Was nicht viel kostet, kann immerhin viel Geld
erwirtschaften und dies hat das Remake des Rape n‘ Revenge-Klassikers "I Spit on your Grave“ wohl getan. Zumindest genug, um ein Sequel zu produzieren, wessen
erster Teaser-Trailer uns nun erreicht. Wie beim ersten Teil führt auch hier
wieder Steven R. Monroe Regie, während das Script von „Saw IV“-Autor Thomas
Fenton stammt. Auch im Sequel darf sich eine hübsche, junge Frau wieder an
ihren Vergewaltigern rächen. Diesmal sind es aber keine Rednecks, sondern
Großstädter. Wir sind wenig gespannt auf den Film, sondern mehr auf die Frage,
wie viel der deutsche Verleih diesmal herausschneiden muss, um eine
FSK-Freigabe zu erhalten. Ein deutscher Start-, bzw. Veröffentlichungstermin steht noch aus.
Fakten:
USA. 2010. Regie: Steven R. Monroe. Buch: Jeffrey Reddick, Stuart Morse. Mit:
Sarah Butler, Chad Lindberg, Daniel Franzese, Tracey Walter, Jeff Branson,
Rodney Eastman, Saxon Sharbino, Mollie Milligan, u.a. Länge: 90 Minuten (FSK18-Fassung),
99 Minuten (indizierte Fassung), 108 Minuten (beschlagnahmte Uncut-Fassung). FSK:
freigegeben ab 18 Jahren (stark gekürzt), indiziert (gekürzt),
beschlagnahmt (ungekürzt). Auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Story:
Eigentlich wollte die attraktive Städterin Jennifer die Zeit in der
amerikanischen Idylle nutzen, um ihrem Beruf als Autorin wieder alle Ehre zu
machen und in der Entspannung neue Inspiration finden. Als jedoch eines Tages
die Holzhütte von 4 Bewohnern der nahegelegenen Kleinstadt aufgesucht wird,
beginnt für Jennifer eine unvorstellbare Tortur: Die Männer erniedrigen sie und
vergewaltigen sie auf bestialische Art und Weise nacheinander. Nachdem Jennifer
den vier Rednecks entkommen konnte, schwört sie Rache. Und die soll sie im
Kampf um das beidseitige Überleben auch bekommen…
Meinung:
Wer sich mit Meir Zarchis legendärem und ebenso kontrovers diskutierten Rape
& Revenge-Klassiker mit dem akzentuiert-plakativen Titel „Ich spuck' auf
dein Grab“ ernsthaft auseinandergesetzt hat, der wird festgestellt haben, dass
die intendierte Konfiguration keinesfalls auf einen stumpfen Exploiter im 70er
Jahre-Schmuddelgewand abzielen wollte, sondern das qualvolle Martyrium der
intellektuellen Hauptdarstellerin Sarah mit der ebenso grausame Vergeltung in
einem moralisch-emanzipatorischen Dilemma konfligieren lassen. Am Ende ging das
zwar nicht in meisterhafter Qualität auf, in die Schublade eines
misogyn-sadistischen Reißers darf sich „Ich spuck' auf dein Grab“ dennoch nicht
verfrachten lassen. Mit Steven R. Monroes Remake verhält sich das schon etwas
anders. Vorerst suggerieren bereits die formalen Möglichkeiten den Eindruck,
dass es sich hier um ein weitaus glatteres Abbild des Originals handeln muss,
während die Inszenierung ganz im Gegensatz zu Zarchis amateurhafter, aber
gerade dadurch umso intensiveren Rohheit, viel professioneller daherkommt und
sich in den kontemporären Konventionen des schwammigen Torture-Porns
eingliedert – Ein kontraproduktiver Usus.
Für Autorin Jennifer scheint der Alptraum nie zu enden
Wenn es dann auf die inhaltliche Ebene geht, ist Monroe ebenso ganz das Opfer
der modernen (Sub-)Genre-Gepflogenheiten: Strikt auf seine Schockeffekte ausgelegt,
verdreht er den Brennpunkt der Vorlage und zentriert sich nicht auf den
Leidensweg seiner Protagonistin, sondern rückt die Peiniger in den Fokus, um
ihnen dazu noch einen derart banalen Motivationshintergrund (Die blöden Weiber
aus der Stadt und ihre körperlichen Reize!) zu verleihen, der in der Realität
wahrscheinlich in einigen degenerierten Gehirnwindungen umherschwirren dürfte,
in dieser filmischen Form aber einen mehr als schwachsinnigen Tonus in Monroes
größtenteils uneffektiven Duktus impliziert, der die Gewalt beider Seiten auf
seine ganz eigene Art legitimieren und sympathisieren möchte – während der
kathartische Effekt im angedeuteten Lächeln des ikonisierten Racheengels in der
letzten Einstellung das eigentlich ambige Thema vollkommen verfehlt. So
laienhaft Zarchis Führung in „Ich spuck' auf dein Grab“ auch gewesen sein mag,
der Mann war nicht vollkommen auf seine grenzüberschreitende Momente
orientiert, und wenn er die impulsiven Gewaltspitzen aus dem Sack gelassen hat,
dann durfte der Zuschauer in seinem Sitz erstarren.
Jennifer kennt keine Gnade
Löst man „I Spit on Your Grave“ von den adaptierten Überbleibsel der Vorlage,
bleibt ein gehaltloser und vor allem ohne jede Reibungsfläche inszenierter Rape
& Revenge-Eklektiker, der sich ganz seiner pubertären Zielgruppe verschreibt
und der MTV-Generation reichlich exzessive Brutalität um die Ohren schleudert –
Tobender Applaus garantiert. Allerdings ist die hier offerierte Gewalt keine
förderliche oder der Geschichte zugeschriebene, sie ist ein an ihren Kontext
gebundener Selbstzweck. Man muss sich nur einmal vor Augen halten, dass die
Vergewaltigungsszene, in der eine Frau beinahe 30 Minute aufs Übelste physisch
und psychisch diffamiert wird, einfach nicht an die Substanz des Konsumenten
geht, obgleich der extreme Härtegrad unwiderlegbar ist und die Verzweiflung der
in ihren Grundfesten zerrissenen Frau offen ausgestellt wird. Vielmehr wird der
Zuschauer durch die blass-blöde Ästhetik auf Abstand gehalten und muss sich die
voyeuristische, anstatt die entlarvende Rolle gefallen lassen. Wenn die Kamera
dazu immer wieder in gaffender Ausuferung über den Körper des Opfers fährt und
es sich dabei nun mal nicht um die Handcam-Perspektive eines der Täters
handelt, dann ist der Fall klar.
Schließlich versagt die Differenzierung innerhalb der dualen Gruppierung
vollständig und während den Vergewaltiger plötzlich eine fragwürdige und auf
sanfte Sympathie anzielende Menschlichkeit zugesprochen wird, mutiert das
geschundene Opfer zum femininen Predator, verkriecht sich wochenlang im Wald,
baut fallen und frönt den Sadismus innerhalb ihrer Vergeltungspraktiken. Am
Ende bleibt mal wieder eines vollkommen klar: Ein Remake kann sich nur dann als
sinnvoll erweisen, wenn e sich zum einen der Moderne anpasst, die Intention der
Vorlage dadurch aber nicht verrät und dem bekannten Stoff mit viel Glück sogar
noch einige neue Denkanstöße verleiht. Mit „I Spit on your Grave“ ist hingegen
mal wieder das Gegenteil eingetreten und die reaktionäre
Selbstjustizromantisierungen, wie sie in ihrer debilen Aufmachung immer wieder
auftreten, sind einfach zum Kotzen, denn eine Form von zufriedenstellender
Genugtuung hat in derartigen Filmen einfach nichts zu suchen.
Fakten: Ich
spuk auf dein Grab (I spit on your grave aka
Day of the Woman)
USA. 1978. Regie und Buch: Meir Zarachi. Mit: Camille Keaton, Eron Tabor,
Richard Pace, Anthony Nichols, Gunter Kleeman, Ronit Haviv, Alexis Magnotti
u.a. Länge: 101 Minute. FSK: keine Freigabe. Auf DVD erhältlich.
Story: Jennifer, eine junge Schriftstellerin, fährt ins wäldliche Nirgendwo von Neu England,
um dort in einem abgelegenen Ferienhaus ihren ersten Roman zu beenden. Eine
Gruppe von Männern wird auf sie aufmerksam, doch Jennifer versucht ihnen aus
dem eg zu gehen. Doch diese lassen nicht locker. Gnadenlos jagen sie die junge
Frau und vergewaltigen sie. Als Jennifer letztlich ermordet werden soll, kann sich
die junge Frau retten und beginnt sich an ihren Peinigern zu rächen.
Meinung: Es fällt nicht schwer, „Ich
spuck' auf dein Grab“ in eine despektierliche Filmnische zu verfrachten,
schließlich bietet Regisseur Meir Zarchi in seinen Rape & Revenge-Klassiker
oberflächlich genug Angriffsflächen, an denen sich der erhitzte Zuschauer auslassen
kann. Wenn man den Film allerdings aus einem etwas distanzierteren Blickwinkel
betrachtet, und den festgehalten Schrecken nicht nur als solchen wahrnimmt,
verbringt sich hinter der schonungslosen Kulisse aus Vergewaltigung und Gewalt
ein Werk, das menschliche Verhaltensweise aus ihre animalischen Markung
zurückführt. Zuallererst stellt Zarchi ein konträres Grundgerüst auf, in dem
der idyllische Sonnenschein ein Missverständnis ist und alles Schöne nur noch
ein Teil der Vergangenheit ist, um im blanken Terror zu munden. Genau wie die
Figuren durch ihre offensichtliche Unterschiede auffallen und einen humanen
Symbolcharakter entfachten, der sich primär auf ungebildet und intelligent
stürzt, daraus aber ebenso triebhafte Rustikalität und inhumane Demütigung
entfacht und die Spur aus Blut, Körperflüssigkeiten und Dreck zurück zum
Ursprung allen Übels folgt.
Jennifer wird durch den Wald gehetzt
„Ich spuck' auf dein Grab“ ist kein großes Kino, voller Logiklöcher, und wie
gemacht, um mit Hasstiraden in den Boden gestampft zu werden. Wer die erste
Hälfte des Filmes aber überstanden hat und dann Teil der invertierten Drehung
wird, darf sich gerne darüber aufregen, dass die Entwicklung vom Opfer zur
kaltblütigen Rächerin viel zu schnell vollzogen wird, nur muss man immer im
Hinterkopf behalten, mit welcher Art Film man es hier zu tun bekommt. Gemessen
an seiner Mittel und Intention, hatte Zarchi keine andere Wahl, als seinen
reißerischen Rhythmus beizubehalten und schafft es dennoch, die Gewalt nicht in
Richtung Legitimierung treiben zu lassen, er macht sie nur nachvollziehbar,
ohne zu befürworten. Eine Frau, die in ihren Grundfesten erschüttert, von vier
Männern bestialisch vergewaltigt und blutverschmiert zurückgelassen wurde, hat
ein Recht auf Rachegefühle, auch wenn die Nadel des moralischen Kompasses nun
ohne Halt ihre Runden drehen wird. Dabei ist Vergeltung ebenso menschlich, wie
das Gefühl der Zugehörigkeit oder der Eifersucht.
Ein Funke zweifelhafter Emanzipation blitzt auf, „Ich spuck' auf dein Grab“
bleibt dennoch 70s-Terror in Reinform: Abstoßend und ekelhaft. Jedem Betrachter
dem bei der Sichtung des Filmes nicht das Grinsen von den Lippen entflieht und
der das Gezeigte auch noch als Spaß ansieht, bei dem ein Kübel Popcorn und
Eimer Cola genossen wird, sollte sich ernsthafte Gedanken über seine psychische
Verfassung machen. Hier gibt es keinen Humor, kein Augenzwinkern und keine
Referenzen an eine heitere Zeit. Hier regiert all das, was in seinem eigenen
Leben nie einen Platz bekommen sollte. Man muss „Ich spuck' auf dein Grab“
nicht mögen, man muss ihn auch nicht gesehen haben. Doch wenn man sich
entscheidet diesen Schritt zu gehen, dann sollte man ihn nicht voreilig
zerreißen, auch wenn es reizvoll erscheint, vollkommen stupide und ohne jeden
Sinn ist das Ganze dann eben doch nicht.