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Review: THE SACRAMENT - Weil eine Utopie immer eine Utopie bleibt

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Fakten:
The Sacrament
USA. 2013. Regie und Buch: Ti West. Mit: Kentucker, Audley, Shawn Parsons, Dale Neal, Shauna Clay, AJ Bowen, Joe Swanberg, Amy Seimetz, Kate Lyn Sheil u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: freigegeben ab 16 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Ein Team des VICE Magazins reist nach Südamerika. Jake, einer der Reporter, hofft dort seine Schwester Caroline zu finden, die ihm einen seltsamen Brief geschickt hat, der besagt, sie wäre Teil einer Kommune namens Parish Eden. Das Team findet schließlich die Kommune und dreht eine Dokumentationen darüber. Dadurch werden sie Zeuge, welche Macht der Anführer der Gruppe, den alle nur „Vater“ nennen, hat.





Meinung:
Nicht unscheinbar in seinem Gebaren, aber doch reichlich übergangen musste Ti West seine ersten Gehversuche in der Filmwelt erfahren: „The Roost – Angriff der Fledermäuse“ und „Trigger Man“ wurden zwar hier und da mit positiven Stimmen versehen, wirklich ins Blickfeld eines öffentlichen Interesses haben es diese Filme aber gewiss nicht geschafft. Von „Cabin Fever 2: Spring Fever“, der Fortsetzung von Eli Roth gewiefter Retro-Party „Cabin Fever“, distanzierte sich West anschließend auch echt bald, hat ihm das Studio doch einige gewaltige Stöcke zwischen die Beine geworfen, die seinem künstlerischen Ausdruck einen massiven Riegel vorschoben. 2009 sorgte Ti West dann aber für Furore, wenngleich sich dieses Aufsehen selbstredend auf dem spezifischen Horror-Radius ausgebreitet hat: „The House of the Devil“ kam auf atmosphärischen Samtpfoten vorbei geschlichen, um hinten raus ein wahres Inferno abzuliefern, wie man es in dieser replizierenden Genre-Form schon lange nicht mehr erlebt hat. Nur zwei Jahre später vollbrachte es West, mit seinem psychologischen Haunted-House-Meisterwerk „The Innkeepers“ sogar noch eine Schippe obendrauf zu legen.


Seltsame Veranstaltung oder bedrohliche Zeremonie?
„The House of the Devil“ und „The Innkeepers“ strotzten geradezu vor vitaler Genreaffinität und bewiesen eindrucksvoll, dass es auch heutzutage noch klassizistische (nicht zu verwechseln mit antiquierte) Subtilität im Horror-Sujet zu bestaunen gibt. Ti West hat sich unlängst als neue Hoffnung für eine neue qualitative Kontinuität des Genres etabliert und sein hochbudgetiertes Äquivalent James Wan („Insidious“, „The Conjuring – Die Heimsuchung“) im Handumdrehen ausgestochen, weil sein Grusel als emphatische Herzensangelegenheit erblüht, anstatt stupide in Intervallen aus den Lautsprechern zu bersten. Wie soll man seine Vorfreude also noch im Zaum halten, wenn ein solch begabter Regisseur wie Ti West sein neues Werk ankündigt? Und wie mag die Aufregung ausfallen, wenn man dann endlich in den Genuss dieses kommen darf? Nachdem schon frühzeitig bekannt wurde, dass sich Ti Wests nächster Film „The Sacrament“ der Found-Footage-Ästhetik bedienen wird, wurde die Entzückung natürlich noch weiter angefeuert, mit der Erwartung, dass diese durch das „Paranormal Activity“-Franchise und Konsorten ausgelutschte Stilistik ihren zweiten Frühling erleben wird.


Der Eingang zum Paradies - oder zur Hölle?
Es wäre eine handfeste Überraschung gewesen, wäre „The Sacrament“ letzten Endes als ein über alle Maße uninteressanter Film ausgefallen. Ti West weiß genau, wie er mit dem Medium umgehen muss. Der Found-Footage- respektive Mockumentary-Stil jedoch bietet nicht die dramaturgischen Spielräume, wie man sie in der klassischen Narration finden kann und hat durch ihre formalistischen Konventionen klare Grenzen einzuhalten. „The Sacrament“ kann es nicht mit „The House of the Devil“ und noch weniger mit „The Innkeepers“ aufnehmen - Einen verdammt guten Film hat uns Ti West dennoch beschert. Angelehnt an den verheerenden Jonestown-Massensuizid vom 18. November 1978, bei dem über 900 Mitglieder der neureligiösen Kommune Peoples Temple ums Leben kamen, rekonstruiert Ti West das einschneidenden Ereignis in seinem Ablauf zwar getreu dem Vorfall, er fiktionalisiert jene Tragödie aber auch im gleichen Schritt bewusst – denn Film ist nun mal Film - ohne seine auf Realismus bedachten Prinzipien verraten zu müssen. Nicht umsonst stellt er das Journalistenteam als VICE-Crew vor, einem New Yorker Lifestyle-Magazin, das vor allem durch ihre schnippische Schreibe bekannt ist.


Eine der großen Stärken von Wests Duktus war immer seine immense Wertschätzung von Expositionen. „The Sacrament“ bildet da keine Ausnahme, und nimmt sich eine gute Stunde Zeit, um den im Dschungel von Guyana angesiedelten Mikrokosmos Parish Eden wie seine Bewohner zu etablieren. Alle scheinen sie hier den inneren Frieden gefunden zu haben und nur noch aus schierer Liebe zu handeln, in dem sie tagtäglich das Wort Gottes predigen und die Verrohung der modernen Gesellschaft, deren Fundamente für sie Imperialismus, Rassismus, Gewalt, Armut, Automatisierung und Menschenrechtsverletzung darstellen, verdammen. Wenn dann die Fassade langsam bröckelt und deutlich wird, dass Parish Eden nicht das glückselige Paradies ist, sondern einem totalitären Machtgefüge unterliegt, an dessen Spitze der charismatische „Father“ thront, offenbart Ti West, wie viel Intensität in seinem, zugegeben, nicht gerade wasserdichten Found-Footage/Mockumentary-Konzept steckt: Die letzten 30 Minuten sind beklemmend in ihrer unausweichlichen Radikalität und lösen ein wahres Ohnmachtsgefühl vor und hinter der Mattscheibe aus. Die vom Dschungel umrahmte Glaubensgemeinschaft manifestiert sich letzten Endes als ideeller Entwurf eines isolieren Utopia – Die grässlichsten Geschichten schreibt immer noch das Leben selbst.


7 von 10 roten Pappbechern


von souli

Review: PROXY - Ein Hauch von Hitchcock

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Fakten:
Proxy
USA, 2013. Regie: Zack Parker. Buch: Kevin Donner, Zack Parker. Mit: Alexa Havins, Alexia Rasmussen, Kristina Klebe, Joe Swanberg, Erika Hoveland, Adam Stephenson, Bruce Spielbauer, Rachel Illingworth u.a. Länge: 122 Minuten. FSK: Freigegeben ab 18 Jahren. Auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Esther hat nach einem brutalen Überfall ihr ungeborenes Kind verloren. In einer Selbsthilfegruppe trifft sie auf Melanie, die ebenfalls um ihr Kind trauert. Die beiden Frauen freunden sich an, Esther findet etwas Halt in der Nähe von Melanie. Dann stellt sie durch einen Zufall fest, dass Melanie sie die ganze Zeit belogen hat: Ihr Sohn ist quicklebendig, sie führt ein ganz normales Familienleben. Esther fast einen Endschluss, der eine fatale Kettenreaktion hervorruft.







Meinung:
Independent-Regisseur Zack Parker wagt bei „Proxy“ einiges, wobei sicherlich nicht alles funktionieren will. Trotzdem gelingt ihm etwas, was man in letzter Zeit sehr selten erlebt hat: Sein Film schürt nicht nur völlig andere Erwartungshaltungen über den Inhalt, ja sogar sein Genre, er schafft es durchgehend komplett unvorhersehbar zu sein und somit trotz eines sehr behäbigen Tempos und so manchen Durststrecken doch eine gewisse Spannung zu generieren, Überraschungen sowieso.


Zu zweit trauert es sich viel angenehmer.
Nach einer, gerade für (angehende) Eltern, erschütternden Eröffnungsszene entwickelt sich ein Plot, der mehrfach Haken schlägt, die so wohl keiner auf dem Zettel hätte. Von Twists mag man gar nicht unbedingt sprechen, zumindest nicht von dem, was heutzutage unter diesem Begriff so verstanden wird. Parker erzählt nicht etwa eine herkömmliche Story und klatscht da eine überraschende Wendung dran, er spielt durchgehend sehr bewusst mit der Erwartungshaltung des Publikums, lässt es bis zum Schluss ziemlich im Dunkeln tappen, worauf er am Ende hinaus will. Ihm scheint es sichtlich Freude zu bereiten, gegen gängige Sehgewohnheiten zu feuern, was natürlich nicht ganz ungefährlich ist. Zugegeben, „Proxy“ ist zeitweise auch etwas schwierig zu konsumieren und macht in seinem Vorhaben auch nicht alles richtig. Allein die Laufzeit von 122 Minuten ist deutlich zu viel, erzählerische Länge dadurch unvermeidlich. Eine gewisse Ausgiebigkeit macht schon Sinn, speziell zu Beginn, um den einen, kleinen Knalleffekt nicht seiner Wirkung zu berauben. Spoilern ist selbstverständlich tabu, ganz besonders hier. Keine Sorge, es wird nichts verraten, nur ein kleiner Vergleich: Ein ganz leichter Hitchcock-Touch lässt sich „Proxy“ kaum absprechen, besonders in Bezug auf diesen Moment. Spätestens dann hat einen dieser leicht sperrige Film hier plötzlich an den Eiern. Sie sind nicht im Schraubstock, aber er kitzelt sie und nun möchte man – leicht vor den Kopf gestoßen - wirklich wissen, was wohl noch passieren könnte.


Gut, dass die Amis immer das passende Werkzeug im Haus haben.
Rein handwerklich ist das Ganze ohnehin erstaunlich gelungen. Für eine Produktion seiner Kragenweite sieht „Proxy“ ganz schick aus, kann auch aufgrund der Inszenierung einige Suspense-Momente kreieren, die nicht selbstverständlich sind. Ein breit gefächertes Publikum wird er aber keinesfalls ansprechen, dafür geht er einfach nicht konform genug, was natürlich beabsichtigt und genau genommen ja sogar seine Stärke ist. Gerade ein Horrorfilm sollte auf keinen Fall erwartet werden, was beim Blick auf Cover (nicht zu Letzt wegen der Freigabe ab 18 Jahren) und Inhaltsangabe eigentlich naheliegend wäre. Damit hat das Endprodukt praktisch nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich um einen Hybrid aus Psychothriller, Drama und sogar Satire, wobei nichts davon eindeutig als Genrebezeichnung zu nutzen ist. Sogar am Ende ist man ratlos, in welche Schublade der Film einzuordnen ist. Das will er klar vermeiden und ja, das gelingt ihm zweifellos. Damit verweigert er sich gleichzeitig einem flächendeckenden Publikum und wohl auch viel Zuspruch. Nicht selten werden bei vielen Zuschauern die Worte „langweilig“, „unlogisch“ oder „verwirrend“ fallen, was alles zu einem gewissen Grat auch verständlich ist. Zumindest „verwirrend“, da der Film sich erlaubt, gewisse Dinge nicht haarklein zu erklären, sogar sehr gezielt auszusparen, was allerdings gar kein schlechter Zug ist. Hier muss sich öfter mal selbst ein Reim darauf gemacht werden, wieso, weshalb und warum gewisse Dinge so stattfinden. „Unlogisch“, gut, einige Details sind auch dann nicht gänzlich schlüssig, was aus Spoilergründen nicht näher an dieser Stelle diskutiert werden kann. Hundertprozentig rund ist das Gesamtprodukt eindeutig nicht und ehrlich gesagt, er kann schon recht zäh an etlichen Stellen werden. Aber dafür ist hier mal bis zum Ende nichts in trockenen Tüchern, was so auch mal ganz interessant ist.


„Proxy“ direkt einem Zuschauer zu empfehlen ist, ähnlich wie der Film selbst, nicht so einfach und definitiv gewagt. Prognose: Ungewiss. Dafür steht der zu sehr zwischen den Stühlen, bietet deutliche Macken und ist eindeutig auch kein Arthousefilm, was er wohl gerne – zumindest unter vorgehaltener Hand – sein würde. Er ist aber so mutig, zum Teil toll gemacht und eben eine überraschende Abwechslung im genormten Einheitsbrei, dass man ihm kaum bis gar nicht ein gewisses Etwas absprechen kann. 

6 von 10 Badetagen


Review: YOU'RE NEXT - Eine wehrhafte Frau

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Fakten:
You’re Next
USA. 2011. Regie: Adam Wingard.
Buch: Simon Barrett. Mit: Sharni Vinson, A.J. Bowen, Nicholas Tucci, Wendy Glenn, Joe Swanberg, Rob Moran, Barbara Crampton, Margaret Laney, Amy Seimetz, Ti West, L.C. Holt, Lane Hughes, Calvin Reeder, Larry Fessenden, Kate Lyn, Simon Barrett u.a. Länge: 95 Minuten. FSK: freigegeben ab 18 Jahren. Ab 28. März 2014 auf DVD und Blu-ray erhältlich.


Story:
Erin und ihre Freund Crispin sind erst seit kurzem ein Paar und dennoch nimmt er sie zu einer Familienfeier im abgelegenen, großen Haus seiner Eltern mit. Als alle abends zusammen beim Essen sitzen wandelt sich das familiäre Beisammensein zu einem knallharten Überlebenskampf, denn maskierte Täter greifen die Familie im Inneren an und dezimieren den Stammbaum Blatt für Blatt. Mit der wehrhaften und cleveren Erin haben sie allerdings nicht gerechnet.





Meinung:
„You’re Next“ ist kein Sequel und auch kein Remake, was den Horrorfilm von Adam Wingard bereits zu etwas besonderem macht. Abseits dieser zwei genannten Filmtypen bietet das Genre im Bereich Kinoauswertung nicht all zu viel, vor allem dann wenn es nicht um Geistergeschichten geht, sondern urbanere, härtere Subgenre wie etwa die des Home Invasion Thrillers. Der letzte der die deutschen Kino erreichte war Bryan Bertinos „The Strangers“ mit Liv Tyler in der Hauptrolle. „You’re  Next“ bietet zwar auch maskierte Angreifer die in ein Haus eindringen, doch mehr Ähnlichkeiten zu Bertinos Spielfilmdebüt weist er ansonsten nicht auf. Denn wo „The Strangers“ eher ruhig war und den Schrecken versuchte von der Leinwand in den Kopf des Zuschauers zu transportieren, reicht es „You’re Next“ vollkommen aus plakativ zu Werke zu gehen. Das kann man Wingards Film ankreiden - vielleicht sollte man es auch - aber „You’re Next“ hat noch ein Ass Ärmel, denn seine Routine-Handlung beinhaltet eine nette Überraschung: die charakterliche Formung der Heldin Erin.


Erin erschwert den Angreifern das Leben mit allen erdenklichen  Mitteln
Wir haben das doch alle schon zigfach gesehen, oder? Der, das oder die Böse/n greift eine Gruppe von harmlosen Figuren an und zunächst sieht die Sache klar aus. Die Angreifer zeigen auf eiskalte und brutale Weise, dass sie ihren Opfern überlegen sind. So auch bei „You’re Next“? Zu Beginn ja, doch recht schnell wird klar, dass die junge Erin durchaus in der Lage ist, sich zu wehren. Und so kommt es recht rasch dazu, dass die maskierten Täter dadurch entdämonisiert werden, wenn sie selber von der clever agierenden Erin aufs Korn genommen werden. Das Final Girl weiß sich hier bereits dann zu helfen, wenn sie noch nicht die einzige Überlebende ist. Wingard zelebriert diesen Kniff. Wenn die Maskenmänner bedrohlich ins Haus eindringen, das Bild, die Musik und der Schnitt sie regelrecht als unüberwindbare Henker aussehen zulassen, nur um sie wenig später über Erins Klinge, bzw. Fleischerhammer, springen zu lassen. Das entbehrt nicht einer gewissen genre-affinen, schwarzen Komik, die dem Film recht gut steht. Dennoch bleibt es ein brachialer Home Invasion Thriller, bei dem ordentlich gelitten  wird. Wer jetzt aber davon ausgeht „You’re Next“ ist eine Splatterschlachtplatte die ihres Gleichen sucht, der irrt. Ohne die rote Lebenssuppe kommt Wingard zwar nicht aus, aber für diese Art von Genrefilm ist der Gebrauch von blutigen Effekten fast schon dezent. Dennoch ist „You’re Next“ definitiv nichts für zartbesaitete Zuschauer.


Ist „You’re Next“ also der nächste große Horrorhit? Nein, ist er nicht. Abseits seiner smarten und wehrhaften Heldin, die altgediente Klischees somit ein wenig aufbricht und modernisiert, erweist sich „You’re Next“ als nur leidlich fesselnd und, bis auf genannte Ausnahmen, eher lustlos und bieder gefilmtes Dezimierungsfilmchen, das nur dann wirklich heraussticht, wenn sich Regisseur Wingard mit spitzbübischer Missachtungen alter Genreregeln, aus der Schlinge der Erwartungen zu winden versucht. Das macht „You’re Next“ insgesamt dann doch viel zu selten.


5 von 10 zweckentfremdete Mixer