige Stumme und zur Thematik passende, katharische Momente haben den Weg in die Klinik gefunden.


Trotz dieser Vorgehensweise berührt „It’s a Kind of Funny Story“. Warum? Weil er trotz allem seine Materie und vor allem seine Figuren ernst nimmt. Niemand wird bloß gestellt. Die psychischen Erkrankungen werden nicht banalisiert, sondern oftmals sogar mit einfachen Mitteln auf den Punkt gebracht. Natürlich ist das immer noch fern von der Wahrheit, aber selbst wenn es sich hier um eine Art psychiatrisches Märchen handelt, so besitzt dieses Märchen doch Witz, Charme, Dramatik und ist obendrein noch äußerst mitreißend. Ohne Wenn und Aber, der Film macht es sich oft zu einfach und überhaupt, so toll ist ein Aufenthalt in der Psychiatrie auch wieder nicht, aber Anna Boden und Ryan Fleck erzählen trotz allem eine berührende Geschichte, die mit thematischer Offenheit und einem großen Herz aufwarten kann. „It’s a Kind of Funny Story“ ist gewiss kein wirklich ehrlicher Film, aber es ist ein Film voller starker Gefühle. Eine Emulsion aus Glück und Melancholie die berührt, trotz aller Verwässerungen. Sehr sehenswert.

9 von 10